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TANKSTELLEN Zuviel Zapfsäulen

aus DER SPIEGEL 25/1956

Ende letzten Monats verließ ein Besucher die westdeutsche Bundesrepublik in Richtung New York, dessen Visite in naher Zukunft bemerkenswerte Folgen zeitigen wird: Neben den rund 22 000 Tankstellen im Bundesgebiet werden sehr bald noch einige tausend neue Zapfsäulen aufgestellt werden. Der Besucher war der Ölmagnat William F. Bramstedt.

Bramstedt, der in Potsdam das Abc erlernte (sein Vater wurde in Deutschland geboren), ist seit 1950 Präsident der California Texas Oil Company (Caltex), hinter der die Texas Oil Company und die Standard Oil Company of California stehen. Die Caltex-Organisation verfügt über 94 Zweiggesellschaften in 67 Ländern und hat sich im Persischen Golf eine führende Stellung gesichert Sie beutet nicht nur die Erdölvorkommen der Bahrein-Inseln aus, sondern sie ist auch zu 60 Prozent an der Aramco-Konzession in Saudi-Arabien beteiligt.

Was die in Westdeutschland engagierten Gesellschaften,zum Beispiel Esso, Shell, BP, BV Aral, und die »Deutsche Gasolin-Nitag AG« seit langem befürchteten, wird jetzt Wirklichkeit. Die Caltex wird sehr bald ihre Mineralölprodukte über ein eigenes. Tankstellennetz durch die Tank-Kraft GmbH in Hannover, eine Tochtergesellschaft der Braunkohle-Benzin AG (Brabag), vertreiben lassen. Und das ist erst der Anfang der Geschäftsvorhaben, die der amerikanische Konzern in Westdeutschland plant

Präsident Bramstedt begründete das Interesse seines Konzerns am westdeutschen Markt mit dem Anstieg des Mineralölbedarfs der Bundesrepublik, der eine Folge der »dynamischen Ausweitung« der deutschen Wirtschaft sei. Bramstedt ist nicht der erste Ölmagnat, den es in letzter Zeit nach Deutschland trieb.

Schon vor ihm stießen zwei andere ausländische Mineralöl-Firmen nach Westdeutschland vor. Mit einem Gründungskapital von 500 000 Mark wurde Ende vergangenen Jahres in das Handelsregister beim Amtsgericht Düsseldorf die »Deutsche Total-Treibstoff-Gesellschaft mbH.« eingetragen. Sie soll die Interessen der Pariser »Compagnie Francaise des Pétroles« (CFP) in der Bundesrepublik vertreten. Die ersten »Total«-Tankstellen in der Bundesrepublik sind bereits fertiggestellt.

Am 23. März dieses Jahres stieg außerdem die »Compagnie Financiere Beige des Pétroles« (Petrofina), Sitz Brüssel, in das deutsche Erdölgeschäft ein und gründete mit einem Stammkapital von fünf Millionen Mark in Frankfurt die deutsche Tochterfirma Purfina GmbH. Die Petrofina, die in Mexiko, Angola, Ägypten und Kanada Erdöl schürft, erwarb Ende vergangenen Jahres 75 Prozent der Gesellschaftsanteile in der »Ruhrbau« GmbH, Mineralölraffinerie in Mülheim (Ruhr).

Der Hauptverband des Tankstellen- und Garagengewerbes in Köln vermutet, daß nicht nur der wachsende Mineralölbedarf der Bundesrepublik die ausländischen Firmen nach Westdeutschland lockt, sondern in erster Linie der im Vergleich zu den meisten anderen Ländern überhöhte deutsche Benzinpreis, der den Gesellschaften auch bei verhältnismäßig geringem Absatz noch ausreichenden Gewinn sichert.

Die organisierten Tankstellenbesitzer befürchten eine gefährliche Kettenreaktion: Jede der drei in Westdeutschland neu aufgetauchten Gesellschaften wird sich ein eigenes Tankstellennetz mit mindestens je 1000 bis 1500 neuen Tankstellen aufbauen. Diese Neugründungen werden wiederum, so argwöhnt man in der Kölner Zentrale des Hauptverbandes des Tankstellen- und Garagengewerbes, die seit Jahrzehnten in Deutschland tätigen anderen Gesellschaften dazu anspornen, ihre Tankstellennetze noch engmaschiger als bisher zu knoten. Außerdem bemühen sich alle Gesellschaften emsig darum, Kraftwagenbesitzer direkt zu beliefern (SPIEGEL 5/1955).

Eine deutsche Treibstoffgesellschaft hat bereits einen 600-Liter-Behälter für die Lagerung von Vergaserkraftstoff entwickelt, der behördlich zugelassen wurde und jetzt interessierten Kleinverbrauchern angeboten wird. Die Kleinkunden, die durch die Aufstellung dieses Behälters an

die Treibstoffgesellschaft gebunden und der Tankstelle abspenstig gemacht werden, erhalten einen Nachlaß von mindestens 6 Pfennig je Liter; die Tankstellenprovision hingegen, die nach dem Jahresumsatz gestaffelt ist, reicht von 5,5 Pfennig je Liter (bei einem Jahresumsatz bis zu 80 000 Litern) bis zu 8,75 Pfennig (bei einem Umsatz von mehr als 600 000 Litern).

Wegen dieser Provisionsstaffelung blicken Westdeutschlands Tankwarte nach Bramstedts Besuch sorgenvoll in die Zukunft. Jede neue Tankstelle und jedes Direktgeschäft der Gesellschaften schmälern den Umsatz der Tankstellenbesitzer und setzen ihren Gewinn herab.

Caltex-Präsident Bramstedt suchte bei seinem Besuch in Deutschland die aufgescheuchten Tankstellenbesitzer zu beruhigen - er führte, wo immer sich die Gelegenheit bot, Geschicklichkeitskunststücke vor, zauberte seriösen Herren Nelken in die Knopflöcher und Kaninchen aus der Aktentasche -, aber die Repräsentanten des Tankstellengewerbes blieben argwöhnisch, Sie trauen Bramstedt zu, daß er sehr bald sogar 4000 neue Caltex-Tankstellen hervorzaubern könnte.

Caltex-Präsident Bramstedt

Zauberei um Benzin

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