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»Zurück zur Legende vom besonderen Sterben«

In der Bundeswehr wird jetzt stramm rechts marschiert. Unter dem Christdemokraten Wörner kommen jene konservativen Offiziere aus der Deckung, die sich von sozialdemokratischen Oberbefehlshabern verraten fühlten, und betreiben die Rückkehr zu den angeblich ewigen soldatischen Tugenden. Der Verteidigungsminister bat rechte Generäle um Hilfe für einen neuen Traditionserlaß; Parole: Zurück, marsch, marsch. *
aus DER SPIEGEL 41/1983

Dem offiziellen Schreiben nach der Minister-Ernennung fügte Manfred Wörner einige handschriftliche Zeilen bei. Er bitte, schrieb der Minister dem pensionierten Generalmajor Johannes Müller, um eine Stellungnahme des Verbandes deutscher Soldaten (VdS) zu den Traditionsrichtlinien der Bundeswehr.

Die Schrift, sechs Seiten lang, lag bald auf Wörners Schreibtisch. Zeile für Zeile entspricht das Papier dem erzkonservativen Geist des Soldatenverbandes. Wie auch anders: Der VdS war 1951 gegen internationale Proteste von Wehrmachts- und Waffen-SS-Generalen gegründet worden. Seither läßt der Verband auf bierseligen Kameradschaftsabenden die »ewigen Werte deutschen Soldatentums« hochleben.

»Hinsichtlich der Mitführung und Begleitung von Fahnen und Standarten früherer deutscher Truppenteile«, schrieben die Veteranen dem Minister, »wird eine großzügigere Handhabung befürwortet.« Die »Verurteilung und Diffamierung« der Soldaten der ehemaligen Waffen-SS habe fortan zu unterbleiben.

Generalmajor Eberhard Wagemann, Wörners zweiter Experte in Sachen Tradition, soll die Vorschläge der alten Kameraden überarbeiten und in eine »knappe militärische Form« bringen.

Wagemann, dem Verteidigungsminister seit Jahren freundschaftlich verbunden, ist dafür der rechte Mann. Er war 1977 vom Sozialdemokraten Georg Leber als Kommandeur der Führungsakademie vorzeitig in Pension geschickt worden, weil er dem Konsilium der Akademie die vom Bundestag geforderte Mitwirkung in Ausbildungsfragen verweigerte. Er pochte auf seine Verantwortung als Offizier: »Versuche zu räteartigen

Ordnungen« hätten stets »in der Auflösung militärischer Ordnung, im Freikorps- oder Bandenwesen« geendet.

Mit den von Ewiggestrigen vorformulierten Traditionsvorschlägen will Wörner jene Richtlinien ersetzen, die sein Vorgänger Hans Apel kurz vor dem Ende der sozialliberalen Koalition eingeführt hatte. Die Bundeswehr sollte sich, 27 Jahre nach ihrer Gründung, endgültig von Fahnen, Symbolen, Namen und Überlieferungen der Hitler-Wehrmacht lösen; ein »Unrechtsregime«, hieß es im Apel-Papier, könne »Tradition nicht begründen«.

Wörner wollte Apels Richtlinien auf Wunsch der alten Kämpfer sofort nach Amtsübernahme zurückziehen, ließ sie dann aber, um die FDP nicht vor den Kopf zu stoßen, zunächst in Kraft. Ein Jahr später glaubt er, derartige Rücksichten nicht mehr nehmen zu müssen.

Die Bundeswehr, von den SPD-Ministern Schmidt, Leber und Apel gegen Widerstand der Generalität erst energisch, dann nur noch halbherzig auf Reformkurs gebracht, soll künftig wieder stramm rechts marschieren. Nicht nur der Traditionserlaß wird den neuen politischen Gegebenheiten angepaßt, auch die Ausbildung der Offiziere und Unteroffiziere soll geändert werden.

An den Bundeswehr-Hochschulen wird das erziehungs- und gesellschaftswissenschaftliche Studium überprüft. Es war 1978 eingeführt worden, um den künftigen Offizieren zu helfen, sich als Staatsbürger in einer pluralistischen Gesellschaft zurechtzufinden.

Professor Klaus von Schubert von der Bundeswehr-Hochschule München formulierte als Studienziel damals die »Anleitung zu rationalem politischen Denken und Handeln«. »Unsere Absolventen«, so erkannte der Professor, werden »Waffen tragen, und wir alle wissen, daß der von Carl Zuckmayer als ''des Teufels General'' beschriebene Idealtypus ein ''Fachidiot'' war«.

Nun soll, so steht''s in Wörners Programm, auch in diesem Fach das »Praxisfeld Bundeswehr« stärker betont werden. »Bessere Berücksichtigung der Belange der Truppe« nennt sich das. Um den Sinneswandel auch nach außen zu zeigen, überlegen die Planer, ob Offizierstudenten künftig in Uniform im Hörsaal sitzen sollen.

An der Führungsakademie der Bundeswehr müssen künftige Stabsoffiziere und Generäle wieder mehr Kriegsgeschichte büffeln; die Fächer Taktik und Strategie werden ausgebaut, die Sandkastenspiele gelten wieder als wichtiges Lehrmittel. Vorlesungen zur »Sicherheitspolitik« oder über »Bundeswehr und Gesellschaft« werden dagegen zusammengestrichen.

Der Minister hat es mit den Korrekturplänen eilig. Seine Order: »Neuregelung am 1. 1. 1984.«

Mit Zustimmung der Generalität schrieb der von Wörner in den Planungsstab berufene Oberst Gerhard Hubatschek schon Anfang des Jahres, es gelte, das »gültige Erbe« der Vergangenheit mit dem Traditionsverständnis der Bundeswehr zu verbinden: »Für Einsatz und Führung gepanzerter Verbände, das Zusammenwirken moderner Truppengattungen, die Anforderungen an Führer und Gefüge der Truppe muß an die im Krieg gewonnenen Erfahrungen angeknüpft werden.« Es sei ein Unding, daß die »Deutsche Wehrmacht« derzeit bei den Alliierten »in ungleich höherem Ansehen stehe als hierzulande«.

Auch Hubatscheks Vorgesetzter, Planungschef Hans Rühle, redet gern von alten soldatischen Idealen: »Es gilt weniger Neues zu lernen, als vielmehr sich an Altes, Vergessenes oder Verdrängtes zu erinnern.« Bestätigt fühlt sich der Chefplaner von den Helden des Falkland-Kriegs. Das »eigentlich Erstaunliche« an Britanniens letztem Kolonialkrieg sei, schwärmt Rühle, der »Ausbruch scheinbar längst vergessener Werte und Tugenden« gewesen: »Von Stolz und Ehre war plötzlich wieder die Rede. Mut und Tapferkeit waren gefragt.«

Dem Verteidigungsminister sind solche Töne nicht nur genehm, er glaubt daran. Beim Abschiedsempfang für den Luftwaffeninspekteur Friedrich Obleser gestand Wörner, der mit dem Ritterkreuz ausgezeichnete Weltkrieg-II-Jagdflieger

Obleser habe zu den »Idolen meiner Kindheit« gezählt. Das Fliegeras aus Wehrmachtszeiten stehe für eine »leidgeprüfte, vielfach zu Unrecht geschmähte und doch so tüchtige, verantwortungsfreudige und zupackende Generation«. Die alternden Generale waren gerührt.

Und in seiner Rede über »das Bild des Offiziers« im Juni vor Offizierschülern in Hannover rühmte er immer wieder die »Besonderheit des Soldatenberufes«.

Der militärische Führer, verkündete Wörner, müsse »seine Soldaten im Ernstfall in den Kampf führen«. Das erfordere Tugenden wie Kameradschaft, Treue und Tapferkeit - Begriffe, die zu Unrecht als altmodisch gälten.

»Für mich«, belehrte Wörner den Führungsnachwuchs, »ist ein Offizier undenkbar, der seinen ''Clausewitz'' nicht gelesen hat. Ich kann Sie nur ermutigen, sich in der Militärgeschichte umzutun.«

Der Frage, was angesichts modernster Massenvernichtungswaffen aus den Schlachten des Zweiten Weltkriegs noch zu lernen sei, ja, wie ein realistisches Kriegsbild heute überhaupt aussehe, weichen die neuen Herren im Verteidigungsministerium aus. Sie schwelgen lieber in ihren Vorstellungen von den ewigen Werten und pflegen, wie Martin Kutz, Dozent an der Führungsakademie, es formulierte, bewußt die Legende vom »besonderen Sterben« - obgleich in einem künftigen Krieg die Zivilisten in den Großstädten wahrscheinlich stärker gefährdet sein werden als die Soldaten an der Front.

Die Bundeswehr, erkennt Kutz, stecke durch die zweifelnden Fragen der Friedensbewegung in einer tiefen Legitimationskrise. Argumente wie »Waffendienst gleich Friedensdienst« reichten nicht mehr aus. Die emotionale Lücke, die dadurch entstanden sei, versuchten »die konservativen Militärs mit Duldung und Unterstützung des neuen Verteidigungsministers mit den abgestandenen Ideologien der fünfziger und sechziger Jahre zu füllen«.

Ungerügt darf der Brigadegeneral Roland Zedler, stellvertretender Kommandeur der 6. Panzergrenadierdivision, beklagen, daß der eherne soldatische Geist in »langen Friedenszeiten« verlorengehe. Die Bundeswehr habe nur Sinn, wenn sie »militärisch einsatzbereit« sei, »wenn das Schwert scharf ist«.

Zedler-Kamerad Carl-Helmuth Lichel, als Brigadegeneral bisher zuständig für die Ausbildung des Heeres, stilisiert den Dienst an der Waffe zur übergeordneten Tätigkeit: »Nichts ist dem Selbstwertgefühl förderlicher als das Bewußtsein, besser zu sein als der andere.«

Lichel forderte ohne Widerspruch von den Kommandeuren eine »kriegsnahe Ausbildung«. Schlagworte wie »der Frieden ist der Ernstfall« führten zu einem verhängnisvollen Mißverstehen des »Ausbildungsauftrages«.

Noch stoßen die forschen Töne bei jüngeren Offizieren auf Skepsis, vor allem bei jenen 7000, die in den letzten Jahren die Bundeswehr-Hochschulen besuchten und dort nicht nur zu militärischem, sondern auch politischem Denken angehalten wurden. Mindestens ein Drittel von ihnen, so ergab eine Pilotstudie des Verteidigungsministeriums, stehe der Friedensbewegung »mit skeptischer Sympathie« gegenüber; sie sehen in ihr nicht, wie der Brigadegeneral Zedler, eine »krakeelende Minderheit bundeswehrfeindlicher Gruppen«.

Dennoch sind die Weichen für die Wende in der Armee längst gestellt.

Ermuntert durch die markigen Sprüche ihres neuen Oberbefehlshabers, wagen sich immer häufiger jene Obristen und Generale aus der Deckung, denen die ganze Richtung der Reformer nicht paßte und die nun ihre Zeit kommen sehen.

Oberst Hubatschek von Wörners Planungsstab lobt, die Bundeswehr habe trotz aller Bemühungen von Generalen wie Wolf Graf Baudissin und Gerd Schmückle um den »Staatsbürger in Uniform« an »bewährte Grundsätze und Erfahrungen der Vergangenheit« angeknüpft: »Die neuen Streitkräfte standen damit stärker in der Tradition, als dies nach außen hin deutlich und den in die Bundeswehr hineinwachsenden Generationen bewußt wurde.«

Da konnte nach Hubatscheks Meinung auch das Zwischenspiel sozialdemokratischer Verteidigungsminister nicht viel Schaden anrichten. Helmut Schmidt hatte allzu reaktionäre Offiziere noch gestoppt. Generalmajor Helmut Grashey, der Baudissins Vorstellungen vom Staatsbürger in Uniform hämisch zur »Maske« erklärte, mußte abtreten. Die »Hauptleute von Unna« wurden gerügt, als sie sich 1970 für das »spezifisch Soldatische« einsetzten: für Militärgerichte, öffentliche Feldparaden und Manöverbälle.

Es galt Baudissins Wort: »Uns trennen Welten von der Konzeption der Wehrmacht. Ein Soldatentum, das sich noch immer auf kriegerische Bewährung bezieht und dort seine Berufsmotivation erhält, ist überholt.«

Für einige Jahre trat in der Bundeswehr Ruhe ein. Die Traditionalisten _(Mit Friedensdemonstranten am 3. Oktober ) _(1981 in Hamburg. )

duckten sich, aber ihr Widerstand blieb: Ausbildungs- und Erziehungsreformen wurden unter Leber und Apel verschleppt, die »Innere Führung« verkümmerte zu einem »Seid-nett-zueinander«.

Die Bundeswehr, von den SPD-Ministern mit modernen Waffen vollgepackt, entwickelte sich nach Meinung von noch in straffer soldatischer Manneszucht erzogenen Offizieren zu einem Reparatur- und Putzverein, Technokraten bestimmten Klima und Ton.

Der Regierungswechsel wurde von den höheren Offizieren gefeiert wie die Völkerschlacht bei Leipzig. Wörner, der Reserve-Oberstleutnant, war »ihr Mann«. Auch Generalinspekteur Jürgen Brandt, der wegen seiner Zusammenarbeit mit Apel als SPD-Sympathisant galt, freute sich, als der neue Kanzler und sein Verteidigungsminister den Wehrdienst wieder »Ehrendienst« nannten. Soldat Brandt: »Endlich.«

Der neue Chef Wörner erfüllte, zunächst nur in seinen Reden, die Hoffnungen der traditionellen Militärs. »Wir lassen uns kein schlechtes Gewissen einreden«, hämmerte er den Soldaten ein. »Was wir brauchen, ist wieder Klarheit der Gedanken und Begriffe.«

Zu Wörners neuer Klarheit gehört nicht nur, daß er einen der reaktionärsten deutschen Vereine, den VdS, am neuen Traditionserlaß mitschreiben läßt. Zur neuen Klarheit gehört auch, daß immer häufiger in der Armee der Name eines Mannes genannt wird, der längst vergessen schien: Albert Schnez.

Der ehemalige Heeresinspekteur hatte sich 1969 in einer geheimen Studie über 68 Seiten hinweg »Gedanken zur Verbesserung der inneren Ordnung des Heeres« gemacht. Den alten Kämpfer verlangte es wieder nach dem »frisch-fröhlichen Geist« in der Truppe, nach Waffenstolz, Militärzensur, verschärftem Arrest, Sondereinheiten, Kriegsausbildung und Bewährungsabzeichen. Soldatsein, schrieb der von seinem Chef Helmut Schmidt nur milde getadelte Inspekteur, sei eine »Aufgabe sui generis«, eine »Reform an Haupt und Gliedern« von Bundeswehr und Gesellschaft sei mithin unerläßlich.

Die verstaubte Schnez-Schrift wurde aus den Archiven geholt. In den Offizierkasinos gilt sie bereits als heimlicher Bestseller. »Wer heute Karriere machen will«, bestätigte ein Oberst dem SPIEGEL, »muß seinen Schnez kennen.«

Wie einst Schnez, so sorgt sich jetzt Verteidigungsminister Wörner um den »Behauptungs- und Verteidigungswillen in Teilen unseres Volkes«. Und wie Schnez will er eine wehrhafte Bundeswehr und Bevölkerung.

Daß da noch einiges nachkommt, machte Wörner den Offizierschülern in Hannover klar: »Nicht nur die Gesellschaft hat Ansprüche an die Bundeswehr. Auch die Bundeswehr hat Ansprüche an die Gesellschaft - was viele nicht mehr hören wollen.«

Mit Friedensdemonstranten am 3. Oktober 1981 in Hamburg.

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