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Zuviel für zu wenige

SPIEGEL-Umfrage zum Besuch des Papstes in der Bundesrepublik Die aufwendig inszenierten fünf Papst-Tage in Deutschland werden das Fest einer Minderheit sein. Den meisten Bundesbürgern ist es gleichgültig, daß Johannes Paul II. kommt. In Glaubens- wie vor allem in Moralfragen kann der Papst durchweg nur für eine Minderheit der Katholiken sprechen. Sein konservativer Kurs bringt sogar allsonntägliche Kirchgänger in Konflikt, die ihn kniefällig verehren. Diese Ergebnisse brachte eine SPIEGEL-Umfrage.
aus DER SPIEGEL 46/1980

Fünf Tage falschen heiligen Scheins beginnen für die Bundesrepublik am Sonnabend dieser Woche, wenn Papst Johannes Paul II. auf dem Kölner Flughafen ein sorgfältig für ihn präpariertes Stück deutscher Erde küßt.

Vor und in einigen Kathedralen, auf etlichen Plätzen und auf allen Fernsehkanälen werden deutsche Katholiken jubeln und trubeln.

Reporter und Leitartikler werden schwelgen, daß noch nichts und noch niemand in Deutschland so viele Menschen bewegt habe wie der Papst mit seinem Besuch. Und es wird sogar ungefähr stimmen. Selbst wer es genau nehmen will, wird nur die Nürnberger Reichsparteitage und die Kölner Karnevalszüge, aber nicht mal die Münchner Oktoberfeste und die Evangelischen Kirchentage ausnehmen müssen.

Doch all das, was sich zwischen Ankunft und Abflug der Papstmaschine in der Bundesrepublik rund um den Jet-Pilger ereignet, ist lediglich das Fest einer Minderheit.

Nur jeder dritte Bundesbürger begrüßt es, daß Johannes Paul II. nach Deutschland kommt. Jeder zehnte ist dagegen, und den meisten (57 Prozent) ist der Besuch des Papstes gleichgültig.

Das stellte das Ifak-Institut (Taunusstein bei Wiesbaden) in einer SPIEGEL-Umfrage fest. Ifak gehört zu den größeren Unternehmen der Demoskopenbranche und zu den wenigen Instituten, die mehrfach mit Untersuchungen über Kirche und Religion hervorgetreten sind.

Mit 80 Fragen wurde in dieser Untersuchung erforscht, welche Sympathien der Papst unter den Bundesbürgern besitzt, wie viele Deutsche die katholischen Dogmen glauben und den päpstlichen Morallehren zu folgen bereit sind, ob Kirchensteuer und Kirchenaustritt noch immer gewichtige Themen sind.

Befragt wurden in der zweiten und dritten Oktoberwoche 2000 Männer und Frauen, repräsentativ für 47 Millionen erwachsene Bundesbürger, auch danach, ob sie sonntags zur Kirche gehen und ob in ihrem Familien- und Bekanntenkreis religiöse Themen erörtert werden. Die Teilnehmer der Ifak-Untersuchung sollten sich auch darüber äußern, ob sie eine Wiedervereinigung der beiden großen Kirchen oder wenigstens deren Annäherung erhoffen.

Über die Ergebnisse der Untersuchung, gesammelt in 1200 Tabellen, wird in diesem und im nächsten Heft berichtet.

Auf den ersten Blick mag es wie ein Widerspruch anmuten, daß den meisten Deutschen der bevorstehende Papstbesuch zwar gleichgültig, der Papst aber sympathisch ist. Zu- und Abneigung werden -- wie bei Umfragen üblich -auf einer Skala mit Werten von - 5 ("überhaupt nicht sympathisch") bis + 5 ("sehr sympathisch") angezeigt und ausgezählt.

Bei den Bundesbürgern insgesamt erreicht der Papst 1,9 Pluspunkte. Er ist demnach etwa so populär wie Bundespräsident Karl Carstens (1,8 Punkte) und weit populärer als seine eigene Kirche (0,8 Punkte).

Geringer ist die Differenz bei den Katholiken (Papst 2,8 und Kirche 2,5 Punkte), größer ist sie bei den Protestanten. Werden deren Sympathien gemessen, so ergibt sich für die katholische Kirche ein Minus-, für deren Oberhaupt ein Plus-Wert (- 0,4 gegenüber + 1,3 Punkten).

Die zweitausend Jahre alte Institution wird von vielen Nichtkatholiken kritischer beurteilt als der Papst aus Polen, der erst seit zwei Jahren im Amt ist. Daß aber auch dessen Sympathiewerte alles andere als eindrucksvoll sind, zeigt sein Gleichstand mit Carstens.

Als Stellvertreter Christi, der Karol Wojtyla seinem eigenen amtlichen Anspruch zufolge sein will, soll er jedem deutschen Katholiken und damit beinahe jedem zweiten Bundesbürger mehr bedeuten als irgend jemand sonst auf der Erde, abgesehen nur von den allernächsten Angehörigen.

Dieser Papst versucht überdies, sich so weltläufig und so volksnah wie möglich S.74 zu geben und damit auch auf Nichtkatholiken attraktiv zu wirken. Gleichwohl ist er in der Bundesrepublik nicht populärer als der farblose Carstens, dessen Amt im Bonner politischen Alltag fast ohne Bedeutung ist und der sich seit langem fast nur als Etappenwanderer in Erinnerung hält.

Daß der Papst überhaupt diese Sympathiezahlen erreicht, verdankt er jenen getreuen Katholiken, die so gut wie jeden Sonntag unter der Kanzel sitzen und deren Zuneigung für ihn herkömmliche Maßstäbe sprengt. In den 4,3 von fünf Punkten, die der Papst bei diesen allsonntäglichen katholischen Kirchgängern erreicht, schlägt sich weit mehr gläubige Verehrung als mitmenschliche Sympathie nieder. Ohne überirdischen Anspruch, vom Papst als Stellvertreter Christi und Nachfolger Petri erhoben und von ihnen akzeptiert, sind solche Zahlen nicht denkbar.

Wenn diese Katholiken ihren Heiligen Vater empfangen, dann läßt sich ihre Hochschätzung nur noch ausdrücken, nicht mehr steigern. Was aber die anderen Deutschen angeht, so spricht viel dafür, daß die Deutschlandreise den Papst mehr Sympathien kostet, als sie ihm einbringt. Denn allzu unbescheiden setzt die Kirche ihren Star in Szene.

Zu drei kritischen Argumenten, die in den letzten Wochen öffentlich vorgebracht worden sind, bat das Ifak-Institut die 2000 Männer und Frauen der SPIEGEL-Umfrage um ein Votum.

Über das erste Argument waren die Meinungen geteilt: »Mit solchen Massenauftritten, wie sie bei dem Papstbesuch zu erwarten sind, läßt sich für den Glauben nichts erreichen.« 48 von 100 Befragten stimmten dieser Ansicht zu, 46 von 100 lehnten sie ab.

Die Mehrheit zeigte sich tolerant, als das zweite Argument vorgelesen wurde: »Bei den Kundgebungen in Mainz, Köln und München wird der ganze Verkehr in diesen Städten lahmgelegt. Das ist eine Zumutung für Nichtkatholiken.« 52 von 100 wiesen diese Ansicht zurück, 43 von 100 pflichteten ihr bei.

Hingegen machten sich die meisten das dritte Argument zu eigen, das die Essener katholische Theologieprofessorin Uta Ranke-Heinemann in Umlauf gesetzt hatte. Die Ifak-Kurzfassung: »Der Deutschlandbesuch des Papstes wird 20 Millionen Mark kosten. Mit dem Geld hätte man lieber das Leben vieler verhungernder Menschen in Afrika und Asien retten sollen.« 63 Prozent der Befragten stimmten zu, nur jeder dritte widersprach.

Das Kosten-Argument traf nicht nur eine aktuelle latente Stimmung gegen den Papstbesuch, die sich bis dahin mangels eines kräftigen Arguments nicht recht hatte artikulieren können.

Es entspricht auch einer jahrzehntealten Einstellung vieler Bundesbürger, die sie immer wieder zunächst an Geld denken läßt, wenn von der Kirche die Rede ist. Die Kirchensteuer und der legendäre Reichtum des Vatikans sind zwei der wichtigsten Gründe dafür. Wenn nun ausgerechnet das Oberhaupt des Vatikanstaats sich seine Deutschlandreise aus den Steuerkassen des Staates und der deutschen Kirche bezahlen läßt, dann trifft dies den Nerv vieler Bundesbürger.

Wie einer Zwei-Drittel-Mehrheit der Papstbesuch zu teuer ist, so kommt gleich vielen Bundesbürgern der Reisende aus Rom vom 15. bis zum 19. November zu oft auf den Bildschirm.

62 von 100 Bundesbürgern meinen, das Fernsehen solle »nur in der Tagesschau und außerhalb der Hauptsendezeit« über den Papstbesuch berichten. Lediglich 37 von 100 Deutschen befürworten »Sondersendungen nach der Tagesschau«.

Aber 27 Stunden lang wollen ARD und ZDF den Papst auf dem Bildschirm zeigen, zumeist live. Dieses Mammutprogramm läßt sich zwar größtenteils, aber nicht vollständig an Vor- und Nachmittagen erledigen. Deshalb wird die Papst-Show zuweilen auch in die beste Fernsehzeit zwischen halb acht und zehn Uhr kommen, in der gemeinhin Quizmaster und Detektive erwartet werden.

Wie wenig die meisten Bundesbürger vom Papstbesuch wissen wollen, zeigte sich auch, als die Ifak-Interviewer fünf aktuelle Themen nannten und um Auskunft baten, »in welchem Maß Sie daran interessiert sind«. Ergebnis: Das Thema »Der Papst kommt nach S.76 Deutschland« steht an fünfter Stelle, alle anderen Themen stoßen auf mehr Interesse: »Wird das Öl knapp?« -»Das Ergebnis der Bundestagswahl 1980« -- »Chomeini und die Geiseln« -- »Japanische Autos überschwemmen die Bundesrepublik«.

Daß lediglich eine Minderheit der Deutschen den römischen Polen zu sehen wünscht, nimmt nicht Wunder. Der Wojtyla-Papst versteht sich als »Bote des Glaubens«, und nur eine Minderheit teilt diesen Glauben mit ihm.

Das gilt für die in Dogmen fixierten Ansprüche des Papstes auf Unfehlbarkeit und Primat, also für spezielle katholische Lehren. Es gilt aber auch für die wichtigsten Glaubenssätze über Jesus und Maria, ganz gleich, ob sie -wie Gottessohnschaft und Auferstehung Jesu -- in beiden Kirchen etwa gleichermaßen verkündet werden oder ob sie -- wie die Jungfrauengeburt -weithin schon zu einem katholischen Spezifikum geworden sind.

Nur für einen einzigen Glaubenssatz findet sich unter den Deutschen noch eine Mehrheit, und dem könnten auch Juden, Moslems und andere Nichtchristen zustimmen: daß es Gott gibt.

Bei den Fragen nach dem Glauben stellte das Ifak-Institut jeweils drei oder vier Ansichten zur Wahl, von denen nur eine der kirchlichen Lehre entspricht.

Auch wenn es um Jesus geht, entscheidet sich die Mehrheit jeweils für eine der unverbindlich-ungläubigen Antworten und nur eine Minderheit für die rechte Lehre. Schwacher Trost für den katholischen Oberhirten Wojtyla und seine bundesdeutschen Mithirten: Bei den Protestanten ist diese Minderheit noch kleiner als unter den eigenen Leuten.

»Gottessohn und Erlöser« ist Jesus nur für 21 von 100 deutschen Protestanten und für 44 von 100 deutschen Katholiken. Lediglich als »großen Menschen und Vorbild« wollen ihn 41 Prozent der evangelischen und 33 Prozent der katholischen Bundesbürger gelten lassen. Für weitere 28 Prozent Protestanten und 17 Prozent Katholiken hat Jesus »heute keine Bedeutung mehr«, und nach Ansicht von acht Prozent der evangelischen und fünf Prozent der katholischen Christen hat er sogar »nie gelebt«.

Die Auferstehung Jesu, mit der laut Paulus das Christentum steht und fällt, hat lediglich für 32 von 100 Protestanten und für 50 von 100 Katholiken so stattgefunden, wie sie in der Bibel berichtet und im Apostolischen Glaubensbekenntnis bezeugt wird («... und am dritten Tage auferstanden von den Toten"). Die meisten Protestanten und knapp die Hälfte der Katholiken stimmten lediglich einer der beiden anderen Ansichten zu: Es habe sich seinerzeit nur um eine »Vision der Jünger gehandelt, um ihnen zu zeigen, daß Jesus bei Gott weiterlebt«, oder Jesus lebe »allenfalls in seinen Werken weiter, wie man das zum Beispiel auch von Goethe sagen kann«.

Das sogenannte katholische Glaubensgut würde Johannes Paul II. wohl kaum anders verteidigen, wäre er nur so konservativ wie sein Vorgänger Paul VI. (Papst von 1963 bis 1978) oder wäre er so progressiv wie sein anderer Vorgänger Johannes XXIII. (Papst von 1958 bis 1963).

Denn sogar der im Vatikan begrabene und vergessene Roncalli-Papst verlangte zwar von seiner Kirche »den Mut, sich der veränderten Zeit anzupassen«. Doch hinsichtlich der Dogmen unterschied er dabei stets zwischen deren »Substanz«, die auch er keinesfalls antasten wollte, und deren »sprachlicher Einkleidung«, die er zu überprüfen und zu erneuern empfahl.

Aber der Wojtyla-Papst präsentiert sich in zunehmendem Maße als rigoroser Moralist, ohne daß er diesen Kurs steuern müßte, weil die katholischen Dogmen es verlangten. Sie lassen nach nahezu einhelliger Meinung der katholischen Theologen so viel Spielraum, daß Johannes Paul II. in der Sexualmoral getrost auch auf liberalen Gegenkurs gehen könnte. Lediglich das päpstliche Nein zur Abtreibung halten die meisten katholischen Moralprofessoren für zwingend.

Ist Vorgänger Paul VI. schon als Anti-Pillen-Papst in die Geschichte eingegangen, so übertrifft ihn Johannes Paul II. noch in dem Eifer, mit dem er Frauen die Pille, jungen Paaren das S.78 Zusammenleben vor der Hochzeit, Priestern die Ehe, Schwangeren den Abbruch bei jeder Indikation (einzige Ausnahme: Gefahr für das Leben der Frau) und Geschiedenen eine zweite kirchliche Trauung verbietet.

Zu allen diesen Fragen holte Ifak die repräsentative Meinung der Deutschen ein, und es zeigte sich durchweg: Die Zahl der Katholiken, die dem Papst auf diesem weltfremden und menschenfeindlichen Kurs zu folgen bereit sind, ist noch erheblich kleiner als die Gefolgschaft in Glaubensfragen.

Geht es um die katholische Moral, wie dieser Papst sie versteht, so lichten sich auch die Reihen der Getreuesten. In welche Konflikte der römische Rigorist viele von ihnen stürzt, machen die Ifak-Zahlen deutlich:

Dieselben allsonntäglichen Kirchgänger, deren kniefällige Verehrung für den Papst mit 4,3 von fünf Punkten kaum noch zu übertreffen ist, sind in zwei zentralen Moralfragen überwiegend anderer Meinung als der von ihnen geradezu angebetete Christus-Stellvertreter: Die Kirche sollte -- so 62 Prozent dieses erzkatholischen Kerns -- die Pille entweder erlauben oder sich zu diesem Problem amtlicher Äußerungen enthalten, und die Kirche sollte -- so 55 Prozent -- ihren Priestern die Ehe erlauben.

Welten trennen diesen Hirten, der keine einzige Ehefrau in einem katholischen Pfarrhaus zulassen will (abgesehen nur von angetrauten Damen, mit denen frühere nichtkatholische Pfarrer auch nach ihrem Konfessionswechsel zusammenbleiben dürfen), von seiner Herde, die mittlerweile größtenteils (57 Prozent) schon mit Frauen als Pfarrerinnen auf der Kanzel einverstanden wäre.

Paul VI. hat mit seinem Pillenverbot dem zeitgenössischen Papsttum ungewohnte Perspektiven eröffnet. Aufgrund von Umfragen, die Deutschlands katholische Bischöfe selbst in Auftrag gegeben hatten, stellte der Sozialpsychologe Gerhard Schmidtchen (Universität Zürich), Autor etlicher religionssoziologischer Bücher, seinerzeit -- 1972 -- fest: »Die Autorität des Papstes, die man normalerweise dem Faktor Glaubensfragen zuordnen würde, ist eindeutig in den Faktor Sexualität eingegliedert.«

Was damals schon für den sechsten Paul galt, trifft heute noch viel mehr auf den zweiten Johannes Paul zu. Und je größer die Kluft zwischen der Lehre des Papstes und dem Leben der Katholiken wird, desto stärker verfällt die Autorität des Papstes. Von den meisten Deutschen wird die katholische Kirche im Jahre 1980 nicht oder nicht mehr als moralische Instanz akzeptiert. Ifak stellte dies mit drei Fragen fest.

Als zwölf kritische Meinungen über die Kirchen vorgelegt wurden, fand keine andere Ansicht soviel Zustimmung wie diese: »Die Einstellung der Kirchen zu sexuellen Fragen ist nicht mehr zeitgemäß.« Darin sind sich Mehrheiten der katholischen, der evangelischen und der konfessionslosen Bundesbürger einig. Eine solche Einmütigkeit ergab sich bei keiner anderen Frage.

Als angegeben werden sollte, welche Lebensmaximen die Kirche hemmt, wurde keine andere so häufig genannt wie die, »möglichst frei und unabhängig in den Beziehungen zum anderen Geschlecht zu sein«.

Und eine Zwei-Drittel-Mehrheit der Deutschen kommt sogar zu einem negativen Gesamturteil. 62 Prozent der Teilnehmer der Ifak-Untersuchung verneinten die Frage: »Glauben Sie, daß die Kirche auf die meisten Probleme und Fragen unserer Zeit eine Antwort geben kann?«

Die scheinbar moderne Einstellung des Papstes, der Jet und Show im ehemals christlichen Abendland und anderswo für seine »Mission« einsetzt, täuscht die meisten Deutschen nicht darüber hinweg, daß ein Erzkonservativer auf dem römischen Kirchenthron sitzt.

Daß der Wojtyla-Papst einen noch konservativeren Kurs steuert als sein schon überaus konservativer Vorgänger Paul VI., ist bislang zwar nur einer Minderheit der Deutschen bewußt geworden. Aber die meisten halten den S.80 jetzigen Papst für so konservativ wie den früheren. Für moderner erklärt ihn nur eine Minderheit.

Auch was das Zusammenleben der beiden großen Kirchen und der getrennten Christen angeht, machen sich die meisten Landsleute Luthers keine Illusionen. Eine Mehrheit der Bundesbürger würde zwar eine Wiedervereinigung der katholischen und der evangelischen Kirche begrüßen, ist aber zugleich davon überzeugt, daß dieses Ziel nicht zu erreichen ist:

Sechs Prozent der Befragten meinen, daß die Annäherung an der evangelischen Kirche scheitert. 19 Prozent halten die katholische Kirche für das Hindernis, und 40 Prozent sind überzeugt, daß »weder die katholische noch die evangelische Kirche die Wiedervereinigung wollen«.

Auch in der Gegenwart handeln beide Kirchen anders, als die meisten Mitglieder es wünschen. Gemeinsamen Religionsunterricht für evangelische und katholische Kinder -- in beiden Kirchen ein Tabu -- bejahen 50 von 100 Katholiken und 44 von 100 Protestanten. Dagegen sind nur 21 und elf Prozent. Den anderen ist es gleichgültig, ob der Religionsunterricht getrennt oder gemeinsam erteilt wird.

Ähnlich denken die meisten Deutschen auch über evangelisch-katholische Gottesdienste. Sie soll es nach Ansicht von 32 Prozent der Bundesbürger »sooft wie möglich« geben, »gelegentlich« werden sie von weiteren 28 Prozent gewünscht, dagegen sind nur acht Prozent. Weitere 32 Prozent sind an dieser Frage nicht oder nicht mehr interessiert.

Daß gemeinsame Gottesdienste seltene Ausnahmen sind und nur unter strengen katholischen Sicherheitsvorkehrungen stattfinden (kein Protestant darf offiziell die Kommunion empfangen), vermögen die auf Distanz bedachten Kirchenspitzen zu bestimmen. Nicht verhindern konnten sie, daß sich unter den Christen beider Kirchen mittlerweile gemeinsame Überzeugungen gebildet haben, die in beiden Kirchen als ketzerisch gelten.

Daß man »Christ sein kann, ohne der Kirche anzugehören«, meinen 80 Prozent der Protestanten und 61 Prozent der Katholiken. Und hüben wie drüben wissen die meisten, daß diese Ansicht sich mit der amtlichen Lehre der eigenen Kirche nicht verträgt.

Neben solchen neueren Erkenntnissen im Kirchenvolk förderte die Ifak-Untersuchung auch uralte Vorurteile zutage, die schon viele Generationen überlebt haben. Sie haben sich auf der evangelischen Seite offenbar stärker gehalten. Dies lassen die Antworten auf die Frage vermuten, welche von zehn positiven oder negativen Eigenschaften »typisch evangelisch« oder »typisch katholisch« seien.

Die Katholiken zeichneten ein freundliches Bild von der Gegenseite. Am häufigsten kreuzten sie als »typisch evangelisch« vier positive Eigenschaften an: modern, aufgeschlossen, fröhlich, erfolgreich.

Die Protestanten hingegen hielten vor allem vier negative Eigenschaften für »typisch katholisch": engstirnig, rückständig, scheinheilig und weltfremd.

Im nächsten Heft

Der Papst und die Jugend -- Was machen die Kirchen falsch? -- Je besser die Bildung, desto schwächer der Glaube

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