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UGANDA Zuviel Waragi

Ugandas extravaganter Diktator Idi Amin erpreßt die Briten mit dem Leben eines englischen Lehrers.
aus DER SPIEGEL 27/1975

Er hat es mit den Engländern, der schwarze Riese. Hätte es noch eines Beweises bedurft, daß sein zuweilen irres Tun vor allem von seiner Haßliebe gegenüber den Briten bestimmt wird -- die vergangene Woche lieferte ihn:

Idi Amin, etwa 48, unberechenbarer Diktator Ugandas, spielte mit der Londoner Regierung Katz und Maus um das Leben des krebskranken britischen Dozenten Dennis Hills.

Hills, 61, war Mitte Juni von einem ugandischen Militärtribunal (Vorsitzender: Außen- und Informationsminister Juma Orris, ein enger Vertrauter Amins) wegen Hochverrats zum Tod verurteilt worden. Er hatte Amin in einem -- unveröffentlichten -- Buch einen »Dorftyrannen« genannt.

Der General setzte ein Hinrichtungsdatum für Hills fest, erklärte aber gleichzeitig, unter welchen Bedingungen der Engländer begnadigt werden könnte:

* Königin Elizabeth sowie Premier Wilson müßten persönliche Bittbriefe an ihn schicken:

* die britischen Zeitungen müßten ihre »böswillige« Berichterstattung über ihn und sein Land einstellen:

* England müsse Waffen und Ersatzteile für Ugandas Streitkräfte schicken, sowie die in England lebenden Uganda-Flüchtlinge ausliefern. Die Briten neigten zunächst dazu. Amins Ultimatum nicht allzu ernst zu nehmen -- zuviel hatte der sprunghafte Ex-Feldwebel ihrer »King's African Rifles« ihnen schon zugemutet, seit er sich 1971 in der einstigen Briten-Kolonie an die Macht geputscht hatte, ob er von seinem Sparbuch zehntausend Shilling abhob, »um das Pfund zu retten«, oder seine Untertanen Bananen für das notleidende Albion sammeln ließ.

Angesichts der drohenden Exekution Hills aber gingen die Engländer bis an den Rand der Selbstverleugnung. Sie schickten Soldaten -- aber nicht, wie in der schönen alten Zeit, ein paar Regimenter, sondern zwei alte Kameraden:

Mit Handschreiben der Queen und Wilsons versehen, landete General Sir Chandos Blair und Major Jain Grahame, in Entebbe -- zwei gute Bekannte Amins. Blair war einst bei den African Rifles Bataillonskommandeur des Askari Amin, Grahame sein Kompaniechef gewesen.

Amin ließ in Entebbe den roten Teppich für seine früheren Vorgesetzten ausrollen, setzte sieh aber selbst nach Arua hoch im Norden Ugandas ab und verlangte Außenminister Callaghan als Emissär Londons.

Nach einer Schamfrist von 24 Stunden -- wohl um den Kameraden zu zeigen, wer jetzt das Sagen hat -- empfing er die beiden Offiziere doch noch. Als sie eintraten, mußten sich die Briten bücken, um durch den niedrigen Eingang der Hütte zu kommen -- und prompt ließ Idi verbreiten, die Abgesandten der Queen seien auf den Knien zu ihm gerutscht. Doch dann plauderte er angeregt über alte Zeiten und stellte sich zum freundlichen Familienphoto.

In die Hauptstadt Kampala zurückgekehrt, lud der Diktator Blair zu einer Sitzung seines »Verteidigungsrats«, um ihm ein neues Ultimatum an die Königin zu übergeben. Da platzte dem General offenbar der Kragen. Er fuhr seinen früheren Gefreiten an, ob er sich darüber im klaren sei, daß er sich selber zum Narren mache. So vor seinen Getreuen angesprochen, explodierte nun auch Amin. Er warf seinen Ex-Chef Blair hinaus und brüllte: »Alarmiert die Armee, alarmiert die Luftwaffe, sagt Libyen, es soll Bomber schicken!«

Dann raste er mit seinem Jeep zum »Kampala International Hotel«, wo britische Korrespondenten logierten, ließ einem Photographen die Kamera entreißen und befahl, sofort alle Telephonverbindungen ins Ausland zu kappen. Er beschuldigte Blair, dieser sei frech geworden und habe sich wie cm Kolonialist und Imperialist aufgeführt, so als sei er noch der »bwana mukubwa«, der große Boß, in Uganda.

Radio Uganda meldete später, Blair sei betrunken gewesen -- er habe sich vor dem Besuch bei Amin mit Waragi. dem heimischen, höllisch scharfen Bananen-Brandy, berauscht.

Die beiden Offiziere flogen ab. Amin aber stellte ein neues Ultimatum: Falls Außenminister Callaghan bis zum 4. Juli nicht nach Kampala komme, werde Hills erschossen. Gleichzeitig kündigte er Repressalien gegen die 700 noch in Uganda lebenden Briten an: »Wir betrachten sie alle als Spione.« Ende der Woche meldete Radio Uganda die Verhaftung mehrerer Engländer und kündigte den Briten »Lektionen an, die sie niemals vergessen werden«.

Angesichts dieser Drohung schluckten die Briten Amins Extravaganzen noch einmal. Premier Wilson bat erneut um Begnadigung von Hills und versprach, sofort danach Callaghan nach Uganda zu schicken. Eine 29jährige Engländerin erbot sich, mit Amin zu schlafen, falls er Hills frei lasse.

Gleichzeitig begann die Regierung mit Vorbereitungen zur Evakuierung aller Engländer. Danach, so hofft zumindest der konservative »Daily Express«, hätten Amin-feindliche Afrikaner freie Hand gegen den Uganda-Diktator, der ihnen schon lange peinlich ist und in diesem Monat noch peinlicher werden durfte als bisher.

Denn für Ende Juli ist die diesjährige Konferenz der Organisation für Afrikanische Einheit OAU in Kampala geplant -- und Idi Amin wäre dann ein Jahr lang offizieller Sprecher ganz Schwarzafrikas in der Welt.

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