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VIETNAM-FRIEDEN Zwei große Männer

aus DER SPIEGEL 4/1966

Schon mit dem 54. Wort seiner 5160 Worte umfassenden Botschaft über die Lage der Nation an den Kongreß war US-Präsident Lyndon B. Johnson beim bedrückendsten Problem der Nation: dem »brutalen und bitteren« Krieg in Vietnam.

Mit ernstem Schweigen und kargem Beifall quittierten die 535 Senatoren und Abgeordneten die Prophezeiung des Präsidenten: »Wir werden in Vietnam bleiben, bis die Aggression aufgehört hat. Wir werden uns einem langen und harten Kampf oder einer langen und harten Konferenz oder sogar beidem gleichzeitig gegenübersehen.«

Die Senatoren schwiegen angesichts der Gefahr, daß die USA in diesem Jahr in einen großen asiatischen Landkrieg hineingezogen werden könnten.

Sie klatschten in der Hoffnung, daß die seit nunmehr drei Wochen andauernde Friedensoffensive Washingtons doch noch zum Verhandlungstisch führen werde.

Denn wenige Stunden nachdem der Präsident dem Kongreß versichert hatte, daß die Regierung »seit Weihnachten mit Einfallsreichtum und Ausdauer darum bemüht ist, alle Hindernisse für eine friedliche Lösung zu beseitigen«, kam es zur bisher bedeutsamsten Begegnung im Laufe dieser Friedensbemühungen.

In Indiens Hauptstadt Neu-Delhi sprachen am vergangenen Donnerstag US-Vizepräsident Humphrey und Außenminister Rusk mit dem sowjetischen Ministerpräsidenten Kossygin zwei Stunden lang über Vietnam. Gelegenheit dazu hatte die Feuerbestattung des indischen Premiers Schastri gegeben.

Das Gipfel-Gespräch in der Sowjetischen Botschaft in Delhi war ein Höhepunkt der »bisher intensivsten, schwierigsten, am sorgfältigsten geplanten und wichtigsten weltweiten Anstrengungen in der Geschichte der amerikanischen Diplomatie« (so das US-Nachrichtenmagazin »Time").

Begonnen hatte es am 11. 11. - dem amerikanischen »Veterans' Day«, Gedenktag für die Opfer des Ersten Weltkriegs.

Auf Johnsons LBJ-Ranch in Texas versammelten sich an diesem Feiertag die engsten Berater des Präsidenten: Außenminister Rusk, Verteidigungsminister McNamara, Sonderberater McGeorge Bundy und Pressesekretär Bill Moyers. Sie erörterten die Möglichkeit einer Friedensoffensive, kombiniert mit einer zeitweiligen Einstellung der amerikanischen Bombenangriffe auf Nordvietnam.

»Ich möchte, daß Sie die Sache von jedem möglichen Blickwinkel, von allen Seiten her prüfen, dabei aber strengste Geheimhaltung wahren«, trug der Präsident seinen Mitarbeitern auf.

Am »Pearl Harbor Day«, dem Gedenktag des japanischen Überfalls auf die amerikanische Schlachtflotte am 7. Dezember 1941, traf sich die Vietnam-Runde wieder auf der Johnson-Ranch. Ihren Vorschlag, öffentlich eine befristete Einstellung des Nordvietnam-Bombardements anzukündigen und zugleich geheime Friedensfühler nach Hanoi auszustrecken, lehnte der Präsident ab: »Das würde den Verdacht wecken, es handle sich um einen Propaganda-Zirkus.«

Rusk und MeNamara dachten, Johnson halte von der ganzen Idee nichts mehr. Doch der Präsident verfolgte insgeheim das Friedens-Projekt mit Eifer weiter. Bevor er sich endgültig entschloß, befragte er Generalstabschef Earle Wheeler, ob eine Bomben-Pause die militärische Situation der USA in Vietnam entscheidend verschlechtern könnte. Der General verneinte, unter einer Voraussetzung: Die Luftaufklärung dürfe nicht unterbrochen werden.

Nun ging es noch um den Termin. Washington wollte das Angebot der Vietcong für eine Weihnachts-Waffenruhe nicht dadurch aufwerten, daß der Beginn der Bombenruhe zeitlich mit ihr zusammenfiele. Da kam - völlig unerwartet - das Oberhaupt der katholischen Kirche des presbyterianischen Präsidenten zu Hilfe: Der beschwörende Friedensappell des Papstes bot Gelegenheit für die unauffällige Einstellung der, Bombardements.

Gleichzeitig und ebenso unauffällig schickte Johnson ranghohe Friedensengel in die Welt: Amerikas Uno-Chefdelegierter Goldberg, der oft bewährte Sonderbotschafter Harriman, Staatssekretär Thomas Mann, Sonderbotschafter Williams und schließlich sogar Vizepräsident Humphrey und Außenminister Rusk flogen in 40 Staaten. Mit 60 Regierungen nahm Washington noch zusätzlich Vietnam-Kontakte über die jeweiligen Botschafter auf.

Die Geheimhaltung war anfangs strikt. Beim Abflug wußten die Sendboten oft nicht, wo überall sie landen würden. Die von Johnson als Gesprächspartner auserwählten ausländischen Staatsmänner erfuhren vom bevorstehenden Besuch aus Washington erst kurz vor der Ankunft der Emissäre.

Als Harriman in Warschau eintraf, wollte der - nicht informierte - USBotschafter Gronouski die Stadt gerade verlassen. Der von einem Urlaubshotel auf den Bahama-Inseln aus in Marsch gesetzte Goldberg schmeichelte in Paris General de Gaulle mit dem Hinweis, daß er nach Europa gekommen sei, um »zwei große Männer zu sehen - Sie und den Papst«. Am anderen Morgen aber suchte er auf eine plötzliche Johnson-Order hin einen dritten Großen auf: Englands Premier Wilson.

In Washington riß Johnson unterdessen jede Meldung aus den zwei Fernschreibern in seinem Büro und prüfte

sie auf Spurenelemente einer roten Reaktion auf sein Friedens-Unterfängen.

Wenn auch Ende letzter Woche noch keine offizielle Antwort aus Hanoi vorlag, so gibt es doch leise Hoffnungsschimmer, die darauf schließen lassen, daß der rote Mandarin Ho Tschi-minh nicht völlig verhandlungsunwillig ist:

- Hanoi, das während einer sechstägigen Bomben-Pause im Mai 1965 die Annahme einer US-Note verweigert hatte, nahm diesmal ein Papier aus Washington entgegen;

- die nordvietnamesische Nachrichten-Agentur zitierte in ihrem offiziellen Dienst den Ausspruch eines französischen Diplomaten, wonach Hanoi im Gegensatz zu Peking an Friedensgesprächen interessiert sei. Um dem Gegner Zeit für den Weg zum Verhandlungstisch zu lassen, will Präsident Johnson die US-Bomber noch bis Ende Januar zurückhalten. Um aber klarzumachen, daß die Pause kein Zeichen amerikanischer Schwäche und Kriegsmüdigkeit ist, haben die USTruppen in Südvietnam den Krieg gegen die Partisanen verschärft:

»Die Wahl liegt nicht zwischen Frieden und Sieg«, warnte Johnson in seiner Kongreßbotschaft die roten Führer, »sie liegt zwischen Frieden und den Verheerungen eines Konflikts, bei dem sie nur verlieren können.«

Algemeen Handelsblad, Amsterdam

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