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KOMMUNISMUS / DUBCEK-PROTOKOLL Zuviel erzählt

aus DER SPIEGEL 29/1970

Frankreichs Louis Aragon, einer der bedeutendsten Literaten der Gegenwart, protestierte gegen »politisches Gangstertum«.

So stufte Aragon, Mitglied des ZK der KPF, auf einer ZK-Sitzung in Paris seine Genossen in der tschechoslowakischen Bruderpartei ein. Denn die Prager Stalinisten um ZK-Sekretär Alois Indra desavouieren Frankreichs KP: Sie besitzen das Protokoll eines Gesprächs zwischen dem französischen Parteichef Waldeck Rochet und seinem damaligen Prager Kollegen Dubcek aus der Zeit unmittelbar vor der Sowjet-Intervention 1968.

In dieser Unterredung warnte Rochet den Tschechoslowaken vor dem Unmut der Sowjets; Dubcek hörte nicht auf die Warnungen. Die Prager Dubcek-Feinde benutzten das Protokoll, um Dubcek, das Symbol des demokratischen Kommunismus, am 27. Juni 1970 aus der Partei auszustoßen.

Die Prager Stalinisten behaupteten, das wichtigste Belastungspapier gegen Dubcek von der französischen KP-Führung erhalten zu haben. Geraten Frankreichs Kommunisten aber in die Rolle von Zuträgern für einen Prozeß gegen Dubcek, dann werden ihnen viele Wähler nicht mehr trauen.

So bestritt die KPF entschieden die Mitteilung des -- inzwischen aus der französischen KP ausgeschlossenen -Philosophen Roger Garaudy, die stenographierten Aufzeichnungen des Dialogs mit Dubcek seien im November 1969 an die Tschechoslowaken übergeben worden (SPIEGEL 22/1970). Anfangs hatten die Franzosen beteuert, die Aufzeichnungen seien Waldeck Rochet während seiner Krankheit gestohlen worden. Später hieß es in KPF-Kreisen, Sowjet-Agenten hätten die Papiere in der KPF-Zentrale an der

* Am 19. Juli 1968 in Prag.

Place Kossuth photographiert und nach Prag gebracht.

Eine neue Version ließ jetzt der stellvertretende KPF-Generalsekretär Georges Marchais verlauten: Mitarbeiter des Prager ZK-Sekretärs Alois Indra hätten die Dokumente heimlich photographiert und entstellend übersetzt, als Etienne Fajon, Politbüromitglied und Direktor des Parteiblatts »L'Humanité«, im November 1969 in Prag mit den Dubcek-Nachfolgern Freundschaft schloß.

An dem Novembergespräch nahmen von tschechoslowakischer Seite vier Dubcek-Feinde teil: die ZK-Funktionäre Bilak, Fojtik, Auersperg und der Chef des Prager Parteiorgans »Rudé právo«, Miroslav Moc (früher Korrespondent in Bonn). Es waren eben jene KPC-Funktionäre, die sich später zu Anklägern Dubceks machten -- mit dem französischen Gesprächsprotokoll als Beweismittel.

Im Moc-Blatt »Rudé právo« war am 10. Januar 1970 der erste Hinweis darauf erschienen, daß die Prager das Protokoll besitzen: Eine KPC-Persönlichkeit habe Befürchtungen von »Vertretern der verschiedenen kommunistischen Parteien, die unser Land besuchten«, nicht ernstgenommen.

Vier Tage darauf dankte ZK-Sekretär Indra in einer Sendung des Brunner Rundfunks den französischen Genossen für die wertvolle Hilfe, die seiner Partei bei der Untersuchung der Tätigkeit Dubceks geleistet wurde.

Indra: »Die neueste Überraschung. die uns bereitet wurde, kam von den französischen Kommunisten. Es war die Delegation der KPF, die am 26. November zu uns gekommen ist und die vom Genossen Fajon, Mitglied des Politbüros, geführt wurde. Zu unserer großen Überraschung haben uns die Genossen ihre stenographischen Notizen über die Unterredungen zwischen Waldeck Rochet und Alexander Dubcek vom 19. Juli 1968 übergeben.«

Indra rügte, daß die tschechoslowakischen Teilnehmer von dieser »wichtigen internationalen Unterredung« kein Protokoll angefertigt hätten.

Ende Januar trug Indra-Genosse Bilak seinem ZK vor, was er aus dem gefährlichen Protokoll wußte. Das ZK beschloß die Suspendierung der Parteimitgliedschaft Dubceks.

Sowjetische Genossen sorgten dafür, daß die Bilak-Rede bekannt wurde. Der englischsprachige internationale Pressedienst, der von Moskaus Nachrichtenagentur »Tass« herausgegeben wird, meldete in seiner Ausgabe vom 31. Januar offene Worte eines weiteren Fajon-Gesprächspartners vom November, Pavel Auersperg. Der hatte laut »Tass« vor Journalisten von der ZK-Sitzung erzählt:

»Vasil Bilak berichtete insbesondere darüber, daß die KPF der KPC ein Protokoll der Beratungen zwischen dem Generalsekretär der KPF, Waldeck Rochet, und Dubcek im Juli 1968 zur Verfügung gestellt hat.«

Nach den Garaudy-Enthüllungen im Mai aber erkannten die Prager, daß sie zuviel erzählt hatten. Um den Pariser Genossen aus der Patsche zu helfen, nannte »Rudé právo« am 14. Mai Garaudys Anklagen »verblüffende Spekulationen« über »irgendein Dokument«.

Das Parteiorgan behauptete nun eilig eine Prager Autorenschaft an dem Papier -- obwohl Indra gerade das Fehlen einer Prager Niederschrift vorher ausdrücklich gerügt hatte.

»Bei einem Dialog«, so jetzt das Prager Parteiblatt, »gibt es gewöhnlich zwei Seiten, was aus dem Wesen des Wortes Dialog folgt. Ein normal denkender Mensch würde daraus schließen. daß all das, was ein Gesprächspartner kennt, auch der andere kennt. Und daß bei Gesprächen mit Parteidelegationen eine Aufzeichnung verfertigt wird, die dann beiden Seiten zur Verfügung steht. Die Aufzeichnung von jenem Gespräch ... wurde von unserer Seite verfertigt und existiert als reales Dokument in Prag.«

Niemand brauche den Tschechen etwas zu bestätigen: »Bei uns zu Hause haben wir mehr als genug Beweise für Dubceks Opportunismus.«

»L'Humanité« begriff rasch. Als das Pariser Parteiorgan vier Tage später den -- um einige Passagen gekürzten -- Text der Unterredung Waldeck Rochet/Ducek veröffentlichte, hieß es in einem Begleittext, jede Seite habe sich ihre eigenen Notizen gemacht. Die KPF-Führung, folgerte »L'Humanité« erleichtert, habe also den Gegnern Dubceks keineswegs Material ausgehändigt.

Die Prager Entlastungsoffensive hielt jedoch nur weitere vier Tage an. Am 22. Mai beriefen sich die Tschechoslowaken auf den in Paris veröffentlichten Gesprächstext in einer neuen Kampagne gegen Dubcek -- als ob sie zu Hause eben doch nicht genug Beweise hätten.

»Rudé právo« kommentierte nun die Pariser Publikation, der »Rechtsopportunist« und »Dilettant« Dubcek habe vor dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Streitkräfte im August 1968 »hartnäckig verschwiegen«, daß »maßgebliche Freunde und Genossen aus dem Ausland« den Prager Kurs kritisiert hätten. »Einmal mehr können wir sehen, in was für Händen die Verantwortung für das Schicksal der Republik lag.«

Und der Prager Rundfunk urteilte unter Berufung auf das »L'Humanité-Dokument, Dubcek sei eine verantwortungslose Person, die als Politiker betrachtet werden wolle.

Wenigstens der Prager Rundfunk brauchte alte Meldungen nicht zu revidieren. Er hatte bereits in seiner Sendung »Lebendige Worte« am 5. April »die Haltung der französischen Genossen« gelobt.

Genau das war eingetreten, woran die Franzosen ihre Prager Freunde hatten hindern wollen: das Protokoll gegen Dubcek zu verwenden.

Georges Marchais drohte für den Fall einer Verwendung des Materials in einem Prozeß gegen Dubcek mit heftigem politischem Protest. Am 29. Juni kündigte er eine Krise für den Kommunismus im Westen an, falls die Prager Genossen weiter säubern.

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