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»Zu Neujahr eine Hungersnot«

Rebellion im Kaukasus, Angst vor einem Katastrophenwinter, drohende Hungeraufstände - mit der Schocktherapie Marktwirtschaft hofft Rußlands mächtiger Präsident Boris Jelzin den Sturz ins Elend noch abwenden zu können. Auf seiner ersten Auslandsreise nach dem Putschversuch sucht Jelzin Hilfe in Deutschland.
aus DER SPIEGEL 47/1991

Lange galt er im Westen als Demagoge, unausgeglichen und unberechenbar, dieser Bauingenieur aus der Ural-Stadt Jekaterinburg (Swerdlowsk), den Michail Gorbatschow einst aus dem Politbüro verstoßen hatte. Jetzt ist Boris Jelzin, 60, ganz oben: Als Präsident von Rußland residiert er im Moskauer Kreml, gleich nebenan von Gorbatschow, dem Präsidenten einer nicht mehr vorhandenen Sowjetunion, der nur noch Leiter eines »Koordinationsorgans« ist, so Jelzin.

Der silberhaarige Irrwisch hat sich selbst auch noch zum Regierungschef Rußlands befördern lassen und bezieht in dieser Eigenschaft demnächst das Gebäude am Alten Platz, das vormals dem allmächtigen ZK der KPdSU als Hauptquartier diente. Jelzin hat die Staatspartei in Rußland schlicht verboten.

Das Ende des Kommunismus nach dem gescheiterten August-Putsch der KP-Fossile veränderte nicht nur das Land und damit die Welt, der plötzliche Sieg über die Frondeure verwandelte auch den Populisten Jelzin: Staatsmännische Selbstsicherheit ist ihm zugewachsen, gelassen schultert er jene schier untragbare Bürde, die ihn - er weiß es - in die Konfrontation mit seinem Volk führen kann und in den Konflikt mit den anderen Nationalitäten der ausgedienten UdSSR.

Der Volksliebling nimmt in Kauf, mit seinem Reformprogramm zum verhaßtesten Mann im Land zu avancieren. Mit einer Schocktherapie a la Polen will Jelzin im russischen Alleingang binnen eines Jahres den Staatskapitalismus liquidieren: Die Hälfte aller Klein- und Mittelbetriebe sollen privatisiert, die Mammutunternehmen entflochten und die Preise (außer für Energie, Milch und Wodka) freigegeben werden. Die Iswestija rechnet mit »nicht mehr als 200 bis 300 Prozent Preisanstieg«.

Auf die Ankündigung reagierten die Bürger mit Hamsterkäufen von Brot, dessen Preis versechsfacht wurde. Ein Laib Weißbrot kostet fünf Rubel. 19 Millionen der ärmsten Russen haben Monatseinkünfte bis zu 150 Rubel (Marktwert in Devisen: 2 Mark).

Zum Ausgleich sollen die Moskauer Warengutscheine für 60 Rubel bekommen, und zwar gleich in den 4500 Einzelhandelsgeschäften, die allesamt in private Hände übergehen.

Die Furcht ums tägliche Brot ist wohlbegründet: Von der ohnehin knappen Getreideernte konnte der Staat nur halb soviel aufkaufen wie voriges Jahr; die Bauern halten ebenso wie Industrie und Handel ihre Waren in Erwartung einer Währungsreform zurück.

Hunderttausende Hektar wurden gar nicht abgeerntet. In Sibirien plündern bereits Hungernde Eisenbahnwaggons mit Lebensmitteln. In Jelzins Heimatstadt Jekaterinburg, einem Industriezentrum, gibt es Brot nur noch auf Karten (300 Gramm pro Tag).

Für den Winter hat die Staatssicherheit Hungeraufstände, Pogrome gegen Privathändler und einen Massensturm auf staatliche Warenlager vorausgesagt. Kasachstans Präsident Nursultan Nasarbajew kündigte an, »daß es schon zu Neujahr in vielen Gegenden der Sowjetunion zu einer Hungersnot kommt. Wenn nicht rechtzeitig geholfen wird, ist das Volk dort bereit, jede Diktatur zu akzeptieren«. Er forderte Nahrungsmittel aus dem Ausland und die Stundung der westlichen Kredite; für diese Woche schon mag Hilmar Kopper, Vorstandssprecher der Deutschen Bank, nicht ausschließen, daß Moskau seine Zahlungsunfähigkeit erklären muß.

Und für Donnerstag hat sich Jelzin zu seiner ersten Auslandsreise nach dem Putsch angesagt, nach Bonn. Er sucht Katastrophenhilfe.

Wie hoch die Sowjetschulden sind, weiß er selber nicht genau. Der Westen zählt 68 Milliarden Dollar, das Moskauer Unions-Wirtschaftskomitee 81 Milliarden. Die Importe mußten dieses Jahr bereits halbiert werden. Die völlige Liberalisierung des Außenhandels, die Jelzin verspricht, nützt nichts mehr, wenn der finanzielle Zusammenbruch bevorsteht.

Die Auflösung des Staates habe ein gefährliches Ausmaß erreicht und werde die Beziehungen zwischen den Menschen zerreißen, kommentierte Gorbatschow die Schwierigkeiten seines früheren Gegenspielers, an denen Gorbatschow selbst gescheitert war.

Für die zentralen Überbleibsel Armee, Staatssicherheitsdienst, Außenministerium (das wieder Eduard Schewardnadse übernehmen soll) und Präsidenten-Apparat hat Jelzin ihm großzügig 30 Milliarden Rubel zugesagt - per »Emission«, was heißt: Die staatliche Notendruckerei läuft weiter, die Inflation galoppiert.

Wenn bis zum Sommer keine Trendwende gelinge, erklärte Jelzin, »sind wir dem Elend ausgeliefert, und der Staat mit seiner jahrhundertealten Geschichte wird dem Untergang geweiht sein«.

Seine Reform führe »zur Demokratie, nicht zu einem neuen Imperium«, versprach er. Doch gerade bei diesem Vorhaben erlitt Jelzin seine erste schmähliche Niederlage - bei dem Versuch, nach dem Auseinanderfallen der Union wenigstens die Dekomposition Rußlands aufzuhalten, das selbst ein Vielvölkerstaat ist.

Zu Jelzins Machtbereich gehören im Kaukasus 640 000 Tschetschenen - 1859 wurden sie vom Zaren unterworfen, 1944 von Stalin in 640 Eisenbahnwaggons nach Kasachstan deportiert. Das kampfesfreudige Moslem-Volk, aus dem Jelzin seine Leibgarde rekrutiert hat, besetzte nach dem Putsch die lokalen Partei- und KGB-Zentralen und wählte einen eigenen Präsidenten, zu dessen Amtseinführung Delegierte aus Syrien und dem Iran eintrafen.

Tschetschenen-Führer Dschachar Dudajew sagte sein Territorium, so groß wie Hessen, von Rußland los. Jelzin verhängte den Ausnahmezustand über die Außenprovinz und befahl im Gorbatschow-Stil ein Bataillon Elitetruppen in die Tschetschenen-Hauptstadt mit dem Kolonialnamen Grosny, »Schrecklich«.

Die Tschetschenen bewaffneten sich, errichteten Barrikaden und töteten einen KGB-Major. Rußlands Parlament in Moskau kam ihnen zu Hilfe: Abgeordnete verurteilten die neue Großmachtpolitik und bestanden auf dem Recht der Minderheiten, nicht nur aus der UdSSR auszutreten, sondern auch aus der Russischen Föderation.

Präsident Jelzin ging in sich, bekannte einen »Fehler« und hob den Ausnahmezustand wieder auf. Er ist einsichtig geworden, eben ein Staatsmann. Seine Beharrlichkeit hat er behalten, auch seinen Optimismus: »Rußland hat in der Vergangenheit wiederholt bewiesen, daß es gerade in einer Zeit schwerer Prüfungen imstande ist, seinen Willen, enorme Kräfte, Talente und Ressourcen zu mobilisieren, sich zu erheben und wieder zu Kräften zu kommen.«

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