Zur Ausgabe
Artikel 27 / 58
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

KRIEGSGEFANGENE Zuviel gestorben

aus DER SPIEGEL 20/1950

Die SED hat mich vergewaltigt.« Der Göttinger Geschichtsprofessor Percy E. Schramm widersprach Wilhelm Piecks zwei Zentner schwerem Politbüro-Mitglied Paul Merker, der im SED-Zentralorgan »Neues Deutschland« abermals Rechenkunststücke mit den Heimkehrern aus der Sowjetunion anstellte.

Seit Ostberlins neuer Fritzsche Eduard von Schnitzler, der sich als Kriegsgefangener über das Moskauer »Nationalkomitee« vor dem Schicksal von Hunderttausenden deutschen Soldaten bewahrte, im Ostzonensender verkündete: »Die gequälten deutschen Mütter erhalten endlich die freudige, wenn auch schmerzliche Gewißheit, daß es in der Sowjetunion keine deutschen Kriegsgefangenen mehr gibt«, hat jeder der Starfunktionäre seinen Kommentar zu der TASS-Meldung vom 6. Mai gegeben. Danach sollen sich als deutsche Gefangenenreste nur noch 9717 wegen schwerer Kriegsverbrechen Verurteilte, 3815 Untersuchungshäftlinge und 14 Kranke in der Sowjetunion befinden.

Paul Merker, der als Staatssekretär für die volkseigenen Güter sonst nur mit Rinder-, Schweine- und Kälberzahlen jongliert und als Remigrant aus Mexiko am allerwenigstens beurteilen kann, wieviel deutsche Soldaten in sowjetischen Kriegsgefangenenlagern umgekommen sind, berief sich auf Percy E. Schramm.

Der Professor habe als ehemaliger Kriegstagebuchführer des Wehrmachtführungsstabes Einsicht in die unfrisierten Zahlen der deutschen Kriegsverluste nehmen können und in einer Veröffentlichung in der »Zeit« die Gefallenen und Verstorbenen mit rund 3170000 angegeben. In dieser Verlustsumme seien alle nicht zurückgekehrten Ostfront-Landser enthalten. Sie seien endgültig tot und stünden nicht mehr auf.

So brutal will Professor Schramm; der von 43 bis 45 als Rittmeister in Berlins Bendlerstraße den Verlauf der Schlachten und Rückzugsgefechte registrierte, seine Ueberschlagsbilanz aus dem Passivsaldo der deutschen Kriegführung nicht ausgelegt wissen Als erster deutscher Historiker hat er versucht, auf Grund seines früheren Einblicks in halbwegs authentisches Zahlenmaterial die grob geschätzten deutschen Verluste konkreter zu fassen.

»Es gab damals zwei Meldewege. Der eine begann bei der Truppe und endete in meinem großen Kriegstagebuch, der andere führte über die Meldeformulare der Sanitätsabteilungen zu General Handloser, dem Chef des Wehrmacht-Sanitätswesens. Bis zum Januar 45 deckten sich die Zahlen dieser beiden Meldewege im wesentlichen«, sagt Schramm.

Fehlerquellen nicht ausgeschlossen. Wenn beispielsweise ein Soldat am 31. eines Monats verwundet und erst am 1. des nächsten Monats vom Lazarett erfaßt wurde, erschien er garantiert zweimal in den Listen. Da aber bei mittleren und höheren Truppenstäben mitunter die Tendenz vorherrschte, die von der Fronttruppe kommenden Verlustmeldungen vor der Weitergabe an OKH und Führerhauptquartier aus Prestigegründen zu reduzieren, sind die an Schramm gelangten Daten sicherlich nicht zu hoch gegriffen.

Wer von den bis zum 31. Januar 45 registrierten 1,9 Millionen Vermißten bei der Kapitulation noch am Leben war, vermag auch der ehemalige oberste Kriegstagebuchführer nicht zu sagen. Bei großen militärischen Katastrophen (Stalingrad, Tscherkassy, Budapest) oder beim plötzlichen Auseinanderbrechen isolierter Truppenteile und führerlos versprengter Trupps konnten die Gefangenenziffern nur grob geschätzt werden.

Dennoch besteht für den sachkundigen Historiker kein Zweifel, daß die Sowjets weit mehr Gefangene eingebracht haben, als sie jetzt wahrhaben wollen. Sie haben sich zu oft selbst widersprochen.

Im überströmenden Siegestaumel meldete der Moskauer Rundfunk in den Apriltagen 45 sogar die Gefangennahme von insgesamt sechs Millionen deutscher Soldaten. Das sowjetische Oberkommando verlautbarte am 4. Mai 45 amtlich 3180000, ein späteres Kommuniqué 3730095 deutsche Gefangene.

Zwei Jahre später, am 14. März 47, machte Molotow daraus 1894506; davon seien bereits 1003974 entlassen und 890532 noch in sowjetischer Gefangenschaft. Ueber die Differenz von 1,5 Millionen schwiegen sich die Sowjets aus.

Auch über die 250000 verschleppten Zivilpersonen.

Heimkehrer wissen es besser. Sie haben öfters ganze Kameradenlisten bei der Entlassung mit durchgeschmuggelt und die Angehörigen der Noch-Gefangenen benachrichtigt. Bei der kürzlich in Westdeutschland durchgeführten Registrierung meldeten sich die Angehörigen von 69000 im Osten vermißten Soldaten. Sie glauben Anhaltspunkte dafür zu haben, daß die Vermißten noch leben. Hinzuzurechnen sind schätzungsweise noch etwa 30000 aus der Sowjetzone.

Wilhelm Piecks ostzonale Regierungsstellen wehren alle Proteste gegen die Unterschlagung dieser zurückgehaltenen Gefangenen und verschleppten Zivilpersonen mit konstantem Hinweis auf die globale Gefallenenkartei der Wehrmachtauskunftstelle (WAST) ab. Die Amerikaner hätten diese Unterlagen beim Besatzungswechsel im Juli 1945 mitgenommen und die Auswertung verhindert.

Die Geschichte der Gefangenenkartei ist kein Geheimnis. Bei Kriegsbeginn hatte die WAST ihren Sitz in Berlin, Hohenstauffenstraße 45. Bombenangriffe bedrohten das unersetzliche Material. Deshalb wurde es im August 43 nach Thüringen verlagert. In Saalfeld und Meiningen packten die Stabshelferinnen die Karteikarten wieder aus.

»Weil in Saalfeld allein nicht genügend Platz war, wurden wir getrennt,« weiß Lilli Richter. Sie verkartete sechs Jahre lang die Totenlisten ganzer Divisionen und ist heute in der unter französischer Verwaltung stehenden WAST-Nachfolgestelle in Berlin-Frohnau tätig. »In der Drachenberg-Kaserne von Meiningen blieben das Gräber-Referat, die Nachlässe und Testamente und die Kartei der feindlichen Kriegsgefangenen. In Saalfeld waren die Zentralkartei, die Erkennungsmarken-Verzeichnisse, die Lazarett-Kartei und weitere Unterlagen über deutsche Kriegsgefangene zusammengefaßt.«

Am 8. April 45 besetzten die Amerikaner Meiningen. Drei Tage später mußten die 1400 Angestellten und Stabshelferinnen Drachenberg-Kaserne und Kartei verlassen. Ab 23. April durften sie den Nachlaß alliierter Gefallener ordnen. Jeder Franc, jeder Penny wurde verbucht. In großen Kisten wurden alle Unterlagen über alliierte Gefangene und Gefallene nach Paris geschickt.

Anfang Juli kamen die Russen nach Meiningen. »Voller Angst verbrannten wir vorher die Kartei der gefangenen Russen,« erzählt Lilli Richter. »Es waren zu viele gestorben.«

Die sowjetischen Besetzer warfen alles aus der Drachenberg-Kaserne hinaus - auch die grünen Karten der Gräber-Kartei. Sie vergnügten sich damit, gefüllte Karteikästen an Bindfäden aus dem Fenster schweben zu lassen. Wenn sie umkippten, regnete es grüne Karten auf die umliegenden Straßen. Die Reste wanderten in den Meininger Schloßkeller. Fast 80 Prozent der Gräber-Kartei konnten doch noch gerettet werden. Aber der gesamte Nachlaß mit Uhren und Trauringen wurde von den Russen kassiert.

Als im Februar 46 die Werra den Schloßkeller überschwemmte, verdarben viele Papiere. Nach dem Versickern des Wassers trockneten 150000 Testamente in der Frühjahrssonne im Schloßgarten. Dann fuhren die Russen mit 60 Lastwagen vor, luden Testamente und Gräberkartei auf und brachten sie nach Weimar in die Pfeifferstraße 16.

In Saalfeld, dem Hauptsitz der Auskunftstelle, behandelte der amerikanische Kommandant vor dem Besatzungswechsel in Thüringen die Todeskarten pietätvoller. Ami-Truks brachten sie zunächst nach Lichtenau bei Kassel, später nach Berlin. Im Februar 46 wurden sie in der Friesenstraße im Gebäude des heutigen Westberliner Polizeipräsidiums neu geordnet. Täglich gingen 5- bis 10000 Briefe mit Todesmeldungen an Standesämter und Angehörige.

Die vier Besatzungsmächte wollten jede für ein halbes Jahr die Kartei auswerten. Als die Russen an die Reihe kamen, hatten sie keine Lust mehr. Auch die Engländer zeigten sich desinteressiert. Als die Amerikaner ihr halbes Jahr abgearbeitet hatten, landeten die Karteikästen mit 20 Millionen Karteikarten schließlich im französischen Lager Foch. Hier arbeiten heute noch 700 Angestellte in acht Baracken an der Cyklopstraße an der letztgültigen Auswertung der Kartei.

»Es steht jedem frei, unsere Stelle zu besichtigen,« sagte der aufsichtführende französische Commandant Klein dem SPIEGEL. Noch immer werden monatlich rund 6000 Todesbeurkundungen verschickt. Die Dienststelle ergänzt nach Möglichkeit ihre Unterlagen nach Heimkehreraussagen.

Der Vorwurf der Ostpropagandisten, daß diese Gefallenenkartei der Oeffentlichkeit vorenthalten würde, ist damit widerlegt. Vielmehr hat Karlshorst alles getan, um die Auswertung der Meininger Reste zu verhindern. Die rollten im März 49 in zwei Eisenbahnwaggons von Weimar nach Berlin. In der Kanonierstraße, dem Sitz des ostzonal gelenkten Suchdienstes für vermißte Deutsche, sichteten bis Ende vergangenen Jahres 300 Angestellte das verfärbte Karteimaterial. Dann wurde es unausgewertet in die Bodenräume einer Ostberliner Verwaltungsbehörde verpackt - mit Schweigeverbot für alle, die es wissen.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 27 / 58
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.