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Zu vornehm, um dem König die Hand zu geben

Wie der Maharadscha von Alwar die Briten brüskierte und seine Untertanen tyrannisierte *
aus DER SPIEGEL 34/1987

Maharadscha Schri Sewaj Sir Dschaj Singh von Alwar hielt sich selber für einen Sproß der Sonne und die Inkarnation Ramas, der Personifikation Gottes bei den Hindus. Und so führte er sich auch zeitlebens auf, ob bei Hof zu London oder gegenüber seinen Untertanen in der Steppe von Radschastan.

Dort, im Nordwesten Indiens, herrschte der Hindu-Prinz fast 40 Jahre lang wie ein Renaissance-Fürst über ein Ländchen von der Größe Korsikas, bis die Briten ihn 1933 absetzten. Verabschiedet wurde der Maharadscha nicht, weil er, wie üblich, wieder einmal während einer fürstlichen Jagd Kinder als Köder für Tiger hatte aussetzen oder aufsässige Diener von Ochsengespannen zu Tode hatte schleifen lassen.

Ab ins Exil nach Paris mußte Dschaj Singh wegen einer Tierquälerei: Er hatte beim Polospiel verloren und meinte, sein Pferd sei schuld daran. Rasend vor Wut übergoß er das Tier mit Benzin und zündete es an. Unter den entsetzten Zuschauern saßen auch britische Kolonialbeamte, darunter Sir Robert Holland, ein Beauftragter des Vizekönigs.

Sein Bericht bedeutete das Ende für einen indischen Fürsten, von dem Marquis de Sade noch hätte lernen können.

Der »Heilige Weise« und »Glanz des Glaubens«, so zwei seiner vielen Titel, war ein hochgebildeter Absolvent des Prinzen-Colleges von Adschmir. Sein Charakter erschöpfte sich in maßloser Arroganz und Grausamkeit.

1931 nahm der Maharadscha von Alwar an der »Round Table Conference« in London teil, bei der die Regierung mit prominenten Indern wie Gandhi die Zukunft des Subkontinents erörterte.

König Georg V. lud die Inder zu einem Empfang in den Buckingham-Palast. Dschaj Singh antwortete, er würde zwar kommen, könne aber keinesfalls die Hand eines Ungläubigen berühren. Er würde den Majestäten allenfalls seine behandschuhte Hand reichen.

Der Palast rief »Skandal«, und das Königspaar hätte den impertinenten Inder am liebsten wieder ausgeladen. Doch das Indien-Department hielt den Herrscher von Alwar, der ebenso spannend über die Seelenwanderung fabulieren wie über die Rolle der Briten in Indien diskutieren konnte, für politisch bedeutsam. Immerhin drohte man Dschaj Singh, ihn nach Haus zu schicken, wenn er sich nicht der Etikette beuge.

Darauf ließ sich der Maharadscha von einem Londoner Schneider Spezialhandschuhe fertigen, die blitzschnell aus- und wieder angezogen werden konnten. Er näherte sich dem König und Königin Mary mit den Handschuhen, ließ sie für den Augenblick des Händedrucks verschwinden und streifte sie sofort danach wieder über. Kein anderer der 500 Gäste sah ihn mit bloßen Händen.

Leder war dem Maharadscha aus Respekt vor der heiligen Kuh unrein. Die Sitze seiner zahlreichen Rolls-Royce-Limousinen waren deshalb mit Stoff bezogen. Hunde verabscheute er dermaßen daß er jeden, der ihm über den Weg lief, eigenhändig erschoß.

Als der englische Vizekönig Lord Willingdon ihn in seine Residenz in Simla lud, lehnte Dschaj Singh ab, da er sich keinesfalls auf Ledersofas setzen könne. Lady Willingdon wollte aber den illustren Prinzen unbedingt bei sich sehen. Sie ließ ihre Ledersessel seinetwegen mit Chintz überziehen. Während des Diners schlüpfte ihr Pekinese in den Raum. Fatalerweise schnüffelte der Hund auch an einem Fuß von Dschaj Singh.

Ohne ein Wort der Erklärung sprang der Maharadscha von der Tafel auf, zog sich in seine Gemächer zurück, wo er ein Bad nahm und sich in einen anderen seiner insgesamt 4000 Anzüge kleidete. Dann kehrte er wortlos zurück und nahm wieder seinen Platz zur Rechten der Vizekönigin ein.

Lady Willingdon brüskierte er noch bei einer anderen Gelegenheit. Sie hatte es sich angewöhnt, Juwelen und andere Kostbarkeiten ihrer Gäste zu bewundern, in der Hoffnung, sie daraufhin als Geschenk überreicht zu bekommen.

Als sie einen hochkarätigen Diamantring pries, den Dschaj Singh trug, reichte er ihr den Ring. Sie steckte ihn an ihren Finger und zeigte ihn stolz herum. Als der Maharadscha keinerlei Anstalten machte, ihr das kostbare Stück zu schenken, gab sie es zögernd wieder zurück. Dschaj Singh winkte einem Diener, ihm ein Glas Wasser zu bringen. Dann tauchte er den in seinen Augen durch die Berührung der weißen Frau verunreinigten Ring hinein und rieb ihn noch gründlichst mit seiner Serviette ab, bevor er ihn wieder an seine eigene - wie immer behandschuhte - Hand steckte.

Mit indischen Landsleuten sprang der Despot von Alwar noch arroganter um. Als ein Nachbar-Prinz, der Maharadscha von Bikaner, zu einer Fürsten-Party in seinen Palast auf dem Mount Abu lud, den verhaßten Alwar-Herrscher aber absichtlich vergaß, schickte Dschaj Singh drei Tage vor der geplanten Fete seine Diener aus und ließ sie 60 Kilometer um Mount Abu alle Lebensmittel aufkaufen. Als die Gäste des Bikaner-Prinzen eintrafen hatte der nichts zu essen - worauf Dschaj Singh sie an seine volle Tafel lud. _(Beim Auswiegen seines Körpergewichtes in ) _(Silberrupien. )

Der Alwar-Prinz hatte sich einen prachtvollen Palast nur für die Jagd in die Wildnis bauen lassen. Die 30 Kilometer lange asphaltierte Straße zum Siriska-Palast durften nur er und seine Gäste befahren. Tiger und Leoparden konnten vom Balkon aus erlegt werden.

Nächtens wurden Orgien gefeiert, für die Dschaj Singh, der selbst Knaben bevorzugte und die Kadetten seiner Mini-Armee nach ihrem Aussehen rekrutierte, seinen Harem zur Verfügung stellte. Außerdem hatten die Hofschranzen ihre eigenen Frauen und Töchter zu den Sex-Partys mitzubringen.

Ausgenommen von dieser Order war lediglich Steuereintreiber Ghasanfar Ali Khan, ein Moslem. Das mißfiel den anderen Höflingen. Eines Tages nahm sich Premier Tschaudari Girdhari Lall, ein Hindu, das Herz, dem Fürsten sein Leid und das der anderen Minister und Hofbeamten zu klagen: Khan dürfe sich beliebig an ihren Frauen erfreuen, seine eigene Begum aber bekomme man nicht einmal zu sehen.

Dschaj Singh befahl Khan zur nächsten Mitternachts-Party die Begum mitzubringen. Freunde wiesen ihm einen Ausweg. Sie arrangierten eine »Mutah«, eine nach moslemischem Brauch zulässige Heirat auf Zeit, bei der Khan ein schönes Tanzmädchen zur Frau nahm.

Sie wurde eilends auf Begum gedrillt. Als Khan mit seiner verschleierten Frau, von der niemand ahnte, daß sie nur Ersatz war, nach Alwar kam, empfing ihn der Maharadscha persönlich schon am Bahnhof. Jedermann fieberte dem Fest entgegen, und in der Nacht, nach ausgedehntem Gelage, buhlten alle Männer am Hof um die begehrte Begum.

Die erfahrene Prostituierte übertraf die wildesten Phantasien der sexbesessenen Höflinge. Dschaj Singh ließ ihr anderntags eine halbe Million Rupien überreichen, damit sie sich ihrer Schönheit und ihren Talenten entsprechend mit Juwelen und Kleidern ausstatten konnte. Khan aber schaffte seine Reservefrau eilends aus Alwar fort und schickte wenige Tage später ein Telegramm, seine teure Begum sei in Kalkutta plötzlich einer Blinddarmentzündung erlegen.

Tragischer als diese Posse endete eine andere schwülstige Nacht im Palast von Alwar. Einer der Schwäger des Maharadschas ging dem Prinzen während eines Gelages mit seiner Gier nach einer Gespielin auf den Nerv. Dschaj Singh versprach ihm das schönste Mädchen seines Harems - aber er dürfe kein Wort mit ihr wechseln und sie nur in absoluter Dunkelheit lieben.

Als danach das Licht wieder anging, sah der Unglückliche, daß er mit der eigenen Schwester im Bett lag. Die beiden begingen Selbstmord.

Aus Bombay ließ Dschaj Singh Indiens berühmtesten Astrologen Alastor nach Alwar kommen - als seinen Ehrengast, wie er in einem Telegramm versicherte. Bei der Ankunft war niemand für den berühmten Mann zu sprechen. Seine Hoheit, wurde dem Wahrsager bedeutet, werde ihn wissen lassen, wann er ihn zu sehen wünsche.

Nach tagelangem vergeblichen Antichambrieren wollte der Astrologe nach Bombay zurückfahren, wurde aber am Bahnhof verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Nach drei Monaten wurde er eines Abends plötzlich zum Maharadscha gebracht. Der würdigte Alastor keines Blickes. Nach einer Stunde wagte es der Wahrsager, das Wort zu ergreifen, beklagte seine Behandlung, trotzdem aber sei er bereit, nun Seiner Hoheit deren Zukunft vorherzusagen.

Dschaj Singh erwiderte, er pfeife auf die Wahrsagerei eines Mannes, der nicht mal sein eigenes Schicksal vorhersehen könne - denn wäre er wohl nach Alwar gekommen, wenn er geahnt hätte, was ihn da erwarten würde?

Als Dschaj Singh 1937 in Frankreich an Suff und den Folgen eines Treppensturzes starb, wurde die Leiche zurück nach Alwar gebracht.

Dort fuhr der tote, im Fond aufrecht sitzende Maharadscha, in glitzernden Brokat gekleidet, mit dunkler Sonnenbrille in seinem handgearbeiteten offenen Lanchester, der ein geschnitztes Elfenbeinlenkrad hatte und dessen vergoldete Karosse detailgenau der britischen Krönungskutsche nachgebildet war, durch die Straßen der Stadt.

Das Volk von Alwar, das unter dem Tyrannen so gelitten hatte, weinte.

Beim Auswiegen seines Körpergewichtes in Silberrupien.

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