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ADENAUER Zuwenig Freundschaft

aus DER SPIEGEL 6/1964

Die CDU-Reformatoren resignieren: Dem Parteitag der Christen-Union Mitte März in Hannover bietet sich für die Wahl zum Parteivorsitzenden ein Mann an, der in diesem Amt, das jeweils für zwei Jahre vergeben wird, seinen 90. Geburtstag feiern würde.

Altenteiler Konrad Adenauer hat seine noch immer Getreuen wissen lassen, daß er der Partei, sofern sie es wünsche, auch künftig präsidieren wolle.

Als die CDU/CSU-Bundestagsfraktion im letzten Frühjahr beschloß, daß Ludwig Erhard seinen alten Peiniger Adenauer im Kanzleramt abzulösen habe, deuteten der CDU-Generaldirektor Dufhues, seit dem Dortmunder Parteitag im Juni 1962 Parteichef im Wartestand, und seine Berater mehrmals den Wunsch an, mit dem Kanzlerwechsel solle der Führungswechsel in der Partei organisch einhergehen.

Dabei war klar, daß die Personalunion von Kanzler und Parteichef mit Adenauers Demission enden sollte. Ludwig Erhard, gerade zum Regierungschef gekürt und darauf bedacht, Kanzler des ganzen Volkes zu sein, erklärte denn auch kategorisch, er wünsche den Parteivorsitz nicht.

Offen blieb freilich, ob Erhards Verzicht dem strebsamen Parteiarbeiter Dufhues das höchste CDU-Amt einbringen würde. Denn die programmierte Trennung von Partei und Staat war mit dem Abgang des CDU-Vorsitzenden Adenauer aus dem Palais Schaumburg bereits vollzogen worden.

Viele Christdemokraten argwöhnten schon damals, der entlassene Altkanzler werde sich für den Verlust des Staatsamtes am Parteiamt schadlos halten und von der CDU-Zentrale in der Bonner Nassestraße aus womöglich eine Art Gegenregierung zum Kanzleramt betreiben. Vorsorglich trafen die Parteimanager deshalb keinerlei Anstalten, ihrem Patriarchen im engen Parteiquartier einen repräsentablen Schreibtisch abzutreten.

Adenauer spielte den Gekränkten: »Wenn die Herren mich nicht mehr wollen, dann werden sie mich auch in der Nassestraße nicht mehr zu sehen kriegen.«

Die Erneuerer, die den alten Herrn schlechthin nach Rhöndorf verbannen wollten, frohlockten schon: Wenn Adenauer erst eine Weile ohne Depeschen und Ministervortrag auskommen müsse, werde er bald die Lust an der Politik ganz verlieren.

Solche Hoffnungen wuchsen, da der Altkanzler jeden Anschein vermied, als wolle er Bismarck in der Rolle des grollenden Alten aus dem Sachsenwald kopieren. Monatelang saß er schweigend in den Beratungen seiner Fraktion und des Fraktionsvorstandes. Und als er Mitte Januar dieses Jahres endlich wieder das Wort nahm, lobte er sogar seinen langjährigen Intimfeind Ludwig Erhard. Die Gruppe in der Bonner Nassestraße wähnte, das-Kapitel Adenauer sei abgeschlossen.

Die Erwartungen erfüllten sich nicht Hatte Adenauer seinen Nachfolger Erhard auch mit Wohlwollen bedacht, die altbekannte Zuchtgerte ließ er deshalb nicht sinken. Die Hiebe bezog diesmal der einstige Musterschüler des alten Kanzlers, Außenminister Schröder.

Durch die Politik Schröders, der im angelsächsischen Entspannungswind segelt, sieht Konrad Adenauer sein politisches Erbe gefährdet. Nämlich: Härte gegen den Osten, Anschluß an Frankreich. Diese Sorge (Adenauer: »Ich bin entsetzt") hat dem Altkanzler die Idee eingegeben, er müsse am Ruder der CDU ausharren und Gegenkurs steuern.

Im »Rheinischen Merkur« erklärte Konrad Adenauer in der vorletzten Woche: »Als Abgeordneter des Deutschen Bundestages und als Vorsitzender der CDU werde ich alles tun, um die von Bundeskanzler Erhard in seiner programmatischen Rede vom 9. Januar gesteckten Ziele des Ausbaus der deutsch-französischen Freundschaft und die Schaffung einer europäischen politischen Union zu fördern.«

CDU-Vorsitzender Adenauer

»Ich bin entsetzt«

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