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ITALIEN Zittern in Zeitlupe

In Umbrien ebbt das Beben ab. Die verstörten Obdachlosen fürchteten auch noch einen Vulkanausbruch. Doch die Katastrophenhilfe funktioniert. Von Carlos Widmann
Von Carlos Widmann
aus DER SPIEGEL 43/1997

Wozu nur die Scheinwerfer? Keine Seele ist mehr in Sellano, nicht einmal ein Carabiniere oder Feuerwehrmann; alle Zugänge wurden längst gesperrt, und im milchigen Licht der Vollmondnacht sind die klaffenden Wunden des Geisterstädtchens so klar erkennbar wie am hellen Tag.

Aber die Beleuchter und ihre Hintermänner lassen nicht locker. Sie haben nahe der Stadtmauer zwei besonders zerbrechlich wirkende Häuserfassaden ausgemacht, auch farblich von Reiz, und fiebern und hoffen nun rund um die Uhr dem nächsten Beben entgegen. Die Kameras werden ständig aufs neue scharf eingestellt, in den Übertragungswagen piepst aufgeregt die Elektronik; doch der finale, der erlösende Stoß bleibt aus.

Es muß der Traum eines jeden Fernsehteams sein, das unwiederholbare Medienwunder von Assisi wenigstens an anderer Stelle nachzuahmen: ein Beben vor laufender Kamera wie jener zweite Erdstoß vom 26. September in der Basilika des heiligen Franziskus; die Erschütterung, der Tanz der Steine, womöglich der Tod eines Gebäudes - »live«; und dann die Schuttwolken, die auf den Betrachter zurasen und ihn anspringen wie eine Lawine.

Ein Erdbeben, das sich über Wochen hinzieht, das die Filmchronik einer (so gut wie) angekündigten Katastrophe ermöglicht - wann hätte es das je gegeben?

Fünfzig Meter vor der Stadteinfahrt, auf dem Campo Sportivo, brennen in halbierten Benzinfässern die Holzfeuer der »terremotati«, der Obdachlosen nach dem Erdbeben. Braune Decken über den Schultern und umringt von dunkelblauen Zelten, ihrem neuen Zuhause, erleben sie das tektonische Geschehen mit ganz anderen Gefühlen als die Stallwache der Medien.

»La paura«, ruft Bürgermeister Fulvio Maltempi, »die Furcht sitzt uns allen ständig in den frierenden Knochen!« Der Marktflecken mit 1250 Einwohnern in den Sibillinischen Bergen, einem Glied der Appenninen-Kette im östlichen Umbrien, hat die ersten drei Wochen seit dem Ausbruch des Erdbebens als einen Alptraum erlebt, der wie ein Fortsetzungsroman immer neue Schrekkenskapitel gebiert.

Während der ersten Tage der umbrischen Erschütterung waren in Sellano die meisten Häuser heil geblieben. Das Epizentrum lag damals noch bei Colfiorito, etwa 20 Kilometer weiter nördlich. Anfang Oktober jedoch zog der wandernde Kern des Bebens - gleich einem unterirdischen Taifun in mindestens 10 000 Meter Tiefe - Richtung Süden an eine Stelle zwischen Sellano und dem Nachbarort Preci.

Noch am Dienstag vergangener Woche stand Livia Rosetti mit einem roten Schutzhelm am Herd des Restaurants, das nahe am Stadtkern von Sellano liegt, und bereitete den Feuerwehrmännern das Essen. »Dann setzten wieder die Stöße ein, härter und furchtbarer als je zuvor«, erzählt die Köchin, »und ich konnte nur noch Reißaus nehmen. Es wackelt ja diesmal nicht hin und her wie sonst bei Erdbeben, sondern es sind Eruptionen, vertikale Stöße, gewaltige Fußtritte von unten, als ob jemand herauswollte aus dem Erdinneren.«

Darum führt Sellano, aus mehr als hundert Meter Entfernung betrachtet, immer noch eine Scheinexistenz als Geisterstädtchen. Erst aus der Nähe sind die dicken Risse und Brüche zu erkennen, die von der Wucht des Bebens zeugen und die Ortschaft vernichtet haben: Ein guter Karatekämpfer - so sieht es aus - müßte ganz Sellano mit kräftigen Hieben zum Einsturz bringen können. Bei 90 Prozent der Häuser hilft nur noch die Abrißbirne; der ganze Ort muß von Grund auf neu errichtet werden.

Fußtritte von unten, Eruptionen gar? Kein Wunder, daß in der »tendopoli«, der blauen Zeltstadt auf dem Sportfeld vor Sellano, eine Gerüchteküche brodelt, die allerhand zur ländlich-umbrischen Folklore beitragen dürfte. Von einem »drago«, einem Drachen, ist die Rede, der sich zuckend und fauchend im Untergrund drehe und wälze - aber auch von einem Vulkan, der lange geschlummert habe und von der Obrigkeit geheimgehalten worden sei, der nun aber jeden Augenblick zum Ausbruch kommen werde.

Letzteres ist nicht vollkommen aus der Luft gegriffen, soll doch die Universität von Catania auf Sizilien eigens ein Team Vulkanologen (mit Ätna-Erfahrung) ins Bebengebiet entsandt haben, und auch eine Gruppe japanischer Wissenschaftler ist angeblich gesichtet worden.

Die anerkannte Stimme der Vernunft, der zumindest das aufgeklärte Bürgertum lauscht, gehört Professor Enzo Boschi in Rom, dem Leiter des Nationalen Instituts für Geophysik. Der hat für alles eine rationale und beruhigende Erklärung: Erstens seien »terremoti«, die sich über mehrere Wochen hinziehen, keineswegs einmalig, ja nicht einmal eine Seltenheit, und zweitens stellten diese abgestuften Entladungen sogar einen »Glücksfall« dar.

»Wäre nämlich in Umbrien«, so der römische Erdbeben-Guru, »diese ganze Energie nicht allmählich, gleichsam im Zeitlupentempo, sondern auf einmal zum Ausbruch gekommen, dann stünden wir jetzt vor Zerstörungen wie damals in der Irpinia« - wie bei dem Erdbeben von 1980 in Kampanien und der Basilicata also, bei dem an die 3000 Menschen ums Leben kamen und auch die Großstadt Neapel getroffen wurde. Nicht zu reden von Messina und Reggio Calabria, wo 1908 beinahe 100 000 Menschen unter den Trümmern begraben wurden.

Daß Umbrien nicht im Mezzogiorno liegt, im tragisch-liederlichen Süden, sondern als »grünes Herz Italiens« ganz in der Landesmitte, macht sich bemerkbar. Zivilschutz und Feuerwehr funktionieren, Spenden erreichen tatsächlich die Opfer, bewilligte Notkredite werden ausbezahlt, und die unvermeidlichen »Schakale«, die mit unseriösen Angeboten aus der Not schnellen Profit machen wollen, werden in der Regel entlarvt und vor Gericht gestellt.

Die Region Umbrien ist jahrzehntelang von der Kommunistischen Partei Italiens (heute Partei der Demokratischen Linken) regiert worden, und deren Bemühen um Respektabilität hat erkennbar eine Tradition relativ sauberer Verwaltung hinterlassen. In Rom kann die Mitte-links-Regierung des Ministerpräsidenten Romano Prodi von Glück reden, daß dieses Beben, das die Aufmerksamkeit Europas nun noch stärker auf Italien lenkt, nicht im tiefen Süden ausbrach. Ein Land, das sich nach Aussage des Schriftstellers Luigi Barzini »verzweifelt an den Alpen festhalten muß, um nicht im Mittelmeer zu versinken«, macht diesmal insgesamt keine schlechte Figur.

»Tränen ja, aber mit Würde«, scheint denn auch die Parole in den Zeltstädten der terremotati zu lauten. Nach ihren Verlusten befragt, schütteln die Betroffenen zwar traurig den Kopf und sagen »tutto, tutto«. Aber das Opfergewimmer und die theatralische Gebärdensprache, die sich bei früheren italienischen Kalamitäten eingeprägt hatten, bleiben aus.

Nachts ist es empfindlich kalt im Erdbebengebiet, aber bei Tag herrscht herrlich klares Wetter über den romantisch hochragenden Felsen und den Wäldern aus Zwergeichen, die sich schon herbstlich verfärben. In den flammenden Sonnenuntergang blinzelnd, sagt ein alter Mann vor der abgesperrten Kathedrale von Foligno: »Auch an Weihnachten werden wir wohl unsere Nächte noch in Zelten und in Wohnwagen verbringen müssen« - aber er sagt es ohne Bitterkeit, sozusagen mit sachlichem Fatalismus.

Hätte die katastrophenkundige Welt überhaupt Kenntnis genommen von diesem Beben (gerade mal zwölf Tote und dazu nur einige Zehntausende Obdachlose, und all dies nicht einmal in der Toskana mit seiner starken britischen und deutschen »Fraktion") - ja hätte sie überhaupt etwas gemerkt, wenn nicht zum Auftakt ganz spektakulär das kleine Assisi getroffen worden wäre, die Stadt des Franziskus, jenes armen und schönen »poverello« aus gutem Hause, der zum populärsten Heiligen der Christenheit geworden ist?

Nicola Giandomenico, ein Mönch von milder Zuversicht, blickt im Herzen Assisis - vor der zerstörten oberen Basilika seines Heiligen - mit bewundernswerter Gewißheit in die Zukunft. Mögen einige der Fresken Giottos und Cimabues auch für alle Ewigkeit verloren sein: Eine Milliarde Mark an zugesagten Wiederaufbaugeldern dürften in Assisi und Umgebung Wunder der Restauration bewirken.

»Bevor das Jahr 1999 zur Neige geht und ein neues Zeitalter beginnt«, sagt der Padre Nicola Giandomenico, »wollen wir in Umbrien in gewohnter Pracht das Weihnachtsoratorium aufführen.«

[Grafiktext]

Italien - Epizentrum des jüngsten Beben

[GrafiktextEnde]

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Italien - Epizentrum des jüngsten Beben

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