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Litauen Zurück nach Sparta

Vor den ersten Parlamentswahlen seit der Unabhängigkeit steckt das Land in einer tiefen Krise. Staatschef Landsbergis mußte Federn lassen.
aus DER SPIEGEL 43/1992

Als noch die Sowjets in Litauen herrschten, bekam Schlosser Vytas Kaslauskas, 50, den Spitzenlohn von über 400 Rubel im Monat. Das war soviel wert wie zwei Zentner Schweinefleisch auf dem freien Markt. Kaslauskas konnte sich einen kleinen »Moskwitsch« leisten.

Nun ist dieses Fahrzeug seine Rettung. Denn Kaslauskas erhält von seinem Arbeitgeber, der Elektromotorenfabrik in Vilnius, derzeit bloß den Mindestlohn von 1700 Talonas (Gutscheinen), wofür sich gerade sechs Kilo Fleisch kaufen lassen. Das ist eine Art Arbeitslosenunterstützung: Im Werk braucht er »nach 27 Jahren ehrlicher Arbeit« (Kaslauskas) nicht mehr zu erscheinen. Die Maschinen stehen wegen fehlender Aufträge still. Da er mit den wenigen, mit Tierbildern bedruckten Noten der neuen Übergangswährung nie seine auf 3700 Talonas hochgeschnellte Monatsmiete bezahlen kann, schlägt er sich mit dem Moskwitsch als unregistrierter Taxifahrer durch - bedroht von den Profis, die den Konkurrenten von den Stellplätzen wegjagen, den Lack seines alten Gefährts zerkratzen, Reifen zerstechen.

Kaslauskas' Freude über die vor einem Jahr von Moskau anerkannte Unabhängigkeit Litauens ist längst Verbitterung gewichen: »Damals ging es uns besser. Wir wurden betrogen.«

Kurz vor den Wahlen am 25. Oktober, den ersten seit dem Abfall des 3,7-Millionen-Staats von der Sowjetunion, sind die singenden Revolutionäre heiser geworden. Die Litauer bekommen zu spüren, daß die Freiheit teuer ist. Nur in der Hälfte der Haushalte von Vilnius floß vorige Woche warmes Wasser aus den Hähnen; das Gas ist in einigen Bezirken der Hauptstadt ebenfalls abgedreht.

In Wohnungen und Büros zieht feuchte Kälte ein. Die Stadtverwaltung hatte bis zum Ende voriger Woche trotz Temperaturen um den Gefrierpunkt die Fernheizung nicht angestellt. Wenn es soweit ist, soll die Raumtemperatur lediglich 14 Grad betragen.

Demnächst werden die meisten Krankenhäuser geschlossen, einige Entbindungskliniken machten bereits dicht. Der Ärztin Nijole Raguzkene vom Rot-Kreuz-Hospital schwant eine »Rückreise nach Sparta«.

Benzin für Privatautos ist gegen horrende Preise fast nur auf dem Schwarzmarkt zu haben. Die Schnellbusse zwischen den beiden größten Städten Litauens, Vilnius und Kaunas, verkehrten vergangene Woche nur sporadisch: Nachbar Rußland hat die Lieferung von Gas und Öl drastisch zurückgeschraubt.

Die Litauer, erklärte etwa das St. Petersburger Kombinat »Lentransgas«, hätten mehr Gas aus den Leitungen gezapft, als ihnen vertraglich zustand, und überdies ihre Schulden nicht bezahlt. Ein Vertrag zwischen Vilnius und Moskau soll nun Öl- und Gaslieferungen zumindest für das nächste Jahr sichern.

Seitdem staatliche Läden von privaten Geschäftsleuten gekauft worden sind, haben sich zwar die Regale gefüllt. Aber leisten können sich die Waren nur Spitzenverdiener. Während die Löhne im Vergleich zu 1991 auf das Dreifache stiegen, verfünffachten sich die Preise für Lebensmittel.

Damenstiefel kosten zum Beispiel 10 000 Talonas, fast zwei durchschnittliche Monatslöhne. Die durchschnittliche Rente von 2200 Talonas pro Monat reicht für acht Kilo Schweinernes oder zehn Kilo Hühnerfleisch.

Die Industrieproduktion ist fast um die Hälfte gesunken, bald dürfte die Zahl der Arbeitslosen den 20-Prozent-Pegel erreichen. Die Absatzmärkte bei den östlichen Nachbarn sind zusammengebrochen, litauische Waren im Westen aber nicht konkurrenzfähig.

Staatsoberhaupt Vytautas Landsbergis, 60, sucht die Ursache der Wirtschaftskatastrophe beim alten Feind: der Nomenklatura in der Heimat, die Reformen sabotiere, und der Regierung in Moskau, die mit einer Wirtschaftsblockade die Lage in dem baltischen Staat destabilisiere.

Seine Opponenten werfen Landsbergis indes vor, an den kühlen Beziehungen zwischen Vilnius und Moskau selbst schuld zu sein. Er habe, sagt Sozialdemokraten-Chef Aloyzas Sakalas, mit Kompromißlosigkeit und radikalen Sprüchen die Russen ständig vor den Kopf gestoßen. Schließlich seien auch die Kontakte zwischen den Betrieben zerrissen.

Immerhin erreichte Landsbergis mit der harschen Gangart, daß die russischen Truppen Litauen als ersten baltischen Staat räumen. Obwohl der Kontrakt noch nicht unterschrieben ist, rückt die gefürchtete 107. Luftlande-Division im Norden der Hauptstadt bereits ab. 7000 Offizieren machte Landsbergis das Zugeständnis, ihre Wohnungen gegen Devisen an Privatleute verkaufen und den Erlös in die Heimat mitnehmen zu dürfen.

Für Landsbergis und seine patriotische »Sajudis«-Bewegung ist der Abzugsvertrag ein hübsches Wahlgeschenk. Der Musikprofessor, den viele Litauer spöttisch »unseren Gott« nennen, erlitt im Mai eine schwere Niederlage, als er am Parlament vorbei per Referendum ein Präsidialsystem erzwingen wollte. Jetzt fühlen sich Christdemokraten, Liberale und Ex-Kommunisten im Aufwind. Doch weil die Parteien wenig Geld für Plakate und Flugblätter haben, erschöpft sich der Wahlkampf in müden TV-Beiträgen der Bewerber.

Die ehemaligen Reformkommunisten, nach dem Rechtsblock Sajudis zweitstärkste politische Gruppierung, beschwören ihre meist russische Klientel (neun Prozent der Bevölkerung), unbedingt zu den Urnen zu gehen. Im Haus des Lehrers, wo die »Russische Gesellschaft« der Minderheit tagt, versichert Funktionär Gediminas Kirkaus treuherzig, der neue Sejm werde gewiß »professioneller und besser« sein als der letzte.

Die Russen, die, anders als ihre Landsleute in Estland, ihre Stimme abgeben dürfen, plagen andere Sorgen: Ein pensionierter Musiklehrer etwa beklagt, daß auf Formularen und an Autobushaltestellen die kyrillischen Buchstaben verschwunden sind.

Ein Damenchor in roten Abendkleidern macht 150 meist älteren Zuhörern mit einem Volkslied Mut: »Alles wird besser, alles wird besser, glaube mir.«

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