TÜRKEI Zu Mittag in Damaskus
Die Kriegs- und Revolutionsjahre hatten ihm zugesetzt, die Zigaretten und sein geliebter Anisschnaps nicht minder. Mustafa Kemal Atatürk, der »Vater der Türken«, war krank und hinfällig geworden, und so ging er daran, sein Haus zu bestellen. Mit den alten Kriegsgegnern England, Frankreich und Griechenland hatte er sich längst versöhnt; nun folgten, im Juli 1937, die östlichen Nachbarn: Iran, Irak und Afghanistan.
Kurz nach Abschluß des Freundschaftspakts stellten ihm die Ärzte die fatale Diagnose: Leberzirrhose. Am 10. November 1938 starb der Republikgründer - nicht ohne seinen Landeskindern ein großes Wort zu hinterlassen: »Yurtta sulh, cihanda sulh« - Friede im Lande, Friede in der Welt.
Sechzig Jahre nach Atatürks Tod und drei Wochen vor den großen Jubelfeiern zum 75. Jahrestag seiner Republik stehen die Erben vor dem Bruch mit seinem Vermächtnis. Die türkische Armee marschiert an der 880 Kilometer langen Grenze zu Syrien auf - entschlossen, so Außenminister Ismail Cem, »zu tun, was notwendig ist. Wir haben die Macht, die Erfahrung, den Glauben und den Mut dazu«. Generalstabschef Hüseyin Kivrikoglu sprach von einem »unerklärten Krieg«, und das Parlament in Ankara setzte dem Regime in Damaskus eine »letzte Frist«.
Der Nahe Osten, aber auch die Nato-Partner der Türkei wurden von dem plötzlichen Ausbruch des Konflikts völlig überrascht. Die Auswirkungen könnten weit reichen: In einer vertraulichen Botschaft ließ Syriens Staatschef Hafis el-Assad den US-Präsidenten Bill Clinton in Washington wissen, daß ein Angriff der türkischen Armee auf sein Land zu einem »vollständigen Zusammenbruch des Friedensprozesses« in der Region führen werde.
Das türkische Militär scheint entschlossen, ein für allemal mit der Bedrohung durch die separatistische Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) aufzuräumen. Der Guerrillakrieg, den die Kämpfer der PKK seit 14 Jahren im Südosten der Türkei für einen unabhängigen Kurdenstaat führen, hat auf beiden Seiten mehr als 30 000 Opfer gefordert.
Immer wieder verfolgten türkische Truppen die Rebellen in den Nordirak, wo sie ihnen empfindliche Schläge versetzten. PKK-Chef Abdullah Öcalan, genannt »Apo«, Onkel, mußte schwere Niederlagen hinnehmen. Aber die Generäle in Ankara wissen, daß sie die PKK nicht ganz ausschalten können, solange deren Partisanen in Syrien und im syrisch kontrollierten Libanon sicheren Unterschlupf finden.
Binnen 45 Tagen, so beschloß nun das türkische Parlament, solle Syrien alle Forderungen erfüllen, die Ministerpräsident Mesut Yilmaz vor den Abgeordneten aufgezählt hatte: Damaskus müsse Öcalan ausliefern, alle PKK-Lager in Syrien und in der libanesischen Bekaa-Ebene schließen sowie alle Kurdenkämpfer aus dem Land weisen. »Ich warne nicht nur Syrien, ich warne die Welt. Das kann so nicht weitergehen«, bekräftigte Staatspräsident Süleyman Demirel.
Die türkischen Medien verfielen in einen Taumel, der an die Prahlsucht des wilhelminischen Deutschland erinnerte: Von »rotznäsigen Syrern« ging die Rede, die man »im Wasser ersaufen« solle; die mangelnde Anerkennung der Welt für die »große« Türkei wurde beklagt. Die nationalkonservative Tageszeitung »Hürriyet« zitierte einen hohen Militär mit der Ankündigung, der Krieg werde ein Spaziergang: »Zu Mittag sind wir in Damaskus.«
Die Syrer wiederum glaubten genau zu wissen, wer hinter dem martialischen Gepränge stecke: der Erzfeind Israel, mit dem die Türkei seit 1996 militärisch eng zusammenarbeitet. Die beiden Partner halten gemeinsame Manöver ab, die Türken lassen ihre F-16-Kampfjets in Israel modernisieren, und israelische Piloten üben im weiten Luftraum über Anatolien.
Das hat in Damaskus akute Ängste vor einer Einkreisung geweckt. »Die Spannungen werden lange anhalten, die Lage wird weiter eskalieren. Das nützt allein Benjamin Netanjahu und seiner Politik«, sagt Außenminister Faruk el-Schara.
So wie Israel die syrischen Golanhöhen besetzt halte, wolle die türkische »Militärjunta« einen Grenzstreifen im Norden als Pufferzone okkupieren, glauben die Politiker in Damaskus. »Ankara will versuchen, eine Tür auf einer Breite von fast 900 Kilometern aufzustoßen«, meint ein syrischer Generalstabsoffizier. »Aber diese Tür läßt sich nicht wieder schließen. Dann wird die Junta erleben, was ein wirklicher Guerrillakrieg ist.«
So explosiv kam dem ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak die Lage vor, daß er sich vorigen Dienstag als Vermittler nach Ankara begab. Dort überreichte ihm sein türkischer Kollege Demirel ein Dossier für die Syrer; es enthielt Öcalans angebliche Adresse in Damaskus, seine Autokennzeichen, seine Telefonnummern sowie Zeugnisse westlicher Politiker, die »Apo« in Syrien getroffen haben.
»Wenn es zu einem Krieg kommt, wird sich die arabische Welt gegen Sie stellen«, warnte Mubarak. Demirel erwiderte, die Türkei bemühe sich seit 14 Jahren um einen Dialog mit Damaskus, dennoch müsse man täglich »Märtyrer« des Kampfes gegen den Terrorismus begraben.
Rätselhaft blieb nur, warum die Regierung in Ankara gerade jetzt ihre Kriegsgesänge anstimmte, denn die Vorwürfe gegen Syrien sind allesamt seit langem bekannt: Assad benutzt die PKK als Stachel, um die »egoistischen und anmaßenden Nachfahren der Großtürken« (Radio Damaskus) piesacken zu können.
Die nach dem Ersten Weltkrieg von den Siegermächten willkürlich gezogene Grenze des neuen Staatswesens Syrien ist bis heute umstritten. In Schulatlanten sind die türkischen Städte Iskenderun und Antakya als syrisch eingetragen. Die gesamte Provinz Hatay, die wie ein Finger nach Syrien hineinragt, fiel erst 1939 an die Türkei. Damaskus hat sich bis heute geweigert, die Abtretung anzuerkennen.
Zudem hält Ankara immer wieder mal dringend benötigtes Euphrat-Wasser zurück. Seit dem Ausbau gewaltiger Staudamm- und Bewässerungsanlagen kann die Türkei ihren Nachbarn Syrien und Irak jederzeit die Lebensadern Euphrat und Tigris durchtrennen. Verhandlungen über die gerechte Wasseraufteilung sind seit Jahren festgefahren.
Die PKK setzt Assad deshalb genauso als Faustpfand gegen die Türkei ein wie die Hisbollah im Libanon gegen Israel. Sollte Assad, wegen seines unberechenbaren Taktierens als »Sphinx von Damaskus« verrufen, sich diesmal verrechnet haben? Wie beim Serben Milosevic besteht seine Politik oft aus einer Gratwanderung am Abgrund; als wäre er von Spielleidenschaft getrieben, erhöhe er den Einsatz bis zum Äußersten, um die Grenzen des Gegners auszuloten, hat der irakische Politologe Ghassan Atijja beobachtet.
Deshalb ist es kaum vorstellbar, daß Assad bald einlenkt und sich dem Ultimatum der Türken beugt. Seit dem Aufmarsch der türkischen Truppen soll Öcalan ohnehin nicht mehr in Damaskus residieren. Angeblich ist der Kurdenführer in den Nordirak geflohen.
Käme es zu einer bewaffneten Auseinandersetzung, träten zwei militärische Giganten gegeneinander an. Syrien unterhält mit 320 000 Soldaten eine der größten stehenden Armeen des Nahen Ostens; die türkischen Streitkräfte sind mit 640 000 Mann sogar doppelt so stark. Zudem können beide Seiten im Kriegsfall Hunderttausende von Reservisten einberufen.
Aber das Gros der syrischen Streitkräfte ist im Süden stationiert, weit weg von der neuen Krisenregion. Eine Verlegung nach Norden bei gleichzeitigem Schutz der Südgrenze gegen den türkischen Partner Israel würde Assads Generäle vor Probleme stellen. Deshalb verläßt Syrien sich gern auf seine Abschreckungswaffen: Präsident Assad gebietet über 1000 Kurz- und Mittelstreckenraketen, von denen sich viele wohl auch mit chemischen Sprengköpfen bestücken ließen.
Gegen die böten auch die dichtgestaffelten türkischen Grenzbefestigungen keinen Schutz. Östlich von Mardin, wo beiderseits der Grenze Kurden wohnen, steht alle paar hundert Meter ein Wachturm. »Daß hier einer unbeobachtet die Grenze überschreitet«, sagt der diensthabende Unteroffizier, »ist fast ausgeschlossen.«
Er kommandiert den Grenzposten in Karkamis, wo der Euphrat nach Syrien fließt; »Önce vatan« und »Hudut namustur« heißt es über dem Eingang der Kommandantur: »Das Vaterland zuerst« und »Die Grenze ist unsere Ehre«. Der Unteroffizier und seine Männer haben seit Anfang letzter Woche Urlaubssperre. Auf die Frage, ob er mit Krieg rechne, fragt der Wachführer streng zurück: »Was halten Sie eigentlich von der PKK?«