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Nahost Zischeln der Schlangen

Israel und Jordanien bereiten einen Friedensgipfel vor. Die Aussöhnung soll Syrien unter Druck setzen.
aus DER SPIEGEL 29/1994

Die Reise galt als ein ganz gewöhnlicher Auslandsbesuch des jordanischen Souveräns. König Hussein weile zu einem »strikt privaten Aufenthalt« in Großbritannien, hatte der Staatsrundfunk in Amman bekanntgegeben.

Ein Regierungssprecher versicherte, der Monarch, 58, sei von seiner schweren Krebserkrankung genesen. Er benötige aber »noch ein paar Tage für sich« und wolle »nicht gestört« werden. Schon gar nicht am 8. Juni.

Denn an jenem Mittwoch nutzte Arabiens dienstältestes Staatsoberhaupt seinen weitgehend unbeachteten Auslandsaufenthalt zur Vorbereitung eines historischen Umbruchs, der dem Krisengebiet Nahost ein entscheidendes Stück Befriedung und Stabilität verschaffen soll: Insgeheim konferierte der König in London mit dem zionistischen Feind - dem israelischen Ministerpräsidenten Jizchak Rabin; für das Treffen hatte der Premier Termine in Tel Aviv abgesagt.

Die Zusammenkunft in der britischen Hauptstadt war nicht die erste, wohl aber die entscheidende Begegnung zwischen Rabin und Hussein. Denn bei diesem Rendezvous handelten die beiden Staatsmänner Details für den nahöstlichen Friedensprozeß aus: Wichtigster Schritt ist ein israelisch-jordanisches Gipfeltreffen am 25. Juli in Washington.

Nach der Aussöhnung mit Palästinenserführer Jassir Arafat vor dem Weißen Haus in Washington am 13. September vergangenen Jahres will Rabin nun auch dem jordanischen König die Hand zum Frieden reichen.

Mit einem feierlichen Auftritt soll der offiziell seit Gründung des Staates Israel herrschende Kriegszustand zwischen den beiden Ländern symbolisch beendet werden.

Bereits in dieser Woche besucht Außenminister Schimon Peres, schon bei dem Grundlagenvertrag mit den Palästinensern Rabins Vorbote, als erstes Regierungsmitglied in der Geschichte Israels offiziell Jordanien. Begleitet von seinem US-Kollegen Warren Christopher soll der Emissär letzte Hindernisse für eine Versöhnung ausräumen. Mit einem Friedensschluß, frohlockte Peres, rechne er »bereits in nicht zu ferner Zukunft«.

Der Besuch markiert das Ende einer Geheimdiplomatie, die selbst im undurchsichtigen Orient beispiellos ist. Zu ersten Kontakten zwischen Führern des öffentlich verdammten »Judenstaats« und Hussein war es schon 1963 gekommen. Damals bat der König den israelischen Regierungschef Levi Eschkol um Unterstützung, als er seine Politik auf proamerikanischen Kurs trimmte.

Nicht einmal der Sechstagekrieg 1967, der Jordanien um das Westjordanland brachte, beendete die Beziehung. Drei Monate nach Kriegsende trafen sich Hussein und der israelische Außenminister Abba Eban in London.

Mit Rücksicht auf eine gemeinsame arabische Politik gegen Israel war die offizielle Annäherung oder gar ein Friedensschluß für den Monarchen jedoch tabu - bis Arafat mit seinem Autonomieabkommen aus der Ablehnungsfront ausscherte.

Das Gipfeltreffen mit Rabin könnte der angeschlagenen Wirtschaft Jordaniens den ersehnten Aufschwung verschaffen. US-Präsident Bill Clinton soll Hussein bei dessen jüngstem Washington-Besuch für den Versöhnungsgipfel den Erlaß von eineinhalb Milliarden Mark Schulden in Aussicht gestellt haben.

Auch die Freigabe von Hilfsgeldern für das Land am Jordan will Clinton dem Kongreß empfehlen. Die etwa 80 Millionen Mark sind seit dem Golfkrieg eingefroren, weil sich der König nicht der internationalen Allianz gegen seinen irakischen Nachbarn Saddam Hussein anschließen wollte.

Israel wiederum will Jordanien in zwei bislang überaus strittigen Punkten entgegenkommen. Nach dem Motto »Land gegen Frieden« pocht Amman auf die Rückgabe von 364 Quadratkilometern im Wadi Araba zwischen dem Golf von Akaba und dem Toten Meer. Auch ein gut einen Quadratkilometer großes Gebiet am wasserreichen Dreiländereck Jordanien-Israel-Syrien beansprucht Amman. Zudem fordert das Königreich eine kräftige Erhöhung seiner Anteile am Wasser des Jordan und des Jarmuk.

Darüber hinaus sollen gemeinsame Großprojekte den Regenten friedenswillig stimmen. Ein grenzübergreifender Nationalpark, der Touristen und Devisen ins Land zu locken verspricht, und ein gemeinsamer Großflughafen werden bereits ebenso geplant wie ein Verbindungskanal zwischen Rotem und Totem Meer, dessen Gefälle Wasserkraftwerke betreiben wird. Auch eine Autostraße vom jordanischen Akaba über das israelische Eilat bis nach Ägypten hinein ist vorgesehen.

Mit der Friedensofferte möchte Israel aber nicht nur Hussein gewinnen. Der alte Stratege Rabin hofft, so auch den syrischen Herrscher Hafis el-Assad unter Druck zu setzen.

Zwar sollen Emissäre aus Jerusalem und Damaskus auf der Mittelmeerinsel Zypern insgeheim schon an Details der schwierigen Annäherung zwischen den Erzfeinden arbeiten. Doch öffentlich geißelt die Propaganda des Despoten die Politik Israels immer noch als Mischung aus »Gier, Besetzung und Aggression«. Bei Gesprächen in Damaskus hofft US-Außenminister Christopher schon in diesen Tagen erste Anzeichen für ein Einlenken zu erhalten.

Dem israelischen Premier bringt der Gipfel mit dem in Jerusalem angesehenen Hussein zur Mitte seiner Amtszeit sogar den Beifall der Opposition ein, die das Autonomieabkommen mit Arafat verteufelte. Rabins jordanischer Partner hingegen gerät schon im Vorfeld unter Druck.

Radio Damaskus bezichtigte den König des verräterischen »Separatfriedens«. Und die auch in Jordanien aktiven Fundamentalisten der Widerstandsbewegung Hamas warnten den Herrscher vor dem »Ausverkauf islamischer Interessen«.

Gleichwohl will der jordanische Staatschef die Aussöhnung mit den jüdischen Nachbarn riskieren. Den Friedensgegnern kündigte er den Kampf an: »Dieses Zischeln der Schlangen«, drohte der König, »muß aufhören.« Y

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_120b Jordanien - Israel: Grenzgebiet im Süden (Karte)

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