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Polen Zum Beispiel Regenwürmer

Private Handwerker wurden bisher als » Kapitalisten« verteufelt. Jetzt verspricht ihnen KP-Chef Gierek goldenen Boden -- und bricht dabei mit einem politischen Dogma.
aus DER SPIEGEL 32/1972

Warum gibt es in der Hauptstadt keine einzige Kooperative, die Schonbezüge für Möbel anfertigt?« fragte eine Warschauer Hausfrau in einem Leserbrief an das polnische Massenblatt »Zycie Warszawy«.

Wie Frau Saubermann klagte in derselben Spalte eine andere Polin, sie habe vergebens nach einer Tischler-Genossenschaft gesucht, die ihre Kleiderschränke umbauen sollte. Aus der Misere half ihr erst ein betagter Privat-Handwerker in wenigen Stunden.

Im Warschauer Stadtteil Sadyba. in dem heute mehr Menschen als in den meisten polnischen Kreisstädten leben. liegt zwar das wissenschaftliche »Institut für Nahrung und Ernährung": aber auf ein Restaurant. in dem die Neubürger dieser Schlafstadt ihren Braten essen könnten, warten sie bisher vergebens.

Klagen über das Dienstleistungsgewerbe, fehlende Handwerker und Mängel in der Gastronomie gehören zu den polnischen Alltagssorgen. seit der Staat den »privaten Wirtschaftssektor« rigoros einschränkte und die Kleingewerbler durch Lizenzzwang und Höchstbesteuerung zur Aufgabe ihrer Familienbetriebe zwang.

So ging in Polen die Zahl der Gaststätten seit Kriegsende von 40 000 auf 14 300 zurück, allein in der Hauptstadt von über 2000 auf 600 Schankstellen. Die meisten Wirte zapfen zudem nicht mehr auf eigene Rechnung, sondern arbeiten -- wie ihre Köche und Kellner -als Angestellte im Staatsbetrieb für festen Monatslohn, mit nur geringem Interesse an Umsatz und Kundendienst

Handwerkliche Familienbetriebe wie Tischler. Schneider oder Elektriker mußten sich zu staatlichen Genossenschaften zusammenschließen, wenn sie neues Material und Werkzeug erhalten oder der wachsenden Steuerlast entgehen wollten. Sehr schnell entdeckten die neugegründeten Kooperative, daß Zulieferungen an die Industrie einträglicher und bequemer sind als Reparatur-Aufträge ihrer Laufkunden.

Nur einzelnen privaten Unternehmern gelang es, ihre Produktion für die Planwirtschaft unentbehrlich zu machen und ihre Betriebe mit Duldung des Staates sogar auszubauen. Diese cleveren Manager gehören heute zum kleinen Kreis der Zloty-Millionäre. etwa der Warschauer Großkonditor Jerzy Blikle, der mit Backwaren nach Spezialrezepten ein Vermögen macht. Er stiftete Bonns Brandt zur Verleihung des Friedensnobelpreises einen Honigkuchen.

Oberwiegend verstaatlicht wurden die einst weltberühmten polnischen Wurstmacher. Nur 500 private Schlachter -- in Warschau kein einziger -- überstanden die Nachkriegszeit; sie produzieren fast ausschließlich für den Export.

Dem bürokratischen Kleinkrieg gegen Privat-Unternehmen fielen fast alle Krämerläden zum Opfer. Vom Warschauer Wochenmarkt verschwanden die meisten Kräuterweiber. Wer in Warschau umziehen will, besorgt sich den Möbelwagen auf dem schwarzen Markt denn für die 1,3-Millionen-Stadt sind nur noch zwei Speditionen zugelassen.

Daß Privatbetriebe als bürgerliche Restbestände im Staatssozialismus keine »Perspektive« haben, gehörte bisher zum Partei- und Regierungsprogramm. »Der Privatsektor mit seiner kapitalistischen Seele melkt die gesellschaftliche Kuh bis aufs Blut«, polemisierte noch im Herbst 1970 der damalige Seim-Abgeordnete und Chefredakteur Wladyslaw Machejek in der Krakauer Wochenzeitschrift »Zycie Literackie«.

Doch bald darauf, im Dezember 1970. entzündete sich an der schlechten Versorgung und den überhöhten Preisen der Staatsläden eine Rebellion: In den Küstenstädten gingen verbitterte Arbeiter und Hausfrauen auf die Straße und stürzten das Gomulka-Regime.

Seither, unter Gomulkas Nachfolger Gierek, ist die Kritik an der Parteipolitik gegenüber Privat-Unternehmen lauter geworden. »Wer soll zum Beispiel Regenwürmer är die Angler verkaufen -- etwa die staatlichen Kaffeehäuser?« spottete die Zeitung »Slowo Powszechne« über das Massensterben der privaten Zwergbetriebe.

Die Zeitschrift »Kultura« schlug vor. man solle das Hotel- und Gaststättengewerbe besser privaten Gastronomen überlassen, die aus eigenem Interesse um die Gunst des Gastes konkurrieren: Muß denn der Staat selbst den Tisch decken und sich in die Zubereitung von Jägersoßen vertiefen?«

Die Fragen blieben nicht ohne Antwort. Parteichef Gierek, darum bemüht. die Eigeninitiative aller Polen für sein pragmatisches Programm der »neuen Horizonte« zu mobilisieren, zeigte sich bereit, mit dem Partei-Dogma zu brechen. Im Gegensatz zu DDR-Chef Honecker, der im Frühjahr die letzten halbprivaten Kleinbetriebe liquidierte, befahl Gierek einen freundlicheren Kurs.

Mitte April wurde das Ministerium für Binnenhandel in »Ministerium für Binnenhandel und Dienstleistungen« umbenannt« als »eine Verbeugung vor dem Handwerk« -- so ein Kommentar des Warschauer Rundfunks.

Der Staats-Sender wünschte den Handwerkern »reichen Segen« und räumte ein:

Die menschliche Dummheit ist unbegrenzt -- -- -- Im Dienstleistungsgewerbe haben selbst die Finanzämter potentielle Kapitalisten und Attentäter auf die sozialistische Ordnung erblickt. Wieviel Handwerksbetriebe sind durch eine schlachte Steuerpolitik zunichte gemacht worden:. wie viele wertvolle Handwerker haben keine Nachfolger hinterlassen, weil auch die Schulung des Nachwuchses als Feindarbeit betrachtet« worden ist!

Vier Wochen später gab das umbenannte Ministerium eine Verordnung heraus, die es jedem Polen gestattet, ein Restaurant oder einen Schnellimbiß auf eigene Rechnung zu eröffnen; um »der Initiative in der privaten Gastronomie günstige Bedingungen zu verschaffen«, sind die neuen Wirte auf drei Jahre von allen Steuern befreit.

Im Juni verabschiedete das polnische Parlament. der Sejm, ein Gesetz, das in Zukunft auch alle privaten Handwerker von der Konzessions-Pflicht befreit. Selbst die Beschäftigung von Angestellten -- in der Vergangenheit als »kapitalistische Ausbeutung« untersagt

ist den Meistern nun gestattet; sie wird vom Staat sogar gefördert, um zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen.

Als Anreiz für die 160 000 vorhandenen Privatbetriebe verspricht der Staat Steuervergünstigungen bei Aufwendungen bis zu 100 000 Zloty (15 000 Mark). Für neugegründete Werkstätten stellt er Aufbaukredite bis zu einer halben Million Zloty bereit -- das entspricht etwa dem Kaufpreis von zwei Einfamilienhäusern.

Den nächsten Schritt, neben der privaten Initiative auch privates Geld zu aktivieren, kündigte die Wochenzeitschrift »Polityka« an: Um den staatlichen Wohnungsbau zu entlasten, warb sie für den Bau von Einfamilienhäusern in den Randzonen der Städte. Denn am eigenen Haus als privatem Besitz habe bisher zu Unrecht ein »spezifisch ideologischer Ruch« gehaftet.

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