Zur Ausgabe
Artikel 67 / 121
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Rußland Zurück zum Kommunismus?

Boris Jelzins Herausforderer Gennadij Sjuganow, der Kommunist, sammelt im Präsidentenwahlkampf seine Stammwähler mit nostalgischen Sprüchen. Schwankende lockt er mit Versprechen, die er nicht halten kann. Der biedere Doktor der Philosophie dient als Zugpferd: Die wirklichen Pläne nach dem Sieg verbirgt die Parteizentrale.
aus DER SPIEGEL 22/1996

Lähmendes Entsetzen verbreitete sich unter den Altgenossen von Perm, die sich auf den Weg ins Eisstadion namens »Molot« (Hammer) machten: Ein Radiosender hatte gerade gemeldet, Präsident Boris Jelzin, bei allen Kommunisten tief verhaßt, habe im Rennen um seine Wiederwahl den roten Rivalen Gennadij Sjuganow um sieben Prozentpunkte überholt.

Schon sahen viele Permer Parteiveteranen den Traum vom Machtwechsel zerronnen. Dann kam ihr Idol Sjuganow auf seiner Wahlkampftour ins Hammer-Stadion und richtete die Kommunisten der Millionenstadt am Ural wieder auf.

»Genossen, das war immer so, seit Boris Jelzin im Moskauer Kreml sitzt«, tröstete er die Verzagten: »Vor jeder Wahl wuchs die Popularität der sogenannten Demokraten auf mysteriöse Weise, dann kam der Absturz. Habt ihr vergessen, wie bei den letzten Parlamentswahlen Ex-Premierminister Gaidar in der Versenkung verschwand?«

Die 4000 erleichterten Zuhörer brechen in tosenden Beifall aus, als spiele der längst abgestiegene Permer Eishockey-Klub »Molot« noch immer um Punkte in der Oberliga. Die West-Werbung für Carlsberg, Tuborg und Martini am Banden-Rund ist vom Rot der Hammer-und-Sichel-Fahnen verdeckt. »Sjuga-now«, skandiert die Menge und spendet ihrerseits dem Champion Trost, wenn auch ideologisch nicht ganz lupenrein: »Gott ist mit Ihnen und ganz Rußland - es lebe unsere sowjetische Heimat.«

Mit grollendem Baß und gebieterischer Geste kämpft Gennadij Sjuganow, 51, Chef von 500 000 russischen Kommunisten, gegen den Lärm an. Der ansonsten Gemäßigte, der sich für einen Sozialdemokraten hält, donnert: »Wir haben keinen Zugang zu den Medien, werden verleumdet, sind verfemt. Aber wenn jeder von euch nur ein bis zwei seiner Nachbarn oder Kollegen von der fälligen Wende überzeugt, wird uns der Triumph am 16. Juni sicher sein.«

Anders als bei Kommunisten üblich, redet dieser völlig frei. Für Sjuganow ist der Auftritt in der Permer Sporthalle eine Zwischenstation seiner Tournee quer durchs russische Mutterland. Seine Zuhörer zählen zu den etwa 20 Millionen Russen, die sich für den Kandidaten der Kommunisten schon entschieden haben.

Für einen Sieg bereits im ersten Wahlgang, wie ihn die Partei ankündigt, reicht das bei weitem nicht - trotz des Wahlbündnisses, das die KP mit 200 patriotischen Verbänden geschmiedet hat, inklusive Rußlands »Union der Krankenschwestern« und dem »Verband der Freunde Südafrikas«.

In Perm möchte Sjuganow vier Wochen vor der Abstimmung noch einiges zulegen - auf gegnerischem Terrain. Die Uralregionen mit ihren acht Millionen Einwohnern gelten als Hochburgen des amtierenden Präsidenten.

In Beresniki, nördlich von Perm, hat Jelzin seine Kindheit verbracht. Im 300 Kilometer östlich gelegenen Jekaterinburg stieg er zum lokalen Parteichef auf. Stets hat die Mehrheit hier seit dem Zusammenbruch der UdSSR für Jelzins Kurs gestimmt. Von den regierungsergebenen Medien mal als roter Reformer, mal als Kommuno-Faschist etikettiert, will Sjuganow nun der Provinz sein »wahres Gesicht« zeigen. Welches aber ist das? Mit dem Parteigründer Lenin habe Sjuganow nur noch wenig gemein, ließ der örtliche KP-Statthalter verbreiten: »Er ist ein Politiker der neuen Generation, Russe in Blut und Geist.«

In seiner kaum bekannten Habilitationsschrift »Sozialpolitische Veränderungen im modernen Rußland«, vor 18 Professoren voriges Jahr vom Autor an der Moskauer Staatsuniversität verteidigt, schlägt der Doktor der Philosophie Sjuganow tatsächlich keine klassenkämpferischen Töne mehr an.

Dafür erklärt er Rußland zum »besonderen Typ der Zivilisation« und zum »Kern eines eurasischen Blocks«, welcher der drohenden globalen Diktatur der USA zu trotzen habe.

Im alten russischen Streit zwischen Westlern und Slawophilen, die nach einem Sonderweg suchen, ordnet sich Sjuganow klar bei den letzteren ein. Das Opus rät zur Beschränkung außenpolitischer Aktivitäten auf ein Minimum.

In der Permer Mittelschule Nr. 28 bietet sich Gelegenheit, ein Image zu verbreiten, das für einen russischen Kommunistenführer etwas ungewöhnlich ist. »Ich bin Lehrer«, stellt er sich der 11. Klasse vor, die wegen des hohen Gastes ihre Arbeit über Puschkins Poesie unterbricht, »geboren im Dorf Mymrino in der Provinz Orjol, 400 Kilometer südlich von Moskau.«

Daß er der Sohn eines faschistischen Offiziers sei, wie ein Blatt kürzlich behauptete, weist er als »idiotische Verleumdung« zurück. Er wurde ein Jahr nach dem Abzug der deutschen Besatzer geboren; der Vater verlor im Krieg vor Sewastopol ein Bein, die Mutter lehrte 40 Jahre an der Schule im Ort und lebt nun, 81 Jahre alt, mit ihm in der Moskauer Vier-Zimmer-Wohnung.

Sohn Gennadij, der an Vaters Stelle Haus- und Hofwirtschaft führte und deswegen als Knabe im Dorf achtungsvoll »Batja« (Väterchen) gerufen wurde, leistete den dreijährigen Wehrdienst bei einem chemischen Aufklärungsregiment an der äußersten Westgrenze des Imperiums, in den Garnisonen Gera, Weimar und Magdeburg; 1966 kehrte er als Lehrer für Physik und Mathematik an die heimatliche Dorfschule zurück.

Gleich danach begann seine hauptamtliche Parteikarriere. Sjuganow diente sich rasch vom Sekretär des Parteijugendverbands Komsomol bis zum Vizechef der KPdSU in Orjol empor, wurde auf die höchste Parteischule delegiert und 1983 - unter Generalsekretär Andropow - in die Propaganda-Abteilung des ZK nach Moskau befördert.

Am Ende der Sowjetzeit schnellt der subalterne Funktionär 1990 zum Sekretär der neugegründeten KP Rußlands hoch und profiliert sich als einer der schärfsten Kritiker von KPdSU-Generalsekretär Michail Gorbatschow. Dem Reformer wirft Sjuganow »Verrat an den Leninschen Ideen« und »Zerstörung des Vaterlands« vor. Ein Jahr später unterschreibt er das Manifest »Ein Wort an das Volk«, das den Putschisten im August 1991 als ideologische Plattform gegen Gorbatschow dient.

Doch an der mißlungenen Revolte, die zum Verbot der Partei und zur Auflösung der UdSSR führte, nimmt Sjuganow nicht teil. Er sammelt die versprengten Genossen und betreibt die Wiedergründung der russischen KP. Als die sich 1993 erneut konstituieren darf, gilt der zielstrebige Funktionär als einer der wenigen Unbelasteten.

Er hat Erfolg. Nach den ersten Wahlen zur neuen Föderationsversammlung ziehen die in der Provinz wieder straff organisierten Kommunisten als drittstärkste Liste in die Staatsduma ein, bereits zwei Jahre später stellen sie die größte Fraktion. Sjuganow hat eine totgesagte Bewegung an die Schwelle zur Macht zurückgebracht, und zwar erstmals auf demokratischem Wege.

Doch die gewandelte KP gerät immer mehr zum schillernden Sammelbecken von Nationalisten, roten Radikalinskis und Reformern. Diese brisante Zusammensetzung der Partei zwingt den biederen, konfrontationsscheuen Sjuganow auch auf Wahlreisen zum politischen Spagat.

Die Schüler der 28. Mittelschule wollen von ihm wissen, ob denn die Kommunisten nicht für die Millionen Toten der Stalinschen Tyrannei verantwortlich seien. »Wir alle sind nach dem Krieg geboren«, wehrt sich der Präsidentschaftsbewerber gegen die Erblast. Fein säuberlich trennt er die Partei Lenins, Schukows und Gagarins von der Stalins und Berijas: kein Wort der Entschuldigung, keine Geste des Mitgefühls für die Opfer des roten Terrors.

»Wenn unter Jelzin jährlich 40 000 Bürger durch Verbrecherhand sterben und jeder Russe im Schnitt pro Jahr 20 Liter Wodka trinkt«, macht Sjuganow seine Gegenrechnung auf, »ist das nicht eine andere Form des Genozids?«

Frustration und Ressentiments anzusprechen ist vordringlichste kommunistische Wahlarbeit. Krisenbelege gibt es auch in den Jelzin-Hochburgen Perm und Jekaterinburg zuhauf. Im Gebietskrankenhaus hört der Wahlkämpfer, die Patienten müßten ihr Verbandsmaterial selbst mitbringen, ausstehende Löhne seien noch immer nicht gezahlt.

Nur noch jedes dritte Kind kann sich die Schulspeisung leisten. Und im Rüstungsbetrieb Permer Motoren stehen Bänder still, weil russische Flugzeugbauer Triebwerke inzwischen bei der amerikanischen Firma Pratt & Whitney kaufen.

Unter einem Präsidenten Sjuganow soll das anders werden. An der Technischen Universität in Perm und am Polytechnikum von Jekaterinburg, an dem einst Jelzin studierte, greift der Kandidat in seine Wundertüte: Er verspricht, Renten, Stipendien und Gehälter zu erhöhen, die kostenlose Krankenversorgung wieder einzuführen, auch noch die von der Inflation aufgezehrten Spareinlagen zu ersetzen, die Preise staatlich zu regulieren und das Recht auf Arbeit zu sichern. Wer die Wohltaten bezahlen soll, sagt er lieber nicht.

Die umworbenen Studenten bleiben skeptisch. »Glaubt ihm nicht«, ruft einer vor dem Audimax in Perm, »die Kommunisten haben die Mehrheit in der Duma, aber was haben sie bisher fürs Land getan?« Mit harten Griffen drängen Saalordner den Schreihals ab.

Vor den örtlichen Wirtschaftsbossen vermeidet Sjuganow platte Propaganda: Ein kommunistischer Präsident werde alle Eigentumsformen tolerieren, nur »ungesetzliche« Privatisierungen rückgängig machen und die Unternehmensteuern senken - keine Geldreform, Konfiskation von Privatwohnungen, Gärten, Garagen, wie der Jelzin-Stab verbreitet, keine Erhöhung der Wehrpflicht auf vier Jahre. Dem gemeinen Volk aber drückt der Werber im grauen Anzug seine Visitenkarten samt Foto in die Hand, signiert und sagt dazu ungewohnt locker: »Das ist Ihr künftiger Kreml-Ausweis.«

Nur bleibt er sonst immer ohne Biß und Witz - als glaube er selbst nicht recht an einen Sieg. Selten greift er die politischen Gegner an. Was ist mit dem Kandidaten Jawlinski, der gerade mit Jelzin eine Koalition gegen die Kommunisten zu schmieden versucht? Ein Mann, dessen politische Karriere zu Ende ist, verkündet Sjuganow, und es klingt, als beruhige er sich damit selbst. Kandidat Lebed? Nicht mehr als ein braver Soldat.

Und der übermächtige Jelzin? Der möge, höhnt Sjuganow, nach zwei Herzinfarkten abtreten. Die Gemeinheiten überläßt er dem anderen Genossen, der kandidiert, Aman Tulejew: »Ich bin wie Jelzin 1,86 Meter groß. Ich weiß, wieviel Wodka man in sich hineingeschüttet haben muß, um einen Staatsbesuch in Irland zu verschlafen.«

An den Kiosken in Jekaterinburg liegt eine Zeitung mit einer ganzseitigen Fotomontage aus: Sjuganow in Polizeiuniform mit gezogener Pistole. »Gott verhüte«, titelt das Blatt, das in Zehn-Millionen-Auflage die Ängste vor der Rückkehr zu den schlechten alten Tagen der Unterdrückung schürt.

Geschickt schlägt Jelzin seinem Konkurrenten Trumpf für Trumpf aus der Hand: Während Sjuganow bei den Soldaten, den Arbeitern der auftraglosen Rüstungsindustrie wirbt, empfiehlt sich der Präsident in Moskau mit Dekreten über eine Berufsarmee und Subventionen für die Waffenbauer.

Zudem machen Querschüsse aus den eigenen Reihen Sjuganow zu schaffen. Kaum in Jekaterinburg eingetroffen, dringt aus der Moskauer Parteizentrale heraus, dort lägen fertige Pläne zur Restaurierung der alten Staatsplanbehörde, zur Verstaatlichung der Banken und zur Änderung der demokratischen Verfassung bereit. Immer lauter werden Gerüchte, die gemäßigte Fraktion der Sjuganow-Anhänger innerhalb der KP-Führung sei längst in der Minderzahl, der Präsidentschaftskandidat eine Geisel innerparteilicher Betonköpfe.

Um seine Extremisten nicht weiter zu reizen, wagt Sjuganow seine versöhnlichste Geste in Jekaterinburg nur ohne Publikum: Klammheimlich legt er an jener Stelle, an der die Kommunisten vor 78 Jahren die Zarenfamilie erschießen ließen, einen Nelkenstrauß nieder.

Am selben Abend, zum Finale der Wahlreise, liegt der rote Kandidat wieder auf Linie. »Ich habe als Soldat der sowjetischen Fahne gedient, und ein Mann schwört nur einmal im Leben seinen Eid«, versichert er einer jubelnden Runde Jekaterinburger Parteimitglieder.

Und er hält sogar schon Baldrian für den Fall der Niederlage bereit: »Selbst wenn wir die Wahlen verlieren - macht nichts. In zwei Jahren ist der jetzige Präsident ohnehin am Ende.«

»Was haben die Kommunisten bisher fürs Land getan?«

»Ein Mann schwört nur einmal im Leben seinen Fahneneid«

Zur Ausgabe
Artikel 67 / 121
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.