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ZWEI DRITTEL ZUM PROTEST BEREIT

aus DER SPIEGEL 8/1968

Die Sprecher der Großen Koalition traten nacheinander an die Mikrophone im Bundestag, und immer kleiner wurde die Opposition unter der Jugend:

Für den CDU-Wissenschaftsminister Gerhard Stoltenberg war es eine »kleine Minderheit«. Der CSU-Abgeordnete Max Schulze-Vorberg reduzierte es schon auf »ganz kleine radikale Minderheiten«. Innenminister Paul Lücke gar sah nur noch eine »verschwindende Minderheit. Und dem CDU/CSU-Fraktionschef Rainer Barzel gefiel eine weitere Verkleinerungsformel: Es handle sich nur um eine »Mini-Minorität« unter der deutschen Jugend.

Kanzler Kurt Georg Kiesinger schließlich sprach von »kleinen militanten Gruppen« unter der Jugend und wußte zu melden: »Die überwältigende Mehrheit unserer Studenten nimmt an diesen Ausschreitungen keinen Anteil und lehnt sie entschieden ab.«

Das wurde am Freitag vorletzter Woche im Bundestag gesagt. Am selben Tag tickte ein Fernschreiber die Ergebnisse einer Umfrage nach Hamburg durch, die der SPIEGEL bei den Emnid/Ifak-Instituten für Meinungsforschung in Auftrag gegeben hatte. Die Zahlenkolonnen widerlegten die Sprecher der Großen Koalition: Die meisten Jugendlichen lehnen die Proteste ihrer Altersgenossen in den Groß- und Universitätsstädten nicht ab, sondern finden sie gut.

Befragt wurden 2960 Berufsschüler Mittel- und Oberschüler und Studenten im Alter zwischen 15 und 25 Jahren in Orten über 10 000 Einwohner. Ihre Ansichten sind repräsentativ für ihre 2,94 Millionen Altersgenossen' die wie sie noch ausgebildet werden. Die wichtigsten Ergebnisse der Umfrage veröffentlichte der SPIEGEL zusammengefaßt in der letzten Ausgabe.

Die Hauptfrage war.« In vielen deutschen Städten protestieren und demonstrieren Jugendliche. Finden Sie das gut?« Die Frage wurde von 67 Prozent der Befragten bejaht. Mit der Bildung wächst die Billigung der Proteste und Demonstrationen. Für gut halten sie

650 % der Berufsschüler

71 % der Mittel- und Oberschüler 74 % der Studenten.

Und vielen fehlt es offenbar nur an Gelegenheit, auf die Straße zu gehen. Die Welle des Protestes, vorerst auf Groß- und Universitätsstädte beschränkt, kann wie es scheint -- jederzeit übergreifen auf die mittleren und kleinen Städte.

Die Frage: »Würden Sie auch protestieren?« wurde von den meisten bejaht: Bei den Berufsschülern war es mehr als die Hälfte (55 Prozent), bei den Mittel- und Oberschülern sowie bei den Studenten eine Zweidrittelmehrheit (64 und 67 Prozent). Doch die potentiellen Protestierer wollen keinen Krawall um des Krawalls willen. Nur 22 Prozent der Befragten (und sogar nur elf Prozent der Studenten) würden dabeisein, wenn »nnur mal so' protestiert werden soll, damit Lehrer, Eltern, Staat und Polizei nicht denken, sie könnten machen, was sie wollen«. 23 Prozent würden für die Forderung »Enteignet Springer« auf die Straße gehen. Doch doppelt so viele wären dabei, wenn Rechte der Schülerselbstverwaltung oder die studentische Mitbestimmung verfochten würden (52 Prozent) oder »wenn der Krieg in Vietnam angeprangert werden soll« (54 Prozent). Und sogar 63 Prozent würden protestieren, »wenn Straßenbahn- und Bustarife erhöht werden sollen«.

Freilich: Protestwillige Studenten denken anders als Schüler, die Tendenz ist gegenläufig. Die Erhöhung von Fahrpreisen würde nur gut die Hälfte dieser Studenten (54 Prozent), der Vietnam-Krieg fast zwei Drittel (65 Prozent), die Mitbestimmung an den Hochschulen aber drei Viertel dieser Studenten auf die Straße bringen. Und fast jeder dritte aufsässige Student (aber nur jeder vierte Mittel- und Oberschüler und nur jeder fünfte Berufsschüler) würde mitmachen, wenn die »Enteignung Springers« gefordert würde.

Weitaus die meisten zum Protest bereiten Jugendlichen wissen in der Wahl der Mittel zu unterscheiden. Auf die Frage, wie sie ihren Protest äußern würden, nannten die meisten friedliche Mittel: »Demonstrationen, Protestreden« (40 Prozent), »Streiken, Sitzstreik« (zehn), »Diskutieren, Meinung äußern« und »diszipliniert, gewaltlos, still, Schweigemarsch« (je acht Prozent).

Und auch als die Interviewer bei einer weiteren Frage an die Protestwilligen Antwort-Möglichkeiten vorlasen, entschieden sich die meisten für die Gewaltlosigkeit, jedenfalls solange die Staatsgewalt keine Gewalt gebraucht:

> 89 Prozent würden »sich an Demonstrationszügen beteiligen«;

> 56 Prozent würden »Streiks in der Schule oder an der Universität mitmachen«;

> 32 Prozent würden »den Verkehr blockieren«;

> je 23 Prozent würden »sich widersetzen, wenn die Polizei die Demonstrationen oder den Protestauflauf auflöst« oder »zurückschlagen, wenn Polizisten mit Knüppeln auf sie einprügeln«.

Der SPIEGEL ging auch den Motiven der Jugendlichen auf den Grund, die »nicht mitmachen wollen«. Auf eine entsprechende sogenannte offene Frage (ohne vorgelegte Antwortmöglichkeiten) wurden am häufigsten genannt: »Ablehnung wegen der äußeren Form der Proteste« (17 Prozent), »kein Interesse, keine Zeit« (15), »sinnlos, zwecklos, man kann nichts damit erreichen« (zwölf), »aus Überzeugung« (zehn), »aus Rücksicht auf Eltern, Familie« (sieben), »ist Blödsinn, keiner nimmt das ernst« (sieben).

Als die Interviewer Antwort-Möglichkeiten nannten, gaben an:

> 54 Prozent: »Ablehnung aus eigener Überzeugung«;

> 34 Prozent: »Wegen elterlicher Ermahnung«;

> 31 Prozent: »Weil sich so etwas nicht gehört«;

> 16 Prozent: »Weil nicht alle mitmachen": zwölf Prozent: »Wegen Ermahnung in der Schule«;

> vier Prozent: »Weil Zeitungen gegen Unruhe sind«.

Die Protest-Aktionen haben die deutsche Jugend in zwei Gruppen geteilt, ohne daß es in der Öffentlichkeit bemerkt wurde. Weitaus die meisten sind für oder gegen Demonstrationen, gleichgültig ist kaum noch jemand. Das zeigten die Antworten auf die Frage an die nicht zum Protest bereiten Jugendlichen, ob sie Sympathien haben für die anderen, »die auf die Straße gehen und protestieren": Von 66 Prozent wurde diese Frage verneint.

Die befragten Jugendlichen waren repräsentativ nicht nur nach dem Alter und der Art der Ausbildung, sondern auch nach Geschlecht, Wohnortgröße (ab 10 000 Einwohner), Bundesländern und Berufen der Väter. Der SPIEGEL ließ per Computer zahlreiche Detailfragen klären: Denken Mädchen milder als Jungen? Sind Arbeiterkinder aufsässiger als Beamtensprößlinge? Ist die Jugend in Kleinstädten friedlicher gestimmt als in den Metropolen? Stehen die Jung-Hessen weiter links als die Jung-Bayern?

Die Ergebnisse zerstören manches Vorurteil. Mädchen denken kaum anders als Jungen. Der Anteil der Mädchen, die Demonstrationen und Proteste »gut« finden, ist zwar nicht so groß wie der der Jungen (59 gegen 73 Prozent). Aber unter den aufsässigen Mädchen sind Streiks sogar populärer als unter den Jungen. Lediglich zur Gewalt gegen Polizei-Gewalt bekannten sich Mädchen weniger zahlreich als Jungen. Doch immerhin: Zwölf Prozent der zum Protest bereiten Mädchen würden zurückschlagen, wenn die Polizei knüppelt.

Und es macht keinen Unterschied, ob die Deutschen zwischen 15 und 25 in großen oder kleinen Städten wohnen. Positiv über Proteste und Demonstrationen denken in Orten

mit 10 000 bis 20 000 Einwohnern 66 %

mit 20 000 bis 100 000 Einwohnern 62 %

mit 100 000 bis 500 000 Einwohnern 76 %

mit 500 000 und mehr Einwohnern 65 %

Die Bereitschaft zum Protest ist überall nahezu gleich groß. Die Frage, ob sie auch protestieren würden, bejahten in Orten

mit 10 000 bis 20 000 Einwohnern 60 %

mit 20 000 bis 100 000 Einwohnern 54 %

mit 100 000 bis 500 000 Einwohnern 63 %

mit 500 000 und mehr Einwohnern 56 %

Es ist von geringer Bedeutung, in welchen Bundesländern die Jugendlichen leben. Die Bereitschaft zum Protest ist am weitesten verbreitet in Niedersachsen (64 Prozent) und in den überwiegend katholischen Ländern Rheinland-Pfalz und Saarland (62 Prozent), während in Hamburg und Bremen nur 56 Prozent und in Berlin, dem Zentrum der Aufsässigen, gar nur 54 Prozent mitmachen würden.

Hinsichtlich der Formen des Protestes freilich gehen die Meinungen unter den Protestwilligen je nach Landstrich auseinander -- allerdings anders, als weithin vermutet wird: Besonders zurückhaltend sind die Berliner.,, Zurückschlagen, wenn Polizisten mit Knüppeln auf sie einprügeln«, würden in

Hamburg und Bremen 35 %

Hessen 34 %

Rheinland-Pfalz 28 %

Baden-Württemberg 27 %

Bayern 23 %

Niedersachsen 23 %

Berlin 21 %

Und die Umfrageergebnisse aus Berlin zeigen deutlich, daß die Aufsässigen um so mehr Sympathien verlieren, je radikaler sie sich gebärden. Nirgends sonst (außer in Nordrhein-Westfalen) ist die Bereitschaft zum Protest so gering wie in Berlin (54 Prozent der Jugendlichen gegenüber beispielsweise 64 Prozent in Niedersachsen). Nirgends ist die Zahl der Jugendlichen, die Dutschke ablehnen, so groß wie in Berlin (56 Prozent gegenüber 24 Prozent in Hessen).

Gewichtiger noch sind die Meinungsunterschiede in der deutschen Jugend je nach Alter und sozialer Herkunft. Zwar ist die Bereitschaft zum Protest etwa gleich groß. Doch je älter die deutschen Jungen und Mädchen sind, um so politischer sind ihre Protestziele (siehe Graphik).

Die Analyse der Antworten je nach der sozialen Herkunft der Befragten zeigt: Die Protestwelle unter der deutschen Jugend ist keine Arbeiter-Bewegung. Der Anteil derjenigen, die Demonstrationen »gut« finden, ist am geringsten unter den Arbeiterkindern (57 Prozent) und unter den Bauernkindern (54), am höchsten unter den Söhnen und Töchtern von Rentnern (62) und von Angestellten (60).

Am friedlichsten gesonnen ist offenbar die Bauernjugend (soweit die Ergebnisse aus Orten mit mehr als 10 000 Einwohnern solche Schlüsse zulassen). Sie ist etwa je zur Hälfte für und gegen Demonstrationen, und sie ist von ihrer Umwelt so abhängig wie keine andere Jugendgruppe. 19 Prozent nannten als Grund dafür, daß sie bei Protesten nicht mitmachen würden, daß »die Zeitungen dagegen« sind; bei den Beamten- und bei den Arbeiterkindern waren es nur sechs Prozent.

Sogar für 32 Prozent der Landjugend ist wesentlich, daß »nicht alle mitmachen (Vergleichszahl: 22 Prozent bei Angestelltenkindern). Und sogar 59 Prozent sind, nicht mit dabei, weil »es sich nicht gehört« (Vergleichszahl: 34 Prozent bei den Arbeiterkindern).

Nur sechs Prozent der Bauernkinder, die von Dutschke gehört haben, glauben sich mit ihm einig, während es bei den anderen Gruppen mindestens dreimal soviel sind. Und auch bei denen, die Dutschke ablehnen, sind die Bauernkinder nur mit einem relativ kleinen Anteil vertreten: 31 Prozent. Bei den meisten reicht es nicht einmal zu einer Ablehnung: Zwei von drei Bauernkindern ist Dutschke gleichgültig.

Doch -- von Bauernkindern abgesehen -- zwingt Dutschke die Jugend zur Entscheidung. Je älter die jungen Deutschen sind, um so geringer wird die Zahl derjenigen, denen Dutschke gleichgültig ist. Sie sinkt von 44 Prozent (bei den 15- bis 18jährigen) auf 24 Prozent (bei den 23- bis 25jährigen). Sowohl die Sympathien als auch die Antipathien für Dutschke wachsen mit dem Alter.

Von den Jugendlichen zwischen sind für sind gegen Dutschke

15 und 18 Jahren 21 % 34 %

19 und 22 Jahren 24 % 38 %

23 und 25 Jahren 26 % 47 %

Und Dutschke ist auch kein Held der Frauen. 26 Prozent der männlichen, aber nur 17 Prozent der weiblichen Jugendlichen wissen oder wähnen sich mit ihm einig. 32 Prozent der Jungen, aber 42 Prozent der Mädchen lehnen ihn ab.

Doch es geht gar nicht mehr darum, ob die Jugend für oder gegen Dutschke ist. Der Prophet der sozialistischen Revolution gilt nicht mehr viel im kapitalistischen Vaterland: Nur noch knapp ein Viertel der deutschen Jugend ist für Dutschke. Aber zwei Drittel sind für Proteste und Demonstrationen.

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