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RÜSTUNG ANTI-RAKETEN-RAKETEN Zukunft unter Wasser

aus DER SPIEGEL 35/1967

Zwischen den kahlen Vulkaninseln vor Kamtschatka, zwischen Grönland und Spitzbergen, vor den Küsten Sibiriens und unter den Eismassen der Arktis -- über alle Meere der nördlichen Halbkugel wird die waffenstarrende Geisterflotte kreuzen, abseits der Seewege und scheinbar ziellos.

Die Gespenster-Armada aus U-Booten Und Überwasser-Schiffen, bestückt mit Raketen und rotierenden Radarschirmen, soll einen amerikanischen Alptraum verscheuchen: die Bedrohung der US-Millionenstädte durch russische und chinesische Langstrecken-Raketen.

Doch mindestens drei Jahre werden noch vergehen, ehe die Vision einer nahezu unverwundbaren, allgegenwärtigen Abwehr-Armada Wirklichkeit werden könnte. Noch liegen Amerikas Ballungszentren ungeschützt im Schußfeld sowjetischer Fernprojektile. Erst in den nächsten Monaten wird die US-Armee damit beginnen, ein Raketen-Abwehrsystem zu installieren -- eine Minimal-Form des Anti-Raketen-Raketensystems »Nike-X«.

Seit zehn Jahren arbeiten amerikanische Techniker und Wissenschaftler an der Entwicklung und Vervollkommnung des Nike-X-Systems -- einer aufwendigen Kombination spurtstarker Raketen mit Atomsprengköpfen, die von gigantischen Radar- und Rechengeräten gesteuert werden: In milliardstel Sekunden berechnen die Computer den Kurs vom Radar erfaßter feindlicher Interkontinentalraketen, die mit zwanzigfacher Schallgeschwindigkeit (28 000 Stundenkilometer) ihrem Ziel entgegenrasen. Das Elektronengehirn startet die in unterirdischen Silos stationierten Abwehrraketen Und steuert sie auf Kollisionskurs mit den gegnerischen Geschossen.

Bisher jedoch zögerte Amerikas Verteidigungsminister Robert McNamara, die aufwendigen Raketen, Radar- und Rechengeräte für das Nike-X-System in Serie fertigen zu lassen. Denn selbst ein notdürftiger »Nike«-Schutz für Amerikas Metropolen würde 80 Milliarden Mark kosten.

Dennoch, so scheint es, hat sich McNamara nunmehr entschlossen, in den nächsten Jahren wenigstens ein Minimal-Abwehrsystem installieren zu lassen. Grund für den Sinneswandel McNamaras Die Sowjets haben ihrerseits mit der Einrichtung eines Raketen-Abwehrsystems begonnen.

Zudem fühlen sich die Amerikaner durch die Aussicht beunruhigt, daß in wenigen Jahren auch China über einsatzbereite Langstreckenraketen verfügen wird. Vor allem die Furcht vor dieser gelben Raketen-Gefahr war es, die Amerikas Sicherheitsexperten nun einen .och kostspieligeren Schutzplan ausbrüten ließ -- die Idee einer Raketenabwehr-Flotte.

Sieben amerikanische Konzerne, darunter die Flugzeugfirmen Boeing und Lockheed, arbeiten gegenwärtig an Studien für das gigantische Vorhaben. Die Flotte soll aus übergroßen U-Booten bestehen, die mit den für das »Nike«-System entwickelten Abfangraketen gerüstet sind. Daneben sollen Aufklärungskreuzer für die Radarkontrolle gebaut werden sowie Spezial-Unterseeboote für Fahrten unter der Eisdecke des Nordpols. Diese U-Boote könnten, selbst nahezu unauffindbar und unangreifbar, ihre Raketen durch eine der zahlreichen Lücken im Pol-Eis abfeuern.

Mit den schwimmenden Raketen-Rampen wollen die Amerikaner näher an die russischen und chinesischen Abschußbasen herankommen. Aus der Nähe könnten sie feindliche Projektile früher orten und bereits angreifen, bevor sich die Raketenschwärme breit auseinanderfächern.

Überdies würde das feindnahe Marine-Radarsystem nicht durch Raketen-Attrappen irregeführt werden, wie sie von Fernprojektilen erst beim Eintauchen In die Atmosphäre abgefeuert werden. Die Scheingeschosse sollen Abwehrraketen auf sich lenken und unschädlich machen.

Doch auch politischen Nutzen versprechen sich Amerikas Raketen-Admirale von der Abwehr-Armada. Sie könnte US-Verbündete wie Japan wirksam vor Atom-Attacken schützen, und sie würde Russen und Chinesen zwingen, ein völlig neues Angriffs-Raketensystem zu bauen.

Während Boeing- und Lockheed-Ingenieure noch erste Skizzen von der Geisterflotte stricheln, legte die US-Luftwaffe bereits einen noch phantastischer anmutenden Raketenabwehr-Plan vor -- eine Studie über ein Anti-Raketensystem, das von Satelliten im Weltraum aus operiert.

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