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Briefe

ZU NEUEN PLÄNEN
aus DER SPIEGEL 21/1959

ZU NEUEN PLÄNEN

Es gibt keine »westdeutsche Schule«, genausowenig wie es eine »westdeutsche Kultur« gibt. Unser Staatswesen und darüber hinaus das gesamte deutsche Kulturgebiet, das mit dem deutschen Sprachgebiet in Mitteleuropa nahezu identisch ist, sind seit alters her in zahlreiche Regionalkulturen gegliedert, die aus den Stammesstaaten des alten Reiches hervorgegangen sind.

Garching (München) BENNO GRIEBEL

Die Leistung der Volksschüler ist im Durchschnitt mäßig. Sie sind den Anforderungen kaum gewachsen. Der Bildungsausschuß folgert daraus nicht (psychologisch und soziologisch): Für die in der Leistungsfähigkeit beeinträchtigten Kinder - verstärkte nervliche Belastung durch außerschulische Anforderungen, unsichere Lage infolge widriger Familienverhältnisse - müssen die Ziele tiefer gesteckt werden. Er folgert vielmehr (bildungsphilosophisch und kommerziell): Das bewährte Alte muß erhalten, das von der Wirtschaft her erforderliche Neue hinzugefügt werden. Das erinnert an die maghrebinische Geschichte, in der von faustgroßen Bienen erzählt wird und der Aufschneider auf den Einwand, daß die doch nicht durchs Flugloch könnten, antwortet: »Quietscht, aber geht!«

Berlin-Hermsdorf FRITZ GRAAP

Jede Reform der Volksschule ist illusorisch, solange die Disziplin nicht besser wird. Man fange doch beim Nächstliegenden an; jeder Lehrer, speziell in der Stadt, wird zugeben, daß er glatt 10 bis 20 Prozent mehr schaffen könnte, wenn er ausreichende, einfache und prompt wirkende gesetzliche Disziplinarbefugnisse besäße, um die winzige Minderheit der Störenfriede zu besserer Selbstbeherrschung zu zwingen. Man gebe ihm diese Handhaben, und die Volksschule ist schneller und kostenlos besser reformiert als durch jede langwierige und teure Reform.

Hamburg-Blankenese ERNST TYLMANN

Was spielt sich denn eigentlich ab? Die »moderne Industriegesellschaft« - das »vulgus« in der Sprache der alten Humanisten - hat sich die Bastionen der alten »Bildung« erobert. Nun ist man daran, die letzten Relikte zu beseitigen, etwas ärgerlich darüber, daß sie, wenn auch weitgehend ausgeleert, noch immer

so ein zähes Leben besitzen. Die Technik des Vorgangs: Man usurpiert, um nun endlich auch die Form zu vernichten, den alten Namen »Gymnasium« für etwas, was offensichtlich nur eine vollkommen, das heißt bis zur Hochschulreife ausgebaute Volksschuloberstufe ist. Man drängt das wirkliche Gymnasium unter dem lächerlichen neuen Namen »Studienschule« auf ein Nebengeleise ab, wo es durch Ausnahmebestimmungen zum Aussterben verurteilt wird. Denn wer wird den neunjährigen Weg durch drei Fremdsprachen noch einschlagen wollen, wenn es daneben jetzt den siebenjährigen Weg mit »Förderstufe« durch zwei Fremdsprachen gibt, der zum gleichen Ziel führen soll?

Oberstdorf (Allgäu) HERMANN REHBACH

Studienprofessor

Die moderne Industriegesellschaft braucht neben Abiturienten Menschen, deren theoretisches Wissen sich auf einer erlernten, praktischen Tätigkeit aufbaut. Diesen technisch und praktisch veranlagten Jugendlichen ist durch den Besuch der Förderklassen der Berufsschule (Berufsaufbauschule) die Möglichkeit gegeben, ein Abschlußzeugnis zu erlangen, das zusammen mit dem Lehrabschlußzeugnis zum Studium an technischen Lehranstalten, wie zum Beispiel Bau- oder Ingenieurschulen, berechtigt. Diese Querverbindung Volksschule - Berufsschule - Lehre - Berufsaufbauschule - Technikum - und bei gutem Abschlußzeugnis einer Ingenieurschule sogar die Zulassung zum Hochschulstudium - ist leider in diesem Reformplan unberücksichtigt geblieben.

Kaiserslautern G. SICKER

Gewerbeoberlehrer

Was soll man davon halten, wenn man erfährt, daß der neue Plan den schon jetzt untragbaren Fehlbedarf an Lehrkräften und Schulraum noch erheblich steigern würde? Angesichts des heute noch immer gewaltigen Fehlbedarfs ist es unverständlich, wie man glauben kann, dadurch Abhilfe zu schaffen, daß man diesen Fehlbedarf noch erheblich vergrößern will. Die Auffassung, daß der Bildungsbegriff des deutschen Idealismus der heutigen geistigen und gesellschaftlichen Lage nicht adäquat sei, gilt es energisch zu bekämpfen. Unser heutiges Dilemma auf zahlreichen Gebieten des Lebens rührt ja gerade von dem ständig wachsenden Materialismus her. Nur möglichst universell gebildete Geister mit idealistischer Lebenshaltung können Herren einer immer gewaltiger werdenden Techik bleiben.

Hamburg 22 DR. GEORG HEYL

1. Vorsitzender des Hamburger Elternbundes e.V.

Ist nicht noch viel wichtiger als ein Rahmenplan, mit dem nur der Schulaufbau und die Auslese der Begabten geregelt werden, eine Reform, die die Auswahl des Lehrstoffs und die Art seiner Erledigung regelt?

Linx (Baden) RICHARD POTTHOF

Bei einer Überschwemmung laufen sie mit Wassereimern, weil sie glauben, es gelte, eine Feuersbrunst zu löschen.

Hamburg 20 KARL HEINRICH HETTLING

Berliner Morgenpost

»Mal sehen, wie das bestraft wird!«

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