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PROZESSE Zeugin der Anklage

Längst als Wirrkopf abgetan, sah sich Alt-Revoluzzer Kunzelmann noch einmal tödlich ernstgenommen. Ein Gericht verurteilte ihn zu einer Strafe, deren Unmaß auch bürgerliche Blätter erschreckte.
aus DER SPIEGEL 51/1971

Ich scheiße auf dieses Urteil«, schrie der Angeklagte. Nicht zu exkrementärer Schelte, doch immerhin zum Ausdruck von Besorgnis sah sich sogar die »Frankfurter Allgemeine« veranlaßt. Sie befand es -- hinsichtlich des Strafmaßes -- für »gut, daß der Berliner Strafsenat des Bundesgerichtshofes als Revisionsinstanz dieses Urteil nachprüft.

Zu neun Jahren und einem Monat Freiheitsstrafe hatte in der vergangenen Woche ein West-Berliner Schwurgericht. die gesetzliche Mindeststrafe mal »drei nehmend, den Politlärmer und Untergrundzündler Dieter Kunzelmann, 32, wegen versuchten Mordes und fortgesetzter Urkundenfälschung verurteilt.

Dem Angeklagten verschaffte der Strafakt die totale Erfüllung seines

* Bei der Urteilsverkündung, gegen die »Erschießung des Georg von Rauch protestierend.

Wunsches, die Klassenjustiz möge sich mit ihrem Urteil über ihn entlarven. Da jedoch die Erfüllung derartiger Wünsche nicht zu den Aufgaben der Justiz zählt, schuf das Strafmaß anderen Pein, so auch der »Süddeutschen Zeitung": »Gerade in Deutschland sollte sich kein Richter auch nur dem Schatten des Verdachts aussetzen, ein politisches Urteil gefällt zu haben.« Und die »Frankfurter Allgemeine« bemerkte auch »Schönheitsfehler« des Urteils: »Es steht auf einer einzigen Zeugenaussage einer ehemals Drogenabhängigen.«

Ob die Zeugin Annekatrin Bruhn. 22, tatsächlich »ehemals« drogenabhängig war, vor allem, seit wann sie es gegebenenfalls nicht mehr ist, blieb im West-Berliner Kunzelmann-Prozeß unklar. »Es besteht kein Zweifel, daß sie die Wahrheit sagte«. erklärte Landgerichtsdirektor Hans Reinwarth, 44, als Vorsitzender in der mündlichen Urteilsbegründung. Verteidiger Hans-Christian Ströbele. 32, indessen sah ein anderes Thema für noch bedeutsamer an: die Tatsache, daß Annekatrin Bruhn vor dem Schwurgericht als Zeugin auftreten konnte.

Dieter Kunzelmann soll sich am 10. Januar 1970 in einem beim Frackverleih Hinz entliehenen Smoking einen »bürgerlichen Anschein« (Anklageschrift) gegeben und gegen 20.30 Uhr den Juristenball im Palais am Funkturm aufgesucht haben. Zweck des Vorstoßes in die Gefilde bürgerlichen Seins: die Placierung eines -- mittels Zeitzündmechanismus -- auf 22 Uhr eingestellten Explosivkörpers.

Die Maschinerie funktionierte nicht. In der Frühe gegen 3 Uhr wurde sie entdeckt und der Polizei übergeben. Die Handtasche, in der man sie fand, war von Kunzelmanns gleichfalls auf »bürgerlichen Anschein« hergerichteten, damaligen Gefährtin und Begleiterin an jenem Abend unter einem Tisch abgestellt worden. Ihr Name: Annekatrin Bruhn.

Statt als Mitangeklagte durfte sich Kunzelmanns Ballkönigin im Prozeß als Zeugin präsentieren. In der Anklageschrift zur »gesondert verfolgten Annekatrin Bruhn« ernannt, leistete sie, was ihr einmaliger Status verlangte. 1969 aus Braunschweig nach Berlin und in die Kreuzberger Kommune geraten, schilderte sie jetzt, gewiß Kunzelmann und vielleicht dem Rauschgift entronnen, das angeklagte Attentat im Detail.

Das Gericht erachtete sie für glaubwürdig, obwohl sie, in Rücksicht auf ihre noch ausstehende »gesonderte Verfolgung« » oft auswich. Daß der Explosionskörper Menschen töten könne, sei ihr nicht bewußt gewesen. Er habe »dem ganzen System« gegolten. Wer dieses System repräsentiere, wollte Vorsitzender Reinwarth wissen. Die Zeugin, zwischen ihrer Kommunardenvergangenheit und dem angeblich erreichten neuen Ufer doch noch nicht ganz orientiert: »Sie.«

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