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Zucht und deutsche Ordnung

Mit Vokabeln wie »Menschenzucht« und »Anthropotechniken« entfachte der Philosoph Sloterdijk einen sehr deutschen Intellektuellen-Streit. Dämmert eine Ära des genoptimierten Menschen? Mehr als die Gentechnik könnte der Wandel des Menschenbildes die Welt verändern.
aus DER SPIEGEL 39/1999

Seinen Wortcocktail hatte der Provokateur wieder mal gut geschüttelt. An einer »Versachlichung der Diskussion« sei ihm gelegen, begann Peter Sloterdijk bräsig, schließlich sei »die bürgerliche Öffentlichkeit« zum Diskutieren da.

Dann aber, warm geworden, zeigte der ehemalige Bhagwan-Jünger mit der schütteren Haarmähne, was er unter Diskussion versteht: »Paparazzotum« sei »in die Philosophie eingedrungen«, verkündete der Denker den versammelten Journalisten, die sich am vorletzten Wochenende zu einem »Philosophicum« im Wintersportort Lech am Arlberg eingefunden hatten.

Mit genießerischer Grämlichkeit stilisierte sich Sloterdijk zum Opfer »linksfaschistischer Agitationen«. Er habe doch nur in einer »literarisch hochcodierten Form« angesprochen, was Geistesgrößen wie Martin Heidegger und Friedrich Nietzsche auch schon beschäftigt habe, nämlich das »autoplastische Potenzial von Homo sapiens«.

Damit hatte er ein weiteres Mal einen jener dunklen Begriffe geprägt, mit denen er nun seit mehr als zwei Wochen die Intellektuellen der Republik erregt: In einem Vortrag auf einer Heidegger-Tagung im bayerischen Schloss Elmau hatte Sloterdijk mit dem Humanismus abgerechnet. Sich auf Nietzsche berufend, hatte er dafür plädiert, anstelle der herkömmlichen gesellschaftlichen »Zähmungen« des obersten Zweibeiners im Tierreich auch an »züchterische Steuerung der Reproduktion«, an »Selektionen«, zu denken.

Mehr noch: Gezielt setzte der Metaphernakrobat Vokabeln ein, die ungläubigen Abscheu provozieren mussten - »Menschenzucht« und »Anthropotechnik«.

Kaum einer gab vor, das Raunen Sloterdijks recht verstanden zu haben. Träumt er von Lara Croft oder Superman aus der Retorte? Die schwierige Frage einer zukünftigen Nutzung der Gentechnik jedenfalls geht er mit größtmöglicher Unschärfe an, »in der Weise eines Rorschachtests«, wie der Philosoph Ernst Tugendhat in der »Zeit« klagte. Warum entfachte dann ausgerechnet diese nebulöse Rede eine derartige Kanonade wechselseitiger Beschimpfungen?

Zwar mag Sloterdijk mit dem Begriff der »Anthropotechnik« eine zum Streit taugliche Reizvokabel ersonnen haben. Aber genügt dies, um den Aufruhr der Intellektuellen zu erklären? Schließlich geistert die Vision vom planmäßig gestalteten Menschen seit langem durch die Kolumnen.

Spätestens seit in dem schottischen Dörfchen Roslin ein Klonschaf neugierig und zutraulich eine Truppe von Fotografen und Journalisten beschnupperte und der schüchterne Bioforscher Ian Wilmut sich als sein Schöpfer zu erkennen gab, sahen viele Experten die Ära des Reißbrett-Menschen angebrochen. »Jetzt wird alles machbar«, hatte damals, im Februar 1997, der amerikanische Biologe Lee Silver verkündet. Der britische Friedensnobelpreisträger Joseph Rotblat sah gar »die Zukunft der Menschheit auf dem Spiel«.

Anfang dieses Monats, während in der deutschen Presse gerade die publizistische Schlacht um Sloterdijks »Regeln für den Menschenpark« entbrannte, stellte ein US-Biologen-Team die neueste Labor-Kreatur vor: eine Maus, deren Intelligenz sie mit gentechnischer Hilfe aufgerüstet hatten. War damit nicht ein Vorbote des optimierten Menschen aufgetaucht? Und hätte dies nicht besser getaugt als Aufreger für eine Debatte über die Zukunft der Biotechnik?

So sehr sie die Methoden der Fortpflanzung auch durcheinander gewirbelt haben - bisher haben die Wissenschaftler das menschliche Erbgut der Keimzellen selbst noch nicht angetastet. Noch ist die Humangenetik eine rein diagnostische Disziplin, die im klinischen Alltag eher eine Nebenrolle spielt. Gleichwohl hat sich die moderne Medizin schon längst des Menschen als Modelliermasse bemächtigt. Chirurgen und Organzüchter, Babymacher und Entwickler von Psychopillen - sie alle haben es sich zum Ziel gesetzt, Körper und Geist zu formen. Sie begnügen sich nicht damit, ihn gesünder zu machen; sie wollen auch den schöneren, leistungsfähigeren und glücklicheren Menschen schaffen.

Schon reifen in den Labors der Biotechnologen Haut und Knorpel heran. Ärzte formen pulverisierte Knochen zu Kiefern, bauen Ohrmuscheln aus dem Rohstoff von Menschenzellen, sie lassen Leber- und Bindegewebe wie Spalierobst an feinverästelten Kunststoffgerippen ranken und wollen aus Embryozellen Zweitorgane für Schwerkranke züchten.

Auch Methoden, Geist und Gemüt mit medizinischen Mitteln zu formen, haben Eingang in die ärztliche Praxis gefunden: Millionen von Zappelkindern schlucken das Medikament Ritalin, das ihre Nervosität, zugleich aber, so mahnen Kritiker, auch ihren kreativen Übermut zähmt. Mehr als ein Zehntel der US-Amerikaner ist dank Prozac oder einem seiner chemischen Verwandten glücklich gestimmt. Ist die Pharmakologie auf diese Weise nicht längst im Begriff, einen neuen, modischen Menschentypus zu erschaffen?

Am weitesten auf dem Weg zur Menschenzucht ist die Reproduktionsmedizin fortgeschritten. In amerikanischen Samenbanken können sich Frauen in umfänglichen Katalogen einen Vater für ihre Kinder aussuchen. Alle Haar- und Hautfarben, Größen, Abstammungen und akademischen Titel - bis hin zum Nobelpreisträger - stehen zur Wahl. »Praktisch betreiben wir ja schon Auslese«, sagt der Bonner Hirnforscher Detlef Linke, »im Fetozid, in der Sperma-Auslese - da ist schon Realität, was viele für unmöglich halten.«

Und alljährlich wird mehr möglich: In der letzten Woche verkündete ein Ärzteteam, dass es ihm erstmals gelungen sei, einer 30jährigen Tänzerin aus Arizona einen Eierstock zu implantieren. Prompt legten Forscher aus New York noch nach: Sie planen die Verpflanzung eines Hoden. In Japan wird derweil bereits am nächsten Kapitel der Fortpflanzungsmedizin gearbeitet: Eine Plastikwanne, in der künstliches Fruchtwasser schwappt, soll dereinst die Gebärmutter ersetzen. Ziegenföten konnten die Wissenschaftler darin bereits drei Wochen lang am Leben erhalten.

Empfängnis, Geburt, seelische Gesundheit und Tod: Alles, was einst - je nach Weltauffassung - als Domäne des Schöpfers, des Schicksals oder der Natur galt, wurde inzwischen vom Gestaltungswillen der Biowissenschaften usurpiert. Und doch ist all dies in den Augen vieler Visionäre nur das Präludium. Das »Jahrhundert der Biologie«, so prophezeien sie, sei noch gar nicht angebrochen. Jetzt erst hätten die Biotechniker das letzte Tabu, den Eingriff in die menschliche Keimbahn, ins Visier genommen. Damit stehe der wahrlich genetisch verbesserte Mensch auf dem Programm.

»Wir übernehmen gerade die Kontrolle über unsere eigene Evolution«, verkündet der Biophysiker Gregory Stock von der University of California in Los Angeles. Und um Widerspruch gar nicht erst aufkommen zu lassen, fügt er sogleich hinzu: »Es gibt keinen Weg, diese Technik aufzuhalten.«

Mit seiner Einschätzung steht Stock nicht allein. Das Gen-Design werde »bedeutsamer als die Atomspaltung und nicht minder gefährlich« sein, mahnt die New Yorker Molekularbiologin Liebe Cavalieri, ihr Kollege Lee Silver von der Princeton University sieht gar die Geburt einer neuen Menschen-Spezies heraufdämmern: Die Reichen würden ihr Erbgut so lange aufrüsten, bis sie sich mit den Armen nicht länger paaren wollten oder könnten.

Auch in der deutschen Presse fehlte es nicht an ähnlichen Weissagungen. In der »Süddeutschen Zeitung« ließ sich der Berliner Molekularbiologe und Essayist Jens Reich Anfang Februar mit der Prognose vernehmen: »Nicht nur der Lebensanfang und die konstitutionelle Ausstattung des Menschen werden unter technische Machbarkeit fallen, sondern auch der Lebenslauf und die Lebenserwartung.«

Wenig später folgte ihm Francis Fukuyama: Die Menschheit, so der US-Politologe, befinde sich »am Scheitelpunkt einer neuen Explosion technologischer Innovation« - sie sei im Begriff, »einen neuen Menschentypus zu schaffen«.

In seinem Aufsatz stellte Fukuyama - Wochen bevor Sloterdijks Rede das »Deutsche Beben« ("Zeit") auslöste - den »SZ«-Lesern in Aussicht, die Technik werde künftig »das Züchten von weniger gewaltsamen Menschen« erlauben, und dieser Möglichkeit werde man sich kaum verweigern können. Auch von »Nietzsches Übermenschen in der Flasche« und einer »posthumanen Geschichte« war da die Rede - warum gab es darüber keinen Krach?

Dass ein deutscher Denker so daherredet, wie Sloterdijk es tat - das war es, was die Sache zum Skandalon erhob. In der Tat: Das Vokabular, dessen sich der Provokateur bediente, wäre in diesem Land noch vor kurzer Zeit unvorstellbar gewesen.

Seit den sechziger Jahren hatte in Deutschland der intellektuelle Geist konstant von links geweht. Seine Utopie war die klassenlose Gesellschaft des demokratischen Sozialismus, in der sich der »Neue Mensch« in harmonischer Selbstverwirklichung frei entfalten sollte.

In Sloterdijks »Menschenpark« sind die schönen Träume der 68er wie mit einem rhetorischen Knall zerstoben; sie muten aus dieser Sicht fern an wie das Mittelalter.

Schon die Einseitigkeit, mit der Sloterdijk seine philosophischen Zeugen - Platon, Nietzsche, Heidegger - ausschlachtet, ist ein Rückfall in eine andere Welt. Seine Textmontagen künden von einer elitären, antidemokratischen Geisteshaltung, von tiefem Misstrauen gegen die menschliche Natur, der laut Sloterdijk mit »Zähmung« kaum noch beizukommen ist.

Wo der linksliberale Zeitgeist noch kürzlich nach sexueller Befreiung, sanfter Pädagogik oder humanerem Strafvollzug rief, sieht Sloterdijk eine »beispiellose Enthemmungswelle« rollen - ein Wüten entfesselter Triebe, dem Einhalt geboten werden müsse, womöglich durch züchterische Maßnahmen, wie der Philosoph insinuiert: Er spricht - wortgewaltig, aber vage - von einer »genetischen Reform der Gattungseigenschaften«, von »expliziter Merkmalsplanung« und »pränataler Selektion«.

So tollkühn hat sich, zumindest in der Wortwahl, noch kein deutscher Intellektueller über die Tabus hinweggesetzt, die seit Auschwitz in der Bundesrepublik als unantastbar galten - und das auch noch pünktlich zum Beginn der »Berliner Republik«, während auch die Politik sich von der Geschichte zu verabschieden sucht. Schwer vorstellbar, dass Sloterdijk die Brisanz seines provokanten Vortrags falsch eingeschätzt hat.

Dass seine gentechnischen Züchtungsphantasien, wissenschaftlich betrachtet, vorerst eher wirklichkeitsfremd sind, spielt dabei eine geringe Rolle. Die »gattungspolitischen Entscheidungen«, die er anpeilt, sind auch in seinen Augen noch ferne Zukunftsmusik. Was Sloterdijks Widersacher vielmehr auf den Plan ruft, ist die politische Dimension seines Vortrages, der einen prinzipiellen Wechsel ankündigt: Züchtung statt Erziehung, Biologie statt Politik, Rasse statt Klasse.

»Er hätte sich bewusst sein müssen, dass hier eine sehr hohe Sensibilität besteht«, sagt der Bioethiker Dietmar Mieth von der Katholisch-theologischen Fakultät der Universität Tübingen und wirft Sloterdijk ein »Defizit an Bedächtigkeit« vor. »Im provokativen Sinn«, meint der ehemalige DDR-Bürgerrechtler Reich, sei »die jetzige Aufregung sinnvoll« - aber auch er fügt hinzu: »Die ganze Tradition gefällt mir nicht, in der das daherkommt.«

Festzustellen bleibt, dass keineswegs erst mit dem NS-Rassenwahn die Ideen von erblicher Manipulation und Menschenzucht in die Welt kamen. Der Traum, dass im Zuge eines umfassenden Wandels der Gesellschaft auch jeder Einzelne zum Idealwesen mutieren müsse, hat im Abendland eine lange Tradition.

Stichwortgeber vieler Utopisten wurde der Athener Platon, der um 375 vor Christus in seinem Dialog »Politeia« ("Der Staat") Sokrates die Frage stellen ließ, was Gerechtigkeit sei. Platon entwarf ein streng nach Kasten gegliedertes Gemeinwesen, in dem »Philosophenkönige« darüber bestimmen könnten, wann und wie »die besten Männer mit den besten Frauen möglichst oft zusammenkommen« durften. Das Erbgut der Herrenrasse, der »Wächter«, sollte reingehalten, ja möglichst nach Schönheit und Intelligenz gesteigert werden.

In die Tat umgesetzt wurde das Programm von antiken Machthabern nie - und ebenso wenig von den Christen im frommen Mittelalter, die nicht daran zu denken wagten, dass das Ebenbild Gottes verbesserbar sein könnte.

In den Aufbruchsjahren der Reformation kam dann der britische Kronjurist Thomas More in seinem Staatsentwurf »Utopia« auf einige Lenkungsideen Platons zurück. Ein Jahrhundert später ersann auch der kalabresische Dominikaner Tommaso Campanella einen »Sonnenstaat«, in dem beste Zuchtbedingungen herrschen:

Große und schöne Frauen werden nur mit großen und tüchtigen Männern verbunden, dicke Frauen mit mageren Männern und schlanke Frauen mit starkleibigen Männern, damit sie sich in erfolgreicher Weise ausgleichen ... Im Schlafgemach stehen schöne Bildwerke berühmter Männer.

Erst im Zeitalter der Aufklärung setzte sich dann die Idee vom besseren Menschen in den Köpfen fest. Jean-Jacques Rousseau hatte seinem »Émile« (1762) eine strikt natürliche Erziehung zukommen lassen wollen, damit er so die üblen Begleitumstände der Zivilisation umgehe. Als die weniger skeptische Mehrheit den Fortschritt als Triebfeder geschichtlicher Entwicklung entdeckte, tauchte ebenso rasch die Frage auf: Warum sollte der Homo sapiens selbst von ihm ausgeschlossen sein?

Charles Fourier, Kaufmann und Plänemacher, träumte 1808 von einer Zukunft, da die Menschen nach strikten Regeln in Landkommunen lebten, so genannten Phalanstères. Dort würden sie 144 Jahre alt, jeder bis zu zwei Meter groß und 200 Kilo schwer. Die Begabungen, errechnete der Frühsozialist, könnten sich geradezu astronomisch steigern: Eine Weltbevölkerung von drei Milliarden - damals eine ungeheure Zahl - brächte ohne weiteres 37 Millionen Dichter von der Qualität Homers, 37 Millionen Mathematiker mit den Geistesgaben eines Newton und zahllose weitere Supertalente hervor.

Für derlei Fabelziele, glaubte Fourier, genüge eine durchgreifende Veränderung der Gesellschaft - ähnliche Doktrinen entwickelten später auch die Marxisten. Erziehung und Indoktrination galten ihnen als Mittel der Menschen-Manipulation.

Selbst nach Darwins bahnbrechendem Buch über die »natürliche Zuchtwahl« (1859) dauerte es noch 16 Jahre, bis Friedrich Nietzsche, Griechisch-Professor und Platon-Kenner in Basel, notierte: »Man kann durch glückliche Erfindungen das grosse Individuum noch ganz anders und höher erziehen, als es bis jetzt durch die Zufälle erzogen wurde. Da liegen meine Hoffnungen: Züchtung der bedeutenden Menschen« - das Christentum, so Nietzsche später abfällig, sei dagegen »Heerdenthier-Züchtung«.

Zwar meinte er mit »Züchtung« und »Zucht« fast immer strengste, elitäre Erziehung. Aber mit der Zeit machte sich Nietzsche auch Notizen über eine »Verbesserung der Gattung« selbst. Im Herbst 1881 grübelte er bereits, »ob nicht ein Theil der Menschen auf Kosten des anderen zu einer höheren Rasse zu erziehen ist«, ein »neuer Adel«, wie er bald hinzufügte.

In »Also sprach Zarathustra« trat dann das fatale Wort vom »Übermenschen« seine Laufbahn an. Noch später zögerte Nietzsche nicht mit dem Vorschlag, »grosse Wagnisse und Gesamt-Versuche von Zucht und Züchtung vorzubereiten, um damit jener schauerlichen Herrschaft des Unsinns und Zufalls, die bisher ,Geschichte'' hiess, ein Ende zu machen«.

Die platten Schlüsse aus solchen Visionen zogen andere - mit bekannten Folgen. Der Dichter Gottfried Benn schrieb im Juni 1933, er erwarte, dass ein neuer »deutscher Mensch« entstehe, »halb aus Mutation und halb aus Züchtung«. Nietzsche war zum Kronzeugen einer wahnhaften Rassenlenkungsidee geworden.

Für deutsche Ohren klingt der Begriff »Eugenik« stets und unweigerlich nach einer der Varianten von Hitlers Züchtungs- und Vernichtungswahn: Im Namen der Eugenik haben die Nazis hunderttausende sterilisiert und Millionen getötet.

Doch Eugenik ist keine Erfindung der Nationalsozialisten. Jahrzehntelang galt sie vielen Wissenschaftlern als Königsweg für die Zukunft des Menschen. Zu ihren Bewunderern zählten nicht nur Hitler und Mussolini, sondern auch Churchill und Roosevelt. Lange vor 1933 wurde eugenisches Gedankengut in rechten wie in linken Kreisen akzeptiert, in Los Angeles ebenso wie in London oder Berlin.

Francis Galton, ein Vetter von Darwin, prägte 1883 den Begriff »Eugenik« (griechisch im Sinne von: »gut im Erbgut") und definierte ihn als die Wissenschaft der genetischen Verbesserung des Menschen durch Zucht. Seither drängte

* Beamte des Rasseforschungsinstituts suchen nach Merkmalen des »nordischen Typs«.

es Forscher, den Traum von der biologischen Verbesserung der Menschheit endlich anzugehen, der Eingriff in das Erbgut galt ihnen geradezu als ethisches Gebot. Weltweit gründeten sich nach der Jahrhundertwende eugenische Fachgesellschaften.

Ihre Vision: Gelänge es, die Übertragung von Krankheits- oder anderen schädlichen Genen zu verhindern, dann werde die Menschheit binnen weniger Generationen der Erbhygiene in einen völlig anderen Zustand erhoben sein: frei von Krankheit und Siechtum, frei von Erscheinungen wie Alkoholismus und Kriminalität, sogar frei von Armut.

Ohne Eugenik, so die neue Heilslehre, drohe die genetische Vermüllung und der sichere Untergang, mit ihr stehe eine glorreiche Zukunft bevor - wie glorreich, das machte der spätere Nobelpreisträger Hermann Joseph Muller 1935 klar: Im Verlauf von nur 200jähriger Menschenzucht, so Muller, sei es »für die Mehrheit der Bevölkerung möglich, Anlagen von der Qualität solcher Männer wie Lenin, Newton, Leonardo, Pasteur, Beethoven« zu besitzen.

Eugenik stand selbst bei jenen hoch im Kurs, die später ihre Opfer wurden: Der deutsche Zionist Arthur Ruppin forderte 1919 eine »Auslese des Menschenmaterials« zur Besiedlung Palästinas - nur solche Juden von besonderer »körperlicher, beruflicher und moralischer Beschaffenheit« sollten in das Gelobte Land eingelassen werden.

Die damaligen Eugeniker waren keineswegs nur jene Chauvis und Wegbereiter der nationalsozialistischen Vernichtung, als die sie heute erscheinen. Viele von ihnen waren ernsthafte, bekümmerte Sozialreformatoren, die hofften, mittels Eugenik eine bessere Welt zu schaffen, in der Eugenik sahen sie eine Grundlagenwissenschaft der Sozialpolitik.

In den USA wurde schon 1910 das Eugenics Record Office gegründet, finanziert von Stiftungsmillionen unter anderem der Carnegie Institution. Forscher arbeiteten an Studien zur Vererbbarkeit von »Nomadismus«, von »Unbeholfenheit« und sogar von »Liebe zum Meer«, die sie besonders oft bei Marineoffizieren glaubten nachweisen zu können.

Wer arm war, galt damals diesen Forschern nicht als Produkt gesellschaftlicher Verhältnisse, sondern als Träger ungünstiger Moral- und Lern-Gene. Charles Davenport, einer der führenden US-Eugeniker, sah daher schwarz für die Zukunft der USA. Der »große Zustrom von Blut aus Südosteuropa«, so schrieb er, werde das US-Volk genetisch auf den Hund bringen - künftige Amerikaner würden »dunkler in der Pigmentierung, kleiner in der Statur, unbeständiger« und »stärker Verbrechen wie Diebstahl, Kindesentführung, Gewalttätigkeit, Mord, Vergewaltigung und Lasterhaftigkeit verfallen«.

Um dergleichen abzuwenden, schreckten die USA vor der »negativen Eugenik« nicht zurück. Massenhaft ließen sie in den zwanziger und dreißiger Jahren Menschen sterilisieren, die angeblich Träger schlechter Gene waren. Gleichzeitig wurden Einwanderer penibel auf die vermeintliche Qualität ihres Erbguts untersucht.

In Deutschland hatte sich die eugenische Forschung nicht anders entwickelt als in anderen Ländern auch - nur mit dem Unterschied, dass die deutschen Eugeniker ihre Phantasien ab 1933 hemmungslos in die Tat umsetzen konnten. Rassenhygiene und Eugenik wurden Grundbausteine der Hitlerschen Diktatur.

Wenige Monate nach Hitlers Machtübernahme wurde das »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« erlassen. Es hatte die Zwangssterilisation tausender Schizophrener, Epileptiker, Blinder, Tauber, Missgebildeter, Alkoholiker und geistig Behinderter zur Folge.

Das Ehegesundheitsgesetz verbot die Eheschließung von »Erbbelasteten«. In Heil- und Pflegeanstalten wurden die Insassen zur »erbbiologischen Bestandsaufnahme« gedrängt - die Voraussetzung der Massenvernichtung von psychisch Kranken.

An »erbgesunde«, nichtjüdische »Volksgenossen« dagegen gaben die Nazis Ehestandsdarlehen - in der Hoffnung, damit die Reproduktion von genetisch Höherstehenden anzukurbeln. Am abstrusesten wurde der Gedanke der Menschenzüchtung im »Lebensborn« verwirklicht, einem Geheimprojekt von Himmler. Arische Frauen sollten dort möglichst von SS-Männern geschwängert werden und arisch-erbreinen Nachwuchs in Serie produzieren.

Damals jubelten viele Experten in der Welt dem deutschen Modell zu. Deutschland, so hieß es in »Eugenical News«, dem Blatt der internationalen Eugeniker-Gemeinde, sei viel weiter als andere Länder in der »biologischen Fundierung des nationalen Charakters«. Das deutsche Sterilisationsgesetz, so hieß es 1933, stelle einen Meilenstein dar in der eugenischen »Kontrolle der menschlichen Fortpflanzung«. Bis zum Kriegseintritt der USA 1941 floss amerikanisches Geld in die eugenische Forschung der Deutschen.

Erst nach Kriegsende, als das Entsetzen über Auschwitz und den Umfang eugenisch inspirierter NS-Verbrechen sich verbreitete, galt die Eugenik weltweit als diskreditiert. Nur einige Biologen und Mediziner mochten sich von dem Gedanken nicht lösen. Der Amerikaner Muller zum Beispiel, Medizin-Nobelpreisträger des Jahres 1946, beharrte darauf: Wolle man der Weiterverbreitung schädlicher Erbanlagen Einhalt gebieten, müssten drei Prozent der Bevölkerung »von der Fortpflanzung eliminiert werden«. 1962, bei einer hochkarätig besetzten Konferenz zur Zukunft des Menschen, trat Muller als Wortführer hervor - aufs Neue berauschten sich die Genetiker an den alten Theorien.

Niemand hat den Schrecken über die eugenischen Phantastereien besser auf den Punkt gebracht als Aldous Huxley in seinem Roman »Schöne neue Welt« (1932). Die darin geschilderte Herrschaft von Alpha-Menschen über die mit einer Glücksdroge ruhig gestellten Arbeitssklaven der Retorten-Gammas, -Deltas und -Epsilons wurde zum Sinnbild der Gen-Diktatur.

Huxleys visionäre Kraft ist umso bemerkenswerter, als er noch nichts wissen konnte von der Sprache der Gene. Bis die beiden Wissenschaftler Francis Crick und James Watson mit Pappmodellen von Basenmolekülen herumgespielt und schließlich ein spiralförmiges Gebilde zusammengepuzzelt hatten, waren alle Eugenik-Verfechter auf die archaische Methode der Viehzüchter verwiesen.

Inzwischen ist die Doppelhelix zur Ikone einer ganzen Wissenschaft geworden: das molekulare Substrat alles Vererbbaren und damit zugleich jener Rohstoff, aus dem sich neue, verstiegene Pläne für das Menschen-Design schmieden ließen.

Es dauerte weitere 20 Jahre, bis auch das Rüstzeug bereitstand, mit dem sich dieser Rohstoff bearbeiten ließ: Seit Anfang der siebziger Jahre können Biotechniker den Erbgutstrang auch zerschneiden und neu zusammenkitten. Im Reagenzglas entstanden Tabakpflanzen, die dank einer Genspende vom Glühwürmchen leuchten, und breitschultrige Mäuse mit Hühnergenen.

Den Medizinern kam die Geburt der Gentechnik sehr zupass: Es schien sich eine neue Perspektive zu eröffnen, um den in den siebziger Jahren ins Stocken geratenen Fortschritt der Heilkunst wieder zu beflü-

* In Boston züchteten Forscher 1995 aus Menschenzellen eine Ohrmuschel und transplantierten sie in den Rücken einer felllosen Maus.

geln. Begeistert begrüßten die meisten Mediziner die Genforschung. Nun schien es endlich möglich, auch die bisher so hartnäckigen und unbesiegbar scheinenden Übel bei der Wurzel zu packen. Denn alle Biologie, so die Doktrin der neuen Wissenschaft, hat ihren Ursprung in den spiraligen Bauplan-Molekülen.

Aber hält die angekündigte Revolution, was sie verspricht? Dämmert die Ära einer alle Krankheiten niederringenden Medizin herauf, die schon im Erbgut den krankmachenden Faktoren zu Leibe rückt?

Bisher fällt die Bilanz nüchtern aus. 20 Jahre lang blieb die Genmedizin weitgehend das, was sie an ihrem Ursprung war: eine Ankündigungs-Wissenschaft. Fast täglich finden sich die Fanfarenstöße der Genforscher in der Presse. Und doch signalisieren Worte wie »Hoffnung«, »Erwartung« oder »Möglichkeit«, dass die medizinische Ernte der wissenschaftlichen Entdeckungen auf eine ungewisse Zukunft vertagt wird.

Zwar hat die pränatale Gendiagnose ihren festen Platz im klinischen Alltag gefunden. Doch beschränkt sie sich darauf, in den vergleichsweise seltenen Fällen, in denen eine erbliche Belastung der Eltern bekannt ist, die Frucht im Mutterleib zu untersuchen. Und als einzige »Therapie« für die diagnostizierte Krankheit bietet sie die Abtreibung an.

Noch weniger Erfolge kann die sogenannte somatischen Gentherapie vorweisen. Als der Pionier French Anderson 1990 erstmals ein erbkrankes Mädchen mit einem intakten Gen behandelte, sprachen Beobachter von einer Zeitenwende in der Medizingeschichte. Inzwischen klagt selbst James Watson, ehedem einer der glühendsten Verfechter dieser Methode: »Wenn wir auf Erfolge warten wollen, warten wir, bis die Sonne erlischt.«

Die Biologie erwies sich als weit komplexer, als es der Optimismus der Forscher hatte wahrhaben wollen. Doch nicht Enttäuschung macht sich unter Watson und seinen Mitstreitern breit. Im Gegenteil: Die bisherigen Versuche, so die Lehre, die sie aus den Misserfolgen der Vergangenheit zogen, seien nicht weit genug gegangen.

Den Durchbruch versprechen sie sich nun von der sogenannten Keimbahntherapie - bereits in der befruchteten Eizelle müsse der Genchirurg eingreifen. Auf dem Programm steht damit erstmals in der Geschichte der wahrhaft genmanipulierte Mensch. »Wenn wir bessere Menschen herstellen könnten durch das Hinzufügen von Genen«, so Watsons erklärtes Ziel, »warum sollten wir das nicht tun?«

Noch ist allerdings gänzlich ungewiss, ob dieses Programm von mehr Erfolg gekrönt sein wird als alle früheren. Es scheint durchaus möglich, ja vielen sogar wahrscheinlich, dass sich auch hier die Biologie den Visionären verweigert.

Bisher haben die Genforscher allenfalls an der Oberfläche das unermesslich komplizierte Wechselspiel der Moleküle im Körper verstanden. Jeder Eingriff in dieses Räderwerk der Natur könnte Folgen nach sich ziehen, die niemand abschätzen kann.

Gene, die bei Menschen Krankheiten verursachen, sind von der Evolution nicht erdacht worden, um sie zu piesacken. Die Anlage zur Zuckerkrankheit etwa, so nehmen die Forscher an, ist einst als Anpassung an Hunger entstanden. Träger der Diabetes-Gene konnten die Nahrung besser verwerten und waren deshalb eher im Stande, Notzeiten zu überstehen. Gentechniker, die solche Gene tilgen wollen, setzen damit womöglich aufs Spiel, dass Menschen sich künftig an eine veränderte Umwelt nicht mehr anpassen können.

Andere Erbkrankheiten werfen bereits für die Lebenden eine Art Dividende ab. Die Sichelzellenanämie beispielsweise breitete sich im südlichen Afrika aus, weil das defekte Gen einen Schutz bietet vor der tödlichen Malaria tropica. Ähnliche Geflechte im Erbgut bestehen zuhauf: Kein Gentechniker könnte absehen, welche Kettenreaktionen er entfacht, wenn er in diese Mechanismen eingreift.

Doch so vage die Aussicht auf den Zuchtmenschen aus der Bioretorte auch sein mag, so unübersehbar ist in der Wissenschaft die Debatte über ihn entbrannt. Unverhohlen suchen ihn die Visionäre der Genmedizin zunächst in die Köpfe der Menschen zu pflanzen. Zumindest eines scheint ihnen dabei schon jetzt zu gelingen: Die Naturwissenschaften sind im Begriff, das Bild vom Menschen zu wandeln.

Die langsame Neudefinition vollzieht sich in den nüchternen Protokollen der Wissenschaftsmagazine, in denen die Bandenmuster der Genforscher, die monotonen Buchstabenabfolgen der Gensequenzen und die kryptischen Kürzel zu sehen sind, mit denen die Abschnitte der Erbgutmoleküle bezeichnet werden. Unbeirrt von allen bisherigen Misserfolgen, fahren sie fort, nach dem molekularen Substrat von Intelligenz, Aggressivität oder Partnertreue zu fahnden. Die Vielfalt des Lebens wird so auf genetische Information reduziert; das Hirn, ehedem Sitz einer Seele, wird zur »wetware« (in Analogie zur Soft- und Hardware der Computer) degradiert.

Für die Philosophie stellt sich damit weniger die Frage, ob sie die Regeln für eine dereinst möglicherweise dämmernde Ära der Menschenzucht aufzustellen vermag; die Frage lautet vielmehr, ob sie diesen von der Naturwissenschaft insinuierten Wandel des Menschenbildes nur hinnimmt oder ihm etwas entgegenzusetzen hat.

Um nicht von philosophischen Bedenken belästigt zu werden, haben die Biologen zunächst in den USA ihre eigenen Philosophen gekürt: Innerhalb der letzten 25 Jahre hat sich die Disziplin der Bioethik entwickelt, deren erklärte Aufgabe es ist, Handlungsanweisungen zu geben, wie mit den neuen Techniken aus dem Biolabor umzugehen sei.

Als Import aus den USA hat sich die junge Disziplin inzwischen auch in Deutschland etabliert. In Bonn, Freiburg, Göttingen und Tübingen wurden Bioethik-Zentren gegründet.

Philosophisch betrachtet, ist die Formation eines neuen Ethikzweiges ein weit reichender Schritt. Denn so tiefgreifend Chemie, Atom- oder Informationstechnik die Welt auch verändert haben mögen, keine dieser Wissenschaften brachte eine eigene Ethik hervor. Allein die Biologie misst sich eine Sonderrolle zu - weil sie sich mit dem Wesen des Menschen selbst befasst.

Mit der Formulierung einer Bioethik hat sich, von vielen unbemerkt, das Verhältnis von Wissenschaft und Ethik umgekehrt. Die in der deutschen Philosophie wurzelnde Ethik geht von einem Verständnis von der Natur des Menschen aus und leitet daraus Kriterien für das Handeln ab.

Ganz anders die aus den angelsächsischen Ländern stammende Bioethik. Niemand hat dies prägnanter auf den Punkt gebracht als Robert Edwards, einer der medizinischen Väter des Retortenkindes Louise Brown: »Die Ethik muss sich der Wissenschaft anpassen, nicht umgekehrt.«

Wohin die damit verbundene langsame Erosion aller humanen Prämissen führen kann, zeigt die Argumentation des umstrittenen Bioethikers Peter Singer, der gerade seine Professur an der Elite-Universität Princeton angetreten hat: Debile stellt er, aus ethischer Sicht, auf eine Stufe mit Schimpansen und erklärt die Tötung schwerstbehinderter Neugeborener für zulässig. Zum Amtsantritt in der letzten Woche verglichen ihn Demonstranten in Rollstühlen auf Plakaten mit Hitler.

Die Strategie, dass mit der künftigen Manipulationstechnik der Weg geebnet wird, exerzieren die Gentechniker und ihr bioethisches Gefolge derzeit beim Eingriff in die Keimbahn vor. Nur wenige Jahre ist es her, da dies unumstritten als letzte Grenze galt, welche die Genforscher niemals überschreiten wollten.

Vor zwei Jahren dann schien den US-Wissenschaftlern die Technik fortgeschritten genug, um an dem Tabu zu rütteln. Nahe Washingtons versammelten sie sich zur ersten »Gene Therapy Policy Conference«. Erklärtes Ziel: Vorgaben für den Eingriff in die menschliche Keimbahn zu erarbeiten.

Die Experten schickten sich an, die alte Utopie vom besseren Menschen in die Tat umzusetzen. Und sie waren überzeugt, diesmal das technische Werkzeug dafür in Händen zu halten.

Zugleich aber wussten sie, welch erbitterte politische, ethische und religiöse Widerstände sie würden brechen müssen. Deshalb zogen sie sich auf eine Strategie zurück, die sich immer wieder als erfolgreich erwiesen hat: Sie zerlegten den epochalen Schritt zum Menschen-Design in viele kleinere Etappen, die sich jede für sich leichter bagatellisieren lassen. Denn die Akzeptanz für ihr Jahrhundert-Unterfangen wird nur in Raten zu erlangen sein.

Zunächst, so beteuern sie, sei einzig die genetische Korrektur einiger weniger schwerer Erbkrankheiten in Reichweite. Und wer könne dies verurteilen?

Wer Patienten am Tay-Sachs-Syndrom, an Muskeldystrophie oder Chorea Huntington habe leiden sehen , der könne kaum bestreiten, dass es ein Segen wäre, wenn sich diese Leiden gentherapeutisch ausmerzen ließen. »Wir sind uns doch einig, dass dies Fehler der Natur sind, schreckliche Krankheiten mit einer simplen Ursache«, beschwor der Genmediziner Theodore Friedmann seine Kollegen.

Ist aber einmal dieser erste Schritt getan, dann werden sich die Forscher dem nächsten zuwenden - und sich dabei auf den ersten berufen: Wenn die Korrektur eines Krankheitsgens zulässig ist, warum sollte das Ausschalten eines Gens, welches das Risiko für Krebs oder Alzheimer in sich birgt, verboten sein? Und was schließlich ist daran zu verdammen, wenn Eltern ihrem Kind mehr Intelligenz mit auf den Lebensweg geben wollen?

Bestandteil des Werbefeldzugs für das Projekt des Menschen aus der Genretorte ist es auch, die zögerlichen Deutschen für den großen Plan zu begeistern. Dies war bezweckt, als James Watson 1997 bei einer molekularbiologischen Konferenz in Berlin seinen deutschen Kollegen zurief: »Es ist an der Zeit, Hitler hinter uns zu lassen.«

In der Tat verläuft die Debatte über die Fortschritte der Humangenetik, Gentechnik und Reproduktionsmedizin in Deutschland anders als in jedem anderen Land. »Die Diskussion hat die Form, die sie in der Bundesrepublik immer hat: leicht hysterisch«, konstatiert Molekularbiologe Reich angesichts des Streits um Sloterdijk.

Verwirrt nehmen die Deutschen wahr, wie biologische Fragen die politischen Fronten bröckeln lassen. Gleichgültig, ob es um die Abtreibung erbkranker Föten geht, um das Lebensrecht beatmeter Hirntoter mit schlagendem Herzen oder um die Vision vom gentechnisch verbesserten Menschen: Stets finden sich die Linken in einer eigenartigen Koalition mit der katholischen Kirche wieder. Die von der Faschismus-Erfahrung traumatisierten Linken wie die konservativ-religiös argumentierenden Rechten verstehen sich, wenn es um bioethische Fragen geht, als Hüter der Menschennatur.

Damit stoßen sie bei den von amerikanischem Pragmatismus geleiteten Bioethikern meist auf Unverständnis. Für diese ist mit der voranschreitenden Wissenschaft auch das Bild in stetem Flusse, das man sich von der Natur des Menschen zu machen habe. Jede neue Technik erfordere eine neue Debatte darüber, welche Form der Menschen-Manipulation ethisch zulässig oder verwerflich ist.

Ein einziges moralisches Gebot gilt es nach Auffassung der US-Bioethiker zu beherzigen: Dem Einzelnen müsse das Recht vorbehalten bleiben, selbst über die Anwendung neuer Methoden zu entscheiden. »Genetiker müssen sich als Diener der Menschen betrachten«, beteuerte Watson bei seiner Berliner Rede. »Nie wieder dürfen sie zu Dienern politischer und sozialer Planer werden.«

Genau dieses Gebot aber ist mit dem Eingriff in die Keimbahn in Gefahr. Zum einen liegt es im Wesen dieser Methode, dass andere - Eltern, Ärzte oder der Staat - über die Genausstattung zukünftiger Menschen befinden. Der Einzelne ist dem Urteil seiner Schöpfer ausgeliefert.

Zum anderen eignet sich die Keimbahnmanipulation geradezu ideal, um die uralte Utopie von der gezielten Verbesserung des Menschen zu verwirklichen - und damit wird sie zum Instrument der Macht.

Auch in Sloterdijks Elmauer Rede klangen solche Untertöne deutlich an. Sloterdijks Vortrag ist durchtränkt von Begriffen, die den Verdacht wecken, er mache sich für eine gezielte, politische Menschenzucht stark.

»Zucht« setzt einen »Züchter« voraus, der eugenische, rassische Ziele verfolgt. Wenn Sloterdijk von »gattungspolitischen Entscheidungen« und »Regeln für den Menschenpark« spricht, dann lassen sich diese Worte kaum anders deuten.

Andere, die sich an der Debatte jetzt beteiligen, warnen vor allzu großen Berührungsängsten. »So was muss auf den Tisch«, sagt Jens Reich. »Es ist besser, die Diskussion in der Öffentlichkeit zu haben, weil das Probleme sind, die auf uns zukommen.«

Der Bonner Hirnforscher Linke geht noch einen Schritt weiter: »Dass wir einmal in das Unbewusste runtersteigen, wie Sloterdijk das vorgeführt hat, ist sicher gut.« Allerdings müsse man danach »auch wieder ins Bewusste einsteigen«.

»Problematisch« findet auch Linke, dass Sloterdijk »das Vokabular des Rassismus benutzt, ohne sich wirklich davon zu distanzieren«. Ein »Skandal« sei im Übrigen »die Verbindung mit Heidegger«.

Dass der Menschenplaner aus Karlsruhe eine Diskussion angestachelt hat, der sich die Gesellschaft am Ende dieses Jahrhunderts zu stellen hat, wird von kaum jemand bestritten. Ob sein Beitrag hilfreich ist, umso mehr.

»Ich muss gestehen«, schreibt der Philosoph Tugendhat über die Sloterdijk-Rede, »dass ich nicht verstanden habe, worum es dem Autor überhaupt geht. Was will er eigentlich? Und gibt es irgendetwas in diesem Aufsatz, was wir jetzt besser verstehen würden?« Resigniert konstatiert er: »Ich habe nichts gefunden.« MARCO EVERS,

KLAUS FRANKE, JOHANN GROLLE

[Grafiktext]

Schöne neue Welt? Biotechnische Eingriffe am Menschen Euthanasie im Mutterleib pränatale Gendiagnostik VERFAHREN Fahndung nach dem Gen für eine Erbkrankheit im Erbgut des ungeborenen Kindes. Er- weist sich das Gen als defekt, so besteht die Möglichkeit einer Abtreibung. CHANCEN UND RISIKEN Zwar ist die ²eugenische IndikationEUR im geltenden Recht abgeschafft, trotzdem sind Abtreibungen bei bestimmten Erbkrankheiten üblich. Allerdings be- schränkt sich diese Methode auf Eltern, bei denen eine erbliche Be- lastung bekannt ist. --------------------------------- Selektion im Labor Präimplantations- diagnostik VERFAHREN Genetischer Test des Em- bryos im Labor. Nur solche Embryonen werden in die Gebärmutter implantiert, die das defekte Gen nicht im Erbgut tragen. CHANCEN UND RISIKEN Nach deutschem Recht nicht zu- lässig - doch der Druck, auch diese Methode zu erlauben, wächst. ---------------------------- Reparatur aus der Spritze somatische Gentherapie VERFAHREN Patienten mit einer Erbkrank- heit wird ein intaktes Gen in kranke Zellen eingeschleust. CHANCEN UND RISIKEN Bisher in hunderten klinischen Studien, unter anderem auch in Deutschland, getestet, allerdings nahezu ohne jeden Erfolg. ---------------------------- Kopie aus der Retorte Klonen VERFAHREN Züchtung der genetisch identischen Kopie eines Menschen. CHANCEN UND RISIKEN Technisch vermutlich möglich, nach deutschem Recht aber verboten. Diese Methode hätte keinerlei thera- peutischen Nutzen, sondern würde nur dem Bedürfnis Einzelner dienen, sich selbst - zumindest genetisch - zu einer Wiedergeburt zu ------------------------------ Reparatur nach der Zeugung Keimbahntherapie von Erbkrankheiten VERFAHREN Ein defektes Gen wird schon im befruchteten Ei durch ein intaktes ausgetauscht. Der so korrigierte Embryo wird der Mutter implantiert. CHANCEN UND RISIKEN Technisch nach Auffassung vieler Ex- perten einfacher als die somatische Gentherapie. Nach deutschem Recht aber verboten, denn die Veränderung im Erbgut würde auch an die Nachkom- men des behandelten Embryos weiter- gegeben. ---------------------- Prävention im Erbgut Ausschalten von Risiko-Genen VERFAHREN Gene, welche das Risiko an Krankheiten wie Krebs, Fett- sucht oder Asthma erhöhen, werden vor der Einpflanzung in die Gebärmutter ausge- schaltet. CHANCEN UND RISIKEN Nach deutschem Recht verboten. Zudem ist völlig ungewiss, ob derarti- ge Eingriffe ins Erbgut möglich sind, ohne zugleich in unkontrollierter Wei- se andere Vorgänge im Körper zu beeinflussen. -------------------------- Schutzschild vor Krankheit Einbau von Resistenz- Genen VERFAHREN Ein Gen, das Schutz vor Krankheiten wie Aids ge- währt, wird ins Erbgut einer befruchteten Eizelle ge- schleust. CHANCEN UND RISIKEN Mit dieser Methode wäre ein entschei- dender Schritt in Richtung auf gezielte Erbgutverbesserung gemacht: Nicht nur Träger von Krankheits- oder Risiko- Genen könnten mit ihr behandelt wer- den, sondern im Prinzip jeder. ------------------------ Übermensch aus dem Labor Genetische Optimierung VERFAHREN Theoretisch ließen sich auch Eigenschaften wie Intelligenz, Aggressivität oder Schönheit genetisch verändern. CHANCEN UND RISIKEN Mit dieser Form der Manipulation stün- de die Tür zum genetischen Design des Menschen offen. Noch allerdings ist die Wissenschaft von dieser Möglichkeit weit entfernt: Wie die Gene die kom- plexen Eigenschaften des Menschen steuern, ist bisher unbekannt. Außer- dem würde sich jeder Eingriff ins Erbgut in vielfältiger und möglicherweise schädlicher Weise im Körper auswirken.

[GrafiktextEnde]

* Beamte des Rasseforschungsinstituts suchen nach Merkmalen des"nordischen Typs«.* In Boston züchteten Forscher 1995 aus Menschenzellen eineOhrmuschel und transplantierten sie in den Rücken einer felllosenMaus.

Klaus Franke
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