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EXPEDITIONEN / SÜDPOL Zum sechsten Kontinent

aus DER SPIEGEL 34/1955

In einem Zimmer des Münchner Regina-Hotels saßen Zeitungsleute und braungebrannte, bärtige Bergsteiger. »Eine Bitte hab i nur: Schaut's, daß wieder einig werd's, damit der wunderbare Erfolg bestehenbleibt.« Der Mann, der das mit eindringlicher Stimme den Mannen der heimgekehrten deutschen Nanga-Parbat-Expedition sagte, war der Münchner Oberbürgermeister Thomas Wimmer. In der Mitte des Raumes stand, verlegen lächelnd, der Leiter der Expedition, der Münchner Geburtshelfer Dr. Karl Herrligkoffer. Der Gipfelbezwinger seiner Expedition, Hermann Buhl, hatte ihm Unfähigkeit vorgeworfen. Es war der 3. August 1953.

Fast auf den Tag zwei Jahre später saßen in demselben Raum wieder Zeitungsleute. In der Mitte stand, wieder wie damals, verlegen lächelnd Dr. Herrligkoffer. Verlegen deshalb, weil er auf die Frage eines Journalisten, wieviel Geld er denn bereits zur Verwirklichung seines neuen Planes zusammen habe, nur sagen konnte: »Nicht mehr als drei Mark.« Der neue Plan: 1957 zum Südpol.

Herrligkoffer hatte von den Plänen ausländischer Wissenschaftler gelesen, während des sogenannten »Geophysikalischen Jahres« 1957/58 das Südpolargebiet gründlich zu erforschen. Die Vereinigten Staaten, die Sowjet-Union, England, Frankreich, Norwegen, Japan, Australien, Neuseeland, Argentinien, Chile und Südafrika wollen Expeditionen entsenden. In Herrligkoffer reifte der Entschluß: Auch Deutschland muß vertreten sein. Schnell arbeitete er einen großzügigen Plan aus, der auf den Beobachtungen der letzten deutschen Antarktis-Expedition basiert.

1938 war das 8000 BRT große Flugzeugmutterschiff »Schwabenland« mit zwei Flugbooten vom Typ Dornier Wal an Bord unter dem Kommando des Hamburger Kapitän Alfred Ritscher im norwegischen Sektor des Südpolargebietes (s. Karte) bis zur südlichen Packeisgrenze vorgestoßen. Dort ließ Ritscher die Flugboote starten. »Die Durchfahrt durch das mit Eisbergen durchsetzte Packeisfeld hätten wir nur mit erheblichen Risiken erzwingen können ... Die zusammengepackten Eismassen sind härter als Granit und bedeuten für jedes Schiff den Tod, das zwischen sie gerät.«

Ritschers Flugboote überfiogen systematisch ein breites Küstengebiet und machten Luftaufnahmen. Ritscher: »Es gibt dort kein Lebewesen, keinen Baum, keinen Strauch, selbst der buntblumige Moosteppich fehlt, der sonnigen Stellen der Inseln im Nordpolarmeer noch bis 80 Grad Nord hinauf wenigstens den Hauch von Leben verleiht. Nicht einmal ein

Vogel sucht diese einsame Gegend auf, kein Laut ertönt außer dem Knistern, Krachen und Poltern des Inlandeises ...«

Die genaue Lage des Landstriches, den Ritscher nach seinem Expeditionsschiff »Neuschwabenland« benannte, wurde später bekanntgegeben: Zwischen 71 und 74 Grad Süd, 17 Grad Ost und 12 Grad West. In diesem Gebiet lag ein 1000 Kilometer langer, 100 Kilometer breiter Gebirgszug mit Gipfeln von 3000 bis 3500 Metern Höhe. Zwar hatte kein Mann der Expedition das Gebirgsmassiv betreten, aber kleine Steine, die man in den Mägen eingefangener Pinguine fand, ließen Rückschlüsse auf die Beschaffenheit der Felsen zu: Die Steine enthielten Eisenerz.

Ahnungsschwanger sagte sich Herrligkoffer: »Wenn man eines Tages darangeht, mit Atomkraft die Eismassen zu zertrümmern, um an das Eisenerz zu kommen, könnte Deutschland ausgeschaltet sein, wenn wir nicht, rechtzeitig wenigstens moralische Besitzansprüche anmelden.«

Gemeinsam mit dem ehemaligen Lufthansa-Piloten Herbert Bruhns, einem Teilnehmer der Ritscher-Expedition, versuchte er, die deutsche Industrie zu mobilisieren. »Wie jeder andere Kontinent, so birgt auch die Antarktis alle Bodenschätze, die noch in keiner Weise erschlossen sind«, beschwor Herrligkoffer deutsche Firmenchefs in Rundbriefen. »Der Wert einer deutschen Südpol-Expedition liegt einerseits darin, Deutschland an der wissenschaftlichen Erschließung des sechsten Kontinents zu beteiligen, zum anderen aber wird ihre Bedeutung in zukünftigen Problemen liegen, die zu lösen die Antarktis der Menschheit noch aufgeben wird. Weitblickend bemühen sich daher seit Jahren viele Nationen, die Bodenschätze der Antarktis zu erforschen ...«

Bisher hat die Aussicht auf Erschließung des sechsten Kontinents noch keine deutsche Firma verlocken können, dem Herrligkoffer irgendwelche Spenden zu geben. Dennoch ist Herrligkoffer, der auch seine beiden Himalaja-Expeditionen gegen erheblichen Widerstand durchgeboxt hat, nicht ohne Hoffnung. Er hat bereits

im Bonner Verteidigungsministerium den General Vorwald um Unterstützung gebeten: »Die deutsche Wiederaufrüstung könnte ihre neuen Artikel unter antarktischen Witterungsbedingungen erproben.«

Herrligkoffer will ein 8000 BRT großes Schiff chartern, das Flugzeugmutterschiff und Eisbrecher zugleich sein soll. Die Expedition, mit zwei Hubschraubern und zwei Langstreckenflugzeugen ausgerüstet, soll ihr Hauptlager am westlichen Ende Neuschwabenlands aufschlagen. Mit Norwegen, in dessen antarktischem Sektor Neuschwabenland liegt, hat Herrligkoffer schon verhandelt. Die Norweger sind mit der Errichtung des Expeditionslagers auf ihrem Gebiet einverstanden.

Mit Hilfe von 30 Raupenschleppern und 100 Polarhunden will Herrligkoffer etwa 1000 Kilometer in Richtung Südpol vordringen. 30 zusammenschraubbare Spezialhäuser sollen in fünf Lagern aufgestellt werden. Ein Laboratorium auf dem Schiff wird Unterlagen für eine wirtschaftliche Erschließung der Antarktis erarbeiten: Es soll sofort Gesteinsproben auf ihren Erzgehalt untersuchen. Hauptziel der Expedition soll jedoch die rein wissenschaftliche Erforschung des Kontinents sein.

Herrligkoffer will aber nicht nur während des antarktischen Sommers in Neuschwabenland bleiben. Das Expeditionsschiff soll vielmehr nach Deutschland zurückkehren, während die 30 Wissenschaftler in ihren wetterfesten Häusern noch bis 1959 zurückbleiben. Alles in allem würde die von Herrligkoffer großzügig geplante Expedition drei Millionen Mark verschlingen. Der Arzt hofft jedoch, mit viel weniger Bargeld auszukommen. 700 000 Mark würden zur Entlohnung der Mannschaften genügen, hat er ausgerechnet. Die Ausrüstung und auch die Verpflegung sollen - wie schon bei seinen Himalaja-Expeditionen - deutsche Industriewerke zur Verfügung stellen.

In Hamburg hat Herrligkoffer bereits durch den Ex-Expeditionsleiter Ritscher westdeutsche Reedereien zu interessieren versucht. Im Bonner Verteidigungsministerium hatte General Vorwald indessen Bedenken: Die Entsendung einer Expedition mit einem Flugzeugmutterschiff und einer fast militärischen Ausrüstung müßte von der Nato genehmigt werden.

Aber nicht nur von außen drohen Herrligkoffers Plänen Gefahren. Der Deutsche Geographentag, der Anfang August in Hamburg tagte, distanzierte sich in scharfer Form von dem Südpol-Projekt: Es entspringe nur dem Geltungsbedürfnis des Geburtshelfers und könnte das Ansehen der deutschen Fachwissenschaft schädigen.

Auch in München wurden Stimmen gegen Herrligkoffer laut. Zwei Vorstandsmitglieder der Deutschen Forschungsgemeinschaft, des einzigen Instituts, das derartige Forschungsunternehmen finanzieren kann, rückten von Herrligkoffers Projekt ab. Der Leiter des Meteorologischen Instituts an der Universität München, Professor Rudolf Geiger, schrieb dem Arzt: »Auf Grund meiner Kenntnis der Sachlage bin ich nicht in der Lage, Ihre Bestrebungen ... zu unterstützen.« Der Professor ließ sich aus der Liste der Personen streichen, die als Kuratoriumsmitglieder für das neue, von Herrligkoffer mitbegründete »Deutsche Institut für Auslandsforschung« vorgesehen sind. Nach Herrligkoffers Plänen soll das Institut Rechtsträger der Südpol-Expedition werden.

Seine ganzen Hoffnungen setzt Herrligkoffer nun auf jene prominenten Männer, die nach wie vor bereit sind, in das Kuratorium des Instituts einzutreten: Bundestagspräsident Gerstenmaier, Vizekanzler Blücher und die Bundesminister Balke, Strauss und Schäfer.

[Grafiktext]

Deutsche
Antarktis-Expedition
1938/39

Mit Flugbooten
erforschtes
Gebiet ("Neu-Schwabenland")

[GrafiktextEnde]

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Deutsche
Antarktis-Expedition
1938/39

Mit Flugbooten
erforschtes
Gebiet ("Neu-Schwabenland")

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