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LUFTFAHRT / USA Zu viele Vögel

aus DER SPIEGEL 44/1970

Amerikas Fluggesellschaften werden von widrigen Abwinden geschüttelt. »Wenn das nicht aufhört«, prophezeit Secor Browne, Präsident des US-Luftfahrtamtes Civil Aeronautics Board (CAB), »könnten bald einige von ihnen im Meer der roten Zahlen versinken.«

Schon für das laufende Geschäftsjahr rechnen die US-Luftfahrer -- unter ihnen so renommierte Gesellschaften wie Pan American World Airways, American Airlines, Trans World Airlines und United Air Lines -- mit Betriebsverlusten von insgesamt 200 Millionen Dollar (732 Millionen Mark) -- dem höchsten Defizit der Luftfahrtgeschichte. »Die finanzielle Lage der Branche«, so klagte etwa Charles Tulinghast, Aufsichtsratsvorsitzender von TWA, »ist wirklich mies und bedrückend.«

Allein PanAm (Werbung: »PanAm macht den großen Flug"), die fast ausschließlich außeramerikanische Strecken bedient, flog im ersten Halbjahr 1970 über 71 Millionen Mark Verlust ein. United Air Lines, Amerikas größte Binnen-Fluggesellschaft, verbuchte in der gleichen Zeit über 75 Millionen Mark Verlust. Noch im ersten Halbjahr 1969 hatte die Firma einen Gewinn von über 60 Millionen Mark ausgewiesen.

In die Verlustzone schwebten Amerikas fliegende Riesenkonzerne ein, weil sie ohne Rücksicht auf die Rentabilität zu viele Flugzeuge auf zu vielen hartumkämpften Routen einsetzten. »Das größte Problem«, diagnostiziert CAB-Präsident Browne, »ist die »Überkapazität -- zu viele Routen, zu viele Flüge und zu viele Riesenvögel, Wir haben heute weit mehr Flugzeugsessel als Hintern, die darin Platz nehmen könnten.«

So schickt etwa TWA Stunde für Stunde halbleere Langstrecken-Jets auf die Reise von Los Angeles nach New York und zurück -- nur um mit den Konkurrenten United und American mithalten zu können, deren Maschinen ebenfalls nur mäßig besetzt von Küste zu Küste donnern.

Den Luxus des ruinösen Wettbewerbs haben Amerikas Steuerzahler (mit 131,76 Millionen Mark Subventionen allein für 1970) und die Fluggäste (durch regelmäßige Flugpreiserhöhungen) zu bezahlen. Indes, die letzte -- sechsprozentige -- Tarifkorrektur im inneramerikanischen Flugverkehr vom Herbst vergangenen Jahres, so behaupten heute die Fluggesellschaften, ist inzwischen längst »von der Inflation aufgefressen« worden.

»Wir würden wirklich mehr Geld verdienen«, stöhnte jüngst ein Vorstandsmitglied einer großen US-Fluggesellschaft, »wenn wir aufhörten zu fliegen und statt dessen Schuhe produzierten.«

Vorerst fliegen sie noch -- wenn auch mit eingeschränktem Service und verringertem Personal.

Allein seit vergangenem Winter, als die Fluggesellschaften wegen der US-Rezession erstmals weniger Flugscheine verkauften »als im Winter zuvor, feuerten die Luftunternehmer 6600 Piloten, Stewardessen und Mechaniker. Weitere Entlassungen sind unausweichlich.

Erst im vergangenen Monat strich das Management von American Airlines (AA) sechs Prozent der Flüge aus dem AA-Flugplan. Und TWA (Werbung: »Up up and away") kündigte für Ende vergangener Woche sogar an, fast jeden zehnten planmäßigen Flug ausfallen zu lassen. Bevor es dazu kam, legte freilich ein Streik der TWA-Angestellten Mitte letzter Woche den gesamten inneramerikanischen Flugverkehr der Gesellschaft lahm.

Darüber hinaus versuchen die bedrängten US-Fluggesellschaften, durch Mini-Einsparungen im Flugverkehr die Kosten zu senken. United-Air-Lines-Stewardessen reichen auf einigen Flügen neuerdings statt ·des einst obligaten Steaks (Kosten: 3,56 Dollar) ein einfaches Sandwich (Herstellungskosten: drei Dollar).

»Relativ kleine Beträge«, rechtfertigt etwa Donald Lloyd-Jones, Vizepräsident von American Airlines, die Einsparungen der Branche, »können aufs Jahr umgerechnet Millionen-Summen einbringen.« Beispielsweise addiere sich eine Minderausgabe von 25 Cent je Passagier und Flug bei American Airlines auf eine Ersparnis von fünf Millionen Dollar jährlich. Lloyd-Jones: »Selbst Einsparungen von vier bis fünf Cent bei den Wäschekosten machen schon etwas aus.«

Folgerichtig fielen dem Rotstift der Sparkommissare die bislang freien Filmvorführungen ·auf bestimmten Flügen von der Ost- zur Westküste (Einsparungen: 130 Dollar je Flug) ebenso zum Opfer wie kostenlose Drinks, Erdnüsse zum Cocktail Leinen-Handtücher in den Toiletten und -auf einigen Mittelstreckenflügen -- sogar die kostenlose Mahlzeit.

»Wir hatten schon seit langem den Eindruck«, kommentierte ein Luftfahrt-Manager den Service-Strip, »als ob unsere Passagiere unser Essen ohnehin nicht mochten.«

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