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Affären Zuverlässig und pünktlich

Devisenbeschaffer Schalck hat das Parlament belogen: Seine Stasi-Karriere war lang und steil.
aus DER SPIEGEL 51/1991

Der Auftritt von Alexander Schalck-Golodkowski Ende September vor dem eigens für ihn geschaffenen Bonner Untersuchungsausschuß hat viele der Beteiligten enttäuscht. Da saß ein verbindlicher älterer Herr und plauderte, mal freundlich berlinernd, mal bestimmt, aus dem Leben eines DDR-Devisenbeschaffers und »verläßlichen Verhandlungspartners« der Bundesregierung.

Hilflos mußten die Volksvertreter feststellen, daß der »Lieblingsbösewicht der Deutschen« (Ausschußchef Horst Eylmann) nicht zu packen ist:

Na ja, Stasi-Oberst sei er schon gewesen, Offizier im besonderen Einsatz (OibE); aber in seiner herausragenden Stellung im DDR-Außenhandel sei das unumgänglich gewesen.

Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) und sein Chef Erich Mielke? Unvermeidliche Kontakte.

Der Biedermann-Auftritt war eine perfekte Inszenierung. Zumindest eine Bundesbehörde wußte davon: Dem Generalbundesanwalt in Karlsruhe liegt seit langem die »Kaderakte« des Genossen Schalck aus dem MfS vor.

Das wahre Gesicht des Alexander Schalck-Golodkowski laut diesem Aktenordner: strammer Stasi-Mann seit 1960, der laut handgeschriebener Verpflichtungserklärung seinen »Dienst getreu dem Fahneneid« der Spitzel-Truppe verrichtete, persönlichen Kontakt zu Stasi-Chef Erich Mielke hielt und noch dazu »eine besonders enge Zusammenarbeit« zur Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) pflegte - der Spionagetruppe des MfS.

Die ganze Wahrheit grub Ende letzter Woche Ingrid Köppe, Ausschußmitglied von Bündnis 90 und Bürgerrechtlerin der Ex-DDR, aus dem Aktenberg des Ausschusses aus. Nun steht fest, daß *___Schalck und seine Frau Sigrid »viel enger mit dem MfS ____verbunden waren als bisher bekannt« (Köppe) und *___Stasi-Mann Schalck vor dem Untersuchungsausschuß des ____Parlaments die Unwahrheit gesagt hat.

Die Kaderakte des MfS jedenfalls (Personenkennziffer 030732430120) könnte Stasi-Mann Schalck gefährlich werden. Sie belegt, daß er vor dem Untersuchungsausschuß falsches Zeugnis abgelegt hat. Als es um seine Aktivitäten vor 1966 ging, versicherte er dem Ausschuß, »daß ich zu diesem Zeitpunkt weder Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit war noch als Inoffizieller Mitarbeiter gearbeitet habe«.

Eine glatte Lüge. Schon im Juni 1960, mit knapp 28 Jahren, wurde Aufsteiger Schalck laut Kaderakte Inoffizieller Mitarbeiter, es findet sich auch Schalcks handschriftlicher Vermerk: »MfS Berlin, Juli 60«. Das MfS lobte 1966: »Alle übertragenen Aufgaben vom MfS wurden sehr zuverlässig und pünktlich erfüllt.«

Auch die Stasi-Spione waren hellauf begeistert von ihrem Mitarbeiter: »So war seine Hilfe und Unterstützung für die HVA bei der Suche und Auswahl zuverlässiger Kader für das kapitalistische Ausland von unschätzbarem Wert.«

Als Märchen entlarvt die Kaderakte zudem Schalcks Geschichte, die er Vernehmern am 3. Mai 1990 auftischte. Danach war der Bereich Kommerzielle Koordinierung (KoKo) »keine Gründung des MfS«, nie seien »die nachrichtendienstlichen Interessen« der Stasi »Gegenstand der Arbeit des Bereiches« gewesen.

Die Kaderakte weiß es besser. Danach war KoKo nichts anderes als eine Gründung der Stasi, die sich ausdrücklich ein »Weisungsrecht« gegenüber Schalck vorbehielt und von dem Mitarbeiter erwartete, er werde »für das MfS eine Vielzahl wichtiger operativer Maßnahmen lösen« - mit Erfolg.

Das war alles nur durch den direkten Draht zu Stasi-Chef Mielke möglich. In Schalcks Akte wird daher als »Diensteinheit« für OibE Schalck das »Sekretariat des Ministers« angegeben.

Auch sonst war der Kontakt eng. Als der KoKo-Chef in Stasi-Diensten und seine spätere Frau Sigrid »persönliche Probleme« hatten, konnte Mielke mit »persönlichen Ratschlägen und praktischer Hilfe«, aber auch mit einem »schönen Berghaus« als Liebesnest dienen. Das Paar bedankte sich »in enger Verbundenheit« und der Versicherung, »die uns als Genossen und Tschekisten gestellten Aufgaben in Ehren zu erfüllen«.

Mielke kümmerte sich intensiv um Schalck. Am 7. September 1983 legte der Chef fest, daß sein bester Mann »aufgrund seiner außerordentlichen Verdienste und Leistungen« Generalmajor werden müßte - aber nicht konnte, weil gerade der Milliardenkredit mit Franz Josef Strauß abgewickelt wurde. Als »Ausgleich« wurden dem verhinderten Stasi-General ein höheres Gehalt und bei »Rückführung in das MfS« der Generalstitel versprochen.

Bemerkenswerterweise endet die jetzt aufgetauchte Schalck-Kaderakte abrupt im Jahr 1984. Das liegt wohl daran, daß die Aktivitäten des Stasi-Zuträgers vor diesem Zeitpunkt verjährt sind. Aus den Personalpapieren für die Jahre 1984 bis 1989 würde sich dagegen ablesen lassen, ob sich Schalck einer Anklage wegen Spionage zu stellen hätte.

Die Stasi-Karriere von Ehefrau Sigrid läßt sich dagegen bis 1988 verfolgen: Da wurde die Schalck-Gattin von Mielke ebenfalls zum Stasi-Oberst befördert.

Auch das muß dem Bundesnachrichtendienst (BND) in Pullach entgangen sein. Sonst ist ein peinlicher Fehler nicht zu erklären, den sich der BND im Frühjahr 1990 nach der Flucht des Stasi-Ehepaares an den Tegernsee leistete: Wegen angeblicher Bedrohung aus dem Osten bekamen die Schalcks Papiere auf den Namen Gutmann, Sigrids Mädchenname; und die BND-Mitteilung darüber verschwand ungelesen im Panzerschrank des Bonner BND-Aufsehers Hermann Jung (Seite 28).

Berliner Ermittler, die schon damals vermuteten, Schalck könnte über geheime Konten in Österreich oder der Schweiz verfügen, ärgern sich noch heute über die BND-Leute. Letztes Jahr hatten sie ausländische Kollegen gebeten, mögliche Einreisedaten und Hotelaufenthalte eines Schalck-Golodkowski zu recherchieren - Fehlanzeige. Zu diesem Zeitpunkt waren nur »Gutmanns« unterwegs.

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