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ATOMKONFLIKT Zu schwerer Stoff

aus DER SPIEGEL 13/1958

Der Hamburger Rechtsanwalt und Verleger Dr. Gerd Bucerius hat in der letzten Woche den weltweiten Atomwaffen -Konflikt in einer ganz speziellen Spielart austragen müssen. Unversehens sah er sich dem Vorwurf ausgesetzt, politische Interessen, die er als Bundestagsabgeordneter der CDU zu vertreten hat, mit seinen Geschäften als Verleger der Illustrierten »Der Stern"* vermengt zu haben.

»Wohl ist es Ihr wohlbegründetes Recht als Verleger«, so hieß es in einem ihm zugestellten Schreiben, »dann in die Produktion einzugreifen, wenn dadurch ein Fehler ausgemerzt werden kann, der sich zum Schaden des Blattes auswirkt. Wenn jedoch, wie in diesem Falle geschehen, der Eingriff eindeutig aus parteipolitischen Gründen erfolgt - das werden Sie nicht bestreiten können ... - dann überschreiten Sie bei weitem Ihre Kompetenzen und greifen in die Redaktionsfreiheit und die Freiheit der Meinungsäußerung unmittelbar ein! ...«

Die Vorgänge, auf die sich der Brief - es war das Kündigungsschreiben des Redaktions-Mitarbeiters Dr. Kellermann bezog, hatten sich am Mittwoch der vergangenen Woche abgespielt Während sich nämlich an diesem Tage der Abgeordnete Bucerius in Bonn für die Atomwaffen -Debatte des Bundestags präparierte, bedruckten die Tiefdruckmaschinen der Druckerei Gruner im schleswig-holsteinischen Itzehoe die ersten Seiten des »Stern« - Nr. 13, Erscheinungsdatum 29. März - mit Bildern und Texten, die zweifellos in einem gewissen Gegensatz zu den Ansichten und Überzeugungen der Partei standen, deren Wähler »Stern«-Verleger Bucerius im Bundestag vertritt.

Unter der Überschrift »Aus Versehen« stand auf der Aufschlagseite des Textteils und den folgenden vier Seiten eine mit apokalyptischen Bildern illustrierte Reportage über das Fernsehdrama »Mr. Dysons Jüngster Tag« des britischen Autors J. B. Priestley, der in diesem Schauspiel die Schrecken eines Atomkrieges kraß ausmalt und überdies nachzuweisen versucht, daß die Verantwortung für einen Atomkrieg - sollte er je kommen - jedem einzelnen zufällt.

Mr. Dyson, die Hauptfigur des Dramas, kommt nach einem versehentlich - durch Verwechslung eines Kennworts - ausgelösten Atombombenangriff auf London ums Leben und vor seinen himmlischen Richter. Er beteuert seine Unschuld an dem grausigen Geschehen, versichert, sich nie um Politik gekümmert zu haben, weist auf die Generale hin, die den Befehl gaben, und auf den Funker, der versehentlich ein Kennwort verwechselte und damit die Katastrophe auslöste - vergebens. Priestleys

himmlisches Gericht spricht Dyson die Schuld an der Katastrophe zu, weil er zu Lebzeiten nicht gegen die Bombe protestiert habe.

Den »Stern«-Redakteuren schien Priestleys Drama, das den britischen Fernsehern einen nachhaltigen Schock versetzt hatte, nicht nur um seiner selbst willen einer ausführlichen Reportage wert, sondern auch wegen des Umstandes, daß knapp 24 Stunden nach der Aufführung des beklemmenden Fernsehspiels tatsächlich ein amerikanischer Bomber - aus Versehen - eine Atombombe verlor, deren Atomladung allerdings nicht explodierte.

Die Redaktion des »Stern« ließ es sich angelegen sein, die gespenstische Übereinstimmung zwischen Priestleys Vision und der Wirklichkeit auf den letzten beiden Seiten der fünfseitigen Reportage darzutun, wobei sie allerdings einen anderen zeitlichen Zusammenhang anscheinend nicht in der rechten Weise bedachte: daß nämlich die »Stern«-Ausgabe mit dem Bericht gleich nach der Bundestagsdebatte im Handel sein würde, in der die Partei des »Stern-»Verlegers Atomwaffen für die Bundeswehr zu fordern gedachte.

Der Atomtod also stand im »Stern«; jedoch nicht lange, und nur sehr wenige »Stern«-Leser werden vorerst Gelegenheit haben, den Bericht über Priestleys Drama und die versehentlich abgeworfene A-Bombe der US-Airforce zu lesen. Denn als der CDU-Bundestagsabgeordnete und »Stern« -Verleger Bucerius am späten Mittwochmittag das ihm - wie üblich - zugeschickte Andruck-Exemplar des »Stern« durchblätterte, schritt er nach einem Blick auf die Priestley-Seiten unverzüglich zur Aktion.

Sei es, daß Bucerius, der in der CDU/ CSU-Fraktion ohnehin als Außenseiter gilt, sich nicht mit seinen zur Atomrüstung entschlossenen Parteifreunden querlegen wollte, sei es, daß er andere Gründe hatte, jedenfalls rief er sofort die Hamburger »Stern«-Redaktion an und erklärte erregt, in dem ganzen Heft sei viel zu viel schwerer Stoff, überdies sei die Priestley-Reportage zu einseitig, und deshalb müsse sie schleunigst aus dem Heft verschwinden.

Verleger und CDU-Abgeordneter Bucerius konnte allerdings seine Bedenken nicht dem Chefredakteur des »Stern«, Henri Nannen, vortragen, der noch kurz zuvor das von ihm geführte Blatt in einer Fernseh-Diskussion als absolut unabhängig und als »Reichsgericht des kleinen Mannes« bezeichnet hatte. Nannen läßt zur Zeit im Sanatorium Hohenlohe zu Bad Mergentheim seine Gesundheit wieder herstellen.

So mußte Gerd Bucerius seine Beanstandungen dem stellvertretenden Chefredakteur des »Stern«, Karl Beckmeier, darlegen. Beckmeier hielt zwar die Priestley-Reportage für einen wirkungsvollen Beitrag, doch Bucerius blieb bei seiner Meinung: Die fünf Seiten müßten zunächst einmal aus dem Heft verschwinden - vielleicht könnten sie in einer späteren Ausgabe abgedruckt werden, angereichert mit neuem, bisher nur ihm, Bucerius, zugänglichen Material. Stellvertretender Chefredakteur Beckmeier bat sich fünfzehn Minuten Bedenkzeit aus.

Auch nach einer Viertelstunde beharrte Bucerius auf seiner Forderung, und kurz darauf waren die Maschinen in Itzehoe auch schon gestoppt - allerdings nicht von Karl Beckmeier.

Picasso statt Priestley

Dem stellvertretenden Chefredakteur blieb unter diesen Umständen nichts anderes übrig, als die wichtigsten Redakteure des »Stern« zusammenzutrommeln - es war mittlerweile 21 Uhr -, die dann, um das Erscheinen des Blattes zu sichern, die von Bucerius so abrupt geleerten Seiten eilends mit anderen Berichten zu füllen hatten. Statt der Priestley-Reportage werden deshalb die weitaus meisten »Stern«-Leser in dieser Woche einen Bericht über das Lohnfortzahlungsgesetz und eine Reportage über Picassos Modell Sylvette und deren Ehemann lesen dürfen.

Am nächsten Tage, während Verteidigungsminister Strauß im Bundestag unter dem Beifall der CDU/CSU-Fraktion ebenso energisch wie lautstark die Atombewaffnung der Bundeswehr forderte, berieten die »Stern«-Redakteure, wie sie auf das Verhalten ihres Verlegers reagieren sollten, der sich bis dahin noch nie in solcher Form in die redaktionelle Gestaltung des Blattes eingemischt hatte. Auch Chefredakteur Henri Nannen nahm vom Mergentheimer Kurheini Hohenlohe aus telephonisch lebhaften Anteil an den Gesprächen. Schließlich schrieb Mitarbeiter Dr. Kellermann jenen Kündigungsbrief, in dem er Bucerius vorwarf, unzulässigerweise in die Geschäfte der Redaktion eingegriffen zu haben.

»Vor allem empört mich«, hieß es an anderer Stelle in dem Brief, »daß Sie so gänzlich über die Köpfe der Redaktion hinweg gehandelt haben ... Ihre fadenscheinige Begründung, es handle sich um eine mit mangelhaften Informationen geschriebene Arbeit, die durch Ihr eigenes Material ergänzt werden müsse, ist wohl etwas für Dummköpfe, aber nicht für vernünftig denkende Menschen, die die Sachlage kennen: Der Priestley-Bericht war ausgezeichnet, in sich abgeschlossen und brachte nur eine Reportage von der britischen Fernsehsendung.

»Warum sollte das nicht im Stern erscheinen ...? Weil es nicht in Ihre Parteipolitik paßte, Herr Dr. Bucerius! Und das ist der Grund, warum ich Ihnen schreibe, um dem 'Stern' solange die Mitarbeit aufzukündigen, wie Sie als Verleger tätig sind. Denn was heute geschehen ist, kann morgen wieder passieren, und ich für meinen Teil habe keine Lust, eines Tages wie Priestleys Mister Dyson vor dem Jüngsten Gericht zu stehen und mir sagen zu lassen: Du hast es ja geduldet, du hast nichts unternommen.«

In Bonn erklärte CDU-Verleger Bucerius auf Anfrage, er habe von der ganzen Sache »keine Ahnung«, und bestritt kategorisch, in Sachen Priestley bei der Hamburger »Stern«-Redaktion interveniert zu haben. Erst auf die Anfragen in Bonn hin habe er überhaupt in Hamburg angerufen und sich erkundigt, was denn dort eigentlich los sei.

Einige Stunden später freilich hielt Bucerius striktes Dementieren schon nicht mehr für die beste Taktik. Ihm schien es inzwischen offenbar gescheiter, die Vorgänge so darzustellen, daß er sowohl vor der atomscheuen Öffentlichkeit - insbesondere vor den »Stern«-Lesern - als auch vor seiner atomwaffenfreudigen Fraktion einigermaßen unbelastet dasteht.

Bucerius fand schnell eine für diesen Zweck geeignete Version: Die Idee, die Atombomben-Fernsehstory aus dem Heft zu nehmen, so berichtete er nun, sei von der Hamburger Redaktion ausgegangen: »Mir haben die Hamburger gesagt, der Inhalt des Heftes ist zu schwer, und darum soll die Sache um eine oder zwei Wochen geschoben werden.«

Zu dieser Zeit mußte Bucerius bereits wissen, daß die von ihm als Erfinder der Austausch-Aktion bezeichneten Redakteure einen Brief an ihn abgeschickt hatten, in dem sie gegen das Eingreifen des Verlegers in ihre Funktionen protestierten und den Dr. Bucerius um eine Erklärung für sein höchst ungewöhnliches Verhalten ersuchten.

Meinte Bucerius auf die telephonische Ankündigung dieses Schreibens: »Das Porto hättet Ihr Euch sparen können.«

* Bucerius ist Besitzer der Mehrheitsanteile und geschäftsführender Gesellschafter der Zeit -Verlag GmbH, die ihrerseits fast das gesamte Gesellschaftskapital der Henri Nannen GmbH besitzt, die den »Stern« herausgibt, und deren geschäftsführender Gesellschafter ebenfalls Bucerius ist.

Zurückgezogene »Stern«-Seite Nr. 5 (l.). Nachgeschobene »Stern«-Seite Nr. 5 (r.): Warum sollte das nicht im »Stern« stehen?

»Stern«-Verleger Bucerius

Statt des Atomtodes ...

»Stern«-Chefredakteur Nannen

... ein blondes Modell

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