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Ruanda ZU HAUSE STERBEN

Nur wenige Flüchtlinge wagen die Rückkehr in ihre Heimat. Terror und Schreckenspropaganda der alten Machthaber halten sie in den Todeslagern von Zaire fest. Die Elendscamps sollen Ausgangsbasis für einen Partisanenkrieg gegen Ruandas neue Regierung werden. Die will die Killer zur Rechenschaft ziehen.
aus DER SPIEGEL 31/1994

Jeden Tag eine gute Tat: Das Gelöbnis ihres Bundes erfüllen Pfadfinder in der zairischen Stadt Goma auf makabre Weise. Sie helfen französischen Soldaten, städtischen Angestellten und Mitarbeitern von Hilfsorganisationen beim Bergen von Leichen.

In Khaki-Uniform, gegen den Verwesungsgeruch ein Tuch vor dem Gesicht, über den Händen Einkaufstüten aus Plastik - so packen die Burschen mit an und laden die am Straßenrand, in Höfen und Gärten herumliegenden Toten auf offene Lastwagen.

Gelegentlich testen die Leicheneinsammler mit einem Klaps ins Gesicht, ob der Aufgelesene wirklich tot ist. Daß Lebende mit abtransportiert werden, kommt dennoch vor: Ärzte in Goma pflegen derzeit ein Kind, das bereits in ein Massengrab gekippt worden war; in letzter Minute wurde es geborgen, weil es sich plötzlich bewegt hatte.

Die Pfadfinder bekommen sieben Dollar am Tag für ihren Einsatz. Experten halten die Beseitigung der Leichen für die wichtigste Maßnahme, um die Cholera einzudämmen, die unter den Flüchtlingen in den Lagern so schrecklich wütet wie die Pest im Mittelalter.

Die Seuche hat innerhalb von sieben Tagen 18 000 Menschen dahingerafft. Und das Massensterben unter den über eine Million Ruanda-Flüchtlingen in Zaire geht ungebremst weiter. Die Totengräber schaffen es im harten Lavaboden um Goma selbst mit Bulldozern und Sprengladungen nicht, genug Gruben auszuheben.

»Es besteht die schreckliche Notwendigkeit, Einäscherungsöfen nach Afrika zu bringen«, sagt der Uno-Untergeneralsekretär für Humanitäre Angelegenheiten Peter Hansen. Er beschwor die US-Regierung, »innerhalb von 48 Stunden« mehrere Verbrennungsöfen und 30 Lastwagen nach Goma zu senden.

Eile ist geboten, denn wenn die Epidemie weiter um sich greift, werden die Lager zu Friedhöfen. Die Flüchtlinge könnten diesem Schicksal entgehen, wenn sie dem Ruf des neuen Regimes in der Hauptstadt Kigali folgten und nach Ruanda heimkehrten. Doch nur wenige handeln wie Valens Ruvavangara, der sich mit seiner Familie auf den Weg zurück nach Gitarama machte.

»Zwei meiner Kinder sind umgekommen, und meine Frau ist sehr krank«, erzählte er Reportern an der Grenze. »Wenn ich schon sterben muß, dann lieber zu Hause.«

Insgesamt hatten bis Ende voriger Woche allenfalls 50 000 Ruander von Zaire her die Grenze Richtung Heimat überschritten. Die meisten Hutu (90 Prozent der Bevölkerung von Ruanda) fürchten die Rache der siegreichen Tutsi von der Ruandischen Patriotischen Front (RPF) mehr als die Cholera - zumal ihre Angst planmäßig angeheizt wird.

»Die RPF hat allen, die in Ruanda geblieben sind, die Augen ausgestochen und sie anschließend umgebracht«, verbreiten Hutu-Funktionäre über Sender wie »Radio Mille Collines« (siehe Kasten Seite 116).

In den Lagern streuen sie Gerüchte: Alle Rückkehrer würden gleich hinter der Grenze getötet. Die Panikmacher sind dieselben Funktionäre des alten Regimes, die erst zum Massenmord an den Tutsi und dann zur Massenflucht vor der RPF aufgerufen hatten.

Die Flüchtlinge in Angst zu halten ist für die mit dem Geld der Staatsbank geflohenen Regierungskader lebenswichtig. Wenn sie schon ihr Land verloren haben, so wollen sie wenigstens das Volk im Griff behalten. Die Flüchtlinge haben sie wie Geiseln an sich gebunden - ein Faustpfand, das ihren Machtanspruch weiterhin sichern soll.

Die Lager, so hoffen sie, könnten ihnen schon bald als Reservoir dienen, um Rekruten zum Guerillakampf gegen die neue Regierung zu gewinnen. Ihren Einfluß verteidigen diese Hutu-Führer deshalb mit allen Mitteln. Die Ruander wagen nicht, über Heimkehrpläne auch nur zu diskutieren - wann immer Journalisten mit Flüchtlingen sprechen, sind mißtrauische Aufpasser dabei. Sie bewarfen einen Reporter mit Steinen, der erzählte, daß die RPF Rückkehrer freundlich behandele. In Goma wurden zwei ruandische Soldaten umgebracht, die über die Grenze fliehen wollten.

Er wisse, daß die für die Massaker hauptverantwortliche Interahamwe-Miliz in den Lagern »sehr aktiv« sei, bestätigt der Sprecher des Uno-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR). Die Hilfsorganisationen befinden sich in einem Dilemma: Mit den Unschuldigen versorgen sie auch die Massenmörder - und tragen so womöglich zur Verlängerung des Krieges bei.

Die Nothelfer kennen diesen fatalen Mechanismus aus der Vergangenheit: Nach ihrer Niederlage zogen Kambodschas Rote Khmer mit Tausenden von Zivilisten nach Thailand. Dort kümmerten sich Uno und Rotes Kreuz um die Flüchtlinge, während die Kämpfer die Lager als Ausgangsbasen für einen Partisanenkrieg gegen das neue Regime in Pnom Penh benutzten. Und auch in Somalia ließ es sich nicht vermeiden, daß Bandenchefs einen Großteil der Flüchtlingshilfe abzweigten.

Mit ähnlichen Methoden will Ruandas vertriebene Hutu-Führungsclique den Machtkampf fortsetzen. Zaire-Präsident Mobutu, ein Verbündeter aus besseren Tagen, spielt dabei mit.

Offiziell mußten demoralisierte ruandische Soldaten und Milizen beim Grenzübergang ihre Waffen abgeben. Aber nachts durften ganze Einheiten geordnet und mit voller Ausrüstung nach Zaire wechseln. Bei einem Treffen mit Ruandas neuem Präsidenten Pasteur Bizimungu versprach Mobutu, alle Truppen zu entwaffnen. Doch ähnliches hatte er auch schon in Angola zugesagt - und dennoch die Unita-Rebellen heimlich aufgerüstet.

Politisch ist Mobutu, einer der dienstältesten und korruptesten Diktatoren Afrikas, der Krisengewinnler. Als möglicher Vermittler in Ruanda und Staatschef des Landes, über das die Hilfsaktionen laufen, hat sich der vom Westen weithin Geächtete wieder in eine Schlüsselposition gebracht. Franzosen, Amerikaner, Deutsche, alle Organisationen, die helfen wollen, müssen seine Regierung fragen - und für Genehmigungen kräftig zahlen.

Vorletzte Woche klagte die Uno-Hochkommissarin für Flüchtlinge Sadako Ogata, daß die Helfer in Goma immer wieder erpreßt würden. Obwohl die Zaire-Regierung auf Landegebühren für Hilfsflüge verzichtet hat, sollte die Besatzung einer Transportmaschine 17 000 Dollar zahlen. Soldaten blockierten die Startbahn, bis sie sich schließlich mit einigen hundert Dollar zufriedengaben. Von Großbritannien gestiftetes Gerät zum Entladen von Flugzeugen wollten die Zairer nur gegen eine Gebühr von 500 Dollar pro Stunde einsetzen.

Solche Schikanen bringen die Logistik der Flüchtlingshilfe durcheinander: Flüge werden verzögert, in den Depots vor Nairobi staut sich der Nachschub, während in den Lagern die Menschen um die knappen Hilfsgüter kämpfen.

Goma, eine riesige Brutstätte von Korruption, Revanchismus und Seuchen, muß entlastet werden: Darüber sind sich alle Helfer einig.

Der amerikanische Flüchtlingsexperte Lionel Rosenblatt hat vorgeschlagen, »Anreize für die Rückkehr zu schaffen, damit die Ernte noch eingebracht werden kann, ehe sie verrottet«. Flüchtlinge sollten »Repatriierungs-Pakete« erhalten, Taschen mit Marschverpflegung und Medikamenten, dazu eine Starthilfe für den Neuanfang im Heimatdorf. Um den Menschen die Angst vor Repressalien zu nehmen, müßten zudem überall in Ruanda Uno-Beobachter stationiert werden.

Die RPF-Regierung hat bei allen Rückkehraufrufen immer betont, daß die für die Massaker Verantwortlichen nicht mit Gnade rechnen könnten. »Einige Leute haben eine Menge Blut an ihren Händen«, sagt Paul Kagame, 37, Militärführer der RPF und jetzt Vizepräsident und Verteidigungsminister in Kigali, »die müssen sich verantworten.«

Zur Ergreifung der Mörder wurden Kriegsverbrecher-Listen mit bis zu 100 000 Namen zusammengestellt, in denen allein 22 000 Regierungsangestellte summarisch als Schreibtischtäter erfaßt sind. Die Existenz dieser Fahndungspapiere bestätigt für viele Hutu das Feindbild von der RPF als »Schwarzen Khmer«. Die Patriotische Front wolle alle Akademiker umbringen, behauptet der nach Goma geflohene Hutu-Arzt Alphonse Harerimana: »Die wollen nur Bauern, Leute, die arbeiten und keine Fragen stellen.«

»Wir haben keine Kenntnisse darüber, daß Rückkehrer getötet wurden«, sagt dagegen UNHCR-Sprecher Ray Wilkinson. Bisher haben sich die RPF-Soldaten im allgemeinen diszipliniert verhalten. »In ihren Augen brennt nicht das Feuer der Unberechenbarkeit«, so ein britischer Reporter.

Der Uno-Militärbeauftragte in Ruanda, Generalmajor Romeo Dallaire aus Kanada, möchte die Hauptstadt Kigali, deren Flughafen wieder für Hilfsflüge geöffnet wurde, zu einem »Magneten für die Flüchtlinge« machen: »Autos könnten Hilfsgüter nach Goma transportieren und auf dem Rückweg als Taxen für Flüchtlinge dienen.«

Ein Konvoi von sechs Lastwagen des Uno-Welternährungsprogramms fuhr in der vergangenen Woche von Kigali nach Goma und verteilte unterwegs Lebensmittel an heimwärts wandernde Flüchtlinge. Mit Hilfe der Amerikaner sollen 30 Transitstationen eingerichtet werden, um Rückkehrer an festen Punkten zu versorgen.

Bislang sind Heimkehrer in Ruanda fast ganz auf sich allein angewiesen. Denn die gewaltige Hilfsaktion konzentriert sich auf Zaire. Dabei ist Ruanda ein weithin zerstörtes Land.

Von Kampfhandlungen verschonte Gebäude wurden geplündert. In dem einst am dichtesten besiedelten Staat Afrikas sind ganze Landstriche verwaist. Zwar bieten Händler in einigen Provinzstädten wie Ruhengeri auf improvisierten Märkten Tomaten, Seife und sogar Toilettenpapier an. Aber Leitungswasser und Strom gibt es nicht einmal in der Hauptstadt Kigali.

Dort führt die provisorische Regierung ihre Geschäfte von einem halbzerstörten Hotel aus. Premierminister Faustin Twagiramungu, ein Hutu, beklagt, daß immer noch geplündert werde. Er will Maßnahmen gegen Rückkehrer einleiten, die unberechtigt in fremde Häuser eingezogen sind. Aus Uganda eingereiste Tutsi eigneten sich die Läden geflohener Hutu an.

Bedeutet der Machtwechsel in Kigali also doch nur, daß die unterdrückten Tutsi nun selbst wieder zu Unterdrückern der Hutu werden? Immerhin: Das Kabinett beschloß, den Hinweis auf die ethnische Zugehörigkeit in den Pässen abzuschaffen. Ruanda leidet am Schock über das Schreckliche.

»Die christliche Botschaft der Nächstenliebe ist nicht befolgt worden«, klagte Bischof Thaddee Nsengiyumva aus der Provinzstadt Byumba. Die treuesten Kirchgänger hätten »als erste die Machete ergriffen« und sich den Mordbanden angeschlossen, als die Jagd auf die Tutsi-Brüder begann. »Nach einem Jahrhundert der Evangelisierung müssen wir nun von vorn anfangen.«

Bischof Nsengiyumva kann beim Neuanfang nicht dabei sein. Kämpfer der RPF töteten den Kirchenvater, nachdem sie Byumba erobert hatten. Es war einer der wenigen Fälle, in denen Übergriffe der Rebellen gegen Hutu-Zivilisten bekanntwurden. Y

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