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Briefe

»Zu Kreuze gekrochen«
aus DER SPIEGEL 16/2007

»Zu Kreuze gekrochen«

Nr. 15/2007, Titel: Was vom Menschen bleibt - Der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele

Wäre uns wichtiger, was unsere Seelen lebendig hält, dann würde vielleicht unwichtiger, ob unsere Seelen sterblich sind.

DÜSSELDORF ELKE HELLWEG

Um Sigmund Freud zu zitieren: »Was sollte mich veranlassen, unter allem kursierenden Schwachsinn gerade diesen einen zu glauben?« Was Frau Kübler-Ross und andere tun, ist so, als bitte man Leute, die gerade ihr Flugzeug zum Urlaubsort besteigen, um einen brauchbaren Reisebericht. Und die konnten sich wenigstens vorab informieren.

BERLIN ULRICH STULLE

Für nicht akzeptabel halte ich die sich mit dem Mantel der Wissenschaft schmückende Antwort auf die Jenseits-Frage, eine unsterbliche Seele existiere deswegen nicht, weil sie sich auch bei sorgfältigster Spurensuche nicht finden lasse. Erfreulich, dass der SPIEGEL sich endlich deutlich von dieser anmaßenden Haltung distanziert.

NORTHEIM (NIEDERS.) WERNER KAMMEYER

Alles aus. Oder nicht? Eine Maus kümmert's nicht.

WIEN FRANZ KUMPFMÜLLER

Wenn man auf der Suche nach der Beantwortung dieser letzten Frage die einschlägige Literatur durchforstet hat, weiß man letztendlich nichts. So viele Hypothesen, Ansichten, Erkenntnisse, so viel Genialität, die alles auf eine Formel reduzieren! Diese Vorbelastung sollte man in einer sehr stillen Stunde von sich werfen und diejenige fragen, um die sich alles dreht: die eigene Seele. Die Antwort kommt als Ahnung und ist mehr wert als alles angehäufte Wissen.

MÜNCHEN BRANKA PRUCKER

Die Seele, was kann das sein? Eigentlich nur unsere Gedankenwelt. Das beginnt

kindlich-lallend, wird später konkreter, selten großartig. Dann kommt der Abstieg, das Wiederkäuen nichtiger Ereignisse im Alter. Das also soll das Überleben wert sein? Und was wird dazu aufgeboten, wer deckt den Wechsel? Gott, der Sohn, die Jungfrau, Päpste noch und noch und Myriaden von Heiligen, ausgedrückt in Bildern, bejubelt in Gesängen, Hollywood-Filmen und TV-Spektakeln, erhärtet in uralten Mythen, in einem Schwall esoterischer Phrasen. Reich-Ranicki hat schon recht: Gewisse Melodien von Mozart und Beethoven währen ewig - und auch nur dann, wenn es noch Menschen gibt, die sie hören.

SEEBRUCK (BAYERN) GERHARD KEPPNER

Spätestens seit Darwin wissen wir, der Mensch ist ein Teil der Natur. Durch Geld- und Machtgier ist er zu einem bestialischen Parasiten mutiert. Der Sinn der Welt wird durch die Evolution bestimmt. Warum sollte sie etwas, was sie für ihr Ziel nicht benötigt, zur Ewigkeit verdammen?

SAARBRÜCKEN GERHARD EBEL

Einst sprach ein Atheist: »O armer Christ, wie du betrogen bist, wenn der Himmel eine Fabel ist.« Dann sprach der Christ: »O armer Atheist, wie du betrogen bist, wenn die Hölle keine Fabel ist.«

SULZBACH-LAUFEN (BAD.-WÜRTT.) FRIEDEMANN HÄGELE

Ihre Titelgeschichten mit weltanschaulichem Inhalt aus letzter Zeit erinnern mich an den Bruch Friedrich Nietzsches mit Richard Wagner wegen des Vorwurfs, »zu Kreuze gekrochen« zu sein.

EPPSTEIN (HESSEN) DIETRICH MAYER

Sie schreiben: »Naturwissenschaftler betrachten die Idee der Unsterblichkeit der Seele meist als bloße 'Weltbildtröstung' (Detlef Linke), der nichts Wirkliches entspreche.« Professor Dr. Detlef B. Linke, mein verstorbener Mann, hat in seinem Buch »Das Gehirn« lediglich eher bedauernd darauf hingewiesen, dass der Mensch seine Hoffnung auf eine nüchterne Hirnforschung setzt, welche aus methodischen Gründen jene Weltbildtröstungen beiseiteschiebt, die Denken, Bewusstsein und Gefühl als unabhängig vom vergänglichen Gehirn ansehen. Denn: »Der Geist ist mehr als unser Hirn«, so heißt es schon im Untertitel seines Buchs »Das Gehirn - Schlüssel zur Unendlichkeit«. Er schreibt dort: »In der Liebe zu Gott und dem Lob Ihm gegenüber können wir die Fülle der Unendlichkeit erahnen oder, um es in der Sprache der ganz Mutigen zu sagen, an ihr teilhaben.«

MECKENHEIM (NRDRH.-WESTF.) INGEBORG LINKE

»Papa - wenn man tot ist, weiß man doch gar nicht, dass man tot ist«, meinte meine siebenjährige Tochter jenseits philosophischer und theologischer Spitzfindigkeiten. Vielleicht wäre eine weiblich ausgerichtete Metaphysik fruchtbarer als der zelebrierte religiöse Machowahn, der von alters her dem Testosteron-Motto folgt: »Willst du nicht mein Glaubensbruder sein, schlag ich dir den Schädel ein.«

BAD NEUENAHR-AHRWEILER (RHLD.-PF.) HANS SCHOLZ

* Gemälde von Raffaellino del Garbo, um 1505.

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