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ROYAL-CARS Zu bürgerlichen Preisen

aus DER SPIEGEL 44/1965

Das rote Wappen mit der siebenzackigen Krone und den Initialen RC auf den Türen der weißen Kraftdroschken ist verdeckt: Münchens majestätische »Royal-Cars« fahren bis auf weiteres inkognito.

Zum Tarif von einer Mark je Kilometer, dem Doppelten der üblichen Taxikosten, waren sie im April dieses Jahres in Dienst gestellt worden. Münchens, Funkmietwagen-Boß Werner Bader, 36, spekulierte auf das Repräsentations-Bedürfnis der bajuwarischen Snobiety und bot »mehr, als Sie erwarten":

In 56 sonderlackierten und wappengezierten Mercedes-Automobilen der Typen 190 und 220 harrte »geschultes Fahrpersonal in exklusiver Kleidung« darauf, die Kundschaft »zuvorkommend zu bedienen«.

Baders Gespür trog ihn nicht. In seiner Funkzentrale an der Schillerstraße 5 klingelte alsbald Tag und Nacht das Telephon. Prominente und weniger prominente Kundschaft wählte sechsmal die Fünf und verlangte nach gehobenen Hauderer -Diensten.

Zu der Prominenz, die sich während der vergangenen, sechs Monate in den Fonds der Royal-Cars räkelte, zählten namentlich: Finanzier Rudolf Münemann samt Tochter Angela, Filmstar Claudia Cardinale, Alt-Sängerin Lale Andersen, Goldfinger Gert Fröbe, Fußballer Petar ("Radi") Radenkovic und Reporter Sammy Drechsel.

Selbst Angehörige des Königshauses Wittelsbach und des Fürstenhauses Thurn und Taxis verschmähten Baders Kronen-Service nicht. Der Protokollchef der bayrischen Staatskanzlei heuerte beim Besuch der britischen Königin gleichfalls die royalistischen Droschken an. Sie brachten Bayerns Großkopfete zu den Empfängen Elizabeths II. und zu der Festaufführung des »Rosenkavalier« in die Staatsoper.

Kavaliersdienste wurden auch sonst von den RC-Chauffeuren verlangt: Sie transportierten Damen der »seriösen Geschäftswelt« (Bader) zum Friseur und deren Pudel zum Trimmen, sie überbrachten Blumen und billets-doux.

»Dienste zweifelhafter Art« indes mußten sie strikt ablehnen. Schäferstündchen auf den roten Spezialpolstern waren im Tarif nicht vorgesehen.

Das Gros der Kundschaft stellten Klienten der Münchner Banken, Versicherungen und Großfirmen, aber es saßen auch Leute in den Kronen-Kutschen, die gemeinhin die Trambahn einem Taxi vorziehen: Stammtischbrüder, Kaffeeschwestern und junge Liebhaber, die ihren Freundinnen imponieren wollten.

Sie alle brachten Bader in einem halben Jahr eine halbe Million Mark Umsatz. Denn zum erhöhten Fahrgeld kam ein erhöhtes Standgeld: Die Stunde Wartezeit wurde mit zwölf Mark berechnet. Ein Royal-Car fuhr doppelt soviel Profit herein wie ein normales Taxi.

Die Rechnung des Chefs ging trotzdem nicht auf. Ihm widerfuhr Ungemach von einer Seite, von der er es nicht erwarten konnte: vom Personal. Obwohl die Fahrer im Monatsdurchschnitt 1200 Mark verdienten, und obendrein reichlich Trinkgelder kassierten, waren sie auf die Dauer weder zu »exklusiver Kleidung« noch zu »zuvorkommender Bedienung« bereit.

Bader hatte aus den Fahrern seiner 320 Call-Cars die besten 70 ausgelesen und versucht, sie zu Diener-Chauffeuren zu drillen. Er paßte ihnen blaue Clubjacken, mausgraue Hosen, weiße Handschuhe und kesse Schirmmützen an.

Er trichterte ihnen im Konferenzraum seines Büros über dem Stachus fremdsprachige Floskeln ein und erläuterte ihnen die Grundregeln feinen Benehmens. Er sah ihnen sogar auf die Fingernägel.

Doch die Herren Fahrer wollten keine Herrenfahrer sein. Der urige Hang Münchner Chauffeure zu Strickjanker, Lederbundhose und buntem Hemd mit offenem Kragen war stärker.

Als neben ihrem Habitus auch ihr Umgangston zu wünschen übrig ließ, häuften sich in der Schillerstraße statt der Aufträge Klagen enttäuschter Royal-Car-Benutzer. Bader mußte von den 70 Fahrern 55 feuern und konnte mit den restlichen 15 den Luxus-Rolldienst nicht länger bestreiten.

Nun hofft er, rechtzeitig zum Fasching eine neue Fahrer-Elite ausheben zu können. Bis dahin reiht er die Royal -Cars seiner Call-Car-Flotte ein. Die 56 weißen Droschken fahren wie die 320 grauen jetzt zu bürgerlichen Preisen.

Royal-Car, Chauffeur: Kavaliersdienste gegen Aufpreis

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