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TSCHECHOSLOWAKEI / WIDERSTAND Zwei Herren

aus DER SPIEGEL 5/1969

Was für eine Welt, die von brennenden Leibern erhellt wird.

Plakat auf dem Prager Wenzelsplatz

Fünfmal schoß ein Attentäter auf die Stützen der Sowjetmacht: die Kosmonauten im Triumphwagen am Kreml, die Sowjetführer in der folgenden Staatskarosse.

Er verfehlte sein Ziel. Aber die Schüsse am letzten Mittwochmittag rückten die Sowjet-Union in die Nähe ihrer von Attentaten heimgesuchten Konkurrenzmacht USA. Sechs Tage zuvor schon hatte der Prager Student Jan Palach das Sowjet-Besatzungsgebiet Tschechoslowakei mit dem US-Schlachtfeld Vietnam gleichgesetzt:

Wie in Vietnam Buddhisten mit Selbstverbrennungen protestiert hatten, protestierte Palach -- als »Fackel Nummer eins« -- auf dem Prager Wenzelsplatz. Die Eroberer des Kosmos und Eindringlinge in die Tschechoslowakei vermochte der Tod des jungen Mannes -- von Kommunisten zur Selbstaufopferung für Proletariat und Vaterland erzogen -- nicht merkbar zu beeindrucken. Die Moskauer »Prawda« schrieb sein Opfer »antisozialistischen Kräften« zu.

Während der Sowjet-Invasion im August hatte Palach, 21, sich in der Sowjet-Union aufgehalten, war nach Frankreich ausgewichen und dann doch in das besetzte Prag zurückgekehrt, wo er an der Karls-Universität Geschichte und Politologie studierte. Deren Rektor vor 560 Jahren, Jan Hus, war für seinen Glauben in den Feuertod gegangen.

Der stille, introvertierte Palach, der immer »Bitte« und »Danke« sagte ("Bei uns ist das nicht üblich«, berichtet ein Kommilitone), hatte sich stets von Demonstrationen ferngehalten. Aber am 28. Oktober vorigen Jahres unterschrieb auch er eine Resolution zum 50. Staatsgründungstag der Tschechoslowakei: »Unsere Repräsentanten machen einen Schritt nach dem anderen zurück, und jede Konzession bedeutet eine weitere Schwächung des Vertrauens unserer Völker ...«

Der Versuch der Prager Reformkommunisten nach der Besetzung, zwei Herren gleichermaßen zu dienen, zwang sie zu immer mehr Ausflüchten und Rückzügen, Unterwerfungsakten und Geheimpolitik: Nichts verbindet Besatzerwillen und Volkswillen, kein Mittelkurs scheint mehr möglich.

»Es gibt in diesem Land -- sagen wir -- 200 Politiker, die sich vergebens bemühen, die übrigen 14 Millionen Tröpfe gleichzuschalten«, schrieb Autor Jiri Hochman in der Prager Zeitschrift »Reportér«. »Die Politik ist die Domäne einer geschlossenen Elite, ein Fest für geladene Gäste.«

Parteichef Dubcek ist nicht mehr Volksheld der Tschechen und Slowaken, die Zurücksetzung des populären Parlamentschefs Smrkovsky auf Sowjet-Wunsch nahmen dessen Reform-Genossen hin. Nun heißt der neue Heros der Tschechoslowakei Jan Palach, dem das Leben nicht zu teuer war. Die Rundfunksprecherin, die seinen Tod bekanntgab, weinte. Hunderttausende demonstrierten schweigend Jugendliche zogen vor die sowjetische Stadtkommandantur im Prager Hotel »U Hastala«, bedrohten Sowjetsoldaten und forderten ihren Abzug. Selbstmörder suchen nach dem Vorbild Palachs den Tod.

»Wir klagen die politische Führung der CSSR an, weil sie im Namen des sogenannten politischen Realismus durch ihren Kleinmut und durch den Verrat an den zuvor verkündeten Idealen das Volk in diese Situation gebracht hat«, erklärten die Studenten der Karls-Universität. »Wir befürchten, daß unter diesen Bedingungen die Hoffnung darauf, irgendwann in der Zukunft eine gemeinsame Sprache mit dieser Führung zu sprechen, definitiv schwindet.«

Die Fackel Jan Palach hatte auf einem Notiz-Zettel, den er in seinem Mantel am Brunnengeländer des Wenzelsplatzes -- wo jetzt Demonstranten in Hungerstreik traten -- hinterließ, bescheidene und dennoch versagte Forderungen gestellt: Aufhebung der Zensur und Verbot der Besatzer-Zeitung »Zprávy« -- als Ausdruck des Verlangens nach Freiheit und Souveränität, so kommentierte die Prager »Svobudné slovo«.

Freiheit und Souveränität aber könnte nur die UdSSR gewähren -die ihre seit August aufgeschobene Entscheidung« zwischen Militärregime und Truppenabzug so lange weiter hinausgezögert, wie sich noch Prager Kommunisten finden, die an einen Mittelweg zu glauben vorgehen.

Prager Führer lobten in Kondulenzschreiben an Palachs Mutter die niemand unterrichtet hatte und die von der Tat erst aus der Zeitung erfuhr -- »seine Klugheit und seinen reinen Charakter«, priesen seine »lautere und heiße Liebe«. Cisar, Chef des Tschechischen Nationalrats, versprach, Palachs Ideale zu verwirklichen. Doch wenige Tage später nannte Verteidigungsminister Dzúr den Flammentod durch nichts gerechtfertigt.

Um die Okkupanten nicht herauszufordern, verbot Premier Cernik den Studenten, den Prager »Platz der Roten Armee« nach Palach umzubenennen. Vergehens hatten sie schon ordnungsgemäße Emailleschilder mit weißen Buchstaben auf rotem Untergrund gefertigt: »Námesti Jana Palacha«.

Eine Zerrüttung des Staates, so warnte Staatschef Svoboda im Fernsehen, würde »eine andere Macht dazu veranlassen, die Regierung zu übernehmen«.

Doch eine andere Macht wird noch weniger jene Front des Widerstandes brechen können, die sich seit dem Sowjet-Einmarsch gegen die Koalition von Reformern und Besatzern bildet: die Koalition der Arbeiter und Studenten.

Bei den November-Demonstrationen der Studenten drohten schon die Eisenbahnarbeiter von Prag, den Zugverkehr lahmzulegen, wenn gegen streikende Studenten vorgegangen werde. Die Belegschaft der Prager Lokomotiv-Werke verteidigte »mit allem Nachdruck« die Souveränität des Universitätsgeländes.

Eine Aktionseinheit aus tschechischen Studenten, Olmützer Bahnarbeitern und Ostrauer Kumpeln erklärte sich bereit, Kohlenwaggons nach Prellburg zu bringen, um an der Preßburger Universität die Kohlenferien zu verkürzen -- durch die der sowjetgenehme slowakische KP-Chef Hustik vor Studenten-»Protesten bewahrt geblieben war.

Die Metallarbeiter-Gewerkschaft (900 000 Mitglieder) schloß sogar mit dem Studentenverband von Böhmen und Mähren einen förmlichen Vertrag: »Beide Seiten beharren auf ihrer Forderung nach einer sofortigen Wiederherstellung der Souveränität der Republik und nach Abzug der fremden Truppen.«

Nach Palachs Tod erklärte Gewerkschaftsvorsitzender Polácek vorige Woche auf dem CSSR-Gewerkschaftskongreß: »Wir glauben, die Arbeiter in den Betrieben werden die Studenten unterstützen und Möglichkeiten finden, Solidarität zu üben ... Wir werden nicht mit gefalteten Händen warten, bis ein Wunder unsere Ziele erfüllt.«

Premier Cernik suchte den Kongreß zu bändigen: »Unser Volk wird von gewissen Elementen aufgehetzt und mißbraucht.« Aber in der Karls-Universität erklärte ein Delegierter der CKD-Werke Tatra-Smichov: »Ich verspreche euch, daß wir in allen Situationen zu euch stehen. Und uns könnt ihr vertrauen.«

Ein Arbeitervertreter der. Tezla-Elektrizitätswerke versicherte im Hörsaal 109 vor der Fakultätsversammlung der Philosophie-Studenten: »Für Jan Palachs Ideen werden wir mit allen Kräften kämpfen.« Ein Abgesandter der Druckerei-Arbeiter zitierte den Staatsgründer der Tschechoslowakei, Thomas Masaryk: »Keine Macht der Hölle kann ein aufgeklärtes Volk in Sklaverei halten.«

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