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Artikel 43 / 84

SPIEGEL Essay Zwei Banditen

Literaturwissenschaftler Lipski, 58, Berater der Gewerkschaft »Solidarität«, gehörte zu den Hauptangeklagten des abgesetzten Prozesses gegen die Führungsmitglieder von KOR in Warschau. Sein Thema ist noch immer das Trauma seiner polnischen Altersgenossen: Polens Grenzen.
aus DER SPIEGEL 34/1984

Es gibt ein zuverlässiges Barometer, mit dem man in Polen die jeweils von Regierung und Partei empfundene Notwendigkeit eines authentischen Kontakts mit der Bevölkerung messen kann.

Die Skala dieses Barometers bilden Zahl und Maß der Attacken in Presse, Funk und Fernsehen gegen revisionistische Tendenzen in der Bundesrepublik Deutschland. Revisionismus ist hier selbstverständlich als Streben nach einer Revision der Oder-Neiße-Grenze zu verstehen.

Es ist ein unpräzises Barometer, sein Funktionieren kann beispielsweise durch die Erwartung deutscher Kredite gestört werden, während ein sachlicher Zusammenhang mit dem Auftreten der kritisierten Tendenzen in Deutschland kaum zu erkennen ist.

Im allgemeinen ist das deutsche Thema in der Praxis der polnischen Propaganda ein Mittel der Innenpolitik und nicht der polnisch-deutschen Beziehungen. Es ist ganz einfach das einzige Thema, das - eingefärbt und mit Halbwahrheiten garniert - eine positive Resonanz bei einem großen Teil der Bevölkerung erwarten läßt.

Zu begreifen, warum dies geschieht, ist, meiner Meinung nach, äußerst wichtig, sowohl für die Polen als auch für die Deutschen. Gerade heute sinkt dieses Barometer auf schlechtes Wetter. Wichtiger aber als die Analyse einer konkreten Lage ist das Verständnis eines seit Jahren funktionierenden Mechanismus.

Die Grundvoraussetzung für das Wirken dieses Mechanismus ist der soziopsychische Dauerzustand, in dem sich die Polen seit den Zeiten des Zweiten Weltkriegs befinden - obgleich die Wurzeln tiefer in die Vergangenheit reichen.

Die Polen sind im allgemeinen sehr empfindlich gegenüber ihren westlichen Nachbarn. Man soll sich darüber nicht wundern. Der Autor dieses Artikels lebt in einer Stadt, in der während der fünf Jahre deutscher Besatzung ununterbrochen verhaftet, gefoltert, in die KZs verschleppt und erschossen wurde. Fast ein halbes Jahr lang, 1943/44, fanden auf den Straßen Warschaus vor den Augen entsetzter Passanten täglich Massenerschießungen statt, ein oder auch mehrere Dutzend Menschen auf einmal.

Ich war auch hilfloser Zeuge der Vernichtung des Warschauer Gettos. Ich sah Berge von Leichen ermordeter ziviler Einwohner während des Warschauer Aufstands im August und September 1944. Auf den Friedhöfen vieler Dutzender von Dörfern liegen nebeneinander Opfer der Befriedungsaktionen: wenige Monate oder Jahre alte Kinder, ihre Eltern, Großeltern und Urgroßeltern. Und so ging das von der Ostsee bis zu den Karpaten.

Die erste Reaktion eines Menschen, der jene Zeiten in Erinnerung hat, ist der Fluchtreflex, wenn er auf der Straße plötzlich hinter seinem Rücken den Klang der deutschen Sprache hört.

Wie leicht fällt es doch, unter solchen Umständen menschliche Phobien und Ressentiments massenhaft zu manipulieren. Wer zu jung ist, um sich erinnern zu können, hat sein Wissen aus der Familien- und der nationalen Tradition gespeichert.

So gibt es nichts Einfacheres, als marginale Erscheinungen im Leben der Bundesrepublik Deutschland als repräsentativ darzustellen, Vorstellungen zu erwecken, daß dieses Land eine permanente Brutstätte von Neonazismus und preußischem Expansionismus sei, wobei man, versteht sich, die Deutsche Demokratische Republik von diesen Beurteilungen geschickt ausklammert.

Jeder weiß, wie leicht Marginalien bei günstigen Verhältnissen zum Rang schwerwiegender Probleme befördert werden können, und der Pole empfindet sogar dann noch Angst, wenn er sich über diese Manipulation im klaren ist.

Die Angst vor einer Wiederkehr des deutschen Expansionismus oder sogar des Nazismus konkretisiert sich in der Befürchtung, die in der Bundesrepublik vorhandenen Tendenzen auf Rückforderung von Gebieten könnten reale Gestalt annehmen. Diese Befürchtungen sind es auch, die in den Massenmedien geschickt gesteuert werden.

Viele Polen wissen heute oder verstehen, daß das Potsdamer Abkommen, das zur Aussiedlung der Deutschen aus den Oder-Neiße-Gebieten und zur Ansiedlung der aus dem östlichen Teil ihres Landes stammenden Polen in diesen Gebieten führte, sein Janus-Antlitz hat.

Das Problem für die Polen war, einen Raum zu finden, in dem Millionen ihrer Landsleute, denen ihre engere Heimat und ihr Heim genommen worden waren, weiterleben konnten. Für Stalin war dies ein verläßliches Mittel, Polen für immer an Moskau zu ketten.

Seither eröffnet jeglicher Ungehorsam der Polen mannigfaltige Perspektiven: von einer sowjetischen Intervention über die Vision eines Polen, das Auge in Auge einem auf Änderung der bestehenden Staatsgrenzen zielenden Deutschland gegenüberstehen könnte, bis hin zu einer Wiederholung der Teilungen Polens, den berüchtigten Ribbentrop-Molotow-Pakt von 1939 inbegriffen.

Es muß gesagt werden, daß für die Polen das Problem der Gebiete östlich von Oder und Neiße, die vor 1945 zum Dritten Reich gehörten, keineswegs leicht und einfach ist.

Die Meinung, die dazu der Autor dieses Essays vertritt, kann heute nicht mit einer Mehrheit der Polen und wohl auch nicht der Deutschen rechnen. Ich habe seinerzeit versucht - vielleicht zu fragmentarisch -, diese Meinung in meinem auch in Deutschland bekannten Artikel »Zwei Vaterländer, zwei Arten von Patriotismus« darzustellen.

Wieso sind die Polen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in diese Gebiete gekommen? Die Deutschen erinnern sich im allgemeinen nur ungern daran, daß die Naziregierung, der es zu jener Zeit an Unterstützung seitens der deutschen Bevölkerung nicht mangelte, den Pakt mit Molotow geschlossen hat. Dieser Pakt bedeutete eine erneute Teilung Polens, er sollte es für alle Zeiten von der Landkarte Europas tilgen.

Die Folgen dieses Vertrags dauern bis heute an. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Millionen von Polen aus den östlichen Gebieten ihrer Vorkriegsrepublik vor die Wahl gestellt, in der furchterregenden Sowjet-Union zu bleiben oder in dem in seinen neuen Grenzen entstehenden Polen zu leben, von dem nota bene nicht alle damals schon wußten, daß es lediglich ein Protektorat sein wird.

Die Entscheidung über diese neuen Grenzen wurde übrigens von den Großmächten ohne Polens Teilnahme getroffen, obgleich mit polnischer Zustimmung.

Damals wurde die Aussiedlung der Deutschen aus diesen Gebieten beschlossen und in Polen von einer Propaganga begleitet, die den neuen Stand der Dinge mit historischen und ethnischen Argumenten, allgemein von zweifelhaftem Wert, zu begründen versuchte.

Denn von wesentlicher Bedeutung konnte nur ein Argument sein: Wenn Polen von zwei Banditen, Hitler und Stalin, überfallen worden war, scheint die These, nach der die Überfallenen sämtliche Kosten des Überfalls zu zahlen haben, nicht richtig zu sein.

Das Problem wurde auf Kosten der Deutschen gelöst, die bis 1945 in den Gebieten östlich der Oder und Neiße gelebt hatten. Nur wenigen Polen ist bewußt, daß diesen Menschen Unrecht - da Vertreibung aus dem Vaterhaus immer Unrecht ist - getan wurde, unabhängig davon, wie groß der jeweilige Grad ihrer Schuld war.

Sicher gab es unter den ausgesiedelten Deutschen solche, die selbst an der Vernichtung

von Juden, Polen und anderen teilgenommen hatten. Es gab auch solche, die den Nazis tatkräftige Unterstützung leisteten. Aber es hat auch andere gegeben, die sich fast nichts zuschulden kommen ließen. Es sei denn, wir denken an das allgemeine Sündenbekenntnis der katholischen Kirche, in dem von der Schuld durch Unterlassung, also von der Passivität gegenüber dem Bösen die Rede ist.

Die sind es aber, die das tiefste Mitgefühl verdienen. Sie sind einer Art historischer Kollektivverantwortung zum Opfer gefallen, einem Prinzip also, das keineswegs vorbehaltlos akzeptiert werden kann.

Andernfall aber wären diejenigen, die gekommen waren, um in deren Häusern zu wohnen, die einzigen Opfer des fremden Überfalls geworden. Was gewählt wurde, war lediglich das für die Polen günstigere Übel - und wahrscheinlich auch das wirklich kleinere. Es wäre allenfalls zu bedauern, daß der Mehrheit meiner Landsleute das Bewußtsein der moralischen Zweideutigkeit der getroffenen Wahl fremd ist.

Der Grundsatz der historischen Kollektivverantwortung muß als strafmoralisches Prinzip abgelehnt werden. Dennoch kann man dieses Prinzip nicht völlig zurückweisen. Sollte beispielsweise heute ein polnisches Schiff den größten Tanker der Welt versenken, würden alle Polen die Kosten dessen, was geschehen ist, solidarisch zu tragen haben. Der Ribbentrop-Molotow-Pakt war hingegen kein unglücklicher Zufall.

Ich bin der Meinung, daß Menschen, die vom Unglück des Verlustes ihres Vaterhauses betroffen wurden, zumindest das Anrecht auf eine gewisse moralische Genugtuung haben. Und auch auf Verständnis. Denn genauso, wie viele Polen von einer Rückkehr nach Wilna und Lemberg träumen, sehnen sich diese Menschen nach Breslau und Stettin.

Diese moralische Satisfaktion und das Verständnis hätten ihnen auch dann zugestanden, wenn kein Mensch in Deutschland sich zu der Pflicht irgendeiner moralischen Wiedergutmachung gegenüber den Polen für all das, was in den Jahren 1939-1945 in Polen geschah, bekennen würde.

Es ist aber nicht so. Eine von Verständnis geprägte Einstellung ist der Mehrheit der Polen fremd. Zu erklären wäre das mit dem Bewußtsein einer sehr ungleichen Rechnung des erlittenen Unrechts, in dessen Folge es sich leicht vergißt, daß auch die geringere Schuld eine Schuld ist.

Deshalb machen sich die Polen meist keine Gedanken darüber, warum der polnische Episkopat vor rund 20 Jahren den Deutschen gesagt hat: »Wir vergeben und bitten um Vergebung.«

Na ja, in der Gegend von Stettin, Grünberg und Breslau leben heute Menschen, die sich dort um das Jahr 1946 angesiedelt haben. Der junge demobilisierte Soldat oder der Umsiedler aus einem Dorf am Njemen-Ufer leiteten ein neues Kapitel in der Geschichte dieser Gebiete ein. Jetzt beginnt schon das Leben der vierten Generation.

Diese Menschen lesen ab und zu in der Zeitung oder hören in den Fernsehnachrichten, daß jemand vorhat, sie aus ihrer Heimat zu vertreiben. Wohin? Wozu? Wofür? Sie werden zugleich von Angst und Zorn erfaßt. Sie hegen keinen Zweifel, wie das aussehen würde. Das wissen sie aus der Geschichte und aus ihrer Familientradition, die Älteren aus eigener Erfahrung. Sie kommen zu der Überzeugung, die Geschichte des Unrechts würde wohl nie ein Ende nehmen.

Sooft die Polen nur davon zu träumen beginnen, die Jalta-Last abzuwerfen, werden sie an die deutsche Gefahr ante portas erinnert. Daran arbeiten Dutzende hochqualifizierter Wissenschaftler und Publizisten, und gerade hier ist - auf der Basis von Erinnerung und Angst - eine eigentümliche nationale Verständigung, oder vielmehr deren Teilersatz, möglich.

Sooft also die kommunistische Macht in Polen sich nicht stark genug fühlt, die Staatsbürger völlig ignorieren zu können, sobald sie die Notwendigkeit verspürt, nach einer, sei es auch nur begrenzten, Gemeinsamkeit zu suchen, wird das Land von einer breiten Propagandawelle zum Thema deutsche Gefahr überflutet.

Natürlich wären dies vergebliche Versuche, wenn es nicht gelingen würde, sie mit authentischen Zitaten aus Äußerungen deutscher Politiker und Publizisten zu stützen und zu illustrieren. Dieses Material ist irgendwie immer zu finden. Und so werden unter den Polen schon wieder Ängste und Bedrohungsgefühle geweckt.

Nur der Sachkenner ist imstande, das Gewicht und die Glaubwürdigkeit der Zitate zu beurteilen. Auf jeden Fall neigt man jedoch dazu, an die Echtheit der Zitate zu glauben. Das Vertraute, die Nach-Jalta-Ordnung, beginnt auf einmal als sicherer zu scheinen als das, was eventuell noch kommen könnte.

Im übrigen beunruhigen die Polen nicht nur der Revisionismus und dessen Forderung nach einer Rückkehr zu den Grenzen des Dritten Reiches. Es gibt auch ein anderes, in der deutschen Publizistik sichtbares Phänomen, das die Polen reizt: In lobenswerter Sorge um das Schicksal des europäischen Friedens - um die Vermeidung eines Konflikts in Mitteleuropa, zu dem es infolge einer eventuellen Destabilisierung kommen könnte - sind in Deutschland oft Stimmen zu hören, welche die Polen zur Ordnung aufrufen, also zu einem Sichabfinden mit ihrer Versklavung für alle Ewigkeit. Diese Stimmen hören sich so an, als ob den Deutschen und vielen anderen Völkern Freiheit, Souveränität, Demokratie von Natur aus zuständen, während die Polen gleichsam ex definitione nur die Unfreiheit verdienen würden.

Solche Hilfe für den Kreml, von kaum erwarteter Seite geleistet, reizt die Polen unsäglich. Das Deutschlandbild der Polen ist in mehrfacher Hinsicht sehr vieldeutig. Es ist einerseits ein von der Erinnerung an die Besatzungszeit verfärbtes und durch die Propaganda gefestigtes Bild eines feindlichen und gefährlichen Landes - aber zugleich ein völlig anderes: das Bild eines gut regierten und verwalteten Landes mit einer funktionierenden Wirtschaft, mehr noch, eines demokratischen Landes, in dem mancher Pole schon sehr gerne leben würde. Wie diese beiden Bilder nebeneinander existieren, ist nicht leicht zu begreifen.

Der Durchschnittspole erwartet heute keine deutsche Okkupation in Warschau, Posen und Krakau. Aber sich eine Situation vorzustellen, in der die Deutschen nach Schlesien und Westpommern greifen würden, fällt den Polen nicht schwer. Was für eine Chance für die Propaganda, die an derartige Ängste und Befürchtungen appelliert!

Die jüngere Generation hegt viel weniger Ressentiments und Befürchtungen als die ältere. Die Jüngeren sind sich nicht sicher, ob sie dem Fernsehen glauben sollen, das ihnen stets mit den Deutschen droht und von dem sie wissen, daß es fast immer lügt.

Konkreter fürchten sie heute die Russen und die sowjetischen Panzer. Sie wissen, daß in den schwersten Momenten der Krise und des Kriegszustands in ihrem Lande niemand (außer den im Westen lebenden Polen) ihnen so große Hilfe leistete wie die Deutschen.

Es genügen aber einige neues Unheil verheißende Äußerungen in Westdeutschland, einige geschickte Sendungen und Artikel in der kommunistischen Presse Polens, um schon wieder verderben zu lassen, was erst kaum zu keimen begonnen hat. Es kehren die Angst, die Erinnerungen an die deutschen Exekutionskommandos von vor 40 Jahren zurück, das Gefühl der Bedrohung und der Notwendigkeit, sich verteidigen zu müssen.

Die Erfolge der Manipulanten der polnischen Propaganda, die uns an den Kreml ankettet - oder, im Gegenteil, ihre Mißerfolge -, hängen insofern zu einem großen Teil von den Deutschen ab.

Jan Jozef Lipski
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