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LUFTFAHRT / YAK-40 Zu optimistisch

aus DER SPIEGEL 15/1971

Mit dem silbergrauen Mercedes 300 des Werbemanagers Rolf Ballmann aus dem westfälischen Blomberg fuhren am vergangenen Mittwoch die Sowjetmenschen Konradow, Worobjow und Schepelow beim Luftfahrt-Bundesamt am Braunschweiger Flughafen vor.

Dort stellte Werber Bollmann, dessen Vertriebsgesellschaft Rotorcraft sich in der Bundesrepublik um den Verkauf sowjetischer Verkehrsflugzeuge sorgt, dem Regierungsbaudirektor Karl Kößler die drei Besucher als Abgesandte der Moskauer Außenhandelsstelle Aviaexport vor.

Die Dienstreisenden von der Moskwa wollten die Braunschweiger Luftfahrtbeamten für die Musterzulassung ihres als Exportschlager programmierten dreistrahligen Kurzstreckenjets Yak-40 gewinnen, den der Jagdflugzeug-Konstrukteur Alexander Jakowlew, 65, ersonnen hatte.

Der Sowjet-Jet ist praktisch und billig. Die Maschine, die mit 24 bis 33 Sitzen geliefert werden kann, braucht nicht wie die herkömmlichen Jets für Start und Landung eine zwei Kilometer lange Betonbahn. Ihr reicht eine schlichte Gras- oder Lehmpiste von 500 Meter Länge.

Den genügsamen Graspisten-Jet bieten die Russen auf westlichen Märkten für den Dumping-Preis von 3,8 Millionen Mark an. Im Preis inbegriffen ist ein komplettes Ersatzteillager. Das einzig vergleichbare westliche Düsenflugzeug, die zweistrahlige VFW 614 aus Bremen, soll rund neun Millionen Mark kosten, falls sie, wie vorgesehen, 1972 geliefert werden kann.

Um das teuere, aber für Kapitalisten weniger suspekte Konkurrenzprodukt, dessen Auslieferungstermin sich durch die Pleite des Triebwerkslieferanten Rolls-Royce wahrscheinlich verzögern wird, schon vor dem ersten Start abzuhängen, mühen sich die Sowjets schnellstens die Musterzulassung für ihre Yak-40 zu erreichen.

Allerdings müssen sie den kapitalistischen Luftfahrtbehörden dafür umfängliches Material über die technischen Produktions-Geheimnisse ihres Flugzeugs anbieten. Zudem erheischen die West-Beamten Zutritt zu den Fabriken, in denen die Yak-40 hergestellt wird, um dort Endmontage und Fertigungskontrolle zu überprüfen.

Die Sowjets müssen diese Prozeduren über sich ergehen lassen, obwohl im Dienste der russischen Aeroflot und anderer Ost-Fluggesellschaften schon über 300 Yak-40-Flugzeuge fliegen. Denn die UdSSR hat mit den westlichen Staaten nicht die sonst üblichen bilateralen Verträge abgeschlossen, nach denen ein im Herstellerland zugelassenes Flugzeug automatisch auch im Gebiet des Käufers als zugelassen gilt.

Um das komplizierte Behördenverfahren abzukürzen, bauen die Sowjets in ihre Export-Yaks statt der russischen Funkausrüstung, die im Westen noch einem zusätzlichen Prüfungsverfahren unterzogen würde, die amerikanischen Collins-Geräte ein. Yak-Verkäufer Bollmann über die Yak40-Chancen: »Im Sommer haben wir die Zulassung.«

Im Vertrauen auf solche Bollmann-Prognosen haben deutsche Privat-Luftreeder bereits vierzehn Yak-40-Exemplare geordert oder für sie Optionen erworben, so etwa die Hamburger Bedarfsluftfahrtgesellschaft General Air.

Der Charterer von der Elbe möchte mit dem Russen-Jet auf kurzen Intercity-Routen verkehren, die von der Lufthansa trotz ihre. Verkehrsmonopols nicht beflogen werden. Erst kürzlich kündigte General-Air-Chef Kurt-Erich Slevogt an, daß er mit der Yak-40 im Herbst einen innerdeutschen Linien-Verkehr eröffnen will.

Außer privaten Luftreedern haben auch zwei deutsche Industrielle die Yak-40 bestellt. Freilich in der besonderen Ausführung, die auch Sowjet-Premier Kossygin bevorzugt: als achtsitzigen Salon-Jet.

Branchenkenner allerdings sind von dem durchschlagenden Markterfolg des Russen-Jet noch nicht überzeugt. Denn mit 550 Stundenkilometern Geschwindigkeit ist er nicht wesentlich schneller als herkömmliche Propeller- oder Turboprop- Flugzeuge wie etwa die Fokker F. 27.

Auch der West-Start-Termin des Ost-Flugzeugs liegt noch im dunkeln. Bisher nämlich haben die Russen sich auf Befehl von Yak-40-Kenner Kossygin zwar bereit erklärt, sämtliche Forderungen des Bundesluftfahrtamtes zu erfüllen. Die dafür notwendigen Unterlagen jedoch flogen sie bisher noch nicht nach Braunschweig ein.

Luftfahrt-Prüfer Köhler bezweifelt denn auch, daß er -- wie ursprünglich geplant -- schon innerhalb der nächsten vier Wochen zur Werksbesichtigung nach Moskau fahren kann. Köhler: »Wir wollen nicht ins Blaue reisen.« Und: »Die Firma Rotorcraft ist viel zu optimistisch.«

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