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JAPAN Zerstörung aus der Tiefe

Stärker als fast jedes andere Land der Welt ist Japan durch Naturgewalten bedroht: Die nächste Katastrophe kommt gewiß - doch Vorsorge wird nicht getroffen. *
aus DER SPIEGEL 35/1983

Teller und Gläser rutschten von den Tischen; Stühle stürzten um; Kellner und Gäste des Restaurants »Ambrosio Grill« in der 44. Etage des feinen Tokioter Hotels »Keio Plaza« hatten zur Mittagszeit Schwierigkeiten, sich auf den Beinen zu halten.

Der Hotel-Koloß, mit 47 Stockwerken Asiens höchste Unterkunft, schwankte wie Bambus im Wind: Um fast drei Meter schlug die Wolkenkratzer-Spitze aus. Aber der Bau gilt als erdbebensicher.

Heftige Erdstöße - auf der Richterskala wurde eine Intensität von 5,8 gemessen - gaben Anfang August den rund 20 Millionen Menschen im Großraum Tokio/Jokohama minutenlang das Gefühl, »auf einem schwankenden Schiff« (TV-Reportage) zu sein.

Der Eisenbahnverkehr in und um Tokio wurde eingestellt; gut eine halbe Million Fahrgäste blieben auf der Strecke. Annähernd eine Million Haushalte waren plötzlich abgeschnitten von Elektrizität und Gas.

Auf den Straßen im Ballungsgebiet der japanischen Metropole stauten sich Fahrzeuge bis zu 80 Kilometer weit. Die Polizei barg mehr als zwei Dutzend Tote und Verletzte.

Dennoch wäre dieses Erdbeben für die Tokioter, gewöhnt an Zerstörung, die aus der Tiefe kommt, kaum mehr als ein Na-und-Erlebnis gewesen, käme nicht der Faktor Zeit hinzu:

In wenigen Tagen, am 1. September nämlich, jährt sich zum sechzigsten Mal der Tag des großen Kanto-Erdbebens. Tokio und Jokohama wurden damals fast vollständig zerstört; schätzungsweise 140 000 Menschen kamen ums Leben.

Japans Wissenschaftler sind sich einig, daß die nächste Katastrophe »nur eine Frage der Zeit« sei. Als Faustregel für die Frequenz wahrhaft verheerender Erdbeben in Tokio gilt: alle 60 Jahre. Es wäre also wieder soweit, und Experten haben hochgerechnet, daß bei einem gleich starken Erdbeben wie 1923 diesmal »mindestens zwei bis vier Millionen Menschen umkommen« würden.

Noch Ende vergangenen Monats hatte Verkehrsminister Takashi Hasegawa die Gerüchte um eine bevorstehende Erdbebenkatastrophe in Tokio als »wissenschaftlich haltlos« abqualifiziert. Und Regierungssprecher Masaharu Gotoda assistierte seinem Kabinettskollegen, derlei Spekulationen offenbarten einen »Mangel an gesundem Menschenverstand«.

Doch die Zeichen mehren sich, daß die Erdkruste gerade vor der Bucht von Tokio in zerstörerische Bewegung geraten ist: Neben unzähligen kleinen erschütterten nun schon innerhalb weniger Monate zwei mittelschwere Beben Japans Hauptstadt.

Die wachsende Besorgnis der Bevölkerung, die der Autor Sakyo Komatsu in seinem Bestseller »Nihon shimbotsu« (Der Untergang Japans) schon vor einem Jahrzehnt erfolgreich vermarktet hatte, wird neuerdings geschürt durch einen schriftstellernden Meteorologen.

Masatoshi Sagara aus Tokio sagt in seinem literarischen Erstlingswerk, von dem innerhalb eines Jahres mehr als eine halbe Million Exemplare verkauft wurden, für Anfang September dieses Jahres die »große Explosion des Berges Fuji« voraus.

Der Fuji, Wahrzeichen Japans, unweit Tokios gelegener, jährlich von 600 000 Touristen und Pilgern bestiegener Vulkan, ist seit dem Jahre 1707 untätig. Doch in Sagaras Vision wird er plötzlich wieder aktiv und schleudert ein Zehntel seiner fast 4000 Meter hoch aufragenden Masse in die Luft. Zehntausende von Todesopfern seien zu erwarten, zusammen mit einem Erdbeben kurz zuvor oder danach würden es sogar 20 Millionen sein.

Der Erfolg der Horrorgeschichte verwundert nicht: Seit Jahrhunderten leben die Japaner in steter Angst vor Naturkatastrophen auf ihren Inseln. Mit einem Anflug von Masochismus lassen sie sich diese Angst immer wieder gern bestätigen.

Denn der gesamte japanische Archipel ist, allen Naturschönheiten zum Trotz, denkbar ungeeignet für menschliche Besiedlung. Zerstörung scheint vielfältig vorprogrammiert.

Da sind die Erdbeben: Die Inselkette, die Japan ausmacht, am westlichen Rande des Pazifik gelegen, »schwimmt« auf einer gefährlich vielgefalteten Erdkruste und erbebt übers Jahr rund tausendmal.

Da sind die Vulkane: Von 67 aktiven Vulkanen spuckten voriges Jahr fünf Berge teils kilometerhohe Aschesäulen aus und überzogen Siedlungen wie Agrarland mit erstickendem Grau.

So brach 1981 der von Touristen umschwärmte, von den Anliegern eher als Fluch empfundene Vulkan Sakurajima auf Japans südlicher Hauptinsel Kiuschu 233mal aus - und deckte die vorgelagerte Halbmillionenstadt Kagoshima mit fünf Millionen Tonnen Asche ein. In diesem Jahr hatte der gut eintausend Meter hohe Vulkan pro Tag bis zu sechs Eruptionen.

Japans Kronprinz Akihito, zum nationalen Sportfest in Kagoshima angereist,

staunte ob seines eigentlich dunkelblauen, unvermittelt grauen Anzuges: »Sehen heißt glauben.«

Da sind die brüchigen Berge: Nippons bröselige Hügelwelt zählt, regierungsamtlich festgestellt, 72 000 durch Erdrutsch gefährdete Orte.

Abrutschende Berghänge rissen im vergangenen Jahr 337 Menschen in den Tod; allein 299 starben in einer Nacht in Nagasaki.

Da ist der Regen: In diesem Sommer kosteten unwetterbedingte Überschwemmungen in nur zwei (von 47) Präfekturen über einhundert Menschenleben.

Schließlich sind da die jeden Spätsommer von der Südsee dutzendweise heraufziehenden Taifune (kaum ein Taifun ohne Todesopfer) - und winterliche Feuersbrünste, Menschenwerk, machen das Land vollends zu einem Katastrophen-Archipel.

Erstaunlich ist freilich, mit welch fatalistischer Gelassenheit Japans Behörden sich jedes Jahr aufs neue von den ewig gleichen Naturgewalten überrumpeln lassen. So fragte die Zeitung »Asahi Shimbun« (12 Millionen Exemplare Tagesauflage) beklommen, »ob wir nicht besser vorbereitet sein könnten«.

Es wäre ein leichtes: Beim großen Regen in Nagasaki (307 Tote) hätte eine Sirene die Bewohner erdrutschgefährdeter Gebiete zur Flucht auffordern sollen. Doch der zuständige Beamte war, sagte er, so sehr damit beschäftigt, telephonische Schadensmeldungen an die Presse durchzugeben, daß er einfach vergaß, die Sirene einzuschalten.

Im Mai dieses Jahres erbebte Nordjapan. Die meisten Menschenopfer forderte die nachfolgende Flutwelle. Ein Beamter im Alarmzentrum der Präfektur hatte an seiner Schalttafel statt dreier Knöpfe nur einen gedrückt: 69 Ortschaften blieben so ohne Warnung; fast 50 Menschen hätten sonst wohl überlebt.

Erdbeben sind zweifellos Japans größter Feind. Denn es ist wissenschaftlich längst erwiesen, daß Japan genau an der Bruchstelle dreier tektonischer Platten liegt. Diese gewaltigen Erdschollen verhaken sich, und dadurch staut sich kaum ermeßliche Energie, die nach oben drängt: die Erde bebt.

Erstaunlich, daß dieses stärker als fast jedes andere Land der Welt von Erdbeben bedrohte Japan, reich und hochtechnisiert, für die seismologische Forschung jährlich nur spärliche 60 Millionen Mark übrig hat. Die Vorsorge, meint »Asahi«, stecke »noch immer im Dunkel der Nacht«.

Die Politiker des Landes haben immerhin für sich selbst gesorgt. Vor zwei Jahren ließen sie das fast 50 Jahre alte Parlamentsgebäude in Tokio mit Millionen-Mark-Aufwand auf seine Standfestigkeit hin untersuchen. Der Bau wird, so stellte sich heraus, auch starken Beben widerstehen.

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