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BEAMTE / WETZEL Zu forsch

aus DER SPIEGEL 8/1968

Die aschblonde Haarsträhne quer über den bloßen Schädel gekämmt, sann Staatssekretär und Sozialdemokrat Dr. Günter Wetzel, 45, darüber nach, ob er seinen Amtsraum im hessischen Innenministerium mit hellem oder dunklem Mahagoni täfeln lassen solle.

Der Staatssekretär war auf dem Holzweg. Während er noch über Dekorationen saß, beratschlagten seine Parteifreunde, wer in das exotisch getäfelte und eben vergrößerte Dienstzimmer einziehen könne -- anstatt Wetzels.

Dem forschen Genossen, einem Mann von kleinem Wuchs und großem Ehrgeiz, droht nach einem Senkrechtstart in Partei und Bürokratie der jähe Absturz.

Zum erstenmal war der Freizeit-Jäger Wetzel am 28. November letzten Jahres ins Schußfeld geraten, als er sich in einer Kabinettsitzung für Tollpatschigkeiten des Landes-Verfassungsschutzes rechtfertigen mußte: In Gießen hatte der Verfassungs-Schutzmann Walter Brandt, 47, zwei Studenten zur Ausforschung des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) anzuheuern versucht (SPIEGEL 50/1967).

Die SDS-Überwachung, die dem Gießener Agenten Brandt eine Strafversetzung eintrug, war von Günter Wetzel angeordnet worden. Und er widmete den Mini-Maos mehr Aufmerksamkeit, als er nun wahrhaben will: Schon im Oktober 1966 hatte der Staatssekretär fünf, im Mai 1967 neun Beamte von Kripo, Schutzpolizei und Verfassungsschutz zu Besprechungen über eine SDS-Kontrolle in sein Dienstzimmer gerufen.

Hessens Innenminister Heinrich ("Heini") Schneider war über derlei Schutzmaßnahmen ebenso ergrimmt wie Ministerpräsident Zinn, der studentischem Auf begehren heimliche Sympathie entgegenbringt und -- anders als Wetzel -- meint, der Verfassungsschutz habe an Hochschulen nichts verloren: »Wenn die Studenten meinetwegen auf dem (Frankfurter) Römerberg Krach machen oder demonstrieren, so sind das höchstens Störungen der öffentlichen Ordnung. Dafür sind die Strafgesetze zuständig, aber mit Verfassungswidrigkeit hat das nichts zu tun.«

Zinn reagierte auf die Spitzel-Affäre mit einem Wutanfall. Wetzel-Chef Schneider behält sich seither »alle wesentlichen Entscheidungen« über Einsätze des Verfassungsschutzes selber vor.

Bis dahin war es mit dem begabten Verwaltungsmann Wetzel ohne Umwege aufwärts gegangen. 1952 wurde der knapp 30jährige vom Kasseler Regierungspräsidenten als »der beste Referendar, der seit 1945 ... zur Ausbildung überwiesen worden ist«, beurteilt; 1955 avancierte er zum jüngsten Polizeipräsidenten Deutschlands, lernte sechs Monate lang bei Scotland Yard, organisierte in Kassel ein modernes Präsidium (Volksmund: »Wetzelburg") und holzte in der Herkulesstadt 500 überflüssige Verkehrsschilder ab.

»Daran gewohnt, sich als Benjamin im erlauchten Kreise durchzusetzen« ("Darmstädter Echo"), wechselte der wendige Wetzel, der einen Jahresurlaub bei der Bundeswehr verbrachte und seinen Reserveleutnant machte, 1960 den Standort. Als Regierungsvizepräsident in Darmstadt entfaltete sich seine Strebsamkeit so heftig, daß sein Vorgesetzter, Regierungspräsident Wilhelm Arnoul, schon nach wenigen Wochen mit weinerlicher Stimme einem Vertrauten klagte: »Natürlich hat er mich abgesetzt. Was soll ich denn machen?«

Als Arnoul 1962 pensioniert und Wetzel Nachfolger wurde, vergrämte der hochentwickelte Autoritätssinn des jungen Sozialdemokraten, der seine knappen Dienstanweisungen durch rhythmisches Knöchelklopfen untermalt, manchen Mitarbeiter. Ein pensionsreifer Landesforstmeister verbat sich nach einem Krach jede Abschiedsfeier, dem Leiter der Schulabteilung wurde nach einer Kontroverse mit Wetzel eine Urkunde zum 40jährigen Dienstjubiläum von einem Büroboten überbracht, und mehrere Abteilungsleiter ersuchten um vorzeitige Versetzung in den Ruhestand.

Anfang Januar 1967 wurde Wetzel Staatssekretär im Innenministerium, und auch dort kam mit dem Karrieristen, der gern frischen Wind macht, ein kühles Betriebsklima. Schließlich wurde der Sozialdemokrat sogar seinen Parteifreunden zu forsch.

Die Genossen stört, daß Wetzel als einziger hessischer Staatssekretär einen persönlichen Referenten beansprucht, sich täglich im schwarzen Dienst-»Admiral« von seinem Darmstädter Wohnsitz Ins Wiesbadener Ministerium und zurück kutschieren läßt und zum letzten Jahreswechsel persönliche Glückwunschkarten verschickte die er aus Mitteln des Ministeriums finanzieren wollte.

Und als Wetzei bei Streik-Tumulten vor den Toren der Hanauer Dunlop-Werke seinen Polizeioffizieren scharfe Maßnahmen befahl, protestierte der für Polizeifragen zuständige Ministerialdirigent Hans Keil bei Innenminister Schneider. Der Minister, ein Veteran der Arbeiterbewegung, gab Gegenorder; Hessens Polizei schritt nicht ein.

Über Einsatzbefehle gegen streikende Arbeiter und Spitzelkommandos für studierende Sozialisten entsetzt, rieten die Parteifreunde dem Staatssekretär jüngst ab, im März wieder für den Vorsitz des SPD-Unterbezlrks Darmstadt/Groß Gerau zu kandidieren. Wetzel, der diesem Bezirk seit etlichen Jahren vorsteht, resignierte.

In einer Landtagsdebatte über die Gießener SDS-Affäre blieb der Staatssekretär freilich ungeschoren: CDU und NPD hatten gegen den Hochschul-Einsatz des Verfassungsschutzes nichts einzuwenden, die SPD-Abgeordneten schwiegen aus Parteidisziplin.

Damals wußten die Parlamentarier noch nicht, daß Günter Wetzel, der als Student auch Mitglied im SDS gewesen war, seinen perplexen Verfassungsschützern in einer Geheimbesprechung zwei Spitzel präsentierte, die er selber zwecks Überwachung des Frankfurter SDS angeworben hatte.

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