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U-BOOTE Zuviel Vorschuß

aus DER SPIEGEL 17/1963

Hastig packte Oster-Urlauber Kai -Uwe von Hassel im Hotel Bristol an der Via Otto Huber 14 zu Meran sein Feriengepäck zusammen und reiste ab. Es war am Mittwoch letzter Woche. Anderentags war er - um mehrere Tage verfrüht - wieder in Bonn.

Die Eile des Bundesverteidigungsministers hatte nichts mit dem Kanzler -Debakel der CDU zu tun, über das er im milden Südtirol noch mit Kanzlersucher Heinrich von Brentano konferiert hatte. Es waren vielmehr dringende Amtsgeschäfte, die ihn zwangen, vorfristig seinen Platz auf der Kommandobrücke des Bundesverteidigungsministeriums wieder einzunehmen. Die deutsch-amerikanischen Marine-Gespräche über den Aufbau einer multilateralen Nato-Atomstreitmacht hatten sich festgefahren.

Am Donnerstag letzter Woche um 14.30 Uhr wurde in den Konferenzsaal mer Ministeriums-Dependance auf der Bonner Hardthöhe ein Sessel für von Hassel in eine deutsch-amerikanische Seefahrerrunde geschoben.

Bereits anderthalb Tage lang hatten sich der stellvertretende Chef der Operationsabteilung des US-Marine-Stabes, Vizeadmiral Claude Vernon Ricketts, und der Inspekteur der Bundesmarine, Vizeadmiral Karl Adolf Zenker, an der Spitze von Sachverständigen-Teams die Köpfe heißgeredet. Sie suchten sich darüber zu verständigen, ob für die geplante Nato-Atomflotte, die mit Polarisraketen bestückt und nationalgemischten Crews bemannt werden soll, Atom -Unterseeboote (wie die Deutschen es wünschen) oder Überwasserschiffe (wie die Amerikaner es wünschen) militärisch sinnvoller seien.

Das amerikanische Projekt einer multilateralen Marine-Streitmacht soll dazu dienen, das Drängen der europäischen Nato-Partner nach Mitbestimmung über den Einsatz strategischer Atomwaffen abzufangen und zu verhindern, daß die Bundesrepublik eines Tages dazu übergeht, ebenso wie England und Frankreich eine nationale Atomrüstung zu betreiben. Deshalb soll Bonn den Hauptanteil der geplanten Nato-Atomflotte übernehmen und einen entsprechenden Einfluß auf die politische Kontrolle und militärische Führung dieser Streitmacht ausüben.

Bevor allerdings die schwierigen Fragen eben dieser politischen Kontrolle und Einsatzführung überhaupt ernsthaft diskutiert werden konnten, haben sich die Deutschen und Amerikaner in das Problem verbissen, ob die Nato -Zukunft über Wasser oder unter Wasser liegt: Admiral Ricketts war bei den deutschen Marinern mit einem neuen Beweis gegen die Unterwasserlösung aufgekreuzt: »Gentlemen, denken Sie an das 'Thresher'-Unglück!« (Siehe Seite 100.) Wenn nur ein Besatzungsmitglied einen Befehl mißversteht, dann ist die Katastrophe da.«

Der Umgang mit Atom-U-Booten, warnte der Amerikaner, sei technisch so kompliziert, daß sich eine internationale Bemannung schon wegen Sprachschwierigkeiten verbiete. Und: Wenn sogar die »Thresher«, bemannt mit »der besten U-Boot-Besatzung der Welt, die nur einer Nation entstammte«, verlorenging, dann möge man sich ausrechnen, wie es den Polaris-U-Booten mit einer zusammengewürfelten Mannschaft ergehen könnte.

Admiral Ricketts wollte mit diesem Hinweis auf die »Thresher«-Katastrophe das von den Amerikanern und den Engländern seit einigen Wochen vorgebrachte Argument erhärten, daß es aus Gründen der Menschenführung keine gemischten U-Boot-Besatzungen geben dürfe. Noch im Februar hatte die amerikanische Seekriegführung allerdings die Auffassung vertreten, daß internationale U-Boot-Besatzungen sehr wohl möglich seien, wenn sie etwa drei Jahre lang gemeinsam ausgebildet und trainiert würden.

Der Grund für den Sinneswandel der Amerikaner: Der Kongreß in Washington wünscht nicht, daß Seefahrer fremder Nationen in die Geheimnisse der amerikanischen Atom -U-Boote eingeweiht werden.

Admiral Zenker und seine Männer blieben unbewegt, als Ricketts die Vorteile von Überwasserschiffen anpries: Eine solche Flotte könne

- erheblich billiger gebaut werden als

eine gleichstarke U-Boot-Flotte;

- feindliche Angriffe mit geringeren Verlusten überstehen, da selbst getroffene Schiffe noch ihre Raketen abschießen und sich unter Umständen retten könnten, während unter Wasser Totalverluste für Mannschaften und Boote zu erwarten seien;

- ihren Nachteil (die Gefahr, leichter entdeckt zu werden) durch ständigen Positionswechsel wettmachen: durch Unterschlupf in Küstennähe, in Fjorden und Buchten, wo sie überdies für U-Boot-Angriffe des Gegners unerreichbar wären.

Den deutschen Admiralstäblern kam das Seemannsgarn bekannt vor. Ihr eigener Chef, Kai-Uwe von Hassel, hatte sechs Wochen zuvor ähnliche Begründungen vorgebracht, als er von seinem Amerika-Debüt zurückkam. Hassel, der sich damals zugute hielt, Miterfinder der billigen Raketenfrachter zu sein, war in einem Anflug von Seeteufel-Romantik auf die Idee verfallen, die Polaris-Flotten könnten - wie einst Graf Luckners Blockadebrecher im Ersten Weltkrieg - »unerkannt auf den Routen der internationalen Handelsschiffahrt« hin und her fahren.

Die Bonner See-Krieger in Hassels Ministerium hielten jedoch von den Raketen-Schiffen über Wasser militärisch nicht viel. Ebenso unverblümt wie damals seinem neuen Minister, sagte Vizeadmiral Zenker auf der Hardthöhe auch den amerikanischen Seekameraden seine Meinung:

- Die Amerikaner hätten ihre Polaris -U-Boote »als einzig unverwundbare Vergeltungswaffe« gepriesen.

- Die raketentragenden Frachter benötigten einen kostspieligen Begleitschutz durch Kriegschiffe gegen Über- und Unterwasserangriffe.

- Der Vorwand, Sprachschwierigkeiten innerhalb der gemischten Mannschaften könnten sich verhängnisvoll auswirken, sei nicht stichhaltig; die Kooperation der Nato-Luftwaffen verlaufe mittels der allseits geübten englischen Nato-Fliegersprache längst reibungslos.

Alles in allem: Die Dönitz-Nachfolger wiesen nach, daß mit dem gleichen Kostenaufwand (US-Schätzung: 20 Milliarden Mark in zehn Jahren) eine militärisch wirksamere Streitmacht aufgestellt werden könne, wenn man sich für Atom-U-Boote entscheide.

Für die Weigerung, die Überwasserschiffe zu akzeptieren, hatten sich die deutschen Marineleute kräftige Rückendeckung verschafft. Bundeskanzler Konrad Adenauer hatte, beeindruckt von den Expertisen seines Admiralstabs, die Begeisterung seines Verteidigungsministers (Adenauer: »Der Herr

von Hassel hat zuviel Vorschuß-Lorbeern bekommen") für die Frachter -Flotte schon vor mehreren Wochen gedämpft und Anweisung gegeben, im Pariser Nato-Rat sowie im Pentagon die deutschen Vorbehalte gegen das amerikanische Projekt nachdrücklich zu vertreten.

Um ganz sicherzugehen, wandte sich der Bundeskanzler auch noch per Brief an den amerikanischen Präsidenten. Kennedy reagierte prompt: Er schickte den Leiter der Europa-Abteilung im State Department, Tyler (früher Botschaftsrat in Bonn), Anfang April mit einem Antwortschreiben zu Adenauer nach Cadenabbia.

Darin teilte der Präsident dem Bundeskanzler mit, daß es kaum möglich sein werde, die Schwierigkeiten im amerikanischen Kongreß zu überwinden, und daß deshalb die Polaris -Streitmacht nur als Überwasserflotte aufzubauen sei. Sollten die Europäer nicht zustimmen, müsse »der Plan ganz fallengelassen werden«.

Obgleich Verteidigungsminister von Hassel sich nach seiner Rückkehr aus den Alpen am Bonner Konferenztisch für eine baldige Fortsetzung der Verhandlungen einsetzte, sieht es so aus, als ob die multilaterale Atommacht weder über Wasser noch unter Wasser schwimmen, sondern schließlich ganz ins Wasser fallen wird.

Um dennoch die atomare Strategie des Atlantikpaktes zu harmonisieren und weitere Erschütterungen des Bündnisses wegen der Atomfrage zu vermeiden, wollen die Amerikaner jetzt mit Nachdruck das Projekt einer interalliierten Nato-Atommacht vorantreiben.

Dies bedeutet, daß unter dem Nato -Oberbefehlshaber in Europa (gegenwärtig US-General Lemnitzer) ein Atom-Sonderkommando gebildet werden soll, dem die »gezielten Atomwaffen« unterstellt werden*.

Amerika will in dieses Sonderkommando zusätzlich zu seinen bereits vorhandenen Jagdbomber-Geschwadern drei im Mittelmeer kreuzende Polaris -U-Boote einbringen. Großbritannien will seine gesamte strategische V-Bomber -Flotte zur Verfügung stellen. Die Bundesrepublik soll sich mit ihren Starfighter-Geschwadern beteiligen.

Dank den englischen Bombern und den Polaris-U-Booten würde der europäische Nato-Oberbefehlshaber dann zum ersten Male über strategische Atomwaffen verfügen. Mit deren Hilfe könnte er auch solche Ziele in seine Planung einbeziehen, die bisher außerhalb seines Befehlsbereichs lagen und von den Nato-unabhängigen amerikanischen und britischen Bomber- und Raketen-Kommandos gedeckt wurden.

Allerdings: Die Bildung der interalliierten Nato-Atommacht würde nichts daran ändern, daß der amerikanische Präsident die letzte Entscheidung über den Einsatz der Atomwaffen in der Hand behielte, auch wenn die Bundesrepublik - wie vorgesehen - Mitglied eines politischen Beirats zur Kontrolle dieser Streitmacht werden sollte. An die multilaterale Atommacht dagegen hat die Bundesregierung die Hoffnung geknüpft; das amerikanische Monopol durch Mehrheitsentscheidungen innerhalb der Nato ersetzen zu können.

* Man unterscheidet neuerdings zwischen Atomwaffen, denen feste Ziele für den Kriegsfall zugewiesen sind, und den Schlachtfeld-Atomwaffen, die gegen bewegliche Ziele des Feindes eingesetzt werden. Zur ersten Kategorie gehören Raketen und Langstrekkenbomber, zur zweiten vor allem die den Heeresverbänden zugeteilten taktischen Atomwaffen. Die Jagdbomber vom Typ Starfighter gehören teils zur ersten, teils zur zweiten Gruppe.

U-Boot-Stratege Zenker

»Gentlemen, denken Sie an 'Thresher'«

EWG-Präsident Hallstein, Gegner: Planen oder wursteln

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