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BRANDSCHUTZ Zwang zum Löschen

Auf Sylt werden Einheimische zum Einsatz bei der Feuerwehr verpflichtet. Bürgermeister aus ganz Deutschland erkundigen sich nach dem Rekrutierungsmodell.
aus DER SPIEGEL 22/2008

Das amtliche Schriftstück, das die Sylterin Vera Carstensen mit wachsendem Verdruss las, war unmissverständlich. »Hiermit verpflichte ich Sie ab sofort und für die Dauer von sechs Jahren«, so schrieb ihr kürzlich der zuständige Ordnungsamtsleiter der Nordseeinsel, »Dienst in der Pflichtfeuerwehr zu übernehmen und auszuüben.«

Unter Androhung eines Zwangsgeldes wurde die 24-Jährige aufgefordert, umgehend zum ersten Ausbildungsdienst zu erscheinen und sich beim zuständigen Wehrführer zu melden. »Die sofortige Vollziehung wird hiermit angeordnet.«

»Warum ausgerechnet ich?«, fragte sich die Frau mit dem blonden Zopf, »was habe ich mit dieser blöden Feuerwehr zu tun?«

Die Frage stellen sich in List, der nördlichsten Gemeinde auf Sylt, inzwischen viele Einwohner. Das Ordnungsamt hat mehr als 50 Verpflichtungsbescheide verschickt: an Hausfrauen und Beamte, an Selbständige und Auszubildende. Die Kandidaten müssen lediglich gesund und zwischen 18 und 49 Jahre alt sein sowie ständig am Ort wohnen und arbeiten.

Der Grund: In List, wo Prominente wie Fernsehmoderator Günther Jauch und Verlegerwitwe Friede Springer ein Domizil haben, gibt es nicht genug Freiwillige für die Feuerwehr. Weil jedoch im schleswigholsteinischen Brandschutzgesetz eine funktionstüchtige Löschtruppe vorgeschrieben ist, werden die Einheimischen zum unentgeltlichen Einsatz gezwungen.

»Es war ein Schock«, erinnert sich Postbote Jörn Clausen, der wie Vera Carstensen einen Einberufungsbescheid erhielt. Was den Familienvater besonders empörte: »Zwischen dem Brief und dem ersten Übungsabend lagen gerade mal vier Tage.«

»Wir mussten ganz schnell eine Lücke schließen«, rechtfertigt der Lister Feuerwehrchef Ulrich Mumm die Eile. »Ich hatte einfach viel zu wenig Aktive.« Wegen der vielen leichtbrennbaren Reetdächer sind in List genau 43 Feuerwehrleute vorgeschrieben. Vor der Zwangsverpflichtung hatte sich der Trupp auf 18 Mann reduziert.

Der Sylter Notstand mag überraschen, gilt Deutschland doch beim freiwilligen Brandschutz als Europameister. Über eine Million Floriansjünger kämpfen gegen Feuersbrünste, leisten Hilfe nach Unfällen und Naturkatastrophen. Die Retter sind in rund 25 000 Freiwilligen Feuerwehren organisiert - nur 101 größere Städte leisten sich den Luxus einer Berufsfeuerwehr.

Allerdings nimmt die Bereitschaft, Freizeit zu opfern, stetig ab. »Wir verlieren jedes Jahr ein Prozent der Mitglieder«, klagt Löschmeisterin Silvia Darmstädter vom Deutschen Feuerwehrverband in Berlin.

Ursache ist neben dem schwindenden Interesse an ehrenamtlichen Tätigkeiten die Überalterung der Gesellschaft sowie der wachsende Anteil von Bürgern mit Migrationshintergrund, die um Löschwagen und Spritzen einen großen Bogen machen. Ähnlich wie Gesangs- und Schützenvereine gelten die Freiwilligen Feuerwehren gerade in der Provinz als Reservate urdeutscher Brauchtumspflege, in denen nicht nur gelöscht und gerettet, sondern ebenso gegrillt, getanzt und gezecht wird.

Das war auch in List nicht anders, wo die Kameraden gar einen Bierwagen mit Blaulicht ausrüsteten. Die personelle Auszehrung beschleunigte sich indes, als die örtliche Marineversorgungsschule geschlossen wurde, deren Bedienstete das Gros der Retter gestellt hatten. Ersatz war kaum zu finden, weil fast die Hälfte der 2700 Einwohner in dem Seebad nur einen Zweitwohnsitz hat.

Auf die Neulinge wartet ein strapaziöses Programm. »Meine Freizeit hatte ich anders geplant«, schimpft etwa Vera Carstensen, die während ihrer 76-stündigen Grundausbildung mit Wasserschläuchen und Schneidbrennern zu hantieren lernte und sich anfangs als Frau noch Chauvi-Sprüche anhören durfte. »Man muss sich an Leute gewöhnen, mit denen man sonst nichts zu tun hat«, sagt die Empfangsdame einer physiotherapeutischen Praxis.

»Manchen, die anfangs keine Lust hatten, macht es jetzt richtig Spaß«, versichert dagegen Wehrführer Mumm, der alle 14 Tage üben lässt. Auch Postbote Clausen hat sich daran gewöhnt, über einen Piepser rund um die Uhr erreichbar zu sein und seine Wochenenden bei Fortbildungskursen über Schiffsbrandbekämpfung oder den Umgang mit Kettensägen zu verbringen. Allerdings: »Wenn es wieder genügend Freiwillige gibt, bin ich ruck, zuck weg.«

Das kann dauern. Während die Sollstärke in List noch nicht erreicht ist, versuchen etliche Bürger sich zu drücken: Sie legen Rechtsmittel ein, mit teilweise abenteuerlichen Ausreden. »Ich will demnächst schwanger werden«, protestierte eine junge Frau; ein Fußballer meldete sich wegen Kniebeschwerden untauglich.

»Die Leute könnten gleich sagen, dass sie zu faul sind«, ärgert sich Ordnungsamtsleiter Hans Wilhelm Hansen, der Widersprüche »sehr restriktiv« behandelt. Sein Grundsatz: »Wer mir mit einem Attest kommt, den schicke ich zum Amtsarzt.«

Weil auch andere Gemeinden zunehmend Mühe haben, genügend Freiwillige aufzutreiben, bekommt der Lister Bürgermeister Wolfgang Strenger Anfragen aus der ganzen Republik. Kollegen wollen wissen, wie das Experiment funktioniert.

Eigentlich weiß er das gar nicht, denn einen Ernstfall hat es lange nicht mehr gegeben. Beim jüngsten Einsatz kokelte nur eine auf dem eingeschalteten Herd vergessene Bratpfanne. Und das letzte Großfeuer in List liegt fast neun Jahre zurück.

Im Juni 1999 erwischte es die Gaststätte Zum alten Seebär. Die damals noch ganz freiwillige Feuerwehr konnte nichts mehr retten, das Haus brannte bis auf die Grundmauern nieder. BRUNO SCHREP

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