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Irak Zerstört und geknebelt

Im Kurdenland des nördlichen Irak stärken Hunger und Not die Macht Saddam Husseins.
aus DER SPIEGEL 42/1993

Der irakische Soldat an der Straßensperre bei Mossul musterte Golschan Haidsche, 26, mit geringschätzigem Blick. Dann spuckte er vor der Kurdin aus und zischte: »Wenn die Amerikaner gehen, kommen wir wieder - mit Giftgas.«

Es ist jedesmal die gleiche Tortur, wenn Golschan in ihre frühere Heimatstadt fahren muß, um Medikamente aufzutreiben. »Angst, schreckliche Angst«, daß die westlichen Schutzmächte sich zurückziehen könnten, quält sie - und mit ihr die meisten irakischen Kurden.

Vorläufig hindert noch ein Flugverbot der ehemaligen Golfkriegsalliierten nördlich des 36. Breitengrades den irakischen Diktator Saddam Hussein, die ihm verhaßten Kurden zu bombardieren. Doch er kann auch anders zuschlagen: Mehrere Divisionen Saddams kontrollieren die Millionenstadt Mossul und weite Teile des zerklüfteten Landes, in dem sich die Kurden eine begrenzte politische Autonomie von Bagdad ertrotzt haben.

Mit allen Mitteln versucht nun Saddam, die drei Millionen Abtrünnigen und ihren Geisterstaat, das freie Kurdistan, zu strangulieren.

Militärische Drohgebärden häufen sich. Im August entsandte Bagdad drei neue Divisionen direkt an die Demarkationslinie bei Mossul. Und auch Saddams berüchtigter Verteidigungsminister Ali Hassan el-Madschid, der im Volksmund »Ali Chemikalie« genannt wird, weil er 1988 in Halabdscha jenen Giftgaseinsatz anordnete, bei dem 5000 Kurden starben, hat sein nördliches Hauptquartier in Mossul aufgeschlagen.

Zugleich droht von der iranischen Seite der Grenze Gefahr: Pioniere legen dort in den Gebirgstälern Panzerstraßen an, immer wieder läßt Teheran kurdische Grenzdörfer beschießen.

Abdullah Rassul, Ministerpräsident und ein Führer der Patriotischen Union Kurdistans (PUK), spielt die Gefahr herunter: »Das sind einzelne Störmanöver«, sagt er, »viel schlimmer ist der Wirtschaftskrieg, den Saddam Hussein gegen uns führt.«

Ein doppelter Boykott knebelt das zerstörte und ausgepowerte Land. Das Uno-Embargo gegenüber dem Irak gilt auch für dessen kurdischen Norden, und Saddam wiederum verschärft es mit einer zusätzlichen Blockade der Region. »Wir gleichen einem zum Tod Verurteilten, der nicht weiß, wann das Urteil vollstreckt wird«, resigniert Abd el-Mohen Barsani, 48, Gouverneur der Provinz Arbil.

Zehntausende Deportierte, niemand kennt ihre genaue Zahl, leben immer noch in Zwangslagern, in die Saddam die Kurden gesperrt hat. In Kadize, einer Vertriebenensiedlung am Rand von Arbil, muß sich Nadschibe Scha Hussein, 35, die einzige Wasserleitung mit 4000 Menschen teilen. Fast ausschließlich Frauen und Kinder, die sich als Tagelöhner auf dem Feld durchschlagen, überleben hier. Sie fürchten den nahenden Winter, denn »wir haben weder Mehl noch Holz als Vorrat«.

Wie ihre Nachbarinnen trägt Nadschibe kein schwarzes Trauerkleid. »Täglich bete ich, daß mein Mann zurückkommt«, sagt sie. Vor zehn Jahren hatten irakische Soldaten das Lager mit Panzern umzingelt und alle Männer, auch kranke und alte, mitgenommen, erzählt sie. Niemand wagte bisher, die Witwen über die Massenmorde an den Kurden aufzuklären.

Die Deportierten in den Lagern möchten lieber heute als morgen in die Heimatdörfer zurückkehren, um ihre zerstörten Häuser aufzubauen. Doch in den meisten Fällen bleibt es bei dem Wunsch. »Wir könnten nicht mal die Autofahrt bezahlen«, klagt Abd el-Karim, 70, der im Lager Dschaschnikan haust. Zu siebt bewohnt die Familie eine zehn Quadratmeter kleine Hütte. Seit Saddams Schergen 1988 in Abd el-Karims Heimatdorf einfielen, vermißt der Alte sieben Söhne und drei Schwiegersöhne. »Wir leben vom Betteln in Arbil«, schämt sich der frühere Bauer.

Kurden wie Abd el-Karim hatten am einstigen Wohlstand, den Saddam mit Petrodollar bezahlte, nie teilnehmen können. Doch die Mauer des Hasses gegenüber dem Tyrannen am Tigris beginnt zu bröckeln. »Die neue Freiheit in Kurdistan ist schön«, lächelt Abd el-Karim traurig, »aber wo bekommen wir Mehl her?«

Das Bonner Auswärtige Amt nimmt an, daß fast ein Drittel der irakischen Kurden »akute Not leiden und sich nicht selbst ernähren« können. Politisch ebenso heikel ist für die Regierenden in Arbil: Den Kurden geht es schlechter als noch vor dem Golfkrieg.

Die kurdische Wirtschaft kommt wegen des doppelten Embargos nicht in Gang. Die wenigen Industriebetriebe sind entweder zerstört oder stehen still, weil Maschinen und Ersatzteile fehlen. Zudem hat die schmale Oberschicht das Chaos genutzt, um fast alle Produktionsmittel ins Ausland zu verhökern.

Einen wirtschaftlichen Tiefschlag landete Saddam Hussein im Frühjahr, als er die begehrteste Banknote, den 25-Dinar-Schein, aus dem Verkehr zog. Schlagartig zerbrach damit die letzte ökonomische Stütze Kurdistans - der Mittelstand.

Kleinunternehmer und Händler hatten ihr Geld, mangels funktionierender Banken, zu Hause gebunkert oder nach Jordanien geschmuggelt. Nun erging es ihnen wie dem Möbel- und Teppichhändler Schaab Aswadi, 45, aus Arbil: »Über Nacht waren meine gesamten Ersparnisse weg.« Auf die wenigen Kunden wartet Aswadi meist vergebens.

Es scheint unmöglich, ausländische Investoren zu gewinnen. »Wie sollen wir das machen«, fragt Finanzminister Dara Scheich Nuri, »solange wir keine militärische und politische Sicherheit, geschweige denn eine Infrastruktur bieten können?« Die kurdische Regierung hat noch nicht einmal genügend Geld, um die 160 000 Beamten und 90 000 Pensionäre regelmäßig zu bezahlen.

In der Provinz Arbil ist die Arbeitslosenquote mit 85 Prozent extrem hoch. Mit einem Gehalt von 200 Dinar, das entspricht dem Gegenwert von 15 Kilo Reis, zählen sogar die Beamten zu den Armen.

Die leere Staatskasse - Zölle und geringe Gebühren bilden die einzige Einnahmequelle - hat vor allem im Gesundheitswesen katastrophale Folgen. In den Hospitälern fehlt beinahe alles: einfache Pflaster, Nahtmaterial, Betäubungsmittel, Röntgenfilme, die Schraube am Ultraschallgerät. Im Krankenhaus von Arbil, in dem früher monatlich 500 bis 1000 Menschen operiert wurden, können Chefchirurg Amir Ledag und sein Team »nur noch zehn Prozent der Patienten und allenfalls einige extreme Notfälle« behandeln.

Es fehlt der Regierung des freien Kurdistan aber nicht nur an Mitteln für grundlegende Sozialleistungen. Wegen Geldmangels liegt auch die Landwirtschaft darnieder.

200 000 Tonnen Weizen, das entspricht knapp dem Jahresbedarf in der Region, wollte Landwirtschaftsminister Saadi Ahmed mit Hilfe internationaler Organisationen von den Bauern aufkaufen. Tatsächlich lagern nur 3000 Tonnen in seinen Silos, das sind rund zehn Prozent der Ernte.

Wie im Jahr zuvor hat Saddam Hussein den »Weizenkrieg« gewonnen: Bagdad bot den Bauern mehr als den doppelten Preis pro Tonne. Wer den Weizen nicht freiwillig verkaufte, den zwangen irakische Panzer. In Aiwena, unweit von Arbil, töteten Soldaten 31 Menschen und verbrannten deren Felder.

Viele Landwirte können gar nichts verkaufen. In der Provinz Dahuk war die Ernte »so schlecht wie nie«, weiß Farhan Scherafani, Herr über 10 000 weitgehend kahle Hektar und 36 Dörfer. »Wir haben keinen Dünger und keine Mittel gegen Schädlinge.«

Scherafani, 38, ist ein Exot im demokratischen Kurdistan. Nachdem die Familie 1991 aus dem Exil zurückgekehrt war, verteilte er Saatgut und einen Großteil des Landes an die Bauern. Das ist nicht selbstverständlich: Am Widerstand der Großgrundbesitzer scheiterte bisher ein Gesetz zur Bodenreform.

Mehr als zwei Jahre nach dem Kurdenaufstand können die Scherafanis erste Erfolge verbuchen. Über die Hälfte der 4000 Menschen, die im Stammesgebiet leben, vegetieren nicht mehr in Notunterkünften. Sie haben neue Häuser errichtet - manche zum fünftenmal - und beginnen dort, wo die früher angesiedelten Araber das Land nicht abholzten, wieder Reis, Weizen, Oliven, Feigen und Trauben anzubauen. Die Vermarktung erster, wenn auch winziger Überschüsse mißlingt, weil viele Dörfer mit der Außenwelt nur über kilometerlange Schlaglochpisten verbunden sind. Bei Regen und im Winter sind sie unpassierbar.

Alle, die sich wie Scherafani am Wiederaufbau des irakischen Kurdistan beteiligen, leben gefährlich. Drei internationale Helfer kamen in diesem Jahr ums Leben. Autobomben und Sprengsätze in Mülltonnen beunruhigen Eberhard Walde, Leiter der Schweizer Caritas in Sacho. Allein im September schossen Unbekannte viermal auf Büros und Mitarbeiter von Hilfswerken. Bilanz: ein totes Kind, drei Schwerverletzte, erheblicher Sachschaden.

Die Unruhe wächst, weil die Täter regelmäßig entwischen. Als Drahtzieher gelten islamische Fundamentalisten, Kollaborateure Bagdads oder beleidigte Stammesfürsten, die von den internationalen Hilfsgütern nichts abstauben konnten.

Dringend benötigte Lebensmittel und Medikamente kommen - vorwiegend auf Lastwagen aus der Türkei - nur noch beschwerlich ins Land. Die täglichen Gefechte, die sich türkisches Militär und Freischärler in Südostanatolien liefern, drohen das freie Kurdistan von seiner Lebensader abzuklemmen.

»Unsere Lage verschlechtert sich von Tag zu Tag«, sagt Massud Barsani, der Vorsitzende der Kurdischen Demokratischen Partei (KDP). Er und sein Rivale Dschalal Talabani von der PUK baten bei US-Vizepräsident Al Gore und in Westeuropa um Hilfe. Doch den erhofften »Mini-Marshallplan« (Barsani) brachten sie nicht heim.

Das alles freut Saddam Hussein, den die Kosten der militärischen Präsenz drücken. Vor kurzem schickte er Emissäre nach Arbil, die erneut über ein Autonomiestatut verhandeln sollten.

Doch die Parteiführer Barsani und Talabani, ohnehin von Saddam immer wieder betrogen, empfingen die Delegation aus Bagdad nicht. Schroff ließen sie ausrichten: »Wir verhandeln nicht, solange Saddam Hussein die kurdische Regierung nicht anerkennt.«

Premier Abdullah Rassul wehrt sich gegen jede Vereinbarung mit dem jetzigen Bagdader Regime: »Das wäre das Todesurteil für uns alle.« Beim Koalitionspartner KDP indes sehen manche Politiker den Tag kommen, »an dem wir nicht länger durchhalten«.

Barsani ahnt Schlimmes: »Wenn Europa uns nicht hilft, müssen wir zu Saddam gehen.« Die Zeit arbeitet für den Despoten. Y

Saddam siegt im Weizenkrieg gegen die Kurden

Schüsse auf die Mitarbeiter von Hilfswerken

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_220_ Kurdische Autonomiezone im Irak

[GrafiktextEnde]

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