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Zerstören die Grünen Raus Hoffnung?

SPIEGEL-Umfrage im Wahlkampfjahr 1986 (I): Die Situation im Januar *
aus DER SPIEGEL 5/1986

Der Kanzlerkandidat Johannes Rau müßte die Zeit um ein halbes Jahr zurückdrehen können - dann hätte er einigen Grund, frohgemut in die Zukunft zu schauen.

Im Juli 1985 lag die SPD mit der CDU/ CSU gleichauf (je 42 Prozent) und hatte Chancen, stärkste Partei zu werden.

Das ermittelte damals das Bielefelder Emnid-Institut. Und als das Institut die sogenannte Kanzlerfrage stellte, für wen sich die Bundesbürger bei einer Direktwahl des Kanzlers entscheiden würden, nannten 55 Prozent Johannes Rau, der im Frühjahr die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen gewonnen hatte und offiziell noch gar nicht als Kanzlerkandidat benannt worden war. Nur 42 Prozent sprachen sich für Helmut Kohl aus, der schon beinahe drei Jahre als Bonner Regierungschef amtierte.

Raus erklärtes Ziel allerdings, bei der nächsten Bundestagswahl für die SPD die absolute Mehrheit zu erkämpfen, war nach den Emnid-Zahlen auch damals nicht in Sicht. Wie die FDP brauchten die Grünen kaum zu fürchten, nicht wieder in den Bundestag zu kommen. Und die 1985er Landtagswahlen im Saarland am 10. März und in Nordrhein-Westfalen am 12. Mai hatten gezeigt, daß die SPD die absolute Mehrheit allenfalls dann erreichen kann, wenn sie den Grünen viele Wähler abjagt und sie an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern läßt.

Doch nun, im Januar 1986, haben sich die Aussichten für Rau und seine Partei verdüstert. Die CDU/CSU liegt deutlich vor der SPD (45 gegenüber 40 Prozent), zusammen mit der FDP erreicht sie eine Mehrheit von 52 Prozent. Auch wenn man die SPD und die Grünen, die Rau auseinanderhalten will, zusammenrechnet, bringen die beiden Oppositionsparteien es nur auf 47 Prozent.

Und auch die Kanzlerfrage hat ein anderes Ergebnis als im vorigen Sommer. Rau büßte nicht nur seinen Vorsprung gegenüber Kohl ein, er ist sogar knapp hinter ihn zurückgefallen. 48 Prozent wurden für den Kanzler, 47 Prozent für den Kandidaten gezählt.

Diese Daten ermittelte das Emnid-Institut im Auftrag des SPIEGEL. Ein Jahr vor der nächsten Bundestagswahl beginnt in diesem Heft eine Reihe von Beiträgen über Umfragen, die bis zum

Dezember 1986 allmonatlich fortgesetzt wird.

Neu ist bei den jetzt beginnenden Emnid-Untersuchungen eine Kernfrage, mit der die Ansichten der Bundesbürger über die wichtigsten Politiker erforscht werden. Der Text: _____« Würden Sie es gern sehen, wenn dieser Politiker im » _____« Laufe der kommenden Jahre eine wichtige Rolle im » _____« politischen Leben der Bundesrepublik spielen würde, oder » _____« würden Sie das nicht so gern sehen? »

Um die Popularität von Politikern zu messen, benutzen alle Institute bislang Skalen mit Werten von + 5 ("Sehr sympathisch") bis - 5 ("Überhaupt nicht sympathisch"), obwohl diese Methode drei Nachteile hat.

Der erste: Die Angaben der Befragten werden zu Durchschnittswerten zusammengefaßt und dadurch nivelliert; es macht dann keinen Unterschied mehr ob ein Politiker die Wähler stark polarisiert oder gleichgültig läßt.

Der zweite: Die Daten werden unabhängig davon errechnet, wie bekannt oder unbekannt ein Politiker ist. Den Durchschnittswerten ist nicht anzusehen, ob den jeweiligen Politiker nahezu alle oder nur wenige Bundesbürger kennen.

Der dritte Nachteil: Es werden mit den Skalen nur Sympathien gemessen, nicht auch die Ansichten über die Kompetenz des Politikers.

Die beiden Aspekte Sympathie und Kompetenz vereint hingegen jene Frage nach der »wichtigen Rolle«, die sich seit langem bei allmonatlichen Untersuchungen des Pariser »Figaro-Magazine« bewährt hat und die jetzt von Emnid übernommen wurde.

Bei der ersten Untersuchung, die am 7. Januar begann und am 21. Januar (dem Dienstag voriger Woche) endete, gab das Bielefelder Institut seinen Interviewern eine Liste mit 20 Politikern mit. Es waren neben elf Bonnern und dem Kandidaten Rau der CSU-Chef Franz Josef Strauß, der Kohl-Rivale und baden-württembergische Regierungschef Lothar Späth, der 1985er Saar-Wahlsieger Oskar Lafontaine, der hessische Regierungschef und Grünen-Partner Holger Börner, ferner mit Ernst Albrecht und Gerhard Schröder die Gegner bei den diesjährigen Landtagswahlen in Niedersachsen sowie die beiden Grünen, die in den letzten Wochen in den Blickpunkt rückten: die Fundamentalistin Jutta Ditfurth und der »Realo« Joschka Fischer, der bislang einzige grüne Minister.

Der CDU-Finanzminister Gerhard Stoltenberg und Rau sind die beiden Politiker mit den positivsten Werten;

auf den ersten Blick mag es wie ein Widerspruch scheinen, daß Rau hier zwar deutlich vor, bei der Kanzlerfrage aber nur gleichauf mit Kohl liegt. Dazu der Wahl- und Sozialforscher Klaus-Peter Schöppner, der bei Emnid die SPIEGEL-Umfrage leitet:

»Bei der Kanzlerfrage geht es scheinbar nur um zwei Personen. Vielen ist aber bei der Antwort bewußt, daß jeder Kanzler auf Minister, auf Apparate angewiesen ist. Und da ist es für Rau ein Nachteil, daß er bislang nur als Einzelkämpfer auftritt, und für Kohl ein Vorteil, daß vielen gleich Politiker seiner Regierung wie zum Beispiel Stoltenberg einfallen, wenn sie an seine Arbeit als Kanzler denken.«

Daß Hans-Dietrich Genscher und Franz Josef Strauß die nächsten Plätze erreichten, mag manchen überraschen. Den beiden Politikern wurde zwar auch früher die Kompetenz kaum abgesprochen, wie entsprechende Fragen der Meinungsforscher immer wieder zeigten. Aber der eine war immerhin jahrzehntelang nur bei Unions-Stammwählern populär, der andere war nach dem von ihm im Oktober 1982 herbeigeführten Regierungswechsel in ein Meinungstief gesackt.

Aber seit Strauß sich nach München zurückgezogen hat und sich aus der Distanz kritisch über den unpopulären Kohl äußert, hat er Sympathien gewonnen. Und Genscher ist das politische Meisterstück gelungen, binnen weniger

Jahre verlorengegangene Popularität fast ganz zurückzugewinnen.

Anhand der Emnid-Zahlen für die 20 Politiker lassen sich Schwachstellen beider Lager ausmachen.

Eine hohe Binnen-, aber nur eine geringe Außenwirkung haben Kohl und Blüm auf der einen, Brandt und Vogel auf der anderen Seite. Das ist insbesondere für den Kanzler, dessen Vorgänger in ihren besten Zeiten allesamt Wähler der Gegenseite anzogen, ein Malus.

Bis tief ins eigene Lager hinein gehen die negativen Meinungen über Politiker wie Bangemann, Geißler, Zimmermann und vor allem Lambsdorff auf der einen und Börner auf der anderen Seite.

Was Geißler angeht, so sprachen sich 49 Prozent der Unions-Wähler dafür und 48 Prozent dagegen aus, daß er künftig eine »wichtige Rolle« spielt. Dem hessischen Regierungschef wünscht etwa jeder zweite SPD-Wähler keine »wichtige Rolle« mehr.

Zu den Politikern, die viele Anhänger auch unter den Wählern der Gegenparteien haben, gehören neben Stoltenberg und Genscher die noch relativ unbekannte Gesundheitsministerin Rita Süssmuth und die CDU-Landeschefs. Von den SPD-Politikern auf der Emnid-Liste hingegen zählt nur Rau dazu. Typische Zahlen: Nur 17 Prozent der SPD-Wähler wünschen Kohl, hingegen 36 Prozent der CDU/CSU-Wähler wünschen Rau eine »wichtige Rolle«.

Aber Raus Bonner Hoffnungen drohen an den Grünen zu scheitern, die er weder weit unter fünf Prozent drücken kann (was ihm eine minimale Chance auf die absolute Mehrheit bringen würde) noch als Koalitionspartner akzeptiert.

Offen ist, ob sich der für die CDU/ CSU insgesamt günstige Trend der letzten Monate fortsetzt, ob sich die Lage stabilisiert oder ob Rau und die SPD ihre Chancen erhöhen können.

Aber schon heute ist ziemlich sicher, daß ein gewichtiges Problem Rau bis zum Wahltag beschäftigen wird: Die meisten Bundesbürger halten sein Wahlziel einer absoluten SPD-Mehrheit für eine Illusion.

Sie haben dafür allen Grund. Denn bei den bislang zehn Bundestagswahlen hat es nur ein einziges Mal eine absolute Mehrheit gegeben: mit 50,2 Prozent zu Konrad Adenauers Hoch-Zeit 1957 für die CDU/CSU.

Umgekehrt brauchte die SPD sogar 1972, als sie ihr bislang bestes Ergebnis (45,8 Prozent erzielte und stärkste Partei knapp vor der CDU/CSU wurde, die FDP als Mehrheitsbeschafferin.

Die meisten SPD-Wähler können Raus Optimismus nicht teilen. Nur eine Minderheit von 33 Prozent hält die absolute Mehrheit ihrer Partei bei der nächsten Bundestagswahl für »sicher« oder auch nur für »wahrscheinlich«.

67 Prozent der SPD-Wähler hingegen erklärten sie für »unwahrscheinlich« oder sogar für »ausgeschlossen«.

[Grafiktext]

POLITIKER IM JANUAR: KOHL AUF PLATZ SIEBEN Von A wie Albrecht bis z wie Zimmermann nannten die Interviewer des Biele felder Emnid-Instituts 20 Namen von Politikern (18 Männern, zwei Frauen) in alphabetischer Reihenfolge. Sie stellten fest, ob sie den Befragten bekannt waren und baten jeweils um Auskunft: »Würden Sie es gern sehen, wenn die ser Politiker im Laufe der kommenden Jahre eine wichtige Rolle im politischen Leben der Bundesrepublik spielen würde, oder würden Sie das nicht so gern sehen? - Die Zahl der Befragten (in Prozent), die gern sähen, wenn der jeweils genannte Politiker künftig »eine wichtige Rolle spielen würde": Dieser Politiker ist mir unbekannt 63 Gerhard Stoltenberg 2 58 Johannes Rau 3 54 Hans-Dietrich Genscher 0 53 Franz Josef Strauß 1 52 Ernst Albrecht 11 52 Lothar Späth 14 51 Helmut Kohl 0 49 Norbert Blüm 3 41 Oskar Lafontaine 15 40 Willy Brandt 0 39 Hans-Jochen Vogel 2 38 Martin Bangemann 7 32 Rita Süssmuth 37 29 Gerhard Schröder 32 29 Heiner Geißler 4 28 Joschka Fischer 16 27 Holger Börner 11 26 Friedrich Zimmermann 4 21 Otto Graf Lambsdorff 2 14 Jutta Ditfurth 54 PARTEIEN IM JANUAR: KOALITION KLAR VORN Von Januar 1986 an erforscht das Bielefelder Emnid-Institut für den SPIEGEL allmonatlich die politische Meinung der Bundesbürger. Im Dezember, einen Monat vor der nächsten Bun destagswahl, wird die Reihe der SPIEGEL Umfragen enden. Jeden Monat wird die »Sonn tagsfrage« gestellt: »Welche Partei würden Sie wählen, wenn am nächsten Sonntag Bundes tagswahl wäre?« Das Ergebnis der ersten SPIEGEL-Umfrage zum Vergleich das Ergebnis der Bundestagswahl vom 6. März 1983 (gestrichelte Linien) NUR MINDERHEIT GLAUBT AN SPD-MEHRHEIT Mit sechs Fragen erforschte Emnid die Meinung der Bundesbürger über das Kräfteverhältnis der Parteien. Die Befragten wurden um Prognosen über den Ausgang der nächsten Bundestagswahl gebeten, weil die Antworten nach den Erfahrun gen fast aller Institute Aufschluß über die für den Wahlkampf mitentscheidende Stimmung der Bundesbürger geben. Auf die Frage, ob »nach der nächsten Bundes tagswahl im Januar 1987 Helmut Kohl Bundes kanzler bleiben oder Johannes Rau Bundeskanz ler werden wird«, antworteten von je 100 »Kohl bleibt Kanzler« »Rau wird Kanzler« Befragten insgesamt 60 37 CDU/CSU-Wählern 92 6 SPD-Wählern 29 68 FDP-Wählern 65 34 Grüne Wählern 37 62 Die anderen Fragen galten den Bundestags-Parteien = Ergebnisse vom September/Oktober 1984 zum Vergleich Es halten von je 100 Befragten für »sicher oder »wahrscheinlich« für »unwahrscheinlich« oder ausgeschlossen« »Die CDU/CSU erhält die absolute Mehrheit Januar 1986 31 68 Sept./Okt. 1984 40 59 »Die SPD erhält die absolute Mehrheit« 17 82 16 82 »SPD und Grüne erhalten mehr Stimmen als CDU/CSU und FDP« 34 65 43 55 »Die Grünen kommen wieder in den Bundestag« 65 34 88 11 »Die FDP kommt wieder in den Bundestag« 79 21 59 40 WER MIT WEM? Eine Frage galt der »Wunschkoalition": An genommen, bei den nächsten Bundestags wahlen erhielte keine Partei die absolute Mehrheit, welche Koalition wäre Ihnen dann am liebsten?« - Die Ergebnisse insgesamt (in Prozent): Für Koalition der CDU/CSU mit der FDP 36 SPD mit den Grünen 21 CDU/CSU mit der SPD 15 SPD mit der FDP 12 SCHLIESST SICH DIE ANGSTLÜCKE? Viele Bundesbürger schätzen die allgemeine wirtschaftliche Lage kritischer ein als ihre eigene Situation. Je größer die Differenz ist, desto grös ser ist die sogenannte Angstlücke - die Sorge, die Gesamtentwicklung könnte sich negativ auf den eigenen Stand auswirken. Die Zahlen der SPIEGEL-Umfragen vom Januar 1983, vom September/Oktober 1984 und vom Januar 1986: Von je 100 Befragten nannten die wirtschaftliche Lage »sehr gut« oder »gut« »schlecht« oder »sehr schlecht« eigene Lage 40 40 47 17 16 12 allgemeine Lage 9 20 32 48 26 15 Januar Spt/Okt. Januar Januar Spt./ Okt. Januar 1983 1984 1986 1983 1984 1986 An 100 fehlende Prozent: »teils, teils« Das Ergebnis der neuen SPIEGEL-Umfrage im einzelnen: Es nannten sehr gut gut teils, teils schlecht sehr schlecht die eigene Lage 3 44 41 10 2 die allgemeine Lage 1 31 53 14 1 KURZES HOCH FÜR DEN SPD KANDIDATEN? Emnid stellte die sogenannte Kanzlerfrage: »Angenommen, Sie könnten den Bundeskanzler direkt bestimmen und hätten zwischen Helmut Kohl als dem Kandidaten der CDU/CSU und Johannes Rau als dem Kandidaten der SPD zu wählen - für welchen von beiden würden Sie sich entscheiden?« Bei früheren SPIEGEL-Unter suchungen hatte Emnid die Befragten im Sep tember/Oktober 1984 noch vor die Alternative Kohl-Vogel, im Juli/August 1985 bereits vor die Alternative Kohl-Rau gestellt. Die drei Ergebnisse in Prozent: September/Oktober 1984 Juli/August 1985 Januar 1986 Kohl 52 42 48 Vogel 44 Rau 55 47

[GrafiktextEnde]

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