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Zustände wie im alten Rom

aus DER SPIEGEL 1/1996

Demandt, 58, lehrt Alte Geschichte an der Freien Universität Berlin. Vor kurzem veröffentlichte er das Buch »Endzeit?« (Siedler Verlag).

SPIEGEL: Herr Professor Demandt, haben Sie Angst vor der Zukunft?

Demandt: Angst nicht, aber Unbehagen gibt es doch. Schließlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Menschheit auf diesem Planeten ihr Kapitel abschließen muß. 1983 habe ich schon ein Seminar zum Thema »Endzeit« abgehalten. Zum Schluß bekamen die Studenten einen Fragebogen, auf dem sie notieren sollten, wie sie sich die Welt im Jahr 2000 vorstellen. Die meisten glaubten, daß die Dreiteilung der Welt in Westen, Osten und Dritte Welt für ewig festgezurrt sei. Nur wenige nahmen an, daß sich alles ändern würde.

SPIEGEL: Inwiefern?

Demandt: Die einen sagten: Atomtod, dritter Weltkrieg. Die anderen erwarteten das schleichende Ende durch die Umweltkrise.

SPIEGEL: Davor fürchten sich heute mehr Menschen als vor dem nuklearen Inferno.

Demandt: Stimmt. Ich halte es auch für ausgeschlossen, daß noch eine nukleare Katastrophe die Welt bedroht. In der Dritten Welt wird das eine oder andere Unglück passieren. Aber ich glaube nicht, daß sich die Menschheit selbst vernichten wird. Desto quälender wird das ökologische Dilemma: Welches Opfer muten wir uns zu, bloß damit die Menschheit statt der 10 000 Jahre, die uns vielleicht noch bevorstehen, womöglich 12 000 Jahre lebt?

SPIEGEL: Und was empfehlen Sie?

Demandt: Daß wir die Folgekosten der Zivilisierung niedrig halten, daß wir die Probleme, die aus der Übervölkerung entstehen, minimalisieren und den Einfluß der Fundamentalisten beschränken. Wie weit wir kommen, wird sich zeigen.

SPIEGEL: Fast schon ein Zukunftsentwurf - gerade jetzt, wo keiner mehr an Utopien glaubt?

Demandt: Wenn die Utopien verschwänden, würde ich das als ein Anzeichen für schrumpfende Phantasie empfinden.

SPIEGEL: Haben Weltentwürfe etwa nicht an Faszination verloren?

Demandt: Mag sein. Die meisten Leute richten sich jetzt schon in ihrer bescheidenen Umwelt ein und sagen nur: Gott sei Dank, daß mir kein Stein auf den Kopf fällt; ich bin froh in meinem Vorgarten und mit dem, was ich habe. Es fehlt ihnen der Schwung, die Vision und der Ansporn zu Veränderungen. Wenn die Menschheit insgesamt diese Kraft verliert, dann wird es gefährlich.

SPIEGEL: Hat der utopistische Elan nicht mehr Übel über die Menschheit gebracht als jeder andere?

Demandt: Schwer abzuwägen. Die ganze Geschichte beruht letzten Endes auf dem Versuch des Menschen, Visionen zu verwirklichen. Ohne sie wären wir nicht da, wo wir sind. Das Ende der Utopien wäre identisch mit dem Ende der Geschichte.

SPIEGEL: Zum Diskussionsstoff geworden ist das »Ende der Geschichte« durch das gleichnamige Buch des US-Politologen Francis Fukuyama. Stimmen Sie seinen Thesen denn zu?

Demandt: Im Kern hat er recht: In absehbarer Zeit, so meint er ja, wird keine grundsätzliche Alternative zur parlamentarischen Demokratie mehr auftauchen. Die Frage ist nur, auf welche Weise die Öffentlichkeit an der Politik beteiligt wird. Es könnte sein, daß Wahlen ersetzt werden durch Volksbefragungen oder ähnliche Dinge.

SPIEGEL: Aber die Geschichte bewegt sich rascher denn je: Wendezeit, Golfkrieg, Balkankrieg - wo ist da Fukuyamas träge dahinfließender Strom der Geschichtslosigkeit?

Demandt: Was sich im Osten zeigt, ist nicht der Trend. Bei allem Nationalismus oder Regionalismus: die Entwicklung insgesamt geht in die Gegenrichtung. Vernetzung in Verkehr und Wirtschaft, die immer weiter wachsende Kommunikation - all das wird dazu führen, daß wir auf eine Weltgesellschaft, eine Weltfriedensordnung und im weitesten Sinne auf eine weltstaatliche Gemeinschaft zusteuern.

SPIEGEL: Noch liegt der Weltfrieden in weiter Ferne: Im Nahen Osten oder auch auf dem Balkan gibt es Soldaten, Söldner und Terroristen genug.

Demandt: Das Dumme ist, daß die Leidensfähigkeit der Menschheit so ungeheuer groß ist. Die Bereitschaft, Opfer zu bringen für sinnlose Ziele, die Bereitschaft zu Fanatismus und Selbstaufopferung, all das wirft die Entwicklung immer wieder zurück.

SPIEGEL: Utopien möchten Sie nicht missen, aber Utopisten offenbar gern.

Demandt: Moment: In der Vergangenheit hatten wir immer, auch im politischen Bereich, sehr unterschiedliche Positionen. Im 19. Jahrhundert ging es um Volkssouveränität oder dynastische Legitimität, davor um Glaubenszwang und Glaubensfreiheit, davor um Kaiser oder Papst. Immer gab es einen ideologischen Systemkonflikt. Der ist im Augenblick nicht erkennbar. Die Leute sagen zumindest: Wir sind alle demokratisch, wir machen alle eine volksbewußte Politik.

SPIEGEL: Angenommen, Fukuyama und Sie hätten recht, und die ideologischen Rivalitäten wären vorbei. Würden sie vermißt? Oder fühlte ein derart geschichtsloser Mensch sich vielleicht sogar befreit?

Demandt: Ich kenne so einen Menschen: Marc Aurel, den römischen Kaiser. In seinen »Selbstbetrachtungen« hat er die Geschichte sehr abfällig behandelt. Er fragt: Was ist denn die Geschichte? Das sind Kriege und Revolutionen, große Erdbeben und Hochzeiten und Attentate, das wiederholt sich unaufhörlich. So etwas verdient nicht das Interesse des Weisen. Der interessiert sich für die ewigen, nicht für die vergänglichen Phänomene. Vor dieser Art von Geschichtslosigkeit habe ich höchsten Respekt . . .

SPIEGEL: . . . philosophisch gesehen. Aber als Historiker betrachten Sie gerade die Epoche Marc Aurels mit großem Interesse. Die Zustände damals, so schreiben Sie in Ihrem Buch »Endzeit?«, seien den heutigen sehr ähnlich gewesen.

Demandt: Ja, es gibt eine Reihe von Parallelen zur spätrömischen Zeit, etwa das Gefälle zwischen armer und reicher Welt. Das Römische Reich ist ein blühendes System gewesen - aber jenseits seiner Grenzen herrschte Armut, fast überall. Innenpolitisch gesehen haben wir in der Spätantike eine pluralistische ökumenische Wohlstandsgesellschaft vor uns: Bürokratie, Bildungssystem und Gesetze sind sehr einheitlich, es gibt einen regelrechten Weltverkehr, und trotz einer Vielfalt von Völkern und Religionen ähneln sich überall die Stadtbilder. Ich kann mir eine Weltregierung nach diesem Muster vorstellen.

SPIEGEL: Nur ist Rom untergegangen . . .

Demandt: Ja, weil das Römische Reich nicht alle Völker integrieren konnte. Vor allem Germanen und Araber waren ihnen in Zahl und Kampftechnik überlegen.

SPIEGEL: Vergleichen Sie das mit der heutigen Lage Westeuropas und Amerikas?

Demandt: Von Japan beispielsweise hat das atlantische Weltreich dann nichts zu fürchten, wenn sich der Einfluß Japans auf den Warenverkehr beschränkt. Aber im späten Rom waren es ja nicht Waren, sondern Menschen. Diese Germanen, die ins Römische Reich kamen, haben die Posten im Heer besetzt, kamen in alle Schlüsselstellungen, und eines Tages haben sie den letzten Kaiser Roms mit guter Apanage in Neapel in eine Villa gesetzt, wo er seine Memoiren hätte aufschreiben können, wenn er welche gehabt hätte - er war bloß erst neun Jahre alt.

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