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HEERSCHAREN Zu erschöpft

aus DER SPIEGEL 5/1950

Der Sultan von Jogjakarta war »mehr als erstaunt«. Der holländische Kommandeur in Bandung hatte ihm erklärt, er denke gar nicht daran, irgendwelche Maßnahmen gegen die irregulären holländischen Truppen des Rebellen Westerling zu ergreifen. Der Sultan, seit kurzem beamteter Verteidigungsminister der indonesischen Republik, rächte sich für das angebliche holländische Versagen auf seine Weise. Er befahl, mit der Eingliederung der holländischen Kolonialarmee in die junge indonische Armee sofort zu beginnen.

Der königlich-niederländische Generalstab zögerte nicht mit der Antwort. Die 150000 holländischen Soldaten, die noch auf dem einstigen holländischen Kolonialboden stehen, seien »nach dreijährigem Tropendienst (einschließlich zweier 'Polizeiaktionen') zu erschöpft«

Trotzdem wird Holland notfalls marschieren lassen, wenn Hatta darum bittet. Aber der indonesische Ministerpräsident wird es sich sehr überlegen. Er will kein Schwächezeichen geben. Eher denkt er schon an einen Appell an die UNO.

Hatta hat auch noch andere Gründe, die Holländer nicht zu seinen Kampfgenossen zu machen. Trotz aller niederländischen Dementis kommt die indonesische Regierung nicht von dem Verdacht los, daß Westerling holländisch unterstützt wird. Daß er gute Beziehungen zu seinen noch im einstigen Kolonialgebiet verbliebenen Landsleuten unterhält, ist offenkundig. Die alten Kolonisten wollen sich nur ungern den Regierungsbeschlüssen im fernen Haag beugen.

Aber Westerling müssen noch andere Hilfsquellen offen stehen. Seine Kassen sind wohlgefüllt, seine Soldaten, Holländer, Indonesier und Versprengte aus aller Welt, leiden keinen Mangel an Waffen und dschungelgrünen Uniformen mit dem Zeichen des Steuerrads. Westerling, selbst gläubiger Moslem, bestreitet direkte Beziehungen zu den fanatischen Moslems des »Darul Islam« Westjavas zu haben. Aber daß Einheiten des »Darul Islam« mit ihm im Felde stehen, gibt er offen zu.

Augenscheinlich hat er auch Fäden zur indonesischen Bezirksregierung von Westjava gesponnen. Hatta mußte drei seiner hohen Regierungsbeamten in Bandung plötzlich verhaften lassen. Darunter den Regierungschef. Sie werden angeklagt, zusammen mit Westerling und »Darul-Islam«-Leuten einen mohammedanischen Staat in Westjava gründen zu wollen.

Westerling selbst spricht nur von der indonesischen Regierungsklique, die er stürzen wolle, weil sie das Volk bedrücke. Als einen anderen Gegner bezeichnet er die junge indonesische Armee. Sie soll Westjava räumen. Dort will er selbst mit seinen »Himmlischen Heerscharen« Ruhe schaffen und sich als bewaffnete Macht stationieren.

Das forderte er schon einmal, nach der Verkündung der indonesischen Unabhängigkeit. Hatta lehnte ab. Westerlings Antwort war der Sturm auf die westjavanische Hauptstadt Bandung. Nur den holländischen Flugplatz und das niederländische Divisionsquartier ließ er unbehelligt.

Auf den Gedanken, in Westjava eine Privatarmee aufzustellen, kam der holländische Hauptmann 1948 nach seiner Entlassung Für ein solches Abenteuer brachte der »Türke« Westerling - er wurde vor 30 Jahren in Istanbul von einer türkischen Mutter und einem holländischen Vater geboren - alle Voraussetzungen mit. Während des Krieges wurde er in England auf einer »Commando«-Schule ausgebildet. Das waren die Männer, die etwa den Handstreich auf Dieppe machten.

Westerling sprang über Holland ab und machte in aktivem Widerstand. In Südostasien war er einer der Adjutanten des englischen Oberbefehlshabers Lord Mountbatten. Als die Alliierten die Japaner aus Indonesien vertrieben, sprang Westerling mit den ersten Fallschirmeinheiten ab. Wenig später tat er sich bei holländischen Säuberungsaktionen in Insulinde hervor. In Celebes soll er ganze Dörfer niedergebrannt und mehr als 3000 Eingeborene getötet haben. Selbst im holländischen Parlament war man damals böse.

Persönliche Freunde sagen ihm barbarische Anwandlungen nach. Einmal habe er mehrere Wochen lang einen völlig zusammengeschrumpften menschlichen Kopf in seinem Zimmer aufbewahrt. Wenn er schlafe, liege stets eine geladene Pistole auf dem Kopfkissen neben ihm.

Dem einzigen amerikanischen Korrespondenten, der ihm in Westjava begegnete, kam der schwarzhaarige untersetzte Mann sehr viel menschlicher vor. Er trug Zivil, sprach fließend englisch und verwahrte sich gegen den Vorwurf, etwa holländische Interessen zu vertreten. Im übrigen zeigte er sich sehr siegesgewiß. »Die Kämpfe werden nicht sehr lange dauern, vielleicht nur drei Monate.«

Dann will er sich zurückziehen in seinen Bungalow in Tschililin, zu seiner javanischen Frau und seinen zwei Kindern. Gern würde er auch in die Türkei gehen. »Wenn hier alles in Ordnung ist.«

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