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ZU PAAREN GETRIEBEN

aus DER SPIEGEL 39/1968

Ein ernstes Wort an die Adresse der Bundesbahn ist in diesen Tagen leider fähiger denn je. Es sei hiermit gesprochen:

»Sehr geehrte Herren Hauptverwalter der Deutschen Bundesbahn!

Seit dem 21. September -- bis zum 8. Dezember -- hat die Bundesbahn ein Programm 'Rosa Zeiten': Treten ein Mann und eine Frau gemeinsam eine Bahnreise (mit Rückfahrkarten) an, so zahlt nur einer von beiden den vollen Fahrpreis; der andere hat lediglich 50 Prozent des vollen Fahrpreises zu entrichten und höchstens 50 Mark. Ob es sich bei dem Mann und der Frau um Verheiratete oder Verkuppelte handelt, um Neffe und Tante, um Chef und Sekretärin, das ist gleichgültig -- Sie, sehr geehrte Herren, lassen jedes Paar billiger reisen, wenn es nur zusammen abreist und die gleiche Strecke zurücklegen will.

Dieser Ihr grandioser Einfall ist unter moralischen ebenso wie unter kaufmännischen Gesichtspunkten der reine Aberwitz,

Sie begünstigen den Ehebruch, indem Sie einen Geschäftsreisenden vor die Wahl stellen: einen Sachbearbeiter mitnehmen oder für weniger Geld eine Sachbearbeiterin mitnehmen. Sie belohnen den Inzest: Der Vater

fährt mit seiner Tochter billiger als mit seinem Sohn; diesen zieht die Mutter vor, wenn es um Reisen mit der Bahn geht. Sie unterstützen Charakterschwächen: Der Lehrer, der einem politisch interessierten Schüler in den Ferien Bonn zeigen will, muß zahlen -- der Lehrer, der einer nudistisch orientierten Schülerin Sylt vorführt, bekommt ihr Fahrgeld fast geschenkt.

Ihre Absichten, sehr geehrte Herren, waren im Ursprung gute, das darf man wohl annehmen. Sie wollten etwas für Ehe-, Braut- und Liebespaare tun, kurz, für das jasminduftende heterophile Leben. Ja, Sie wollten die Kluft zwischen den Geschlechtern überhaupt verringern helfen: Ein Parteifreund reist nun zum Parteitag nicht mehr zusammen mit einem anderen Parteifreund, sondern mit einer Parteifreundin, mit der er sich dann den Gewinn teilen kann.

Und vielleicht ist auch dieses ganz in Ihrem Sinne, was bald zum alltäglichen Bild unserer Bahnhöfe gehören wird: Leute mit Schildern und Megaphonen. 'Ersparnis-Dame für Köln-Reise gesucht!' heißt es da, oder 'Wünsche Herrn erster Klasse für billiges Ziel Braunlage!' oder 'Bitte Reise-Tochter nach Kassel 14.11 Uhr!'

Natürlich -- und das war wohl Ihr grundsätzlichstes Anliegen -- sorgen Sie so für mitmenschlichen Kontakt, für lebhaftere zwischenmenschliche Beziehungen. Und natürlich ist jede menschliche Annäherung im Sinne des 'Miteinander -- Füreinander' gerade in der pluralistischen Massendemokratie unserer Zeit nur zu begrüßen.

Aber warum bleiben Sie auf halbem Wege stehen? Warum darf ein junger Mann eine derartige menschliche Nähe zwar mit einer verarmten Greisin begründen, nicht aber mit einem abgehärmten Rentner? Warum darf eine christlich gesonnene Witwe ihren seelischen Reichtum nicht an eine bleiche Putzmacherin wenden, wohl aber an einen abgerissenen Studenten? Warum darf nicht eine Kindergartentante mit einer Altersheimschwester, nicht ein hoffnungsloser Junggeselle mit einem hoffnungsvollen Altmeister einen billigen Reisebund schließen? Ist nicht jeder Kontakt wertvoll, der die Vereinsamung des Menschen in der modernen Industriegesellschaft aufbricht? Versuchen Sie nicht, darauf mit kaufmännischen Argumenten zu antworten. Wenn Ihr Umsatz etwa dadurch steigen soll, daß die Lohnbuchhalterin im Bahnhof einen Primaner zum »Rosa-Reisen« findet, dann müßte er ja wohl auch dann steigen, wenn sie sich mit einer Finanzbeamtin zusammentäte, mit der sie zudem unterwegs noch ein interessantes Gespräch führen könnte.

Gerade gegenüber alleinstehenden Frauen der mittleren Generation, die einen Mann nicht mehr sehr leicht kennenlernen können, ist Ihr Programm eine Infamie. Und als reiner Zynismus erscheint da der von Ihnen gewählte Slogan: 'Mit 50 DM und einem Mann kommt man in Deutschland ganz schön weit. Warum nicht gleich: 'Geschlechtsverschieden reisen -- billiger reisen'?

Zum Abschluß, sehr geehrte Herren, noch ein Vorschlag: Außerhalb der Saisonwochen ein dauerndes Programm 'Gute Zeiten', Ermäßigung 50 Prozent, Slogan 'Mit wenig Geld und der Bundesbahn kommt man ganz schön weit.' Vielleicht stiege Ihr Umsatz.«

Felix Rexhausen
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