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»Zum Dschungel bitte hier lang«

Von Erich Wiedemann
aus DER SPIEGEL 26/1992

Es war an einem Sonntag nachmittag im Februar, als die Witwe Slobodanka Misic der alten Machiavellisten-Weisheit teilhaftig wurde, daß man manchmal Krieg machen muß, wenn man den Frieden erlangen will. »Wir haben immer mit unseren serbischen Nachbarn in gutem Frieden gelebt«, sagt sie. Aber die Politiker in Serbien seien wie die Haifische. »Sie wollen Blut, auch wenn sie gar keinen Hunger oder Durst haben.« Man könne sie nicht friedlicher machen, indem man ihnen gut zurede. Das gelte auch für die Serben.

Slobodanka fragt sich, warum denn der Präsident Bush in Amerika nicht mal ein paar von diesen Bombenflugzeugen, die man abends immer im Fernsehen betrachten könne, nach Belgrad schicke. »Nur einmal eine Viertelstunde lang, und danach hätten wir alle wieder unsere Ruhe.«

Slobodanka Misic stammt aus einem Weiler bei Knin, der Hauptstadt der sogenannten Unabhängigen Serbischen Republik Krajina auf dem Territorium Kroatiens. Sie wurde im Dezember 1991 von marodierenden serbischen Tschetniks vertrieben. Eine Stunde gaben sie ihr Zeit, um den Bollerwagen zu packen. Dann wurde das Haus in Brand gesteckt.

Mit ihrer alten Mutter und zwei Nachbarskindern flüchtete Slobodanka zunächst zu ihrem Bruder nach Preko auf der Insel Ugljan. Am 9. Februar griff dann der Krieg auch nach Ugljan. Nachmittags, kurz nach drei, schlug eine Salve Mörsergranaten in Preko ein. Zehn Menschen mußten verletzt ins Krankenhaus nach Zadar gebracht werden. Ein halbes Dutzend Häuser wurden zerstört, darunter auch das Haus ihres Bruders.

Für den Angriff gab es keinen militärischen Grund. Preko hat keine Kaserne, keine Fabrik, nicht mal einen richtigen Hafen. »Sie haben Spaß am Kaputtmachen«, sagt Slobodanka. Sie wohnt jetzt mit ihrer Mutter, ihrer Schwägerin und deren drei Kindern im Hotel Kolovare in Zadar, gemeinsam mit 400 Flüchtlingen aus dem dalmatinischen Hinterland.

Die Krajina ist so gut wie kroatenfrei. In den serbischen Enklaven Kroatiens ist die ethnische Flurbereinigung vollzogen, die den Weg frei machen soll für die Gründung von Großserbien. Nach dem Uno-Friedensplan sollen alle Vertriebenen wieder in ihre alten Häuser zurückkehren. Aber die Flüchtlinge glauben nicht daran. In ihren Häusern wohnen heute Serben. Schwer vorstellbar, daß die große Rochade sich rückgängig machen läßt.

»Man hat den Eindruck, daß viele Vertriebene gar nicht mehr heim wollen«, sagt der tschechische EG-Beobachter, der seinen Geländewagen an der Straße zum Flughafen von Split in Stellung gebracht hat. »Wir Mitteleuropäer werden das nicht verstehen; aber daß Serben und Kroaten nicht mehr zusammenleben können, darin sind sich beide Seiten weitgehend einig.«

Fast ein halbes Jahrhundert haben sie friedliche Koexistenz geübt. In den Städten wußte man meist nicht mal vom Nachbarn, ob er Serbe oder Kroate war. Die Symbiose wurde von den Kommunisten zwar erzwungen, sie war aber auch nicht unfreiwillig. Ein paar Monate Krieg haben gereicht, um Serben und Kroaten geistig in die Türkenzeit zurückzuwerfen. Die Mehrheit auf beiden Seiten hat trotz aller gegenteiligen Erfahrungen die Zweckbotschaft ihrer politischen Führung verinnerlicht: Serben und Kroaten sind Todfeinde, und das bleibt auch so auf ewige Zeiten.

Die großen Hotels an der dalmatinischen Urlauberküste sind fast alle randvoll mit Flüchtlingen belegt. 10 000 leben in Rijeka, gut doppelt so viele in Zadar, fast fünfmal so viele in Split. Trotzdem sind die Kapazitäten noch nicht erschöpft. Dalmatien hat eine Viertelmillion Hotelbetten und noch einmal so viele Privatquartiere.

Ein Großteil der Flüchtlinge aus Bosnien-Herzegowina strömt jetzt ebenfalls in die Küstenorte. »Besser nichtzahlende Gäste als gar keine«, sagt Manager Hrvatin Petar vom Admiral-Hotel in Opatija. »Ein Hotel, das einmal zugemacht wird, kann man so schnell nicht wiedereröffnen.« Und 1993 möchten sie doch alle wieder am Markt sein.

Das wird schwer. Wo sie konnten, haben die Serben die touristische Infrastruktur zerstört. Sie kartätschten die schönsten Hotels von Dubrovnik, den Jachthafen von Komolac und Schloß Gorkocevic zusammen und brannten im Reservat Krka 40 000 Hektar Wald nieder. 16 von 19 Naturschutzgebieten sind teilweise verwüstet, in den Plitvicer Seen ist die ökologische Balance von Chemikalien und ausgelaufenem Öl bedroht. Sie haben Obstbäume abgehackt und Kornfelder vermint. Wo sie Brunnen und Kraftwerke im Hinterland kontrollieren, haben sie die Wasser- und Stromversorgung der Küstenorte gekappt. Was die Vandalen nicht besetzen konnten, haben sie kaputtgemacht. Die Kroaten sollen keine Freude an ihrer Unabhängigkeit haben.

Auf der Nord-Süd-Transversale längs der Adriaküste klaffen Bombentrichter vor allem an den Ortseingängen. Die Straße zwischen Split und Dubrovnik ist nach halbjähriger Sperrung seit Anfang Juni wieder geöffnet. Prinzipiell geöffnet, wie es regierungsamtlich heißt. Einzelne Abschnitte müssen immer wieder gesperrt werden, weil auf vorbeifahrende Autos gefeuert wird.

Neuerdings sind auch die Scharfschützen in den Felsen vor Dubrovnik wieder aktiv. Sie schießen vorzugsweise während der Mittagszeit, wenn die Kinder aus der Schule kommen. Vorletzte Woche schlugen erstmals seit den schweren Angriffen im Januar auch wieder Artilleriegranaten im Zentrum der Stadt ein.

Nordöstlich von Zadar haben Tschetniks die Maslenica-Brücke in die Luft gejagt. Seitdem quält sich der ganze Nord-Süd-Verkehr über die Insel Pag. Die drei rachitischen Fährboote, die Pag mit dem Festland verbinden, sind 24 Stunden im Einsatz. Trotzdem reicht die Schlange der wartenden Autos im Fährhafen gegenüber von Prizna manchmal bis weit ins Innere der Insel.

Ausländer werden im Fährbetrieb bevorzugt abgefertigt. Das empfindet niemand als ungerecht. Im Gegenteil: Die Wartenden grüßen freundlich, wenn Fremde an ihnen vorüberrollen. Jeder Ausländer ist ein Lichtblick. Letztes Jahr waren gut anderthalb Millionen Touristen allein aus der alten Bundesrepublik in Dalmatien. Nun kommen nur noch die Abenteuerurlauber.

Im Süden von Pag führt eine wacklige Hochbrücke zurück zum Festland. Am oberen Ende haben die Serben eine der zwei Fahrbahnen weggeschossen. Das Geländer ist überall von Artilleriefeuer durchlöchert. Aber die Brücke hält. Sie trotzt sogar den Tankzügen, die mit Tempo 80 über sie hinwegkarriolen.

Der Verkehr wird hier von einer Wechselampel gesteuert. 50 Meter vor der Brücke hocken zwei kroatische Soldaten vor einer Wellblechhütte und spielen Halma. Der Ältere von beiden, der nur durch eine Uniformkappe mit Schachmusterband als kroatischer Soldat ausgewiesen ist, erklärt, sie hätten hier die Brücke zu schützen.

Schützen? Der Jüngere winkt lachend ab: »Nein, nein, wir müssen nur die Ampel auf Rot schalten, wenn Krieg ist.«

Das letztemal war hier vor gut einer Woche Krieg. Die Tschetniks drüben am Ostufer des Velebitski-Kanals deckten die Brücke fast zwei Stunden lang mit belferndem Mörserfeuer ein. Aber sie trafen wieder nicht. Nur das Geländer hatte hinterher noch ein Loch mehr als vorher.

Wenn die Brücke ausfiele, wäre Nordvon Süddalmatien abgeschnitten. Mit ein paar gut plazierten Luftminen wäre das sicher zu erreichen. Dann müßte die Fährverbindung von 3 auf 30 Kilometer verlängert werden. Aber die Tschetniks führen hier nicht Krieg, um taktische Vorteile zu gewinnen oder Terrain zu besetzen. Sie machen Terror um des Terrors willen.

40 Kilometer weiter südlich sind die Serben bis auf 3 Kilometer an das Meer herangekommen. Sie rannten sich bei Zadar fest und wurden dann von kroatischen Heimwehrsoldaten auf die Hügel um den Flughafen Dolni-Zemunik zurückgeworfen.

»Sie sitzen drüben in den falschen Häusern«, sagt der Abschnittskommandeur, der mit Rücksicht auf seine serbische Verwandtschaft seinen Namen nicht nennen will. Die »falschen Häuser«, das sind die Potemkinschen Wohnblocks, die Tito hier errichten ließ, um einen eventuellen Angreifer von den echten Flughafengebäuden abzulenken.

Auf dem Weg zur Front ein Schlagbaum. Daran hängt ein Schild mit der Aufschrift »Zum Dschungel bitte hier lang«. Von dem namenlosen Flecken dahinter stehen nur noch verrußte Ruinen. Die Kirche hält sich aufrecht, obwohl sie nach den Gesetzen der Statik längst hätte zusammenfallen müssen. Eines der Gräber hat einen Volltreffer gekriegt. Ein paar Knochen liegen noch auf dem Kirchhof verstreut.

Am östlichen Ortsrand steht ein Wachturm aus türkischer Besatzungszeit. Die kroatische Fahne auf der Turmspitze ist von Schüssen romantisch zerfetzt. Ringsum wogt leuchtend gelber Ginster in der schwarzen Bura, dem Fallwind, der im Frühsommer oft über die Küste fegt. Ein schrecklich-schöner Kriegsschauplatz.

Vor dem Kirchenportal steht ein ausgebrannter russischer Panzer. Vier Serben sind darin verschmort. »Sie machten nur noch pfff . . .«, sagt der Kommandeur und lächelt verschmitzt. Irgendeiner hat auf den Panzer gepinselt, was er in seiner schönen neuen Welt für unentbehrlich hält: »Sex, money, freedom«.

Vom Gegner hört und sieht man nicht viel. Vergangene Woche haben Stjepan Skara und Goram Bakic, zwei Freiwillige aus Split, durch Ferngläser beobachtet, wie drüben zwei Uniformierte an zwei Bäume gebunden und erschossen wurden. Goram lacht. »Die Serben haben große Probleme mit Deserteuren.«

Manchmal bleibt es tagelang ruhig. Dann schüttet es wieder unvermittelt zwei, drei Stunden lang aus allen Rohren. Die Serben haben beinahe unbegrenzte Mengen Munition.

Auch die Kroaten sind inzwischen ganz gut ausgerüstet. Als der Krieg begann, hatten sie nur Jagdgewehre und Pistolen. Jetzt sind ihre Arsenale voll mit modernen Infanteriewaffen. Sie haben Maschinengewehre aus Deutschland, französische Mörser, israelische Uzis, russische Kalaschnikows und österreichische Panzerwagen.

Nichts von allem ist legal ins Land gekommen. Kroatische Gastarbeiter in Westeuropa helfen tüchtig beim Beschaffen. Es heißt aber auch, daß die internationale Drogenmafia einen starken Brückenkopf in Kroatien hat. Kroaten-Präsident Franjo Tudjman behauptet, er habe genug Waffen, um 150 000 Soldaten auszurüsten.

Die Verteidiger haben sich in italienischen Bunkern aus dem Zweiten Weltkrieg eingerichtet. Die seien ein bißchen muffig, aber nicht so leicht zu knacken, sagt der Kommandant. »Molto bene, molto bene.«

Der Kommandobunker ist schlicht und zweckmäßig: sechs Betten, davor ein Schreibtisch für den Chef, Schachspiel, Kanonenofen, Munitionskisten, eine Cola-Kiste, ein paar halbvolle Whiskyflaschen. Im Fernsehen läuft ein Kinderballett.

An der Wand neben dem Schreibtisch hängt ein Plakat mit einer Zeichnung, die kroatische Ustascha-Soldaten salutierend unter Hakenkreuzflaggen zeigt. Der Kommandeur merkt gleich, daß der Besucher irritiert ist. »Sie nehmen das hoffentlich nicht ernst«, ruft er lachend, »das ist doch nur Satire.«

Aber im Nachbarbunker das gerahmte Foto von Ustascha-Führer Ante Pavelic, dessen vom Hitler-Deutschland ausgehaltenes Schreckensregime im Zweiten Weltkrieg Zehntausende von Opfern forderte und der heute in Kroatien wieder in Würden steht - ist das auch Satire?

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_159_ Krieg in Ex-Jugoslawien: Dalmatien: Angriffsziele

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