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SOWJET-UNION / WESTHANDEL Zu fett und zu bequem

aus DER SPIEGEL 49/1964

Ein Franzose, zwei Briten und 89 US -Kapitalisten fuhren in die Kapitale der Weltrevolution. Sie reisten in Rußlands schnellstem Zug, dem »Roten Pfeil« (Höchstgeschwindigkeit: 80 Stundenkilometer), und logierten in Moskaus bestem Hotel, dem »Sowjetskaja«.

Sie waren gekommen, um die Zukunftsaussichten des westlichen und insbesondere des amerikanischen Rußland-Handels zu prüfen und zu erkunden; wie mit den neuen Herren im Kreml auszukommen sei. Fünf Tage lang diskutierten sie jeweils acht Stunden mit Politikern und Managern der Sowjet-Union. Ministerpräsident Alexej Kossygin empfing sie im Kreml, und die kommunistische »Prawda« appellierte an ihren kapitalistischen Erwerbssinn.

Die Sowjets gaben sich, liebenswürdig. Niemals zuvor sind so viele Kapitalisten im Vaterland aller Werktätigen ,so hofiert worden wie die 92 Konzernherren und Privatbankiers, die 64 Weltfirmen mit einem Jahresumsatz von 50 Milliarden Dollar vertraten*.

Kaum jemals aber auch lohnte sich der Einsatz des Sowjet-Charmes so wie diesmal. Einer der Moskau-Fahrer, der britische Industrielle Sir Harry Pilkington, über die Reaktion seiner amerikanischen Kollegen: »Von Tag zu Tag schmolz die Zahl derer, die glaubten, den Russen nicht trauen zu können.«

Die Moskau-Invasion der 92 US -Manager und ihrer ausländischen Geschäftsfreunde war die erste sichtbare Reaktion auf eine Umfrage, die Senator Fulbright, der Vorsitzende im Außenpolitischen Ausschuß des amerikanischen Senats, unter 214 der größten US-Firmen veranstalten ließ.

Der Senator wollte wissen, ob die amerikanische Regierung eine Ausdehnung des Osthandels fördern und den US-Exporteuren damit größere Chancen im Rußlandgeschäft einräumen solle.

Von den 214 angeschriebenen Firmen antworteten 125. Nur neun traten für die Beibehaltung der zur Zeit geltenden Exportkontrollen für Ostblockgeschäfte ein. 105 Firmen befürworteten dagegen eine Lockerung des amerikanischen Ost-Embargos.

Vor diesem Hintergrund konnten die US-Wirtschaftskapitäne einer herzlichen Aufnahme in Moskau sicher sein. Denn auch die Sowjets wünschen seit Jahren kaum etwas sehnlicher, als mit Amerikas Big Business ins Geschäft zu kommen. Zwar bezog der Kreml in diesem Jahr für 2.5 Milliarden Dollar Maschinen und Industrieausrüstungen aus dem Westen. Doch nur 2,5 Prozent kamen aus den Vereinigten Staaten.

Frotzelte der sowjetische Staatspräsident Mikojan auf einem Empfang für die Westgäste: »Ich dachte immer, die amerikanischen Kapitalisten seien zu fett und zu bequem geworden, um zu uns zu kommen und den Sowjetmarkt zu erschließen.«

Tatsächlich aber steht der Ausweitung des amerikanisch-sowjetischen Handels nicht Bequemlichkeit oder nur das Osthandels-Embargo, sondern ein US-Gesetz im Wege: der Johnson-Act von 1934. Er untersagt Kredite an solche Länder, die ihre Schulden an die Vereinigten Staaten noch nicht bezahlt haben. Größter Schuldner der USA ist die Sowjet-Union mit elf Milliarden Dollar für Pacht- und Leihlieferungen aus den Kriegsjahren.

Noch 1959 zerschlugen sich sowjetischamerikanische Verhandlungen über die Tilgung der inzwischen von den USA auf 800 Millionen Dollar herabgesetzten Kriegsschulden an der Zahlungsunwilligkeit der Sowjets, die nur 300 Millionen Dollar aufbringen wollten.

Jetzt, am Donnerstag der vorletzten Woche, unterbreitete Rußlands neuer Premier Kossygin den erstaunt aufhorchenden US-Industriellen bei einem Essen im kreisrunden Swerdlowsk-Saal des Kreml ein sensationelles Angebot: Die Sowjetregierung würde sich zu einer »symbolischen Zahlung« ihrer Schulden bereit finden, wenn die US -Regierung dafür die Kreditsperre nach dem Johnson-Act aufhebe.

So wichtig dünkte den Sowjetpremier das Thema, daß er sich über die vom Protokoll vorgesehene Zeit hinaus auf ein dreiviertelstündiges Frage-und-Antwort-Spiel mit den Wirtschaftsbossen einließ. Einer der Anwesenden: »Ein richtiges Küchengespräch.«

Die 92 revanchierten sich mit einem Gala-Empfang im Marmorsaal des Moskauer Luxushotels »Sowjetskaja«. Strahlender Mittelpunkt des Abends waren fünfzig in kostbare Nerze gehüllte, diamantgeschmückte Damen der amerikanischen Gesellschaft, die ihre Ehemänner nach Moskau begleitet hatten.

Bei Wodka, Kaviar und Krimsekt kamen Russen und Amerikaner einander schnell näher. Rußlands Plan -Technokraten bekundeten ihr Interesse für amerikanische Elektronenrechner, Datenverarbeitungsanlagen und automatische Steuerungsgeräte: Amerikas Geschäftsleute fragten nach Zahlungs- und Lieferwünschen.

Vollbepackt mit russischen Pelzmützen, buntbemalten Holzpuppen und Wodka-Flaschen, traten die 92 Moskau -Fahrer Ende November die Heimreise an. Mit ihnen flog US-Botschafter Foy Kohler. Er will mit Präsident Johnson über die Konsequenzen der Jüngsten Koexistenz-Offensive des Kreml für die amerikanische Ostpolitik beraten.

* Darunter die Bank of America und die Firmen Bendix, Caterpillar Tractor, Chrysler, Ford, General Electric, B. F. Goodrich, General Foods, Kaiser Industries, North American Aviation, Pepsi-Cola, Mobil Oil.

Moskauer Luxushotel »Sowjetskoja": Bei Wodka, Kaviar und Krimsekt...

... von Schulden gesprochen: Sowjetpremier Kossygin (1.), Gäste

* Der amerikanische Industrieberater Eldridge Haynes (r) und das britische Industriellen-Ehepaar Pilkington (M ).

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