Zur Ausgabe
Artikel 24 / 104
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Radioaktivität Zum Ticken

Aus dem Osten kommt radioaktives Material auf den schwarzen Markt. Die gefährlichen Stoffe haben schon ein erstes Opfer gefordert.
aus DER SPIEGEL 42/1992

Krzysztof Adamski, 34, vor Jahren als Spätaussiedler aus Polen gekommen, wollte nur endlich einmal ein gutes Geschäft machen. Doch nun weiß der Mann aus dem hessischen Bad Schwalbach nicht mehr weiter: »Wenn die Ärzte recht haben, bin ich bald tot.«

Auf seiner linken Brustseite, knapp unter dem Herzen, trägt Adamski seit seiner letzten Geschäftsreise eine Verletzung mit sich herum: dunkelrote, geplatzte Haut, scharf konturiert, mittendrin eine beginnende Vereiterung.

Adamski wurde verstrahlt, als er, ohne es zu wissen, eine Stunde lang zwei Gramm radioaktives Cäsium 137 trug. Die gesetzlich erlaubte Jahresdosis an Strahlung beträgt 0,5 Millisievert. Er hat 40 000 Millisievert abbekommen. Das ist nach Einschätzung von Strahlenmedizinern eine tödliche Dosis.

Der Mann aus dem Hessischen ist im Westen das erste Opfer eines Goldrausches, der seit einem Jahr Gauner und Geschäftemacher in den ehemaligen Ostblockstaaten umtreibt. Weil im GUS-Land alles zu bekommen ist, was früher geheim verwaltet wurde, erlebt der Markt im Westen eine Schwemme von radioaktiven Stoffen - zu Kilopreisen bis eine Million Dollar.

Die meisten Angebote sind nach Ansicht von Experten beim Bundeskriminalamt (BKA) »reiner Betrug«. Da werde »alles, was einen Geigerzähler zum Ticken bringt«, zu bombenfähigem Material erklärt und anschließend über dunkle Kanäle angeboten oder für Drohungen und Erpressungen benutzt. Echter Bombenstoff ist jedenfalls in ausreichenden Mengen dabei noch nicht aufgetaucht.

Der Stoff taugt zwar selten für irgendeine Nutzung, ist aber hochgefährlich. Das hessische Landeskriminalamt, mit Ermittlungen befaßt, spricht von »vagabundierenden Strahlenquellen«.

Mal wird, wie etwa in Augsburg und Berlin, schwach angereichertes Uran osteuropäischer Herkunft sichergestellt, das verkauft werden soll. Ebenfalls in Berlin kassierten Kriminalbeamte einige Kilogramm strahlendes Cäsium 137, ein Abfallprodukt aus Atomkraftwerken. In Wien und München kamen Tausende von Schrauben auf den Markt, die aus russischen Rauchmeldern stammen und jeweils mit einer Minimenge Plutonium behaftet sind.

Zwar müßten nach Ansicht von Wiener Experten »Millionen solcher Schrauben« für eine Atombombe aufgearbeitet werden. Doch schon geringste Plutonium-Spuren können Menschen töten.

Den bislang dreistesten Coup im Rahmen der »illegalen Angebote von nuklearem Material« (BKA) versuchten im Juli Geschäftemacher aus Norddeutschland zu landen. Sie boten unterderhand zwei angebliche Atombomben an. Die Verdener Staatsanwaltschaft stellte bei einer großen Durchsuchungsaktion die mutmaßlichen Sprengsätze sicher, die sich als 50-Kilo-Behälter mit stark strahlendem Cobalt 60 entpuppten, wie Ärzte es für medizinische Bestrahlung verwenden.

Die Ermittler stießen bald auf die Hintermänner: ehemalige sowjetische Geheimdienstler. Die deutschen Abnehmer waren ein Waffenhehler aus der Nähe von Bremen und, so das BKA, »zwei vermutlich ehemalige Stasi-Mitarbeiter«.

In derlei Kreise gehören auch die Geschäftemacher, die dem Schwalbacher Adamski zu seiner Strahlenkrankheit verholfen haben. Der Mann hatte nach dem Fall der Ostgrenzen versucht, ein Handelsgeschäft aufzubauen. Dabei geriet er an die falschen Partner.

Geschäftsfreunde aus Polen baten ihn, eine amtliche Expertise für eine Probe des nicht strahlenden Edelmetalls Osmium zu beschaffen, die sie ihm geben wollten. Adamski willigte ein und vereinbarte einen Termin beim Eidgenössischen Materialprüfungsamt bei Zürich.

Der Aussiedler reiste mit seinen polnischen Geschäftspartnern nach Zürich, _(* Am Donnerstag in Baden-Württemberg von ) _(Polizisten sichergestellter ) _(Transportbehälter. ) wo er den eigentlichen Anbieter traf, einen Chemiker aus dem litauischen Vilnius. Der brauchte für sein frisch erworbenes wertvolles Osmium die Expertise, um den Stoff weiterverkaufen zu können. Die Proben, zwei pillengroße Metallbehälter, hatte er in einem Plastikdöschen in der Brusttasche stecken.

Adamski übernahm die Dose, steckte sie ebenfalls in die Brusttasche und fuhr zum Institut, wo er sie eine Stunde später ablieferte. Am Ende des Tages saßen er und seine Geschäftsfreunde im Zürcher Gefängnis. Sie wurden beschuldigt, nukleares Material geschmuggelt zu haben. Russische Gauner hatten dem Chemiker aus Vilnius wertloses, aber strahlendes Cäsium 137 angedreht.

Tatsächlich ist das Cäsium offenbar längst in größeren Mengen in der Bundesrepublik angekommen. In Baden-Württemberg etwa fanden Polizisten vergangenen Donnerstag per Zufall bei einer Durchsuchung einen Behälter russischer Herkunft - mit schwarzgelbem Nuklear-Warnzeichen nebst kyrillischer Aufschrift »Vorsicht«. Der Inhalt: 200 Gramm des gefährlichen Strahlstoffs.

Zuvor hatten Kriminelle schon damit begonnen, deutschen Journalisten und Behörden Cäsium kiloweise anzubieten, anfangs zu horrenden Preisen bis zu einer Million Mark.

Daß die Cäsium-Mengen, die ihnen angedreht wurden, das Geld nicht wert sind, das sie forderten, wußten auch die Anbieter. Ihr erpresserisches Argument für den überzogenen Preis: Die deutschen Behörden müßten doch ein Interesse daran haben, daß der Stoff nicht weiter in irgendwelchen Schließfächern der Republik lagert.

Nach Hinweisen, die Mittelsmänner Journalisten von SPIEGEL TV gegeben hatten, fanden Beamte des hessischen Landeskriminalamtes Freitag abend im Schließfach 579 des Frankfurter Hauptbahnhofes einen Sicherheitsbehälter mit kyrillischer Aufschrift. Der Inhalt: »Ganz offensichtlich strahlendes Material«, so ein Beamter.

Zuvor schon waren die Dealer im Hotel am Frankfurter Flughafen festgenommen worden - ein Komplize hatte geplaudert.

Die Festgenommenen, drei Polen, waren jene Geschäftsleute, deren Material im August in Zürich bereits den Hessen Adamski verstrahlt hatte.

* Am Donnerstag in Baden-Württemberg von Polizisten sichergestellterTransportbehälter.

Zur Ausgabe
Artikel 24 / 104
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel