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PRESSE / HEIMATZEITUNGEN Zug nach draußen

aus DER SPIEGEL 44/1970

Siegfried Moenig, 54, Generalbevollmächtigter des Hamburger Heinrich Bauer Verlags ("Neue Revue«, »Quick«, »TV Hören und Sehen"), faßte sich kurz: »Wir sind hingefahren, haben verhandelt, und dann haben wir unterschrieben. Ende.«

Das erfolgreiche Ende, das Moenig und Juniorverleger Heinz Bauer, 30, in Kaufverhandlungen mit dem schleswig-holsteinischen Zeitungsverleger Hanns-Gunther Paulus erzielten, signalisiert den Beginn einer neuen Ära in der nachkriegsdeutschen Pressegeschichte: Erstmals schicken sich Blätterkonzerne von den Dimensionen Bauers (Jahresumsatz: 600 Millionen Mark) und des Axel Springer Verlags (Jahresumsatz: 900 Millionen Mark) an, am Geschäft mit lokalen Kleinstblättern und Tageszeitungen mittlerer Größe zu partizipieren.

Moenig und Bauer erwarben im Hamburg-nahen Städtchen Itzehoe (37 000 Einwohner) das Paulus-Blatt »Norddeutsche Rundschau« (Auflage: 24 500) -- und kamen damit nur »um Stunden« (Moenig) dem Kaufrivalen Springer zuvor.

Denn Verleger Paulus hatte sich zunächst, mit dem Gesuch um verlegerische Kooperation, an Springer-Alleinvorstand Peter Tamm gewandt -- und »uns plötzlich zu unserer Überraschung den Verkauf seiner Zeitung angeboten«, so Rolf von Bargen, Springer-Geschäftsführer für Medien und Information. Die Schrecksekunde bei Springer dauerte ein wenig zu lange: Kurz entschlossen trat der Konkurrenz-Konzern auf den Plan, dem die Springer-Kontakte mit Itzehoe nicht verborgen geblieben waren. Ein Bauer-Manager: »Das fiel uns auf.«

Der Generalbevollmächtigte Moenig eröffnete Kaufverhandlungen in Itzehoe- und stach, mit dem Scheckbuch in der Tasche und zur sofortigen Vertragsunterzeichnung bereit, Tamm bei Paulus aus. Kaufsumme: mehr als sechs Millionen Mark.

Mit dem Abschluß, der dem Blätter-Konzern von Altverleger Alfred Bauer, 74, auch eine von Paulus installierte hochmoderne Rollenoffset-Druckerei im Itzehoe-Vorort Oldendorf sichert, kann Moenig freilich das Vordringen Springers auf dem schleswig-holsteinischen Zeitungsmarkt nicht mehr verhindern. Seit langem nämlich läßt Springer, der noch vor vier Jahren in Kiel »gegen die angestammten Zeitungen dieses Landes nicht »anzukonkurrieren"« versprach, die selbständigen Kleinverlage vor Hamburgs Toren beschatten, um sie bei sich bietender Gelegenheit dem Zeitungskonzern einzuverleiben.

Die ersten Happen haben die Springer-Leute bereits geschluckt:

* Der Andreas Beig Verlag im schleswig-holsteinischen Pinneberg überließ Springer im Frühjahr 1969 für »eine vierstellige Summe« (Beig) Geschäftsstelle und Abonnentenkartei seines Kopfblattes »Alster-Nord-Kurier« (Auflage: 800), der in der dreimal wöchentlich -- als Beilage zum »Hamburger Abendblatt« -- erscheinenden »Norderstedter Zeitung« (Auflage: 12 000) aufgegangen ist.

* Von dem erkrankten, inzwischen verstorbenen Verleger Edgar Lamp'l im schleswig-holsteinischen Hamburg-Vorort Ahrensburg erwarb Springer für 320 000 Mark das Wochenblatt »Ahrensburger Zeitung« (Auflage: 6000), das seit Anfang des Monats ebenfalls als Beilage des »Hamburger Abendblattes« erscheint.

Mit derlei Zukäufen jenseits der Stadtstaat-Grenzen möchte Bargen »Lesern des »Hamburger Abendblattes« folgen, die nach draußen ziehen«; denn die »Abendblatt«-Auflage stagniert »seit Jahren.

Springers Zug nach draußen bringt freilich Stadtrand-Verleger zunehmend in Bedrängnis. So spannte »Abendblatt«-Chefredakteur Werner Titzrath alteingesessenen Lokalzeitungen wie dem »Heimatspiegel« in Norderstedt und dem »Stormarner Tageblatt« in Ahrensburg ortskundige Journalisten aus. Und die »Abendblatt«-Anzeigenleitung senkte den lokalen Millimeterpreis unter den der Konkurrenzblätter.

»Heimatspiegel«-Verleger Carl-Heinz Meincke in Norderstedt hatte schon vor Jahren leidvolle Konkurrenz-Erfahrungen mit seinem Kollegen Springer gemacht. Damals büßte Meincke den lokalen Vertrieb von Springer-Druckerzeugnis~en ein, weil das Springer-Management die Rundfunk- und Fernsehbeilage »rtv« aus dem »Supplement Verlag« des Nürnberger Photo- und Druckkonzerns Porst in Meinckes »Heimatspiegel« (Auflage: 10 500) als unerträgliche Konkurrenz für Springers Programmzeitschrift »Hör zu« (Auflage: 3,6 Millionen) ansah.

Nachdem das »Abendblatt« (Auflage: 287 000) im letzten Jahr mit der Lokalbeilage »Norderstedter Zeitung« in der schleswig-holsteinischen Stadt Fuß gefaßt hatte, mobilisierte Springer außer einer Werbekampagne mit Freiexemplaren im Mai dieses Jahres auch das Gericht gegen Meincke: Springer-Anwalt Gert Oberländer, Geschäftsführer des schleswig-holsteinischen Zeitungsverlegerverbandes, erwirkte eine einstweilige Verfügung gegen den »Heimatspiegel«-Slogan »Die führende Lokalzeitung in Norderstedt«. Denn Springer hatte Meinckes Auflage am Ort überboten.

Wessen Interessen Oberländer gegenwärtig vertritt, ist bei Branchenkennern umstritten. Der Anwalt betreibt in Kiel. die Gründung einer am Dienstag letzter Woche von nahezu allen schleswig-holsteinischen Verlegern beschlossenen Auffanggesellschaft« die -- mit Hilfe zinsverbilligter Gelder der von den Heimatzeitungen stets verwöhnten CDU/FDP-Landesregierung -- »weitere Verkäufe an nicht schleswig-holsteinische Verlage verhindern« soll (so Oberländer).

Weitere Verkäufe aber haben Bauer-Abgesandte etlichen Verlegern an Schleswig-Holsteins Westküste bereits nahegelegt -- sei es, so Verleger Lebrecht von Ziehlberg in Uetersen, unter Hinweis auf sofort disponible 20 Millionen Mark, sei es unter Anspielung auf verschärften Wettbewerb von Itzehoe aus.

Das Itzehoe-Geschäft des Bauer-Konzerns hofft jedoch ein Münchner Anwalt noch durchkreuzen zu können, dessen Mandantin Ingetrud Gutbrod, Paulus-Schwester und 20-Prozent-Kommanditistin im Verlag der »Norddeutschen Rundschau«, sich von ihrem Bruder überfahren fühlt. Die Journalistin pocht auf ihren -- an Bauer mitverkauften -- Anteil und macht nun überdies ein Vorkaufsrecht an dem brüderlichen Verlagspart geltend.

Oberländer, über die Forderungen der Paulus-Schwester gut orientiert, hält es für »denkbar, daß sie an die Verlegergemeinschaft verkauft«. Denkbar ist aber auch, daß der zur Zeit im Urlaub befindliche Gutbrod-Anwalt Lois Erdl einen anderen Interessenten weiß. Erdl, einst Unterhändler bei der Springer-Bertelsmann-Transaktion, sitzt nämlich im Aufsichtsrat der Axel Springer AG. Und so findet Oberländer denn auch: »Da ist das ganze juristische Musikprogramm noch drin.«

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