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Kinder Zufriedene Mütter

Eine Münchner Unternehmensberatung hat eine Marktnische entdeckt: Im Auftrag von Firmen vermittelt sie Kinderbetreuungsplätze.
aus DER SPIEGEL 8/1994

Als die Münchnerin Renate Pienkowski, 26, vor zweieinhalb Jahren schwanger wurde, wollte sie ihren Job als Bildungsreferentin beim Autoproduzenten BMW nicht aufgeben. Sie plante statt dessen, ein Kindermädchen zu engagieren und sich notfalls mit einer Freundin bei der Kinderbetreuung abzuwechseln.

Doch ihre Versuche endeten, so die junge Frau, »in einem einzigen Chaos«. Ein Platz bei einer Tagesmutter war nicht zu finden, die Koordination mit der Freundin klappte nicht. Renate Pienkowski drohte das Hausfrauendasein.

In ihrer Not griff die berufstätige Mutter auf ein Angebot ihres Arbeitgebers zurück, das sie bis dahin skeptisch abgetan hatte: BMW bezahlt eigens eine Firma namens »Kinderbüro« dafür, BMW-Mitarbeitern die Sorge um die Betreuung ihrer Kinder abzunehmen, Kindergartenplätze zu vermitteln und Tagesmütter zu finden. »Ich dachte zunächst«, erinnert sich die Bildungsreferentin, »das ist nichts Halbes und nichts Ganzes.«

Mittlerweile ist die junge Mutter »total zufrieden«. Sie hat mit Hilfe des Kinderbüros ihre kleine Tochter Stephanie bei Tagesmutter Helga Püspöki, 40, untergebracht und arbeitet wieder 19 Stunden die Woche bei BMW.

So hatte sich das der Arbeitgeber auch gedacht: »Wenn wir bei der Beschaffung von geeigneten Betreuungsplätzen für die Kinder helfen, halten wir das Know-how der Eltern in der Firma und sparen die Kosten für neue Kräfte«, begründet Peter Hackenberg, bei BMW zuständig für personalpolitische Grundsatzthemen, das Engagement der Firma.

Die Idee, jungen Eltern die Sorge um den Nachwuchs zu nehmen, stammt von Gisela Erler, 47, die selbst Mutter von zwei Kindern ist und immer berufstätig war. Sie bietet eine in Deutschland bisher einmalige Dienstleistung: Die von ihr gegründete Unternehmensberatung »Kinderbüro« sucht und vermittelt im Auftrag von Firmen Tagesplätze für die Sprößlinge der Mitarbeiter. Die Kosten für die Vermittlung - rund tausend Mark - übernimmt der Arbeitgeber, die Betreuung bezahlen die Eltern. Ein Deal, der beiden Seiten nützt.

Erlers erster Auftraggeber war BMW, heute zählen der Kosmetik-Riese Avon, die Unternehmensberatung McKinsey, die Lufthansa und mehrere Banken zu den Kunden. Jüngst hat das Kinderbüro Filialen in Stuttgart und Frankfurt eröffnet.

Die private Vermittlung entspricht den Bedürfnissen vor allem deshalb, weil die Probleme der Angestellten sehr verschieden sind. Flugbegleiterinnen und Schichtarbeiter, sagt Sylvia Bühler, Frauenbeauftragte bei der Lufthansa, könnten doch Kindergärten mit normalen Öffnungszeiten gar nicht nutzen.

Mit einem betriebseigenen Kindergarten allein, so ergab eine Mitarbeiterbefragung bei der Landesgirokasse Stuttgart, sei den Leuten nicht geholfen. Eine individuelle Hilfeleistung durch das Kinderbüro, sagt Sibylle Rölver, Vize-Abteilungsleiterin bei der Stuttgarter Girokasse, werde eher den speziellen Bedürfnissen der Mitarbeiter gerecht und sei im Endeffekt billiger.

Auch die Bayerische Hypo-Bank setzt lieber auf externes Know-how. »Wir haben gemerkt, daß wir schnell und flexibel reagieren müssen«, erklärt Manfred Schmidbauer von der Hypo-Bank. »Dazu haben wir in der Bank einfach nicht das notwendige Wissen.«

Gisela Erlers Unternehmensberatung erhebt den Anspruch, maßgeschneiderte Lösungen für jedes Elternproblem zu finden: Es vermittelt Krippen- und Kindergartenplätze, hilft beim Aufbau von Elterninitiativen, beschafft Kinderfrauen und Notmütter für Krankheitsfälle und organisiert während der Schulferien Kinderprogramme.

Die Grundidee für ihre Dienstleistung hat Jungunternehmerin Erler aus den USA, wo sich vor allem der Computerkonzern IBM auf den Kinderservice verläßt. Doch anders als die amerikanischen Vorbilder, die mit schnellen Erfolgsgarantien oder »drei Adressen in 48 Stunden« werben, setzt das Kinderbüro auf langfristige Hilfe; es bildet auch selbst Betreuerinnen aus.

Zwischen Oktober 1992 und September 1993 hat das Beratungsbüro allein für BMW 216 Kinderplätze vermittelt, ein Drittel davon in neugegründeten Kindergruppen, die von Elterninitiativen getragen werden. Für die Hypo-Bank organisierte Gisela Erler im letzten Jahr 170 Plätze in ganz Bayern.

Einige Firmen zahlen pauschal für den Service, je nach dem geschätzten Bedarf des Unternehmens. Der bemißt sich nicht nur nach der Zahl der dort arbeitenden Mütter. Etwa ein Drittel bis die Hälfte aller Anfragen, so Erler, kommen von Männern. Die seien zwar meistens nicht direkt für die Betreuung der Kinder zuständig, könnten dadurch aber ihre Frauen entlasten - auch wenn die selbst nicht in der Vertragsfirma arbeiten.

Privatpersonen haben nur dann eine Chance, einen Kinderplatz über das Büro zu erhalten, wenn die eine oder andere Tagesmutter gerade unausgelastet ist. »Unser Service«, erläutert Erler, »wäre für die meisten Privatleute auch zu teuer.«

Der hohe Preis ermöglicht der Firma eine sorgfältige Auswahl der Tagesmütter (Erler: »Etwa ein Drittel wird abgelehnt") sowie Zuschüsse zu deren Alterssicherung und Weiterbildung. Der Laden läuft: Voriges Jahr hat Kindervermittlerin Erler eine halbe Million Mark Umsatz gemacht, sie beschäftigt mittlerweile fünf feste Mitarbeiter.

Für dieses Jahr rechnet Erler mit weiterem Wachstum. Neuerdings beteiligt sich sogar die gebeutelte Deutsche Bahn an einem Pilotprojekt des Kinderbüros. »Väter und Mütter arbeiten engagierter, wenn sie ihre Kinder gut betreut wissen«, sagt die Frauenbeauftragte der Bahn, Sabine Gröben.

Gute Kräfte, begründet Gisela Erler ihren Erfolg, müßten eben auch in schlechten Jahren ans Unternehmen gebunden werden: »Das ist schon lange kein Luxusthema mehr.« Y

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