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UNGARN Zu naiv

Der bekannte Regimekritiker Laszlo Rajk, Sohn des als »Staatsfeind« hingerichteten Außenministers, wollte für die Parlamentswahlen kandidieren - fast wäre es ihm gelungen. *
aus DER SPIEGEL 19/1985

Wahlkampf in Ungarn: In der Kantine des staatlichen Außenhandelsunternehmens »Mogürt«, nahe der Budapester Elisabethbrücke, saßen 300 Männer und Frauen gelangweilt in einer Versammlung der »Patriotischen Volksfront«, um - wie es das ungarische Wahlgesetz vorschreibt - für die Parlamentswahlen im Juni »mindestens zwei Kandidaten zu nominieren«.

Daß es zwei sein sollen und nicht, wie in anderen kommunistischen Staaten üblich, nur einer, hatte die ungarische KP bei der letzten Wahlrechtsreform ausdrücklich verlangt, um damit Fortschritt an Demokratie zu demonstrieren.

Um den erlaubten »Pluralismus« auch sicherzustellen, muß die »Patriotische Volksfront«, Ungarns nur bei Wahlen aktive und von der Partei unauffällig kontrollierte Massenorganisation, mindestens zwei Wahlveranstaltungen in jedem Bezirk einberufen.

Auf der ersten »Mogürt«-Versammlung meldete sich ein fast zwei Meter großer Mann im mittleren Alter zu Wort und erklärte sich bereit, zu kandidieren.

Er trug vor, was sich in Ungarn ändern soll: Die Kluft zwischen Armen und Reichen dürfe nicht größer werden, über den umstrittenen Bau einer Donau-Staustufe müsse eine Volksbefragung entscheiden und für die verfolgte ungarische Minderheit in Rumänien hätte die Regierung endlich etwas zu unternehmen.

Beifall kam auf. Schließlich waren 150 der Anwesenden bereit, die Kandidatur des Veränderers zu unterstützen. Weitere Kandidaten meldeten sich nicht. Wie es das Wahlgesetz vorschreibt, wurde der Name des Bewerbers für einen Parlamentssitz auf die Liste der Volksfront gesetzt - ein Name, der wie kein anderer in Ungarn politische Auseinandersetzungen auslöst: Laszlo Rajk.

Denn Laszlo Rajk junior, 37, Architekt und Bühnenbildner in Budapest, ist der einzige Sohn eines ebenso berühmten wie berüchtigten Vaters. Jener Laszlo Rajk war Politbüro-Mitglied und nacheinander Innen- und Außenminister im kommunistischen Nachkriegskabinett, bevor er 1949 auf Befehl Stalins als »amerikanischer Spion« und »titoistischer Verräter« mit 40 Jahren zum Tode verurteilt und gehenkt wurde. Sohn Laszlo war damals ein Jahr alt und wurde in ein Parteiheim gesteckt.

Die Hintergründe des Prozesses sind bisher in der öffentlichen Diskussion tabu, auch die Frage nach der Rolle, die der heutige Parteichef Janos Kadar - auch er später als »Abweichler« verhaftet und gefoltert - bei der Vorbereitung spielte. Gerüchte sagen, er habe Rajk damals in der Zelle zu einem Schuldbekenntnis überreden wollen, um so dessen Kopf zu retten.

Anfang Oktober 1956, wenige Wochen vor dem Ungarischen Volksaufstand, wurde der hingerichtete Spitzengenosse durch eine makabre Szene rehabilitiert. Die verunsicherte Parteiführung ließ die Leiche des angeblichen Staatsfeindes in einem pompösen Staatsbegräbnis auf den Budapester Prominenten-Friedhof »Kerepesi« umbetten. Am Grab standen auch Rajks Frau Julia und der damals achtjährige Sohn Laszlo.

Inzwischen ist der ermordete Laszlo Rajk in Ungarn wieder geachtet, eine Straße in Budapest und mehrere Institutionen

im Lande sind nach ihm benannt. Sein Sohn, beim staatlichen Industrie-Planungsunternehmen »Ipartrv« angestellt, gehört seit Jahren zu Ungarns prominentesten Regimekritikern.

Nach einem Studium an der Uni im kanadischen Montreal gründete er zusammen mit den ungarischen Schriftstellern György Konrad ("Der Stadtgründer") und Miklos Haraszti ("Stücklohn") einen Diskutierklub, der für die Achtung der Menschenrechte und mehr Demokratie in Ungarn eintritt, ohne die Bindung des Landes an das sozialistische Lager in Frage zu stellen.

In seiner Wohnung in der Budapester Innenstadt eröffnete Rajk junior vor vier Jahren eine »Bücher-Boutique«, in der er regelmäßig an jedem Dienstagabend ungarische Samisdat-Literatur, vor allem die Untergrund-Zeitung »Beszelö« (Die Sprechzeit), verkaufte.

Dieser Stubenladen in der Galamb utca, Treffpunkt der Opposition, wurde der Partei zum ernsthaften Ärgernis. Nach anfänglichem Stillhalten ließ sie im Januar 1983 die Wohnung unter einem Vorwand von der Polizei räumen - ohne freilich damit die Aktivitäten der Opposition stoppen zu können.

Denn die radikalen Demokraten haben längst Kontakte und Gedankenaustausch mit der Bürgerrechtsbewegung in der CSSR, »Charta 77«, und der verbotenen Gewerkschaft »Solidarität« in Polen hergestellt. Sie setzten eine öffentliche Diskussion über die »neue Armut« im sozialistischen Ungarn in Gang und arbeiten eng mit der ungarischen Friedensbewegung sowie mit Bürgerinitiativen für den Umweltschutz zusammen.

Rajk wurde Sprecher, läßt sich aber nur ungern einen Oppositionellen nennen. Er versteht die Aktivitäten seines Freundeskreises als Zeichen eines »heimischen Pluralismus« und wurde deshalb mehrmals von der Polizei beschattet, festgenommen, aber nie angeklagt.

Die ungarische KP, deren Reformflügel in sozialpolitischen Fragen mitunter gleicher Meinung ist wie die Systemkritiker, hält die Aktionen der demokratischen Opposition denn auch nicht für Widerstand gegen die Staatsgewalt, sondern, wie es das Parteiblatt »Nepszabadsag« ausdrückte, »für eine Störung der Partei bei der Reformarbeit«.

Der jüngste Auftritt von Rajk junior ging freilich auch den Wohlwollenden zu weit: Der Gedanke, einen so prominenten wie eloquenten Kritiker im Parlament sitzen zu haben, konnte bei der Parteiführung nur Alpträume auslösen.

Die Kaderpartei befahl Disziplin. Bei der zweiten Kandidaten-Kür in der Firma »Mogürt« war die Kantine mit zuverlässigen Genossen überfüllt, die sich sofort daranmachten, das günstige Image des unerwünschten Kandidaten Laszlo Rajk abzubauen: Er habe bisher weder etwas für die Partei noch die Gesellschaft getan und führe das Leben eines Parasiten.

Bei der abschließenden Abstimmung waren von den angeblich über 1000 Anwesenden nur noch wenige dafür, Rajk junior ins Parlament zu schicken. Laut Protokoll der »Patriotischen Front« habe der Bewerber auf beiden Wahlveranstaltungen zusammen nur 27 Prozent der abgegebenen Stimmen bekommen - knapp zu wenig für das zu einer Nominierung geforderte Drittel. Nachgezählt hat die Stimmen freilich keiner.

Gleichwohl ist die Rajk-Gruppe nicht entmutigt und hat in einem Gespräch mit dem Chef der »Patriotischen Front« gegen Manipulationen bei der Kandidatenwahl protestiert.

Rajk: »Die Sache war für uns ein Test. Wir waren zu naiv und werden uns beim nächsten Mal schlauer anstellen.«

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