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Artikel 33 / 85

»ZU FEIGE, DIE VOLLE WAHRHEIT ZU SAGEN«

Von Gerhard Mauz
aus DER SPIEGEL 46/1969

Die Justiz hat einen Mann überfahren. Sie teilt dazu mit, daß der Mann die Straße nicht auf dem Zebrastreifen, sondern ein bis zwei Meter neben diesem überqueren wollte. Die Justiz hat den Mann also überfahren müssen. Und so ist es ohne Bedeutung, daß sich die Justiz dem Fußgängerüberweg mit einhundert Stundenkilometern genähert hat. Denn selbstverständlich wäre der Justiz die Vollbremsung gelungen, hätte der Mann nur den Zebrastreifen benutzt.

Die Justiz hat Hans Hetzel überfahren, als sie ihn 1955 wegen Mordes zu lebenslangem Zuchthaus verurteilte. Das Urteil war ein Fehlurteil. In der vergangenen Woche mußte Hans Hetzel freigesprochen werden. Doch jetzt ist kein anderer als Hans Hetzel selbst daran schuld, daß die Justiz 1955 irrte: Die Justiz hat Hans Hetzel 1955 verurteilen müssen. Unschuld geht nicht ein bis zwei Meter neben dem Zebrastreifen über die Straße.

Wer sich nicht exakt an die Vorschrift hält, darf überfahren werden. Es ist geradezu eine ethische Pflicht, ihn zu überrennen. Und man fährt nun einmal mit einhundert Stundenkilometern durch die Stadt: denn man hat einen Auftrag. Man ist die dritte Gewalt.

Dies ist das dritte Fehlurteil, an dessen Bestattung ich teilzunehmen hatte. Und es gibt eine Legion von Juristen, die der Meinung sind, es gebe für den Journalisten nichts Hübscheres als eine derartige Gelegenheit, der Justiz einmal »so richtig am Zeug zu flicken«. 1965 wurde Johann Evangelist Lettenbauer im Wiederaufnahmeverfahren freigesprochen. Und obwohl der greise Mann schon 1947 bei seiner Verurteilung an schwersten arteriosklerotischen Veränderungen gelitten hatte, wurde auch noch gelegentlich des Freispruchs davon geredet, daß dieser Mann an seinem Fehlurteil nicht unschuldig gewesen sei: Er habe schließlich gestanden gehabt. Es soll ein Vergnügen sein, der Justiz dergleichen vorzuhalten. Doch da wird die journalistische Fähigkeit zum Lustgewinn denn doch überschätzt.

»Die Justiz« hält sich weitgehend noch immer für eine geschlossene Gesellschaft, und so ist es zulässig, »die Justiz« anzusprechen. Der Journalist kommt nicht davon los, gewiß, er mag halt ein bißchen altmodisch sein und klebrig an Verblichenem haften -- doch er kommt nicht davon los, daß »die Justiz« wir alle sind.

Wie sehr »die Justiz« oder beispielsweise ein Schwurgericht wir alle sind, wurde gerade im Wiederaufnahmeverfahren Hetzel sichtbar: Das Gericht mußte, »trotz synonymer Anträge« (von Anklage und Verteidigung) auf Freispruch, sieben Stunden lang beraten. Einem Schwurgericht gehören sechs Laien an. Den drei Berufsrichtern mag man nicht unterstellen, ihnen sei das Ergebnis der Beweisaufnahme vieldeutig gewesen. Jenes »wir«, das man Öffentlichkeit, Bevölkerung oder gar Volk zu nennen pflegt, hat sieben Stunden Aufenthalt benötigt, bis es die Realität anerkannte.

Dem Vorsitzenden im Wiederaufnahmeverfahren Hetzel, dem Landgerichtsrat Weidner, 44, fiel die Aufgabe zu, den Freispruch Hans Hetzels mündlich zu begründen. Herrn Weidners Name wird hier also zwangsläufig mit Sätzen in Verbindung gebracht, die sich nicht nach Freispruch, sondern wie die Entfernung eines Betrunkenen aus einem renommierten Lokal anhörten. Wieweit Herr Weidner sich mit diesen Sätzen in Einklang befand -- das weiß allein Herr Weidner.

Herr Weidner hat also mitgeteilt, nach Auffassung des Schwurgerichts sei im Fall Hetzel das »am meisten belastende Beweismittel« der Angeklagte selbst und am belastendsten für den Angeklagten »sein eigenes Verhalten« gewesen. Herr Weidner hat weiter gesagt, der Angeklagte sei weniger durch schlechte Behandlung während der Ermittlungen ins Zwielicht geraten als dadurch, »daß er zu feige gewesen ist, die volle Wahrheit zu sagen«. Da muß man denn um unser aller willen noch einmal Ins Detail gehen.

Denn hier genügt es nicht, daß der Herr Weidner die Sitzung vortrefflich geleitet hat; daß der Freispruch schließlich nicht unterblieb und sogar die vom Gesetz vorgesehene »Entschädigung« von 75 000 Mark erfolgen dürfte. Hans Hetzel hatte 1953 im September Umgang mit einer Anhalterin. Die blieb ihm während dieses Umgangs weg. Es ist während Hans Hetzels Umgang mit der Anhalterin, so Herr Weidner, nicht alles wie bei einer »Liebesbegegnung unter erwachsenen Menschen« zugegangen.

Hans Hetzel entledigte sich in Panik der Leiche, indem er sie an einer Straße abwarf, an der bereits 1949 und 1952 die Leichen unbekleideter Frauen gefunden worden waren, ohne daß die Ermittlungen Erfolg gehabt hätten. Doch Hans Hetzel geriet in Verdacht, nachdem er sich wegen seiner Leiche (einer anderen Sache wegen in Haft) zur Aussage gemeldet hatte. Hans Hetzel hat damals nicht sofort, sondern erst nach zwei Monaten seine ganze Wahrheit gesagt. Doch die Justiz: Woraus leitet sie ab, daß einer bei Vernunft ist, wenn er meint, er werde schon mit der Wahrheit durchkommen? Die Justiz selbst, wenn es um ein Fehlurteil geht, gebärdet sich wie der mieseste ihrer Kunden: Doch sie versteht nicht, daß jemand angesichts der Justiz keinen Mut zur Wahrheit hat.

Professor Ponsold, Münster, Gutachter im ersten Hetzel-Prozeß, erkannte 1955, Hans Hetzel habe der mit ihm verkehrenden Frau einen Kälberstrick um den Hals geworfen und sie, nachdem er ihren Widerstand überwunden hatte, zu Tode gebracht, um sein Vergnügen zu vergrößern. Professor Ponsold überzeugte 1955 das Schwurgericht in Offenburg. Doch nicht allein Professor Ponsold schuf das »Lebenslang« gegen Hans Hetzel. In der Urteilsbegründung von 1955 heißt es: »Das Schwurgericht hat auch die Frage geprüft, wie die subjektive Seite der Tat zu beurteilen sei, wenn die Verwendung eines Strangulationswerkzeugs nicht als erwiesen angenommen werden könnte, sondern wenn der Angeklagte nur mit der Hand gewürgt hätte. Es ist der Überzeugung, daß der Angeklagte auch in diesem Falle zum mindesten mit dem tödlichen Ausgang seines brutalen Vorgehens gerechnet und ihn gebilligt hätte ...«

Das Gericht hat sich 1955 über ein Gutachten hinaus erklärt, das ohne Besichtigung der -- inzwischen verbrannten -- Leiche zustande gekommen war; das, auf nichts anderes als Amateurphotos gestützt, auf eine andere Todesursache als das Obduktionsprotokoll ("Herzversagen") erkannte.

1955 wurde Hans Hetzels Revision verworfen. 1962 scheiterte der erste Wiederaufnahmeantrag. Die Ordinarien für Gerichtliche Medizin zu München und Wien hatten Gutachten erstattet. Insgesamt zwei Wiederaufnahmeanträge verfielen der Ablehnung.

Zu den Gutachten der Ordinarien von Wien und München hat übrigens später ein dritter Ordinarius gesagt, diese beiden Gutachten seien doch 1962 vom Herrn Gross, dem Verteidiger Hetzeis, »gekauft« worden. Es ist nett, wie Ordinarien voneinander reden. Und wie orientiert sie sind: Denn der Dr. Fritz Gross, Münster, hat die Verteidigung Hans Hetzeis erst 1965 übernommen.

1967 wurde die »Fünferkommission« tätig. Sie bestand aus fünf Ordinarien und kam zu dem Resultat, es sei die Kälberstrick-These des Kollegen Ponsold eine nicht auszuschließende Möglichkeit. In einer Naivität von erlesener Köstlichkeit hat einer der Fünfer erklärt: Das Resultat der Kommission sei doch die ideale Basis für einen neuen Wiederaufnahmeantrag der Verteidigung. Die Staatsanwaltschaft Offenburg sah das anders. Für sie stellte das Resultat eine triumphale Bestätigung des Urteils von 1955 dar.

Im Wiederaufnahmeverfahren in Offenburg ist 1989 das Urteil von 1955 nicht verstorben, sondern krepiert. Das Gutachten von Professor Ponsold hat genauso wie 1967 das Gutachten der Fünferkommission Erkenntnisse der Gerichtsmedizin ignoriert, die zu Teilen bereits von 1880 an vorlagen.

Es sind ferner unter der Aufsicht von Mitgliedern der Fünferkommission wissenschaftliche Arbeiten verfaßt worden, bevor die Fünfer sich äußerten -- die in krassem Widerspruch zum Resultat der Kommission stehen. Die Herren Ordinarien hatten alte Forschungsergebnisse nicht mehr im Kopf und die neuen Erkenntnisse ihrer eigenen Mitarbeiter noch nicht vor Augen.

In der vergangenen Woche ist jener Abschnitt in der Geschichte unserer Gerichtlichen Medizin zu Ende gegangen, In dem »Päpste« das Fach regierten; »Päpste«, die ihr Imperium schon lange nicht mehr überblicken konnten und es dennoch erbittert verteidigten. Denn ein Imperium und Alleinherrschaft bringen Gewinn. Den Schaden haben Männer wie Hans Hetzel.

Allein der Rechtsanwalt Fritz Gross, der schon der Maria Rohrbach zum Freispruch verholfen hat, ist in der Strafsache Hetzel zu rühmen. Der Herr Gross ist anstrengend. Denn der Herr Gross verbeißt sich in ein mögliches Unrecht. Strafverteidigung kann man nicht immer als Schöngeist und in Feinsinn betreiben.

Die junge Frau, die mit Hans Hetzel Umgang pflog, verschied wahrscheinlich an einer Herzkrankheit und einem Zusammenbruch ihres Kreislaufs: »mors in actu«, nicht so selten wie angenommen. Hans Hetzel wurde freigesprochen als ein Mann, der selbst daran Schuld trägt, daß er fälschlich verurteilt worden ist. Diese Begründung des Freispruchs von Hans Hetzel beweist, daß Urteile wie das Hetzel-Urteil von 1955 weiterhin möglich sind. In Offenburg war das Gericht zu feige, die volle Wahrheit zu sagen.

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