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SPANIEN Zorro mordet Wüstensohn

Blutiger Karneval im Baskenland: Die Terroristen der Eta wollen der Regierung in Madrid mit einer Serie von Anschlägen noch einmal ihre Stärke beweisen. Von Carlos Widmann
aus DER SPIEGEL 8/1997

Die schwarzen Witwen von San Sebastián lassen sich ihren Spaß nicht durch einen Mord verderben. Ihre Hüte, ihre Schleier, ihre Kostüme, ihre Mantillas - alles ist schwarz. Dazu sind Blusen in Silbergrau gestattet, auch Perlenkolliers. Doch herrscht unter den tafelnden reifen Damen keine Trauerstimmung, sondern Champagnerlaune. Und genau besehen ist eine von ihnen, die Rothaarige mit der schwarzen Federboa, wohl eher ein Mann.

Ist das nicht übertrieben frivol an solch einem Tag, so nahe am Schauplatz des neuesten Mordes? Doch niemand wird dem zechenden Damenkränzchen das Dichterwort Pablo Nerudas aus der Zeit des Spanischen Bürgerkriegs zurufen: »Kommt, seht doch das Blut in den Straßen!«

Im Speisesaal des ehrwürdigen Hotel de Londres y de Inglaterra, vor der hell erleuchteten Uferpromenade von San Sebastián, hätte die Aufforderung reichlich unpassend geklungen - in der Nacht zum Aschermittwoch obendrein, wenn die Frauen (und auch manche Männer) der feinen Gesellschaft sich als Witwen verkleiden, um in gespielter Trauer Abschied zu nehmen vom Karneval. Außerdem hatte um diese Zeit die Feuerwehr in Tolosa, eine Viertelstunde entfernt, das Blut des Erschossenen längst in den Abfluß gespritzt.

Fasching unter Basken: Maske schießt auf Maske, Zorro mordet Wüstensohn. Die schwarzgekleidete Gestalt mit Hut, Larve und Schnurrbart tänzelte sich, munter die Pistole schwingend, von hinten an den Präsidenten und Dirigenten des Karnevalsvereins »Kabila« heran, der in granatrotem Burnus und grüner Kopftracht mit dem Taktstock fuchtelte, von seinem zwölfjährigen Sohn begleitet.

Ein perfekter Genickschuß. Der Knall wurde kaum bemerkt im Lärm der Trommler und im Geknatter der Feuerwerkskörper. Das Geschoß trat über dem linken Wangenknochen aus und landete, ohne weiteren Schaden anzurichten, unter Blumentöpfen auf einem Balkon. Der Terrorist entkam unbemerkt im Gassengewirr der Altstadt. Die weißen Hosen des kleinen Borja Arratibel waren bespritzt mit dem Blut des Vaters, der leblos vor ihm auf dem Pflaster lag.

Es war der dritte Mord der Eta in diesem Karneval, ihr fünfter in diesem Jahr. Eukadi ta askatasuna (Baskenland und Freiheit), die Terrororganisation der Separatisten, hat in den ersten sechs Wochen von 1997 schon so viele Menschen umgebracht wie im ganzen vergangenen Jahr.

Ein ziviler Armeefriseur in Granada (Bombenanschlag), ein Richter des Obersten Gerichtshofs in Madrid (Genickschuß) und der 44jährige Unternehmer und Karnevalist Francisco Arratibel Fuentes - genannt Patxi - in der Kleinstadt Tolosa, im Herzen des Baskenlandes: Wie können die falschen Witwen von San Sebastián einem blutigen Karneval wie diesem auch noch nachtrauern?

Doch wäre es grundverkehrt, ihnen Gefühlskälte zu unterstellen. Diese Menschen setzen sich gegen die Bedrohung zur Wehr, indem sie unbeirrbar an ihren Gewohnheiten festhalten. Nicht nur in San Sebastián, auch in Tolosa selbst, einem Städtchen von 18 000 Einwohnern, wird nach der Bluttat weitergefeiert, weitergetanzt, Musik gemacht, getrunken und gesungen.

Sechs Stunden nach dem Mord spielen auf der Hauptstraße die geschminkten kleinen Mädchen im Andalusierinnenkostüm, und torkelnde Masken kehren von der Plaza de Toros heim. Dort ist die baskische Fastnacht, nach einer Schweigeminute für den toten Patxi Arratibel, stilgerecht mit einer Stierkampf-Gaudi zu Ende gegangen.

Lachen unter Tränen, trauern hinter Pappmasken - eine Danse macabre am Fuß der Pyrenäen. Der Ruf »Que siga la fiesta!« (Das Fest muß weitergehen) hatte noch das Sirenengeheul des davonrasenden Krankenwagens übertönt. »Ich hätte zwar am liebsten alle nach Hause geschickt«, erzählt anderntags der Bürgermeister José Gurrutxaga. »Aber selbst die Familie des Toten meinte, man könne Patxi nicht besser ehren als mit der Fortführung des Karnevalstreibens, das er mit solcher Hingabe eingeübt hatte.«

Ein Akt der Pietät also, für den freilich auch lokalpatriotische und politische Beweggründe angeführt werden. »Keiner Macht der Welt ist es jemals gelungen, unseren Karneval zu unterdrücken - weder der Kirche noch dem Franco-Regime«, erklärt stolz in Tolosa der Wirt einer Taberna. Herausfordernd fügt er hinzu: »Sollten wir ausgerechnet den Mörderbanden der Eta diese Befriedigung gönnen?«

Es ist verblüffend, mit welcher Offenheit und Zivilcourage die Leute im Baskenland reden. Nach 29 Jahren Eta-Terror, der in ganz Spanien über 800 Menschenleben forderte, und trotz entsprechend harter Gegenmaßnahmen des Staates ist der vorsichtige Blick über die eigene Schulter im Baskenland offenbar unbekannt. Dies gilt auf beiden Seiten der Kluft, die das Volk der Basken auf sehr ungleichgewichtige Weise spaltet.

Am Aschermittwoch ist High-noon in Tolosa. Bürgermeister Gurrutxaga hat den Gemeinderat für zwölf Uhr mittags einberufen. Einziger Punkt der Tagesordnung: eine Resolution zur Verurteilung der Eta-Morde. Von den 17 Mitgliedern des Stadtparlaments gehören 10 den beiden gemäßigt nationalistischen Baskenparteien an, 2 der konservativen spanischen Volkspartei, eines den Sozialisten. Die übrigen vier Gemeinderäte vertreten Herri Batasuna (Vereinigung des Volkes) - die Partei des Terrors.

Mag seine Stimme auch beben, so blitzt die Rhetorik des alten Gurrutxaga doch vor Courage. »Selbst wenn es wie ein Schrei in der Wüste klingt, wir rufen: genug jetzt! Genug des Mordens. Genug davon, den eigenen Schmerz durch das Verwunden anderer zu besänftigen. Genug vom Würgegriff der Eta, der das Baskenland beschmutzt. Und genug von der doppelten Moral der Herri Batasuna, die Menschenrechte einklagt und doch nur dem Tod und dem Menschenraub applaudiert.«

Die Angesprochenen verziehen keine Miene. Sie weisen den Bürgermeister auf baskisch zurecht, weil er die Resolution der Gemäßigten auf spanisch verlesen hat. Sonst aber hat sich ihre Litanei im Lauf der Jahrzehnte kaum verändert: Die Eta-Fraktion verdammt die baskischen »Kollaborateure«, beklagt die spanische »Besetzung«, fordert ein Ende von »Folter und Repression«.

Manches spricht für die Theorie, daß die Terrorwelle der Karnevalstage ein letztes Aufbäumen war, der Beginn einer Flucht nach vorn. »Ihre klareren Köpfe wollen aus dem Untergrund heraus und ins politische Geschäft hinein«, sagt ein gemäßigter Nationalist in San Sebastián. »Aber sie stehen unter dem Druck ihrer 500 Compañeros in den Gefängnissen, die sie nicht im Stich lassen können. Darum sind auch die bürgerlichen Baskenparteien für sofortige Verhandlungen zwischen Madrid und Eta« - mit dem Ziel, verurteilte Terroristen in ihre Heimat zu verlegen.

Beim Verlassen des Rathauses von Tolosa ist etwas vom sozialen Druck zu spüren, unter dem die politischen Vertreter des baskischen Untergrunds stehen. Beim Fischmarkt haben sich 20 bis 30 Jugendliche versammelt, Kleinstadt-Skins, die schon deutlich unter Alkohol stehen. Viele von ihnen tragen am Ohr oder an der Nase zwei Ringe, die als Zeichen von Eta-Sympathie gelten.

Höhnisch grinsend lassen diese ziel- und arbeitslosen Jugendlichen die »politische Klasse« von Tolosa an sich vorbeidefilieren; nur die Vertreter der Herri Batasuna bekommen von ihnen ein »Hallo« zugerufen. Scheu winken die HB-Politiker zurück: Ihre Zauberlehrlinge werden sie nicht mehr los.

Tags darauf brennen im Nachbarstädtchen Hernani wieder Müllbehälter und Telefonzellen, und in die Speiselokale der gemäßigten Parteien fliegen Molotow-Cocktails. In der Nacht zum Freitag sind einige Gassen der Altstadt von Hernani fast unpassierbar, so viele verkohlte Plastikstühle stehen herum.

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