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Unfälle Zum Abbruch freigegeben

Das Explosionsunglück im DDR-Chemiekombinat Buna war Folge einer jahrelangen Schlamperei.
aus DER SPIEGEL 9/1990

Ein ohrenbetäubender Knall. Plötzlich ist alles schwarz, die Luft scheint zu brennen.

Die Druckwelle der Explosion reißt ein 15 Meter breites Loch in die Außenmauer des Ofenhauses L17. Eine dichte Wolke aus Ruß und Rauch steigt auf. Wie ein Lavastrom ergießt sich eine glühende 2000 Grad heiße Masse aus Kalk und Koks durch die vierstöckige Halle.

Der Abstichmann Wolfgang Förster wird von der Druckwelle fünf Meter durch die Luft geschleudert, kann sich aufrappeln, zieht seine Jacke zum Schutz gegen die Hitze über den Kopf und kriecht durch den Notausgang in Sicherheit. Drei Arbeiter, die dicht beim Explosionszentrum stehen, verglühen in dem Flammeninferno. Ihre Leichen waren nicht mehr zu identifizieren.

Die Explosion des Karbidofens 11 am 9. Februar im Schkopauer Buna-Werk war das bisher schwerste Unglück in der Geschichte des DDR-Chemiekombinates: 5 Arbeiter starben, 23 wurden schwer verletzt.

Während zwei Kommissionen noch immer nach dem Grund der Detonation suchen, belegen dem SPIEGEL vorliegende Sicherheitsberichte die Ursachen des Chemieunglücks.

Jahrzehntelang, so das Resümee der bislang unter Verschluß gehaltenen Papiere, haben die Buna-Bosse mit dem Leben und der Gesundheit ihrer Arbeiter Russisches Roulett gespielt. Obwohl die Karbidanlagen total überaltert und verschlissen waren, wurde weiterproduziert. Warnungen der staatlichen Aufsicht vor Explosionsgefahren und selbst Politbüro-Beschlüsse zur Renovierung der lebensgefährlichen Karbidöfen wurden ignoriert. Die Devise hieß: Planerfüllung um jeden Preis, Katastrophe inklusive.

Eine Expertengruppe fällte im November 1989 über den Zustand der Schkopauer Karbidproduktion ein vernichtendes Urteil. Viele der zwölf Öfen seien »völlig verdreckt«, die sie umgebenden Häuser in einem »katastrophalen Zustand«. Überall liege Bauschutt und Asche herum. Bereits das äußere Erscheinungsbild vermittle »den Eindruck einer für den Abbruch freigegebenen Produktionssubstanz«.

Schlimmer jedoch: Auch die Öfen selbst, deren Grundsubstanz zum Teil noch aus den dreißiger Jahren stammt, seien »bis an die Grenzen der Stabilität und Funktionsfähigkeit verschlissen«. Der Karbidofen 11, der Anfang Februar explodierte, war seit rund 27 Jahren in Betrieb. International üblich, so ein DDR-Sicherheitsexperte, sei eine Laufzeit von sieben Jahren.

Warnungen, daß es im Schkopauer Werk zu einer Katastrophe kommen könnte, gab es jedoch schon lange vor diesem Bericht. Bereits 1983 hatte eine Explosion im Karbidofen 6 einen Schaden von rund zehn Millionen Mark angerichtet, ohne Personenschaden - und ohne Folgen für die Sicherheitsphilosophie der Kombinatschefs.

Dies belegte auch der Bericht einer Expertengruppe, die drei Jahre später im Auftrag des Politbüros und des Ministerrates die Buna-Werke inspizierte.

Aufgrund der inkompetenten Betriebsführung, mangelhafter Sicherheitsüberprüfung und fehlender Geldspritzen für eine gründliche Renovierung, so die Experten 1986 fast wortgleich wie drei Jahre später, seien die Anlagen »bis an die Grenzen der Funktionsfähigkeit und Stabilität verschlissen«.

Die Zahl der »Havarien mit hohen Sachschäden und Ausfällen von Warenproduktion« steige, laufend würden sicherheitstechnische Grenzwerte überschritten.

Scharf rügten die Kontrolleure, daß trotz Weisung aus Ost-Berlin vor allem bei der Karbidproduktion die Schlamperei anhalte. »Die Beschlüsse des Politbüros«, so der Bericht, »wonach ein bis zwei Karbidöfen pro Jahr zu rekonstruieren sind, werden nicht erfüllt.«

Zu diesem Zeitpunkt war allen Verantwortlichen klar, daß die Katastrophe jeden Tag eintreten konnte. Im ersten Halbjahr 1986, so der Bericht, habe es in den Karbidöfen durchschnittlich 15 Störungen pro Tag gegeben. Die Kühlsysteme seien total verrottet, allein im Juni 1986 habe es zu 97 unplanmäßigen Stillständen geführt. Es bestehe, so die Warnung, »akute Explosionsgefahr«.

Die Buna-Chefs, offenbar gedeckt von den Ost-Berliner Plankommissaren des SED-Wirtschaftslenkers Günter Mittag, rührten sich trotzdem nicht.

Zu wichtig war die Aufrechterhaltung der Karbidproduktion. Rund 15 000 Arbeiter waren bei Buna, dem größten Chemiekombinat der DDR, allein in diesem Betriebsbereich beschäftigt. Das Karbid, Ausgangsstoff für die Produktion von Plastik, Lacken, Farben und Pharmaka, galt in der vom Weltmarkt abgeschnittenen DDR als unersetzbar.

Also ging der Schlendrian weiter, Reparaturen kamen entweder zu spät oder gar nicht. »Seit dem 86er-Bericht«, so einer der Sicherheitsexperten mit bitterer Ironie, »hat sich der Zustand der Öfen planmäßig verschlechtert.« Im November vorigen Jahres stellten sie fest, der Verschleiß sei »so weit fortgeschritten, daß mit dem Totalausfall einzelner Öfen, von Ofenhäusern oder der gesamten Karbidproduktion zu rechnen« sei.

Die Arbeitsbedingungen wurden immer schlimmer. Die Beschäftigten mußten, zwischen Schrott und Rost, an glühend heißen Öfen arbeiten und atmeten zudem den ätzenden Karbid- und Kalkstaub ein.

Die Unfallhäufigkeit bei der Karbidproduktion, so die Kontrolleure im November vorigen Jahres, liege im Schnitt um 75 Prozent über der des Stammbetriebs, bis Oktober 1989 sogar um 130 Prozent darüber. Mehr als 40 Prozent der Arbeitsunfälle seien »auf Rechtspflichtverletzungen des Betriebes zurückzuführen«.

Erst im Februar, als es zu spät war, zog die neue Regierung Modrow die Notbremse. Am 8. Februar, dem Tag vor der Explosion, kündigte der stellvertretende DDR-Minister für Schwerindustrie, Siegfried Hanne, die Reduzierung der Bunaer Karbidproduktion um ein Drittel bis 1992 an: Vier der zwölf Karbidöfen würden stillgelegt.

Ofen 11, der wenige Stunden später in die Luft flog, sollte nicht dazu gehören.

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