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Artikel 55 / 83

»Zünde deine Frau an«

SPIEGEL-Redakteurin Swantje Strieder über Frauen, Mitgifträuber und Gattinnenmord in Indien *
Von Swantje Strieder
aus DER SPIEGEL 20/1984

Am Morgen war der Bauer Kripal an offener Tuberkulose gestorben. Am Mittag lag das Holz für seine Feuerbestattung aufgeschichtet auf dem Platz seines Dorfes westlich von Neu-Delhi. Tausende von Schaulustigen drängten sich um den Scheiterhaufen.

Kripal war tot, doch die Zuschauer waren nicht gekommen, um zu trauern. Kokosnußverkäufer überschrien die Menge, fliegende Händler und kleine Garküchen versperrten die Dorfstraße. Niemand mochte das »glückbringende« Ereignis verpassen, dessen Ankündigung sich in Windeseile herumgesprochen hatte: Kripals Frau Midhiabai sollte sich zu ihrem toten Mann ins Feuer stürzen - »Sati«, das heißt Witwenverbrennung am lebendigen Leibe.

Der Mann hatte seiner Frau nichts außer der Sorge um ihre zwei kleinen Töchter hinterlassen - ein Fluch für indische Familien. Der Feuertod versprach das ehrenvolle Ende eines aussichtslosen Lebens als Witwe. Ihre Nachbarn, die sich auf das Spektakel freuten, halfen der Entscheidung nach.

»Als wir uns endlich zum Platz durchgekämpft hatten, schien alles zu spät«, sagte Inspektor Prakasch Najudu, der aus der Provinzhauptstadt in das nordindische Dorf Lodhapurwa geeilt war, »wir sahen schon die Rauchsäule, Midhiabai sollte sich gerade ins Feuer setzen.« Als Najudus 15 Polizisten versuchten, die Gaffer abzudrängen, wurden sie beschimpft und an den Uniformröcken zurückgerissen.

Plötzlich brüllte der Inspektor: »Die Sterne stehen schlecht. Das bringt Unglück. Wir müssen die Witwenverbrennung verschieben!« Das Gemurmel erstarb. Die abergläubische Menge wich enttäuscht zurück. Der Inspektor hatte die verstörte Witwe gerettet - gegen ihren Willen.

Auch 155 Jahre nachdem die britischen Kolonialherren den grausamen Brauch untersagten, hat der »Sati«-Kult seinen Platz im religiösen Selbstverständnis vieler Inder. In Alt-Delhi demonstrierten jüngst über 100 ältere Frauen nicht gegen, sondern für die Witwenverbrennung. In roten Brautsaris, behängt mit ihrem Schmuck, auf dem Kopf ein Gefäß mit heiligem Gangeswasser - so huldigten sie allen Frauen, die für ihre Männer ins Feuer gegangen waren, während eine Handvoll Frauenrechtlerinnen lauthals gegen diese »Aufforderung zum Selbstmord« protestierten.

»Sati« ist nur der Exzeß einer jahrtausendealten Hindu-Tradition, die von _(Im August 1983 in Lodhapurwa. )

Tugend und Hingabe der Frauen spricht und ihre Unterdrückung von der Wiege bis zum Witwendasein meint. Kaum eine andere Religion hat die Frauen als Göttinnen so sehr verehrt und auf ein Piedestal erhoben und sie gleichzeitig zu einem so unterwürfigen Leben verdammt.

Als Begründung für die ständige Vormundschaft über die Frauen wird deren böse und schwache Natur genannt. Schon in den tausendjährigen heiligen Gesetzen Manus heißt es: »Als er sie erschuf, gab Manu (der Schöpfer) ihnen Bett, Stuhl und Schmuck, unreine Gelüste, Zorn, Unehrlichkeit, Bosheit und Schlechtigkeit mit.« Pflicht der Gattin ist es, ihren Mann als Herrn und Gott ("Pati") zu verehren, nur so könne sie spirituelle Verdienste gewinnen.

Die Psyche der Hindu-Gesellschaft hat sich an dem Ramajana, dem monumentalen Heldenepos über Gott Ram, herausgebildet. Als Ram seine Frau Sita, die vom Dämonen Rawana entführt wurde, zurückeroberte, verlangte er von ihr die Feuerprobe: »Kein Mann kann eine Frau, die im Hause eines anderen gelebt hat, zurücknehmen«, sagte Ram, als seine Untertanen ihn vorsichtig kritisierten.

»Diesen ''Sita''-Komplex der indischen Frau lernen meine Töchter schon in den Comic-Ausgaben unserer Hindu-Epen, den Weden«, resigniert eine Mutter, »um ihrem Göttergatten Ram ihre Reinheit zu beweisen, hockt sich die Königin Sita tatsächlich ins Feuer.«

»Ein Land ist so fortgeschritten wie seine Frauen«, hat Mahatma Gandhi, die »Große Seele« Indiens, gelehrt. Daran gemessen ist Indien stehengeblieben. Auch wenn eine eiserne Lady wie Indira Gandhi, Nehrus Tochter, das 730-Millionen-Land regiert, so hat sich doch am Schicksal der meisten Hindu-Frauen, die mit Leib und Seele ihren Männern dienen, nichts geändert.

»Es gibt einige wenige gebildete Frauen aus hohen Kasten oder alten Politikerfamilien wie den Nehrus, doch diese Stars verschleiern die schreckliche Situation der Durchschnittsfrauen«, urteilt Subhadra Butalia, Professorin in Delhi. *___Zwar schickt Indien eigene Satelliten in den Weltraum, ____baut Panzer und Atombomben, lauter traurige Beweise ____indischer Modernität, doch noch immer werden in ____Radschasthan Kinderbräute, die noch am Daumen lutschen, ____verheiratet, als sei die Zeit in Indien ____stehengeblieben. *___Die indische Verfassung garantiert die ____Gleichberechtigung. Aber Millionen armer Frauen ____schleppen Steine und Schutt auf den Baustellen, putzen ____Latrinen und fegen die Straßen - selbstverständlich für ____geringere Löhne als die Männer. *___Die Zahl der arbeitenden Frauen fiel von immerhin 34,4 ____Prozent der Erwerbstätigen anno 1911 auf ganze 21 ____Prozent im Jahr 1981. Und dennoch

leisten sie die meiste Arbeit - unentgeltlich - vom Morgengrauen bis in die späte Nacht, im Hause, als unbezahlte Gehilfin des Mannes, in der Not auch als Zugtier, wenn der Büffel vor dem Pflug schlappmacht. *___Die Inderinnen erhielten schon 1921, drei Jahre nach ____Deutschland, das Wahlrecht, doch den eigenen Ehemann ____dürfen sie nicht selber aussuchen. *___Es gibt eine Elite von Wissenschaftlerinnen, ____Ingenieurinnen, Ärztinnen und Anwältinnen, die Geld ____verdienen und dennoch nie selbständig werden, weil das ____religiöse Gesetz Manus es anders fordert: »Als Kind dem ____Vater, als junge Frau dem Mann, als seine Witwe den ____Söhnen untertan, sollte sie niemals Unabhängigkeit ____genießen.«

»Wir sind schließlich nicht dümmer als ihr im Westen«, sagt Gita, Sängerin klassischer indischer Musik, »wir sind nur gefesselt in unseren Traditionen.« Früher trat sie im Rundfunk auf, bis ihr Mann, ein bekannter Journalist, sie ins Haus sperrte, weil sie nur noch für ihn dasein sollte. Doch beim abendlichen Whisky gesteht er ihr schon mal in aufgeklärter Laune: »Hindu-Frauen sind die ärmsten Geschöpfe der Welt.«

Sie wären es nicht, wenn Frauen nicht Frauen kaputtmachen würden und sich als eifrige Hüterinnen gerade der Traditionen bemüßigten, unter denen sie am meisten leiden. »Sie sind schließlich mit schuld an ihrem Unglück«, sagt Tara Ali Baig, die große alte Dame in der kleinen indischen Frauenbewegung. »Ihre Söhne verwöhnen sie zu unerzogenen Fratzen, die Töchter lassen sie verhungern.« Nur Bube zählt, nicht Dame.

Glück oder Unglück der indischen Frau beginnen am Tage der Niederkunft. »Es war wie eine Beerdigung«, erinnert sich eine alte Frau in Kaschmir an die Geburt ihrer ersten Tochter.

Ist es ein Junge, dann jubelt die Familie, dann werden Süßigkeiten an Freunde und Verwandte verteilt. Ist es ein Mädchen, dann flüstert die Hebamme »hua«, das »Etwas« ist da. Die junge Mutter aber blickt verschämt, und es gibt Großmütter, die angesichts des neugeborenen Mädchens einfach sagen: »Laßt es sterben.«

Tatsächlich ist in Indien die Kindersterblichkeit bei Mädchen um ein Drittel höher: Die maskuline Tradition fordert ihre Opfer. »Manchmal müssen wir die Mütter zwingen, ihre Töchter zu stillen«, sagt eine Kinderschwester. Kranke Mädchen werden von ihren Eltern seltener zum Arzt gebracht als kranke Jungen. Auf dem Lande - hier wohnen 80 Prozent der Bevölkerung - dürfen sie erst dann essen, wenn die Männer der Familie satt sind, obwohl sie oft am härtesten von allen arbeiten müssen.

Diese Vorliebe der Eltern für die Söhne hat statistisch nachweisbare Folgen: Indien ist wohl das einzige Land der Welt, in dem nicht nur mehr Männer als Frauen leben (20 Millionen mehr) - die Männer werden auch durchschnittlich um ein Jahr älter (Lebenserwartung der Frauen: 51 Jahre).

»Im Westen handeln Frauenfragen meist von Selbstverwirklichung, Beruf und Sex«, schreibt die Zeitschrift »India

Today«, »hier geht es den Frauen ums simple Überleben.«

Als ob die frauenfeindliche Tradition nicht ausreichte, Männerherrschaft festzuschreiben, haben zumindest in einer Region indische Ärzte die Lebenschancen von Mädchen mit moderner Technik verringert: Geschlechterbestimmung bei Embryos war im Pandschab ein großes Geschäft. Ergab die Fruchtwasserpunktion, daß ein Mädchen unterwegs war, wurde oft - legal - abgetrieben.

Erst der Protest von Frauenverbänden und der Presse bewegte die Behörden im Sommer 1982, diese Praxis zu untersagen. Doch an der kulturellen Ursache können die Beamten nichts ändern: Sinn und Erfüllung einer indischen Ehe liegt noch heute darin, für männliche Nachkommen zu sorgen. Beim »Saptapadi«, dem Hochzeits-Ritual der sieben Schritte um das Feuer, spricht der Bräutigam die Formel, die seit Jahrtausenden gleich ist: »Sei meine Gefährtin. Geh mit mir zusammen für immer und ewig. Laß uns viele, viele Söhne zeugen.«

Söhne bedeuten nicht nur Arbeitskraft und Altersversorgung für die Familien. Ein frommer Hindu kann nur in Ruhe und Frieden sterben, wenn sein Sohn später bei der Verbrennung den Scheiterhaufen anzündet.

Natürlich gibt es Millionen Väter, die ihre Töchter nur ein bißchen weniger lieben als ihre Söhne. Aber es wird auch das böse Wort eines Vaters kolportiert: »Ein Mädchen im Haus ist wie Spucke auf dem Fußboden. Einmal ausgespuckt, nimmt man sie nicht in den Mund zurück, genausowenig, wie ein Mädchen wieder in seine Familie zurückgenommen werden kann.«

»Jedes Mädchen lebt in seinem Elternhaus nur im Wartestand«, schreibt »India Today«, »bis sie in ihr ''richtiges Heim'' heiratet, und es ist wichtig für sie, daß sie sich dort einordnet und fügt. Denn es gibt kein Zurück.« Eine Tochter, die nicht heiraten will, die nach gescheiterter Ehe oder die gar nach der Schmach einer Scheidung in die elterliche Obhut zurückkehrt - das ist in Indien so gut wie unbekannt. Um so mehr Mühe investieren die Eltern in das Ehe-Arrangement.

Vor lauter Angst, ihre Tochter später nicht unter die Haube zu bekommen, in der Sorge, ihre Jungfräulichkeit auf den langen einsamen Wegen zum Feld oder Dorfbrunnen nicht behüten zu können, und in der Hoffnung, einen Esser der Großfamilie bald loszuwerden, verheiraten manche Bauern ihre Töchter schon auf dem Schoß der Mutter, obwohl das offizielle Heiratsalter bei 18 liegt.

Bis zur Pubertät leben und arbeiten die Kinderbräute meist im Haus ihrer Eltern. »Verheiratete kleine Mädchen werden nicht mehr in die Schule geschickt, sehen Sie selbst«, sagt Wandana Goswami in einer kleinen Dorfschule, 20 Kilometer von Dschaipur, der Hauptstadt von Radschasthan, entfernt. Unter dem Baum sitzen 105 Schulkinder artig auf den Grasmatten, 99 Jungen und nur sechs bezopfte Mädchen. Die Kinder-Ehemänner lernen wenigstens Lesen und Schreiben, während ihr Fräulein Braut, sofern sie schon laufen kann, Kuhdung, Indiens wichtigsten Brennstoff, einsammelt und zu Fladen formt.

Schon Gandhi, der mit 13 Jahren verheiratet wurde, beklagte aus »schmerzvoller

Erfahrung« die Tradition der Kinderehen. Erst als die Hochzeitsvorbereitungen begannen, merkte er, was ihm geschah: »Ich glaube, es bedeutete mir nicht mehr als die Aussicht auf schöne Kleider, Trommelschlagen, Hochzeitsprozession, reichhaltiges Essen - und ein fremdes Mädchen zum Spielen.« Die Hochzeitsnacht war dementsprechend: »Zwei unschuldige Kinder wurden wie Treibgut in den Ozean des Lebens geworfen.« Die Rolle des Haustyrannen aber lernte er, wie er zugibt, sofort.

In Indiens Städten und in den höheren Kasten wird heute später geheiratet. Manche Eltern der Mittelklasse schicken ihre Töchter sogar auf ein feines College. Aber selbst wenn die Töchter Hobbes, Locke und Rousseau zitieren, kokett in Karotten-Jeans einherstolzieren, so bleibt doch eine Ehe in Indien eine viel zu traditionelle Angelegenheit, als daß sie den Beteiligten überlassen wird.

Noch immer werden in diesem Land mehr als 90 Prozent aller Ehen von den Eltern arrangiert. Hier gibt es kaum Liebespärchen, die händchenhaltend durch die Parks spazieren, keine Flirts an der Bushaltestelle, kein Poussieren in der Mensa. Eine unsichtbare Mauer trennt die Geschlechter vor der Ehe - und hinterher. Denn dann hält sich die Inderin ohnehin zwei Schritte hinter ihrem Mann.

Heiratsvermittlung ist ein angesehener Beruf - oder die Berufung der Großmütter und Tanten, die sich auf jedem Fest und bei jeder Teestunde nach einer guten Partie für ihre Schützlinge umsehen und deren Gespräche fast immer so beginnen: »Ich kenne da einen jungen Mann aus sehr guter Familie ...«

Töchter gehorchen. »Komm sofort zurück!« schrieben die Eltern einer indischen Ärztin nach Bremerhaven, wo die junge Frau gerade ihre Facharztausbildung für Gynäkologie abschließen wollte, »wir haben einen Mann für Dich, Akademiker, noble Familie.« Zwölf Jahre lang hatte Ani, südindische Katholikin, dank der Vermittlung frommer Schwestern in Rom studiert und sich dann in Deutschland weitergebildet. Sie liebte ihren blonden Freund und Kollegen Christian von der Unfallchirurgie - ein Traumpaar in den Augen der Patienten.

Wochenlang war die junge Ärztin hin- und hergerissen zwischen Liebe, Karriere in Deutschland und dem schlichten Gehorsam einer indischen Tochter. Doch dann, als ob sie eine ihr plötzlich fremdgewordene Haut abstreifte, zog sie den Arztkittel aus, kündigte und flog nach Bombay, um einen Mann, den sie nie gesehen hatte, zu heiraten.

»Ich hatte dagegen Glück«, sagt Kantha. Jung, hübsch und reich, graziös in ihre Brokatsari gewickelt, sitzt sie in der Hotelhalle in Khadschuraho, einer Tempelstadt. Neben ihr steht, ein Glas in der Hand, jung, gutaussehend und reich, ihr Mann - er ist der Besitzer dieses und anderer indischer Luxushotels. Auch Kanthas Ehe war arrangiert, doch die Gitterstäbe ihres goldenen Käfigs stehen weit genug auseinander, um ihr Freiheit für »die netten Dinge dieses Lebens - ausgehen, ins Kino gehen, Freundinnen treffen« - zu lassen. Die Hausarbeit machen die Diener und ihr Kindermädchen.

Hätte Kantha ihren Mann auch geheiratet, wenn er ihr nicht gefallen hätte? »Ich komme aus einer aufgeschlossenen Familie«, sagt sie stolz. Zwei »langweilige Heiratskandidaten« konnte sie ablehnen, obwohl ihr Vater den einen bevorzugte, »weil er vom Geschäftlichen her und überhaupt« so gut gepaßt hätte. Aber solche Freiheit hat nicht jedes Mädchen, sagt sie.

»Für die Braut ist die Hochzeit eine Reise ins Licht oder ins schreckliche Dunkel«, philosophiert der Manager Ramanudscham - Direktor bei der amerikanischen Union Carbide, ein smarter Geschäftsmann, Aktenkoffer und grauer Anzug inklusive -, doch zuerst und zuletzt ist er Brahmane und Vater einer 18jährigen Tochter, die er bald verheiraten will.

Geheiratet wird selbstverständlich nur unter Kastenhindus. Eine Liebesheirat seiner Tochter wäre für ihn Leichtsinn, aus dem Westen importiert, der nur ins Unglück führen kann.

»Die Liebe«, sagt er, »läßt nach ein paar Monaten oder Jahren eh nach. Was bleibt, sind dieselben Neigungen, Sitten und Gebräuche, Freunde, die gleichen Küchengerüche.«

Herr Ramanudscham denkt auch daran, eine Heiratsanzeige aufzugeben, wie sie jedes Wochenende zu Tausenden in der »Times of India« oder im »Indian Express« stehen: *___"Gebildeter, festangestellter junger Mann, groß und ____gutaussehend für reiches Mädchen, College-Studentin im ____vierten Semester, mit hellem Teint, gesucht. ____Bewerbungen mit Horoskop und familiären Details.« *___"Hübsches Mädchen aus guter Familie für gutaussehenden, ____klugen Geschäftsmann _("O Agni (Feuergott), ich wollte nicht ) _(meine Tugend vor aller Welt preisen. ) _(Aber weil Ram es verlangt, zeig ihnen, ) _(daß ich untadelig bin.« )

aus dem Pandschab, College-Erziehung, 25 Jahre, 165 cm, Einkommen vierstellig; Vermögenssteuerzahler.« *___"Gutsituierte Gursikh-Familie mit blühendem Geschäft ____sucht passende Braut für ihren einzigen Sohn, 29 Jahre ____alt, mit eigenem Teppichhandel. Der Junge trägt ein ____künstliches linkes Handgelenk, kann aber jede Arbeit ____verrichten.« *___"Wanted: Partie für ein hübsches, 26jähriges Mädchen, ____160 cm, geschieden. (Ehe annulliert wegen Impotenz des ____Gatten, dauerte nur drei Monate.)«

In fast allen Anzeigen wird, dem nordindischen Schönheitsideal entsprechend, eine hellhäutige Braut gesucht oder angepriesen, obwohl doch die meisten Inder dunkelhäutig sind. Selten nur findet sich der Hinweis »Kastenzugehörigkeit kein Hindernis«.

»Du willst mich verkaufen wie eine Kuh«, wirft die aufgeklärte Surija Ramanudscham ihrem Vater vor. Doch das war eher scherzhaft gemeint; natürlich weiß sie, daß ihr Vater es ist, der zahlen muß, bevor er sie an den Mann bringt. Ursprünglich bestand die Mitgift aus goldenen Arm- und Fußreifen, aus Ohrringen und Nasenschmuck, 31 Seidensaris und ein paar kleinen Gegenständen, um den neuen Hausstand zu verschönern. »Ich habe meine Frau ohne einen Pfennig Geld geheiratet«, erinnert sich Ramanudscham, »aber wir waren eine andere Generation.«

Heute muß jeder Brautvater bluten. 125 000 Mark sollte ein Mann, der für eine ausländische Firma arbeitet, schon hinblättern, um einen Schwiegersohn aus gutem Hause »einzukaufen«.

Wenn beide Familien nur ein durchschnittliches Monatseinkommen von ein paar hundert Mark haben, dann wird die Familie des Schwiegersohnes sich vielleicht mit einem Motorroller, mit einem Eisschrank oder Fernseher zufriedengeben. Aber selbst die Obstverkäuferin in Dehli, die nur 1,80 Mark am Tag verdient, muß ihrem Schwiegersohn eine Quarzuhr als Morgengabe bringen, und wenn sie dafür ihren Marktstand verpfändet. »No money, no marry«, sagt sie, kein Geld, keine Hochzeit.

Viele Inder sind sich darin einig, daß die teure Unsitte verboten werden müßte - wenn sie es nicht schon wäre. Aber das Gesetz wird nicht durchgesetzt. »Viele, die öffentlich gegen das Brautgeld wettern«, weiß Subhadra Butalia, »feilschen hinter verschlossenen Türen um so unverschämter mit der Schwiegerfamilie.«

Die Mitgift-Manie hat einen neuen indischen Verbrechenstypus hervorgebracht - die Mitgiftmorde. 690 junge Frauen, so die Polizistin Kamaldschit Deol vom zuständigen Kommissariat in Dehli, wurden allein 1983 in der indischen Hauptstadt von ihren Ehemännern und Schwiegereltern verbrannt oder anders ermordet, weil ihre Eltern die immer neuen Mitgiftforderungen nicht erfüllen konnten.

Fast immer spielt sich das Verbrechen kurz nach der Hochzeit ab. Beispiel: Nilam Gupta studierte im ersten Jahr im vornehmen Miranda College von Delhi,

als ihre Eltern sie am 10. Februar vorigen Jahres mit dem Geschäftsmann und Geldverleiher Pawan Kumar Gupta verheirateten.

Nach der Hochzeit, so ihre Kommilitoninnen, wirkte Nilam sehr gedrückt und gereizt, doch immer sagte sie, alles sei in Ordnung. Viel zu spät, erst nachdem sie den Tod in den Flammen gefunden hatte, erhielt Nilams Vater einen Brief seiner Tochter: »Ich lebe in einer Hölle, die ich wohl nur als Tote verlassen werde.

50 000 Rupien, etwa 12 000 Mark, hatten Nilams Eltern für die Mitgift aufgebracht, doch die Schwiegerfamilie forderte mehr Geld und einen dreirädrigen überdachten Motorroller.

Im Mai 1983, kurz vor ihrem Examen, meldete Nilams Schwiegervater sie vom College ab. Sie sollte nicht mehr studieren. Sie selbst hatte nichts mehr zu sagen. Ihre Eltern fügten sich nach indischer Sitte: »Sie gehört zu euch, ihr könnt mit ihr machen, was ihr wollt.«

Am 8. Juni verständigte der Ehemann Nilams Onkel, daß seine Nichte plötzlich verbrannt sei. Sie war im dritten Monat schwanger.

Oft lassen die Täter die Kerosinflasche neben dem verkohlten Opfer stehen, bedrohen Nachbarn, die Hilfeschreie der jungen Frauen gehört haben und speisen die Polizei, sollte sie tatsächlich allzu aufdringlich fragen, mit ein paar Geldscheinen ab. Mitgift-Mörder werden zwar angezeigt, aber selten genug verurteilt.

»Ladies are for burning« - Frauen sind fürs Feuer, kommentierte »India Today« den mörderischen Brauch. »Vertilge deine Mitgift und zünde deine Frau an« - mit diesem Slogan sind Indiens Frauen schon protestierend durch die Hauptstadt gezogen: vergebens.

»In der privaten Atmosphäre des eigenen Hauses kann man zwischen Frühstück und Mittagessen eine Frau mit Kerosin überschütten und anzünden«, schrieb die Schriftstellerin Najantara Sahgal verbittert, »dann kann man von einer neuen Braut und ihrer Mitgift träumen.«

Mit Schaudern denkt Scharda, eine Hausfrau in Neu-Delhi, an einen ihrer Heiratskandidaten zurück. »Die Ehe war schon arrangiert. Als ich meinen Zukünftigen kennenlernte, war er auch recht nett und sehr sanft«, erinnert sie sich. Da rückte ihre Schwiegermutter in spe damit heraus, daß ihr armer Sohn gerade Witwer geworden sei. Shardas Eltern wurden mißtrauisch, und sie fanden noch rechtzeitig genug heraus, daß die Familie des potentiellen Bräutigams beim Tod seiner ersten Frau nachgeholfen hatte - mit Kerosin.

»Die kontinuierliche, vielleicht sogar neuentstandene Begeisterung für Frauenverbrennungen«, so ein indischer Kommentar, »muß in der Überzeugung der Gesellschaft wurzeln, daß Frauen das absolute Eigentum des Mannes

sind.« Männer allein freilich sind nicht für die Unterdrückung der Frau in Indien haftbar zu machen. Die kulturelle Unterdrückung ist subtiler, sie wird zumal von Frauen selbst ausgeübt - von Schwiegermüttern. Der Schwiegermutter-Status ist die Hoffnung der Gequälten: Wie sonst könnten Inderinnen ihr Unwertgefühl, die Schmach ihrer Kindheit, ein Mädchen zu sein, ihre harte Arbeit und das Martyrium im Hause der Schwiegereltern ertragen? Die Aussicht, eines Tages die Stufen aus dem Abgrund ihrer Existenz wieder emporzuklettern und die Früchte ihrer Demut zu ernten, ordnet das Leben: gehorsame Tochter, unterwürfige Schwiegertochter, aufopfernde Ehefrau und Mutter, aber schließlich Herrscherin des Hauses - Schwiegermutter.

Anders als in westlichen Kulturen, wo Frauen in den Wechseljahren von der Wehmut um die verlorengeglaubte Jugend und von der Angst vor dem nahenden Alter geplagt werden, blühen die Inderinnen über 40 erst richtig auf. Das ist sogar medizinisch nachzuweisen. »Indische Frauen kennen die typischen Depressionen zu Beginn der Menopause nicht«, stellte Van Ree, Professor für Psychiatrie in Amsterdam, erstaunt fest.

Als Schwiegermütter haben sie endlich Macht, sie regieren wie ein Generalmanager die Großfamilie und lassen sich verwöhnen. »Ich habe eine schwer arbeitende, sehr hilfsbereite Schwiegertochter«, so vertraute eine alte Frau in Neu-Delhi einer deutschen Journalistin an.

Was sie von der jungen Frau selbstverständlich erwartete: Als jüngste Schwiegertochter muß sie der alten Frau die Haare bürsten und zu Zöpfen flechten. Sie muß ihr den Rücken waschen, wenn sie badet, und abends stundenlang neben ihrem Bett sitzen und ihr die Beine massieren.

Die junge Ehefrau, die von ihrer Schwiegermutter gepeinigt wird, ist ein unausschöpfliches Thema indischer Filme - und der Wirklichkeit. Prominenteste Darsteller des klassischen Schwiegermutter-Tochter-Dramas sind allerdings Ministerpräsidentin Indira Gandhi und ihre Schwiegertochter Maneka. Ganz Indien wartet gebannt darauf, wie der Hauskrach in der ersten Familie des Landes, inzwischen auch vor Gericht aktenkundig, ausgeht.

Indira Gandhi machte nie einen Hehl aus ihrer Abneigung gegen die Frau ihres Lieblingssohnes Sandschaj, die ihr als ehemalige Schönheitskönigin mit Mannequin-Erfahrung und journalistischen Ambitionen zu flatterhaft, zu unseriös erschien. Kaum war Sandschaj, den Indira als politischen Erben aufgebaut hatte, im Juni 1980 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen, ließ Frau Gandhi senior die junge Witwe vollends aus ihrer Gnade fallen. »Soviel Schmach, Schimpf und Schande wie in diesem Haus hat noch nie ein menschliches Wesen durchgemacht«, beklagte sich Maneka verbittert über ihre Schwiegermutter.

Am 29. März 1982 kam es zum großen Familienkrach. Indira warf ihre Schwiegertochter aus dem Haus - nicht ohne deren schmales Gepäck filzen zu lassen und Manekas Brautschmuck einzufordern. Vorher versuchte die Ministerpräsidentin noch, ihren Enkel, den damals zweijährigen Warun, an sich zu bringen. Maneka inszenierte den öffentlichen Skandal, bis Indira auch Warun ziehen ließ und die Frauen übereinkamen, daß die Ministerpräsidentin ihren Enkel jeden Sonntag sehen könnte.

Doch als Politprofi Indira die Besuche ihres Enkels laut Maneka nutzte, um sich als liebende Großmutter darzustellen, ließ Maneka ihren Sohn nicht mehr gehen. Indira Gandhi rächte sich, indem sie Manekas Erbschaftsanspruch - Sandschaj hinterließ seiner Frau und seinem Sohn ein Aktienvermögen - vor Gericht anfocht.

Während jede andere Inderin vor der geballten Macht der Ministerpräsidentin und Schwiegermutter wohl gekuscht hätte, muckte die sommersprossige Maneka auf: »Ich mag unschuldig aussehen, ich mag erst 26 sein, ich mag Witwe sein, aber ich bin noch lange nicht am Ende.«

Sie traf ihre Schwiegermutter, wo sie am verletzbarsten ist - in der Politik. Mit ihrem Sohn Warun aus der Nehru-Dynastie als politisches Faustpfand und mit den Resten von Sandschajs Jugendbewegung gründete sie ihre eigene Partei.

Das Hauptquartier in Neu-Delhi ist eine ärmliche Bude, Manekas Post wird vom Geheimdienst ihrer Schwiegermutter geöffnet, ihre Telephonate überwacht, ihre Anhänger werden auf Versammlungen zusammengeschlagen. Dennoch: Mitten in Uttar Pradesch, einer Hochburg Indiras, führte Maneka im vergangenen Dezember zäh ihren Wahlkampf in den Dörfern und gewann bei den Nachwahlen die wichtigsten Sitze der Kleinstadt Pilibhit, die ihre Schwiegermutter schon so fest im Besitze ihrer Partei geglaubt hatte.

»Ich bin hierhergekommen, weil ich glaube, daß die Frauen nicht nur im Hause, sondern auch außerhalb ihrer eigenen vier Wände eine wichtige Rolle zu spielen haben«, rief Wahlkämpferin Maneka den Frauen in den Dörfern zu.

Die wiegten nachdenklich den Kopf und zogen die Sari noch etwas tiefer ins Gesicht - Indien ändern? Indien durch die Frauen verändern? »Ich weiß, daß weder meine Schwiegermutter noch ich viel bewirken können«, räumt Maneka später unter vier Augen ein.

»Dazu wäre der tägliche Überlebenskampf der Mehrheit auch viel zu hart«, sagt Madhu Kischwar, Herausgeberin

der kleinen Frauenzeitschrift »Manuschi«, einer Art indische »Emma«, »und unter ihnen sind die Frauen wieder die Ärmsten der Armen. Die Papierkleberinnen in Alt-Delhi, die zwischen morgens sechs Uhr und ein Uhr nachts, zwischen Haushalt und Kindern noch drei- bis viertausend Tüten leimen, um ihrer Familie ein Zubrot zu verdienen, die Straßenkehrerinnen, Landarbeiterinnen, Lumpensammlerinnen - die sind doch alle viel zu kaputt, um etwas verändern zu können«, sagt sie.

»Das ist die Tragödie unserer Frauen«, meint die Schauspielerin Smita Patil, »sie lieben es, zu leiden. Ich würde es gern sehen, wenn indische Frauen mal aus diesem Schema ausbrechen könnten.«

Wenn das geschehe, würde das ganze Traditionssystem aus Hierarchien und Großfamilien, aus Kasten und Klassen, von Herrn und Dienerinnen zerbröckeln. »Sie können die Götter nicht zerbrechen«, warnt eine alte Frau.

Am heiligen Fluß Ganges bei Benares steht ein Witwen-Aschram. Lange weiße Saris hängen wie Trauerbanner aus den Fenstern. Am frühen Morgen sind die alten Frauen die Treppen zum Fluß mühsam hinuntergestiegen, haben im heiligen Wasser gebadet und dann die Tücher zum Trocknen ausgelegt.

Seit Stunden schon sitzen acht Witwen im Kreis, lassen ihre Rosenkränze durch ihre Finger gleiten, schlagen die dumpfe Trommel und singen »Hare Krischna, hare Ram«. Später werden sie am Flußufer in Blechschalen Almosen erbetteln.

Benares, die heilige Stadt, ist Endstation, für die Sterbenden und für die Toten, die hier am Flußufer verbrannt werden. Für diese Witwen aber, die ärmsten und verachtetsten Wesen der Hindu-Gesellschaft, war das Leben schon vor 30, 40 oder gar 50 Jahren zu Ende: an dem Tag, an dem ihre Männer starben, an dem ihre Kinder sie verstießen und vergaßen.

Seit 1856, das wissen sie, gibt es ein Gesetz, wonach Witwen sich eigentlich wiederverheiraten können, doch das würde noch heute keine Hinterbliebene wagen.

Seit 1937 sind sie für einen Teil des Vermögens ihres Mannes erbberechtigt, doch noch immer gibt es Witwen, die sich mittellos aussetzen lassen.

Sie akzeptieren ihren verachteten Stand als »gerechte Strafe für schlechte Taten in einem früheren Leben und finden sich ohne Groll damit ab«, sagt die Soziologin Watsala Mehta.

»Hare Krischna, hare Ram.« Plötzlich unterbricht eine Witwe den Singsang. Heimlich hatte sie ein indischer Journalist im kahlen Ashram photographieren wollen. »Verschwinde, oder ich reiß'' dir die Haare vom Kopf«, schreit sie. Ihre kreischende Stimme hallt durch die engen Gassen von Benares. Einmal in ihrem Leben hat die Witwe einen Mann in seine Schranken gewiesen.

Im August 1983 in Lodhapurwa.»O Agni (Feuergott), ich wollte nicht meine Tugend vor aller Weltpreisen. Aber weil Ram es verlangt, zeig ihnen, daß ich untadeligbin.«

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